01.02.1982

KABARETTGeist von hinten

Weil sie über das Verhältnis zwischen Josef und Maria gewitzelt hatten, wurden die Berliner Kabarettisten „Die 3 Tornados“ zu einer Geldstrafe verurteilt.
Am liebsten hätten die Angeklagten die Heilige Maria und Josef einvernommen. Nur die könnten entscheiden, ob sie sich von drei Deutschen beschimpft fühlten.
Und weil die gewünschten Zeugen "bereits länger verstorben" seien, bezweifelten sie gleich noch die "örtliche und sachliche Zuständigkeit" des Gerichts. Kompetenter als das Amtsgericht Köln scheine jedenfalls das "Jüngste Gericht", könne es doch auch zu "zahlreichen Sanktionen" verurteilen wie "Fegefeuer und ewige Verdammnis".
So milieugerecht begann am vorigen Dienstag ein Prozeß, der seinem Gegenstand Ehre macht wie selten eine Verhandlung zuvor. Angeklagt waren die Berliner Kabarettisten "Die 3 Tornados" der "Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen in einer Weise", die, so der Paragraph 166 des Strafgesetzbuches, "geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören".
Als Katholikin beschimpft fühlte sich am 30. Dezember 1980 die Soester Hausfrau Elisabeth Dust, Gemeinderatsmitglied bei Sankt Patrokli, als sie im Abendprogramm von WDR II den Sketch "Krippenspiel" des Berliner Trios erdulden mußte.
Maria, im Sketch: "Bumsen, was? Ehrlich, Josef, ihr Männer wollt doch immer nur das eine. Du weißt genau, daß ich das nicht will, jedenfalls nicht, solange wir nicht ordentlich verheiratet sind." - Josef: "Na gut, dann warten wir eben bis zu dieser Scheiß-Ehe."
Empört schrieb die "Mutter von fünf Kindern" einen Leserbrief ans Lokalblatt "Westfalenpost". Der Brief wiederum mobilisierte die Gemeinden Heilig Kreuz, Sankt Bruno und Sankt Albertus Magnus.
Glaubensstreiter sammelten knapp 2000 Unterschriften für eine Petition an den Landtag. Damit jeder auch wußte, worüber er per Unterschrift Empörung bekundete, hatten die "Gottesdienstbesucher vorher Gelegenheit, im Pfarrsaal per Kassette Ausschnitte aus der ''Radiothek''-Sendung zu hören" (so das Paderborner Bistumsblatt "Der Dom").
Mit auf der Anklagebank in Saal 13 des Kölner Amtsgerichts saß denn auch der Kölner WDR-Redakteur Ulrich Lux, in dessen vorwiegend von Jugendlichen abgehörter "Radiothek"-Sendung der inkriminierte Auftritt der Kabarettisten live gelaufen war. Damals traten zur Abschlußfete der von WDR-Funktionären S.170 geschaßten Sendereihe (SPIEGEL 10/1981) in der Köln-Mülheimer Stadthalle viereinhalb Stunden lang Kabarettisten, Popgruppen und Liedermacher auf. Titel der Sendung: "Das war''s: Radiothek".
Zumindest vorübergehend war''s das für WDR-Lux, der fristlos gefeuert wurde. Lux indes klagte, gewann, und steht seither bei der Kölner Anstalt wieder in Lohn.
Was im WDR nur zu hören war, wurde jetzt im Gerichtssaal aufgeführt: Das Tribunal geriet zur Szene. Die "Tornados" Arnulf Rating und Günter Thews - der dritte hatte bei der Szene direkt nicht mitgetan - spielten im Gerichtssaal und vor einem halben Hundert tags zuvor im Kölner Alternativkultur-Treff Stollwerck-Fabrik auf die achtstündige Tages-Schau aufmerksam gemachter Fans ihr "Krippenspiel".
Dabei schildert Maria ihre Erlebnisse bei der Empfängnis Jesu so: "Dann kam er über mich. Und dann überkam es mich. Auf einmal hörte ich im Himmel die Glocken läuten, und da wußte ich, wo Gott wohnt."
Noch größere "Verunsicherung und Empörung" (Anklageschrift) in die Bevölkerung zu bringen aber schien der Staatsanwaltschaft diese Passage:
Maria: "Ich hab'' meine Tage nicht gekriegt." - Josef: "Was? Wer war das ... Wie heißt der Typ? Dem polier'' ich die Fresse!" - Maria: "Nein, Josef, das war alles ganz anders. Der Heilige Geist ist mir erschienen." - Josef: "Der Heilige Geist! Das muß ja ein schöner Heiliger Geist sein, der meine Verlobte hinter meinem Rücken von hinten bumst."
Mit dem Banal-Satz, so die Berliner, sei lediglich in einer dem jugendlichen Publikum angemessenen Sprache Josefs Verdacht ("Tornado"-Thews: "Der war zu dem Zeitpunkt ja noch Jude und kein Christ") einer arglistigen Täuschung ausgedrückt worden.
Die katholische Theologin Uta Ranke-Heinemann attestierte, als Gutachterin, daß über die "Vorstellung einer biologischen Jungfräulichkeit Marias" als einer "zentralen Lehre" des Christentums auch "innerhalb der katholischen Theologie noch nicht entschieden" sei. Fazit: Der "Tornado"-Sketch sei "geeignet, zum Nachdenken zu motivieren".
Redakteur Lux habe "sachgemäß" die Szene in der Moderation als einen "Comic von Heiden für Heiden, aber vielleicht nicht nur für die" bezeichnet. Im übrigen übertreffe Luthers Sprache die der "Tornados" an Derbheit bei weitem.
Richter Hans Gerhard Neu mochte der Theologin gleichwohl nicht folgen. Dem Durchschnitts-Christen sei der Marienkult durchaus zentraler Bestandteil der katholischen Lehre. Und mit der von den "Tornados" umschriebenen Sex-Position verbinde die "breite Bevölkerung die Vorstellung eines besonderen Maßes an Lustgewinn".
Weil WDR-Redakteur Lux nicht über "die Grenzen des Annehmbaren" gewacht habe, verurteilte Neu den Rundfunkmann zu 2400 Mark, alle drei "Tornados" zu je 600 Mark Geldstrafe.
Sinn fürs Kabarettistische verriet der Richter, als "Tornado"-Thews ein Gutachten des Rocksängers Udo Lindenberg verlas. Die Szene-Truppe wurde da als "das bedeutendste Kabarett der jüngeren deutschen Geschichte" bezeichnet - großes Jubelgelächter auf den Rängen.
Neu: "Sie werden bemerkt haben: Ich war der einzige, der bei diesem Satz nicht lachen mußte."
S.170 Im Kölner Amtsgericht. *

DER SPIEGEL 5/1982
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