14.06.1982

SPIEGEL Gespräch„Wir sind die Antipartei-Partei“

Petra Kelly über die politische Strategie der Grünen
SPIEGEL: Frau Kelly, wo sich Ihre Partei in den vergangenen Jahren an Wahlen beteiligt hat, haben meist Sozialdemokraten verloren und Christdemokraten gewonnen. Wo Grüne Stimmen bekamen, wurden Sozialliberale geschwächt, wie am 6. Juni in Hamburg. Wollen Sie das?
KELLY: Es ist nicht die Frage, ob ich es will, sondern ein Problem der SPD ...
SPIEGEL: ... das die Grünen mitverursacht haben.
KELLY: Das scheint nur so. Diese Entwicklung ist doch nicht wegen der Grünen zustande gekommen, sondern wegen der Erfolglosigkeiten und Verlogenheiten der SPD, besonders bei der Energie- und Sicherheitspolitik. Es hätte doch vieles vermeidbar sein können, sogar die Entwicklung der Grünen selbst, wenn die SPD ihrem historischen Anspruch gerecht geworden wäre. Sie hat als politische Partei versagt. Deshalb ist die Protestbewegung so stark geworden, daß Teile von ihr auch in das Parlament reinwollten. Das heißt, die Grünen sind ein direkter Ausdruck der Unzufriedenheit mit der SPD, die einmal mehr Demokratie wagen wollte unter Brandt. Die Schuld muß der SPD zugeschoben werden.
SPIEGEL: Aber die Grünen nehmen offenkundig billigend in Kauf, daß es auf dem Weg in die grüne Zukunft erst mal nach rechts geht. Es gibt ja Parteifreunde von Ihnen, die ganz offen fordern: Erst mal müssen die Bonzen von der SPD weg.
KELLY: Ja, ja, das ist der Vorwurf, bei einem Einzug der Grünen in den Bundestag werde wohl auch leider, leider ein Helmut Kohl an die Macht kommen, ein Dregger, ein Strauß.
SPIEGEL: Etwa nicht?
KELLY: Schon. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Aus der heutigen Perspektive kann ich nicht an Parteifragen denken oder daran, wer an die Macht kommt oder gehen muß. Ich denke an die globalen Überlebensfragen - Kriegsgefahr, Rohstoffraubbau, Bevölkerungswachstum, Verelendung der Menschen -, und da kann ich jetzt nicht sagen: Aus Rücksicht auf das kleinere Übel dürfen die Grünen der SPD nicht die Stimmen wegnehmen.
SPIEGEL: Heißt das, daß Sie als ehemalige SPD-Frau sagen: Es muß erst mal ganz schlimm kommen, damit die Leute aufwachen?
KELLY: Viele Leute sind ja schon aufgewacht. Und die SPD muß sich nun mal bewußt machen, daß sie keine dieser Bewegungen - Frauen, Dritte Welt, Ökologie - ernst nimmt. Das hat ja die Abwahl von Erhard Eppler aus dem Präsidium erneut gezeigt. Die SPD ist verbraucht, am Ende. Sie hat die Chance gehabt und sie vertan. Sie verliert die Jungwähler, sie verliert die Frauen, sie verliert die Bewegung. Vielleicht ist Hamburg, wo Herr von Dohnanyi nur noch mit den Grün-Alternativen regieren kann, die letzte Chance der SPD zur Wende. Da könnte sie doch endlich mal Positionen durchsetzen, die von weiten Teilen ihrer Partei schon lange vertreten werden. Sonst kann sie sich nur noch in der Opposition regenerieren.
SPIEGEL: In der SPD gibt es einen Flügel, der zum Thema Umwelt ähnliche Positionen einnimmt wie die Grünen. Da steht doch Ihre Partei den eigenen Interessen im Weg: In Schleswig-Holstein beispielsweise hat sie 1979 durch ihr Antreten verhindert, daß der Sozialdemokrat und erklärte Brokdorf-Gegner Matthiesen den christdemokratischen Ministerpräsidenten Stoltenberg ablösen konnte.
KELLY: Ja, das ist ein schmerzhaftes Beispiel. Aber was bedeutet schon Herr Matthiesen in einer Atom-Partei unter Helmut Schmidt? Wo ist denn der Atomgegner-Flügel in der SPD präsent, wann hat er sich je durchgesetzt, wo ist er vertreten im Kabinett, wo ist er vertreten im Bundestag? Dies kann man ja an vier Fingern abzählen, allein von Herrn Thüsing bis zu Herrn Schröder. Wir können auch da nicht mehr haltmachen. Wäre ich mit meinen Positionen noch in der SPD, dann könnte ich nirgendwo aufgestellt werden. Es gibt nur noch die paar Feigenblätter Lafontaine und Eppler. Natürlich ist die Basis der SPD zum Teil sehr grün. Aber die sind nicht als Delegierte auf Parteitagen, die brechen nicht durch. An der Macht bleiben die alten wachstums- und rüstungsorientierten Männer.
SPIEGEL: Wenn man Sie reden hört, könnte man meinen, CDU und SPD seien für Sie ein und dasselbe.
KELLY: In sehr wichtigen Bereichen, Entspannungspolitik ausgenommen, ja. Das ist auch der Grund, warum ich ausgetreten bin. Da ist nichts mehr unterscheidbar in der Rüstungspolitik, der Energiepolitik, der Dritte-Welt-Politik, der Gesundheitspolitik, der Frauenpolitik. Und selbst in der Sozialpolitik gibt es manchmal positivere Stellungnahmen vom Herrn Geißler als von der SPD. Da S.49 gibt es faktisch schon eine Allparteienkoalition, da unterscheidet sich ein Helmut Schmidt von einem Helmut Kohl fast gar nicht mehr. Es ist doch gleich, ob SPD oder CDU auf Überlebensfragen, wie sie etwa im Umweltreport "Global 2000" aufgeworfen werden, mit Apathie, Ratlosigkeit und Ignoranz reagieren. Die drohende ökologische Katastrophe wird nicht wahrgenommen.
SPIEGEL: Unter dem ökologischen Aspekt ist es für Sie also völlig gleich, ob in Niedersachsen der Christdemokrat Albrecht mit absoluter Mehrheit regiert oder der Sozialdemokrat Ravens ...
KELLY: ... ja, leider richtig ...
SPIEGEL: ... ob Hessens Regierungschef Dregger oder Börner heißt?
KELLY: Bei Herrn Dregger und Herrn Börner ist es besonders interessant. Herr Börner hat ja gerade erklärt, daß er seine Probleme mit umweltbewußten Bürgern am liebsten mit einer Dachlatte lösen würde, wie auf dem Bau. Dregger würde vielleicht die Gefahr einer europäischen Atombombe, einer eigenständigen Atommacht, die schon längst bei ihm im Kopf herumschwirrt, hervorrufen. Das ist eine große Gefahr, die Sicherheitspolitik von Dregger/Strauß in diesem Bereich. Aber Börner ist wirklich ohne jeden Unterschied zu bekämpfen. Der ist doch mittlerweile genauso personifizierte Gewalt. Und so einer zählt noch zur Sozialdemokratie. Damit muß ich scharf abrechnen.
SPIEGEL: Die Wähler sind da vielleicht sensibler als Sie. Als bei der letzten Bundestagswahl die Alternative Schmidt oder Strauß hieß, siegte die SPD und die Grünen blieben bei 1,5 Prozent hängen.
KELLY: Ganz klipp und klar. Ich kenne Grüne, die damals sogar Schmidt gewählt haben aus lauter Angst vor Strauß. Wer beide nicht wollte, hat dazu beigetragen, die FDP auf nicht wiederholbare zehn Prozent zu bringen. Wir haben aber auch schlecht abgeschnitten, weil wir unsere Politik damals nicht in den Medien darstellen durften und viele Leute sagten: Lokal und regional kann man ja grün wählen, aber auf Bundesebene sind sie noch nicht reif genug.
SPIEGEL: Sind sie es denn jetzt?
KELLY: Wenn heute Bundestagwahl wäre, würden die Grünen es schaffen. Da hat sich eine neue Art von Vertrauen im grünen Wähler-Potential gebildet. Das ist mein Gefühl. Ich spüre von der Basis her ganz stark, daß man eine fundamentale Opposition im Bundestag braucht, die gegen die Rüstungs- und Wachstumsindustrie, gegen den verfilzten Apparat und gegen diese Abschreckungspolitik kompromißlos vorgeht. Der Trend ist sichtbar, in Hamburg haben wir unser bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielt, in Hessen wird sich der Trend verfestigen.
SPIEGEL: Auf wieviel Prozent würden Sie denn bundesweit tippen?
KELLY: Ich würde schätzen, daß wir jetzt zwischen fünf und sechs Prozent liegen. Ich glaube, daß gerade die Jung- und Erstwähler und die entmündigten Frauen eine Fundamentalopposition wollen. Anders wären sie gar nicht an die Wahlurne zu locken, die würden gar nicht wählen. Teile der Jugend glauben im Grunde gar nicht an die parlamentarische Demokratie. Die sehen doch nur, wie der Wille des Volkes verbogen wird.
SPIEGEL: Glauben Sie denn daran?
KELLY: Ich glaube daran, man müßte nur jeden zweiten Mann gegen eine Frau austauschen. Je mehr lokal und regional der zivile Ungehorsam und der gewaltfreie Widerstand entwickelt, je mehr Bürgerinitiativen und Selbstverwaltungsmodelle gegründet werden, um so näher kommen wir einer wirklich demokratisierten Gesellschaft.
SPIEGEL: Parlamentarische Demokratie heißt aber, daß Parteien Kompromisse eingehen und koalieren.
KELLY: Nein. In der parlamentarischen Demokratie muß und kann hoffentlich auch akzeptiert werden, daß es S.52 eine fundamentale Antikriegspartei gibt, eine ökologisch-gewaltfreie Partei, die eben keine Koalition eingeht. Dieses System muß es ertragen können, daß eine Opposition innerhalb und außerhalb des Parlaments wirklich reine Opposition macht. Wenn die Grünen eines Tages anfangen, Minister nach Bonn zu schicken, dann sind es nicht mehr die Grünen, die ich mit aufbauen wollte.
SPIEGEL: Wozu drängen die Grünen dann in die Parlamente, wenn sie nur die reine Opposition betreiben wollen?
KELLY: Die Parlamente sind für uns ein Ort wie der Marktplatz, wie der Bauplatz, wo wir sprechen können, unsere Standpunkte hineintragen und Informationen hinaustragen können. Das Parlament ist aber nicht der Ort, der über Nachrüstung entscheidet. Die Entscheidungen sind lange vorher und von anderen programmiert, etwa von der Rüstungslobby. Ich möchte, daß eine starke Basisbewegung wie unsere eine Stimme im Parlament hat - aber nicht, um eine Koalition einzugehen und Macht erwerben zu können. Wir wollen ungehindert sprechen können, uns zu Gesetzesvorlagen äußern, auch gewaltfreie Proteste ins Parlament tragen und Entscheidungen transparent machen.
SPIEGEL: Aber sich nicht durch praktische Politik die Hände schmutzig machen.
KELLY: Das stimmt nicht. Mit dem Händeschmutzigmachen ist es doch genau umgekehrt. Die Leute machen sich sehr die Hände schmutzig und werden sehr naß auf der Straße ...
SPIEGEL: ... da wollen sie aber nicht bleiben, sondern ins Parlament.
KELLY: Das ist nicht mein Gefühl. Wir möchten ins Parlament und zugleich außerhalb Schwerpunkte durchsetzen. Ich möchte lebenswichtige Fragen, die jetzt entschieden werden müssen, dort angehen und weiterhin den Widerstand auf der Straße, an der Startbahn, auf dem Bauplatz verstärken. Das Parlament ist kein Ziel, sondern Teil einer Strategie. Wir sind die Antipartei-Partei.
SPIEGEL: Die Wähler werden bemerken, daß Grüne im Parlament vornehmlich nein sagen und nicht koalieren - wird Sie das nicht auf den parlamentarischen Weg zwingen? Am Ende käme eine Art grünes Zünglein an der Waage heraus, das darüber entscheidet, wer regieren kann und wer nicht?
KELLY: Die Gefahr, wir könnten plötzlich so parlamentarisch denken, daß wir die Straße vergessen, ist da. Aber dies ist nicht mein Weg, nicht das, was ich mir aufgebaut habe in meinem Traum, in meiner Utopie. Eine radikale Opposition kann im Parlament zwar etwas bewirken, aber das Wichtigste ist, an der Basis zu arbeiten, an der Basis zu verändern. Öko-Häuser aufbauen, Sonnen-Kollektoren aufbauen, mit Frauen zusammen, Selbsthilfezentren, soziale Verteidigung üben - und das mit parlamentarischen Mitteln koppeln. Aber vielleicht ergibt sich auch eines Tages, daß es ein Fehler war, in die Parlamente zu gehen.
SPIEGEL: Ergeben könnte sich wohl eher, daß Sie demnächst in die praktische Politik hineingehen, Verantwortung tragen, vielleicht sogar mal einen Minister stellen.
KELLY: Natürlich werden wir in der praktischen Politik, in den Ausschüssen mitarbeiten. Wir müssen zum Beispiel in Niedersachsen den Landtags-Vizepräsidenten stellen. Aber das darf nicht heißen, daß ich mich plötzlich vom Apparat in den anderen Sachen lahmlegen lasse. Ich kann mir aber zum Beispiel vorstellen, daß wir Minderheitsregierungen tolerieren, wenn die Bedingungen dafür geschaffen werden. Wenn die SPD alle Atomkraftwerke abschaltet mit der Nachrüstung aufhört, und Krankenwagen statt Panzer baut, dann kann man anfangen zu reden.
SPIEGEL: Also doch: Sechs oder acht Prozent grüne Wähler bestimmen, was die anderen machen sollen.
KELLY: Die Situation kann kommen. Aber dann müssen die Grünen integer bleiben und nicht verfilzt werden.
SPIEGEL: Wie denn das?
KELLY: Wir haben da Mechanismen eingebaut: das imperative Mandat, um den Parlamentarier an die Basis zu binden; die Rotation, um unsere Parlamentarier nach zwei Jahren gegen Nachrücker auszutauschen; die Begrenzung der Gehälter, alles über 2000 Mark muß abgeführt werden. Und keiner darf am Sessel kleben.
SPIEGEL: Das klingt gut, klappt aber nicht: Im Stuttgarter Landtag verstieß Ihr Parteifreund Helgo Bran gegen die reine Lehre, indem er unterirdische Kernkraftwerke und Hochtemperaturreaktoren nicht so schlimm fand. Zurücktreten will er aber nicht.
KELLY: Das stimmt leider. Sie müssen das menschlich sehen. Dies sind eben erste Wehen und Schmerzen einer sich etablierenden Partei, da muß die Basis wachsam bleiben. Immerhin sind die Mechanismen eingebaut. Ob sie wirklich S.53 nicht funktionieren, wird man später sehen. Ich gebe zu: Vor diesem Moment fürchte ich mich.
SPIEGEL: Damit müßten Sie sich auch vor weiteren Wahlerfolgen fürchten.
KELLY: Ja, ich habe manchmal Angst, daß die Grünen plötzlich 13 Prozent kriegen und zur Machterwerbspartei werden. Wir sollten lieber bei sechs und sieben bleiben und dafür kompromißlos in unseren Grundforderungen; lieber das als Minister stellen.
SPIEGEL: Und wenn doch - wie müßte denn Ihr Wunsch-Koalitionspartner aussehen?
KELLY: Er müßte die zivile und militärische Nutzung der Atomenergie ablehnen, die Ausbeutung der Dritten Welt beenden, er müßte eine ganz andere, eine nichtmilitärische alternative Sicherheitspolitik wollen ...
SPIEGEL: ... Austritt aus der Nato?
KELLY: Auflösung beider Militärblöcke, nicht einseitige Auflösung. Unser Koalitionspartner müßte eine Politik anstreben, die auf kalkulierte Vorleistungen bei allen Beteiligten setzt, ein Abrüstungswettlauf müßte beginnen. Dazu kommt wirkliche Chancengleichheit für Frauen und eine vorbeugende Gesundheitspolitik. Was jetzt läuft, ist doch die Verkrebsung der Menschheit.
SPIEGEL: Und wenn sich bei Ihnen jemand in diese Jahrhundert-Aufgaben hineingearbeitet hat, wird er durch einen Neuling ersetzt.
KELLY: Richtig. Ich bin eine, die sagt, bei der Rotation müßte es Stufen geben. Wir überlegen uns ja auch, später im Bundestag Mandatsträger eine komplette Legislaturperiode drinzulassen. Es S.54 gibt da vieles, was nicht ganz stimmt. Was wir eben in Gottes Namen tun müssen: nicht gleich Konzepte von anderen übernehmen, erst mal selber wissen, wo es weh tut. In Baden-Württemberg wird zum Beispiel als einzigem Land gar nicht rotiert, was ich sehr bedaure.
SPIEGEL: Wann rotiert denn die Vorsitzende Kelly?
KELLY: Ich habe es jetzt zwei Jahre gemacht und scheide im Oktober, zusammen mit meinem Vorstandskollegen Dieter Burgmann, aus. Aber ich will auch nicht verschweigen, daß da eine massive Angst unserer Männer mitspielt. Die fühlen sich durch eine Frau mit Kompetenz bedroht.
SPIEGEL: Noch ein Stück Utopie kaputt?
KELLY: Ja. Ich bin das erste Jahr richtig umworben worden: Petra, unsere Petra. Im zweiten Jahr spürte ich, daß ich immer bedrohlicher werde für gewisse machtlüsterne Herren, daß sie mich bekämpfen, mich auch besänftigen: Ich solle mich monatelang zurückziehen, es schadete meiner Gesundheit. Das ist immer das Argument gegen eine willensstarke Frau, wenn sie nichts anderes finden können.
SPIEGEL: Dafür kann bei Ihrer Partei jeder Bewegte das finden, was er sucht. Der Konservative hat seine Strömung, der Linke, auch derjenige, der für Gewalt ist in begrenzter Form ...
KELLY: ... nein, nein, nein.
SPIEGEL: Aber von denen, die Neigung zu solchem Widerstand verspüren, wollen Sie sich auch nicht abgrenzen?
KELLY: Ich kann bestimmte Gruppen, die eventuell gewalttätig werden, nicht von vornherein ausklammern und in bestimmte Ecken einkerkern. Natürlich distanziere ich mich von jedem Stein, der da geschmissen wird.
SPIEGEL: Gilt der Satz einer Berliner Alternativen-Parlamentarierin noch, daß Steine unter Umständen Argumente sein können, oder gilt er nicht mehr?
KELLY: Der gilt weder für mich noch für die Grünen. Aber ich kann ja auch ein Haus gewaltfrei besetzen, ich kann sehr vieles gewaltfrei tun. Gewaltfrei bedeutet nicht nur keine Gewalt, sondern auch das Entgegensetzen einer positiven Kraft für eine herrschaftslose Gesellschaft. Es ist bei uns überhaupt noch keine demokratische Kultur der Gewaltfreiheit entwickelt worden.
SPIEGEL: Wenn es Ihnen vorrangig um eine neue politische Kultur geht - hat denn dann der Stuttgarter Politologe Martin Greiffenhagen nicht recht, wenn er sagt, Sie seien "streng genommen keine politische Partei" und täten besser daran, sich als Ergänzung des Parlaments und nicht als parlamentarische Alternative zu CDU, SPD und FDP zu verstehen?
KELLY: Wir möchten dieses starre, sterile Parlament voller inkompetenter, elitärer Männer im Pensionsalter eben auch gern verändern - irgendwie und irgendwann und ein bißchen.
SPIEGEL: Was haben Sie bewirkt?
KELLY: Im "Römer" in Frankfurt, wo wir mit sechs Abgeordneten vertreten sind, gibt es wieder Leben. Wo jahrelang, ohne daß es draußen bemerkt wurde, die CDU machen konnte, was sie wollte, werden nun plötzlich alle Fragen bis hin zum Cadmium-Gehalt des Wassers besprochen. Wir haben die Langeweile aus der Politik vertrieben.
SPIEGEL: Um das zu erreichen, muß man kein Mandat haben.
KELLY: Aber es geht dann leichter. Nehmen Sie Nürnberg: Vor drei Jahren haben wir vorgeschlagen, die Stadt solle sich zur atomwaffenfreien Zone erklären. Erst als wir im Stadtrat saßen, hat auch die SPD unsere Forderung unterstützt. Die Initialzündung wird eher wahrgenommen, wenn man zusammen im Parlament sitzt.
SPIEGEL: Die Anstifterfunktion der Grünen ist ja unbestritten, aber es bleibt die Frage nach den politischen Erfolgen?
KELLY: Das darf man nicht unterschätzen und auch nicht zynisch darüber lachen ...
SPIEGEL: ... tun wir nicht.
KELLY: Als die Kröten im Landtag von Baden-Württemberg zur Sprache kamen, die strahlengeschädigten Kröten, da stand ein Landtagsabgeordneter der Grünen auf und sagte: Ich bin hier der Vertreter der Kröten im Landtag. Das ist für mich ein sehr wichtiger Satz, weil ohne uns ganze Lebensbereiche, Pflanzen, Biotope, Tiere, Menschen überhaupt nicht angesprochen werden. Ohne uns hätten Behinderte und stillende Frauen, die Giftstoffe in der Muttermilch haben, nicht in den Landtag gedurft. In Stuttgart werden unsere Abgeordneten demnächst in einen Hungerstreik gegen das Kernkraftwerk Wyhl treten. Das ist für mich eine große positive Sache.
SPIEGEL: Aber Ihr Ansatz ist doch, daß ein schneller und starker Bremseffekt vonnöten ist, um die ökologische und militärische Katastrophe zu verhindern. Ist das Plädoyer für Kröten nicht ein bißchen wenig?
KELLY: Nein, Gott sei Dank ist ein Mensch aufgestanden und hat gesagt: Ich bin ein Vertreter derer, die überhaupt keine Stimme haben. Trotzdem ist das Parlament nicht der Platz, wo wir die Katastrophe aufhalten werden. Wir müssen die etablierten Politiker entblößen, wo wir können. Ein Beispiel: Es ist eine Schande, wenn wir darauf hinweisen müssen, daß Innenminister Baum auf der Umweltkonferenz in Nairobi zuerst sagen wollte: Kein Export der schädlichen Pflanzenschutzmittel wie DDT, die bei uns verboten sind, in die Dritte Welt. Dann kam er an und hat das wieder rausgestrichen. Wir sind noch nicht stark genug, es allen zu zeigen, daß wir wirklich fünf Minuten vor Mitternacht haben; S.56 wir sind noch viel zu unterentwickelt in unseren Aktionsformen.
SPIEGEL: Und häufig, was das grüne Miteinander angeht, auch gar nicht alternativ. In Bremen gerieren sich die Grünen in der Bürgerschaft schlimmer als die Etablierten, - sie haben nicht nur einen der ihren ausgeschlossen ...
KELLY: ... das ist die Bremer Grüne Liste, nicht Teil unserer Bewegung ...
SPIEGEL: ... aber Ihre Farbe. Und die in Bremen "Grüne Liste" heißen, wollen mit dem Ausgeschlossenen nicht mal mehr in einer Bank sitzen. Das ist schlimmer, als die SPD mit Ihrem Hansen umgegangen ist.
KELLY: Ja, das macht den Bremern große Schwierigkeiten. Die Bundespartei und die Bremer Grüne Liste haben absolut keinen Kontakt. Aber natürlich wird das vermischt. Die Medien denken immer: Alles dieselben Grünen.
SPIEGEL: Aber die Sorge, daß Basis und Mandatsträger sich zunehmend voneinander entfernen, plagt doch auch viele Ihrer echten Parteifreunde.
KELLY: Ja, mit der Basis ist es im Grunde genommen ein bißchen traurig, da sind einige ziemlich verunsichert. Es ist eben für manche ein sehr schmerzhafter Prozeß, daß die Kommunikation zwischen Mandatsträgern und Basis eben nicht mehr regelmäßig ist. Das ist schwer für die ganz einfachen, lieben, fleißigen Grünen.
SPIEGEL: Viele stört auch, daß Sie beginnen, Ihre Sammlungsbewegung dichtzumachen. Das zeigt die Diskussion über die "Demokratischen Sozialisten" der Ex-Sozialdemokraten Coppik und Hansen, die Sie nicht mehr unbesehen nehmen wollen. Das zeigt aber auch Ihre Haltung gegenüber anderen Gruppen in der Friedensbewegung, deren Aufruf zu der Anti-Reagan-Demonstration Sie nicht mehr vorbehaltlos unterschreiben mochten.
KELLY: Wir wollen natürlich die inhaltliche Diskussion mit den Demokratischen Sozialisten führen. Das heißt aber nicht, daß wir uns nun gleich in die Arme fallen. Den Aufruf zur Anti-Nato-Demo haben wir mit einer Präambel versehen, weil wir uns das Denken nicht verbieten lassen. Wir sind keine Anti-Raketen-Bewegung, sondern eine blockübergreifende Entmilitarisierungsbewegung, die sich solidarisiert mit Abrüstungsanstrengungen von unten in Ost und West. Wir wollen mehr als den beschissenen Minimalkonsens, eine Welt ohne Polizeistaat, Kriegsrecht und Internierungslager.
SPIEGEL: Wenn Sie mit anderen Gruppierungen in der Friedensbewegung nicht übereinkommen können - wie wollen Sie dann die nicht minder unterschiedlichen Strömungen in der eigenen Partei unter einem Hut halten?
KELLY: Ich finde, die Vielfalt der Flügel bereichert unsere Partei. Es gibt einen Grundkonsens in der Gesellschaftsanalyse. Ich will keinen Kommunisten und keinen Wertkonservativen ausschließen und muß das auch nicht. Denn da lernt einer vom anderen, die zerfleischen sich nicht mehr, sondern gehen aufeinander zu. Da ist eben das Neue an unserer Partei.
SPIEGEL: Frau Kelly, Ihr Erfolgsrezept bisher hieß: Grün ist nicht rechts und nicht links, sondern vorn. Und der Weg dahin führe mitten zwischen Kapitalismus, zwischen Ost und West hindurch. Kommt Ihnen dabei nicht eine frühere Bewegung der Deutschen in den Sinn, einen solchen dritten Weg zu suchen - damals führte er zum Nationalsozialismus?
KELLY: Dieser Spruch kommt nicht von mir. Was wir anstreben, ist eine Form von ökologisch-selbstverwaltetem emanzipativem Sozialismus - den gab''s bisher historisch noch nicht. Natürlich gibt es viele Propheten bei den Grünen, die ihre Wege anpreisen. Und natürlich gibt es eine ökologische Lebensweise, die mißbraucht werden kann - keine AKWs, ausländerfeindlich, reine Rasse. Aber bei solchen Leuten fällt das grüne Etikett von ganz allein ab. Eine Gefahr sind sie zur Zeit nicht. Viel gefährlicher war, daß wir in der Öffentlichkeit häufig als aus Moskau gesteuert und kommunistisch unterwandert dargestellt wurden.
SPIEGEL: Frau Kelly, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
S.47 Mit Redakteuren Hans-Dieter Degler und Jörg R. Mettke im West-Berliner SPIEGEL-Büro. * S.49 Oben: bei einer Demonstration gegen Kernenergie und Atomwaffen in Lingen; * unten: Abgeordnete im baden-württembergischen Landtag. *
Von Hans-Dieter Degler und Jörg. R. Mettke

DER SPIEGEL 24/1982
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