14.06.1982

ARGENTINIENBessere Menschen

In Buenos Aires scheint der Malvinenkrieg weit entfernt zu sein. Die patriotische Begeisterung wird zum Ritual, das politische Ängste verdeckt.
Wenn die Engländer geschickt sind", schätzte ein Versicherungsvertreter in einem Kaffeehaus von Buenos Aires, "dann greifen sie Puerto Argentino (Port Stanley) am Sonntag an."
Dann nämlich sitze ganz Argentinien vor den Fernsehschirmen: Sämtliche Kanäle würden das Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft in Spanien übertragen: Titelinhaber Argentinien gegen Belgien.
Der Krieg auf den stürmischen Inseln im Südatlantik scheint in Buenos Aires entfernter zu sein, als 2000 Kilometer Luftlinie vermuten lassen.
"Krieg? Wo gibt's denn den hier?" fragt die Stewardeß einer europäischen Fluglinie. Zum erstenmal seit Anfang des Malvinenkrieges auf der Buenos-Aires-Linie im Dienst, fand sie die Hauptstadt unverändert.
Die Passanten schlendern wie gewohnt durch die Fußgängerstraße Lavalle, die Cafes und Kinos sind täglich voll besetzt. Die fünf beliebtesten Filme hatten in drei Maitagen etwa 60 000 Zuschauer, und zu den erfolgreichsten zählte ein englischer Kriegsfilm, der britische Hartnäckigkeit verherrlicht. Einen Monat später war die Besucherzahl derselben Kinos auf fast 78 000 gestiegen. Und sogar die Luxusrestaurants "Clark's" und "Harper's" haben trotz ihrer englischen Namen die Kundschaft behalten.
Nicht einmal die Rennbahnen schalteten auf Kriegszeiten - täglich galoppieren hier die Pferde, drängen sich die Zuschauer und Wettlustigen. "Wir verkaufen nicht mehr als sonst", so die unveränderte Antwort in den Lebensmittelgeschäften. Auch die Tankstellenwarte haben keine Hamsterkäufe bemerkt.
"Buenos Aires ist solidarisch, aber fern", klagte der Journalist Esteban Peijovich in der Zeitschrift "Gente" und erregte sich über die angebliche Frivolität seiner Landsleute: "Ich schalte den Fernseher ein und sehe nur Unterhaltungsprogramme. Das ist beschämend. Wir müssen ja nicht alle mit Gewehren herumspazieren oder in Trauerkleidung, doch glaube ich, daß die Größe des Kampfes mit der Größe des Schweigens geehrt werden sollte."
Tatsächlich scheint es für die meisten Einwohner von Buenos Aires leicht zu sein, den Krieg zu ertragen - die Schlagzeilen an allen Kiosken berichten ihnen von den Heldentaten ihrer Soldaten und den Niederlagen des brutalen Angreifers Großbritannien. Vom Leiden und Sterben erfahren nur die wenigsten.
"Hier gibt es keinen Krieg", meint Tango-Sänger Roman Reyes in der Musikbar "Los dos Pianitos", "solange wir noch Tangos singen können, können wir auch weiterträumen."
Nur die Familienangehörigen der von den Briten weitgehend eingeschlossenen Soldaten zeigen sich betroffen, die Schwester von Roman Reyes etwa, die zwei Söhne auf der Insel hat: "Sie weint den ganzen Tag", sagt ihr Bruder.
Dennoch trügt die Ruhe in Buenos Aires. Wenn der Alltag auch unverändert und der in der Presse abstrakt wahrgenommene Krieg sich im Volk nur in patriotischen Ritualhandlungen niederzuschlagen scheint - die argentinische Gesellschaft ist zutiefst erschüttert.
Oberflächlich ist das schon in der belebten Calle Florida im Zentrum von Buenos Aires zu spüren. Hier wird jeden Nachmittag vor den Aushängekästen der Tageszeitung "La Nacion" debattiert. Hier lesen die "portenos", die Bewohner der Hauptstadt, die letzten Nachrichten, kommentieren sie mit jedem, der gewillt ist zur Diskussion. Kaffeehausstrategen und Terrassenpolitiker tragen die wildesten Thesen vor, doch mit einem gemeinsamen Nenner: Wie immer der Krieg ausgeht, alle sind auf weitreichende Folgen gefaßt.
Eine eventuelle Niederlage wird nicht einmal mehr ausgeschlossen - doch eine Schlacht sei ja nicht der Krieg, trösten sich viele. "Wir werden niemals zu der Lage vor dem 2. April zurückkehren", hatte auch Präsidentengeneral Galtieri versichert.
Den Untertanen des Militärdiktators wurde dies wohl besonders klar, als sie am Fernsehschirm verfolgen konnten, wie ihr Außenminister Costa Mendez auf der Tagung der Blockfreien Kubas Fidel Castro umarmte.
"Vor fünf Jahren", so ein Oppositionspolitiker voller Erstaunen, "wäre man wohl auf die Liste der Verschwundenen gekommen, wenn man so etwas öffentlich prophezeit hätte."
Schon die Reise des Ministers nach Kuba war für die Tageszeitung "Clarin", die dem Malvinenkonflikt täglich 15 Seiten widmet, eine "überraschende Kehrtwendung". Wer aber das Photo der brüderlichen Umarmung sah, müsse "vor Erstaunen auf den Rücken fallen".
Viele der alten Mythen des Militärregimes erwiesen sich als brüchig, der Druck für eine Liberalisierung nimmt zu, die Folgen der Wirtschaftspolitik des Regimes sind für alle sichtbar.
Denn neben den Berichten von der Front erfährt der Argentinier heute, was früher nicht geschrieben werden durfte: In der Zeitschrift "Gente" etwa, daß das S.126 Fleisch in nur zwei Wochen 41 Prozent teurer geworden sei, die Automobilindustrie im ersten Quartal dieses Jahres 51,4 Prozent weniger produziert habe als entsprechend im Vorjahr, daß sein Realeinkommen im gleichen Zeitraum um 20 Prozent zurückgegangen sei.
Die Militärs hatten für ihren Krieg die Einheit der Nation gefordert und sie auch bekommen. Doch die nach langer Unterdrückung nun vom Regime zur Mitarbeit aufgeforderten Argentinier dürften sich künftig nicht mehr so leicht knebeln lassen.
Noch ist es nicht soweit. "Es ist wie beim Fußball", meinte ein Ingenieur in Buenos Aires. "Da können 20 000 Fans eine halbe Stunde lang den besten Spieler ihrer Mannschaft beleidigen, weil er eine Chance verpaßt hat. Kaum trifft er ins Tor, ist er wieder ein Idol."
Solange also Galtieris Regime der britischen Flotte noch "Tore" zu schießen vermag, solange Luftwaffenchef Lami Dozo noch als "Maradona der Streitkräfte" auftreten kann, werden die Militärs wohl unangefochten regieren können.
Dennoch war die Beteiligung am "Tag der argentinischen Souveränität über die Malvinen, Südgeorgien und die Sandwich-Inseln" am vergangenen Donnerstag lau. Nur wenige Zehntausende erschienen auf der Plaza de Mayo, um mit Galtieri die Nationalhymne zu singen.
"Wir werden ein anderes Land sein", malte ein nächtlicher Sprühdosenmaler an eine weißgetünchte Hauswand. Die Sorge, wie das Kriegsabenteuer enden und das neue Argentinien aussehen wird, zeigt sich allenthalben. So hat sich seit dem 2. April der Konsum von Beruhigungstabletten um ein Drittel erhöht, die Ärzte in der Hauptstadt haben 80 Prozent mehr Patienten, die über Nervosität und Ängste klagen.
Beruhigung und Hilfe erwarten sich die Argentinier auch vom Blitzbesuch des Papstes, der am Freitag in Buenos Aires eintraf. "Er bringt Frieden", sagten viele. Die Militärs versuchten das umzuinterpretieren zur Unterstützung in ihrem Konflikt. Der Nachrichtenchef des Fernsehens "Canal Siete" meinte dagegen, der Papst komme, "damit wir noch bessere Menschen werden, als wir es schon sind".
Solange gekämpft wird, gilt allein Patriotismus. "Ich verkaufe über 500 Fähnchen täglich", erzählt ein Kioskinhaber stolz - es gehört in Buenos Aires längst zum guten Ton, ein blau-weiß-blaues Abzeichen am Revers zu tragen.
Und dem Ruf des Fernsehens "Alle vereint zum Sieg" folgen die Spender immer noch. Der neugegründete "Patriotische Fonds" hat über 25 Millionen Dollar für die Kriegskasse eingebracht, erklärte das Finanzministerium stolz. Eine Frau Celia Ortiz de Cogorno war besonders opferbereit: Sie stiftete 50 Gold-Schmuckstücke, Perlen, Brillanten, einen Satz Kristallgläser und Teller der chinesischen Ming-Dynastie.

DER SPIEGEL 24/1982
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