08.02.1982

PROZESSE

Spuk zu Ende

Auf den Protest eines Medizinredakteurs gegen eine Serie des Heilpraktikers Köhnlechner reagierte der Springer-Konzern mit Kündigung - nicht etwa des umstrittenen Serienautors, sondern seines Kritikers.

Den Auftakt bildete eine angeblich wahre "Horror-Story": Wie ein Mann mit einem "gewöhnlichen Schnupfen" zum Arzt geht, dort nacheinander mit Penicillin, Cortison und Blutübertragung behandelt wird, dann prompt Magengeschwüre, Verdauungs- und Kreislaufstörungen, Gelbsucht und Leberzirrhose bekommt und schließlich nach einem Leberkoma stirbt.

Nach diesem abschreckenden Ausflug in die Welt der Schulmedizin durfte der Münchner Heilpraktiker Dr. jur. Manfred Köhnlechner in "Hörzu", mit vier Millionen Exemplaren auflagenstärkste Wochenzeitschrift Europas, über Plagen der Menschheit wie Migräne, Gicht und Rheuma berichten - und wie ihnen mit Chiropraktik, Procainspritzen oder Akupunktur beizukommen sei.

"Leben ohne Schmerz" lautete der zugkräftige Titel der "Hörzu"-Serie über unkonventionelle Heilmethoden, die sich vom Frühjahr letzten Jahres bis in den Sommer hinzog. Vergebens hatte der Medizin-Ressortleiter Egon Klohn, 58, vor einem Abdruck gewarnt und Köhnlechner als "Scharlatan" bezeichnet, den man "den Lesern nicht antun" könne. Anstelle Klohns übernahm der stellvertretende "Hörzu"-Chefredakteur Hanspeter Blümer die Verantwortung für die zweifelhafte Serie.

Autor Köhnlechner, 56, war einst beim Buchkonzern Bertelsmann zum Generalbevollmächtigten aufgestiegen und demissionierte nach der mißglückten Fusion zwischen Bertelsmann und dem Pressekonzern Axel Springer Ende 1970. Danach bildete der Jurist sich zum Naturheilkundigen aus und begann mit seiner Münchner Praxis eine neue Karriere, die ebenso erfolgreich verlief wie seine Tätigkeit als Buchautor ("Machbare Wunder") und als meist stiller Gesellschafter von Kapital-Unternehmungen; als zu seiner "Hörzu"-Serie kritische Leserbriefe auch im Medizin-Ressort landeten, machte Redakteur Klohn kein Hehl aus seinen Ansichten über Dr. Köhnlechner und dessen Methoden:

* "Ich befürchte, der gelernte Jurist wird den medizinischen Quacksalber S.46 nicht wegen vorsätzlicher Tötungsabsichten anzeigen", schrieb Klohn einem Medizinstudenten in Elmshorn, "leider tut es auch kein anderer."

* "Würden doch bloß mehr Leser auf diese Weise reagieren", antwortete er einem kritischen Arzt in Berlin, "der Spuk wäre bald zu Ende."

* "Sie dürfen sicher sein, daß im Krankenhaus alles geschieht, Ihrer Frau zu helfen", schrieb er einem Ehemann in Münster, "in diesem Fall ist auch Herr Köhnlechner kein Strohhalm."

Zur Beantwortung der Zuschriften konnte sich Medizin-Redakteur Klohn schon deshalb autorisiert fühlen, weil er im August letzten Jahres zu Köhnlechner nach München geschickt worden war, der Zehntausende von Briefen unbeantwortet auf dem Boden liegen ließ. Fortan konnte Klohn nachfragenden Lesern auch "keine Hoffnung auf ein Antwortschreiben" von Köhnlechner mehr machen: "Wie er mir sagte, hat er über 45 000 Briefe mit Anfragen erhalten. Wie soll er die wohl beantworten?"

Schließlich reagierte Köhnlechner doch noch - auf Antwortschreiben von Klohn an "Hörzu"-Leser. Der zuweilen als "Wunderheiler" apostrophierte Münchner Jurist wandte sich danach auf eine Weise an die "Hörzu"-Chefredaktion, daß diese "eine Zeitlang das bisherige gute Verhältnis der Redaktion zu Herrn Köhnlechner gestört" sah und sogar befürchten mußte, "daß eine weitere Serie von Herrn Köhnlechner nicht mehr in der 'Hörzu' veröffentlicht werden" könnte, so "Hörzu"-Anwalt Hans-Sophus Witt.

Köhnlechner, der den "Hörzu"-Eigner Axel Springer persönlich kennt, seit er ihm vor gut zehn Jahren - damals noch Generalbevollmächtigter des Gütersloher Medienkonzerns Bertelsmann - beinahe sein ganzes Unternehmen abgehandelt hätte, brachte den freimütigen Medizin-Journalisten um seinen Job: Die Springer-Personalabteilung bewertete Klohns unverhohlene Antworten als "schweren Vertrauensbruch", sprach ihnen "eine erhebliche ruf- und geschäftsschädigende Wirkung" zu und kündigte dem Redakteur fristlos.

Das Hamburger Arbeitsgericht, an das sich der Gefeuerte wandte, sah es freilich anders als der Springer-Konzern: Es hob die Kündigung wieder auf. Klohn habe sich in seinen Stellungnahmen zur Köhnlechner-Serie meist "in durchaus vertretbarer Form von den Ansichten des Autors dieser Serie" distanziert, heißt es in der Urteilsbegründung vorletzte Woche.

Die "Treuepflicht" zum Arbeitgeber gebiete es zwar, nicht "abfällig, negativ und beleidigend" auf einen Gast-Autor zu reagieren. Sie gehe aber nicht so weit, daß man einen Mann wie Köhnlechner gegen die eigene Überzeugung "über den grünen Klee loben" müsse.

Der Springer-Verlag zahlt Klohn seither wieder Gehalt.


DER SPIEGEL 6/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 6/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROZESSE:
Spuk zu Ende