05.04.1982

Oscar in Aspik

„Am goldenen See“. Spielfilm von Mark Rydell. USA 1982. 109 Minuten. Farbe.
So fingen Kulturfilme in den fünfziger Jahren an: ein See, dessen Wasser noch nichts vom Säureregen, dessen Ufer noch nichts von Zersiedlung weiß; ein Eisvogel, nein, zwei Eisvögel, ein Paar, dem man noch nichts von der Ölpest am Nest gesungen hat.
"On Golden Pond" - das ist viel Landschaft, viel Natur, viel Geplätscher, Sonnengeflimmer und Gezwitscher in einer unberührten Ecke Neuenglands. Doch dann setzt perlende Klaviermusik ein, und man ahnt: Es soll eine Seelenlandschaft sein, auf die der Zuschauer eingestimmt wird. Die Blätter und die Enten und die Forellen, sie sind dazu da, einen geschnörkelten Goldrahmen zu bilden für das Paar Katharine Hepburn und Henry Fonda.
"On Golden Pond" ist ein Film, der vor allem gedreht wurde, damit Hollywood-Altstar Fonda endlich in den Genuß seines ersten Oscars (von der verbrämten Verlegenheit des Ehren-Oscars mal abgesehen) kommen sollte. Die Rechnung ist aufgegangen. Und Katharine Hepburn, seine Partnerin, hat gleich noch einen dazu bekommen, ihren vierten. Die Oscars sind den beiden berühmtesten Veteranen der glanzvollen Hollywood-Zeit zu Recht zugefallen, und die Rührschnulze, die Tochter Jane für den abwesenden Daddy beim Empfang des goldenen Männchens abzog, zeigt, daß das alte Hollywood nach wie vor lebt, wenn auch in Aspik.
Aber dennoch ist dies ein schlechter, ein tränenseliger, ein verlogener Film, so daß Kritiker Vincent Canby in der "New York Times" mit besorgter Miene fragte: "Kann man in einem schwachen Film großartig spielen?" Das sind so Fragen: Kann Gott einen Stein erschaffen, den er nicht mehr heben kann? Was die Hepburn und der Fonda in ihrem "Oscar"-Werk vor sich herrollen, ist ein Stein aus Styropor: Ein greises Ehepaar macht an einem idyllischen Ufer Neuenglands Ferien. Er ist ein Griesgram, der seine Frau anknurrt, um sowohl seine Altersangst als seine Liebe zu verstecken und zu enthüllen. Sie ist eine Frau von jenem nervenden Optimismus und jener überlauten guten Laune, die in jedem sacharinfreien Drehbuch mit dem Tode oder zumindest mit der Trennung geahndet werden müßten.
Zu den beiden kommt die inzwischen mittelalte Tochter und deren neuer Freund, ein Zahnarzt, und bringen den Sohn aus des Dentisten erster Ehe mit. Er soll bei Oma und Opa bleiben, während das Paar in Europa ungestört von dem vorpubertären Bengel seinen Honigmond begehen will.
Natürlich kommt es, nach anfänglichen Anmotzereien zwischen Alt und Jung, zu einer rührenden Freundschaft zwischen dem Greis und seinem Stiefenkel, wobei die beiden auf Hemingways Spuren ihre sich an- oder abkündigende Männlichkeit an einem großen Fisch beim Angeln beweisen, während Oma heiter besorgt um ihre beiden lieben Jungen mit dem Essen wartet. Als die Tochter zurückkommt, verheiratet übrigens, sind die beiden "Männer" unzertrennlich. S.255 Da keimt späte Eifersucht über eine verpfuschte Jugend in ihr auf. Zu ihr war der Vater nie so nett, weil sie nur ein Mädchen war.
Doch eine Ohrfeige, von der siebzigjährigen Mutter appliziert (Pädagogik kommt nie zu spät), und ein Salto rückwärts in den See, von der Tochter vor dem stolzen Vater vollbracht, bringt die Edelholzpsychokiste zwischen beiden wieder ins rechte Lot. Der Greis hat dann noch eine leichte Herzattacke, das Laub färbt sich ("Indian summer") blutrot, das Klavier perlt, das Eisvogelpaar schwimmt, ein dickes Symbol, und voila!, der Oscar ist da.
Natürlich sind Schauspieler, die eine so große Vergangenheit mit sich herumschleppen wie das Paar Fonda/Hepburn in der Lage, so etwas dennoch eindringlich zu spielen. Sie könnten auch das Telephonbuch spielen, das allerdings realistischer ist als das Kitschtheaterstück vom goldenen See. So bleibt zu bewundern, wie die beiden virtuos alle sich auch nur andeutenden Ehe- und Alterskonflikte niederbügeln; Gebrechlichkeit ist nur eine Marotte, und schon für ihr leichtes Kopfwackeln muß man die Hepburn einfach lieben.
Jane Fonda, im Bikini, zieht tapfer ihren Bauch ein und erinnert mit ihrem muskulös durchtrainierten Körper daran, daß sie in den USA auf Videokassette für die Heimgymnastik als Vorturnerin zu haben ist.
Ihr neuer Mann, der Zahnarzt (Dabney Coleman), wirkt, sicher unfreiwillig, so eklig und spießig, daß er statt aus dem süßlichen See aus der sarkastischen Sicht von Joseph Heller stammen könnte. Da hat die Regie wohl, für Minuten, nicht aufgepaßt.
Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 14/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Oscar in Aspik

  • IS-Rückkehrer: "Wir können sie nicht einfach wegsperren"
  • Safaritour: Touristen treffen wütende Elefantenherde
  • Mallakhamb: Erste Weltmeisterschaft im Pfahl-Yoga
  • Rassismusdebatte um Video: Schüler verklagt Washington Post