08.02.1982

KARNEVALWutz aufs Dach

Wiesbadener Linke planen einen Karnevalszug. Droht den Alternativ-Narren Vermummungsverbot?
Kurt Lonquich, Wiesbadener Stadtverordnetenvorsteher, hegt den Verdacht, "daß da Chaoten unter dem Deckmantel der Fastnacht demonstrieren wollen". Und Georg Griesel, Boß der "Wiesbadener Närrischen Garde", ist sicher: "Da gehen bestimmt Scheiben kaputt."
Der Politiker und der Narr beargwöhnen ein bislang einmaliges Experiment: den ersten Karnevalszug der Alternativen, der am 20. Februar durch die Wiesbadener Altstadt ziehen soll. Motto: "Locker, alternativ - lustvoll, übermütig", abgekürzt "Lalü".
Ein "Notkomitee Wiesbadener Narren", junge Leute aus der Kunst-Szene des Rhein-Main-Gebiets, hat "Freizeit-Revoluzzer, Bürger-Initiativler und Anhänger der Spaß-Guerilla" aufgerufen, sich "kreativ statt öde und blöde" an der linken Lustbarkeit zu beteiligen. Etwa 3000 Teilnehmer haben bisher zugesagt - Umweltschützer und Hinterhof-Kabarettisten, Landkommunen und Grüne aus der gesamten Bundesrepublik.
Mit "Geheul und bissiger Satire", aber ohne "Polizeikapellen, US-Army und Reklamegaukler", soll der dröge hessische Provinz-Klamauk in ein "radikaldemokratisches Volksfest von unten gegen oben" umgekrempelt werden. Nicht bescheiden, wollen die Veranstalter der rheinischen Fassenacht, die ursprünglich auch närrischer Protest wider Kirche, Fürst und französische Besatzungsmacht war, "ihren Sinn zurückgeben".
Solchem Vorhaben wird mißtraut. Die saloppe Ankündigung, mit "Bomb-ons" statt mit Konfetti zu werfen, läßt Bürger vor Mollis zittern. Und die Vorstellung, kostümierte Chaoten könnten unerkannt Glasbruch verursachen, fördert den Ruf nach Vermummungsverbot. Zwar hat die Polizei bisher "keinerlei Erkenntnisse" über geplante Narren-Randale. Doch Hildebrand Diehl, CDU-Fraktionsvorsitzender im Wiesbadener Stadtparlament, schließt schon jetzt Auflagen und ein Umzugsverbot nicht aus, "wenn vermummte Gestalten Terror machen wollen".
Dabei haben ausgerechnet sparsame Christdemokraten den linken Narren die Straße freigemacht. Weil die CDU-Mehrheitsfraktion den städtischen Zuschuß für den offiziellen Fastnachtszug drastisch kürzte, sagten die vergrätzten Karnevalsvereine ihren seit 1949 regelmäßig veranstalteten Umzug ab.
Albert Herrmann, Grabsteinhändler und nebenbei Vorsitzender der "Dachorganisation Wiesbadener Karneval", trauerte über die "schmerzhafte Entscheidung", das "Wiesbadener Tagblatt" steuerte den Nachruf bei: "Nun ist der Karnevalszug endgültig begraben."
Die Alternativen, die durch ihre Initiative das totgesagte Spektakel retteten, verzichteten auf Steuergelder. "Der alte Zug", so Notkomitee-Sprecher Helmut Muth, "war auch trotz Finanzspritzen nie eine lustige Veranstaltung."
Vielmehr entsprach das traditionelle Narrentreiben jener Mischung aus Kommerz, Prunk und Blaskapellen-Geschepper, die auch in den bekannteren Karnevalshochburgen Mainz, Düsseldorf und Köln für Humor durchgeht und auf den Straßen alkoholbedingte Ausgelassenheit hervorruft. Muth: "Pompöser Aufmarsch von Werbeträgern und paramilitärischen Formationen."
Auch in Wiesbaden schunkelten alljährlich bierernste Vereinsmeier auf protzig hergerichteten Sattelschleppern der US-Army, grölten Beschwipste von "Marketenderwagen" diverser Bierbrauereien.
Die Sektfirma Henkell ("Roter Kardinal") spendierte regelmäßig Flüssiges, der Frikadellen-Konzern McDonald's durfte im Vorjahr gegen eine Spende von 1000 Mark Hamburger-Gutscheine unters Volks streuen.
Umsatzfördernde Bauernfängerei ist bei den Alternativ-Narren ebenso verpönt wie "stumpf-dumpfe Marschmusik". Der zwei Kilometer lange Lalü-Zug soll auch nicht "über die Prachtstraßen" führen, sondern in den Wohn- und Sanierungsvierteln der Altstadt "jene zum Lachen bringen, die sonst nichts zum Lachen haben". Ein "mobiles Kitzelkommando" hat den Auftrag, verbiesterte Zuschauer handgreiflich zur Heiterkeit zu reizen.
Zudem wollen die Veranstalter "die Wutz aufs Dach" lassen und Themen persiflieren, die von konservativen Fastnachtern tunlichst ausgespart werden: den Bau der Startbahn West, den Nato-Doppelbeschluß, die Inbetriebnahme neuer Atommeiler. Transparent-Text: "Kein Atomkraftwerk in Biblis, wenn euch euer Arsch noch lieb is."
Das seien, meint Helmut Muth vom Notkomitee, zwar "eigentlich keine Sachen zum Lachen". Aber: "Ein bittersüßes Lächeln ist oft durchschlagkräftiger als der dickste Pflasterstein."
Trotz solcher Beteuerungen fürchten aufgeschreckte Honoratioren, daß es am 20. Februar beim Lächeln nicht bleiben wird. Falko Nassenstein, Sprecher des hessischen Innenministers, weiß schon Rat für den Fall, daß etwa vor dem Landtag maskierte Startbahngegner krakeelen: "Dann gibt es auf die Nuß", dann kommt die Polizei.
Lalü-lala.

DER SPIEGEL 6/1982
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