14.06.1982

Erste Hilfe oder Letzte Ölung

Bundesliga-Trainer Max Merkel über seine Branche
Nach der Notenbank ist die Trainerbank das wichtigste im Fußball. Hier wie dort ist es entscheidend, was drauf ist. Daß eine schlechte Mannschaft schlecht spielt, ist logisch. Daß eine gute Mannschaft gut spielt, ist auch normal. Erst wenn eine schlechte Mannschaft gut spielt oder eine gute Mannschaft schlecht, kann das am Trainer liegen.
Die paar guten Trainer, viel mehr als ein oder zwei Dutzend auf der Welt gibt es nicht, sind Tatmenschen. Obwohl die Deutschen die beste Trainerschule der Welt besitzen, haben sie in der letzten Saison nicht einmal im eigenen Land die Europa-Pötte gewonnen.
In der Bundesliga-Meisterschaft belegten von fünf Ausländern unter 18 Trainern drei die ersten Plätze. Der vierte wurde immerhin Sechster. Vier spielen in der nächsten Saison um Europapokale. Deutscher Meister ist mein Wiener Landsmann Ernst Happel, Vizemeister wurde der Holländer Rinus Michels. Den deutschen Fußballpokal gewann der Ungar Pal Csernai.
Dabei gilt das deutsche Diplom auf der ganzen Welt als Ehrenbrief. Was also machen deutsche Trainer verkehrt? Wie kommt es, daß Deutschlands größte Klubs lieber Ausländer als Trainer holen? Obwohl ich schon 63 Jahre alt bin, rufen beinahe jede Woche bei mir Klubpräsidenten an und betteln: "Bruder, komm schnell und hilf."
Den Wert eines Fußballtrainers bestimmen am allerwenigsten die Zensuren auf der Sporthochschule. Der Happel Ernst aus Wien hat nie eine Sporthochschule besucht, denn er besitzt, was den meisten fehlt: ein Fußballhirn. Bei ihm funktioniert die Intuition viel besser als die Definition.
Mit diesem Fußballhirn läßt sich nirgendwo ein Doktorhut erwerben. Alle Abermillionen Zellen in diesem Bregen müssen irgendwie auf Fußball und auf Spiel eingestellt sein. Denn beim Pokern oder Roulette siegt der Happel auch wie in Trance.
Wenn seine Mannschaft trainiert, neue Spielzüge einübt, dann guckt der Aschyl scheinbar gelangweilt in den Büschen ringsum nach, ob verirrte Bälle herumliegen. Schlaue Spieler denken, jetzt hat er meinen Fehler nicht gesehen. Aber er hat.
Happel ist wie der Argentinier Menotti ein Kettenraucher, der mit einem Glimmstengel im Mundwinkel auffordert, die Gefahren des Tabakgenusses zu meiden.
Der Jugoslawe Branco Zebec war schon drei Jahre vor Happel mit dem Hamburger SV Deutscher Meister geworden. Dabei befand sich Zebec beim Training oder manchmal auch beim Spiel total im Dschumm. Im Trainerraum füllte er Limonadenflaschen mit Whisky und Rum ab und machte sein Schluck-in.
Aber die Mannschaft siegte auch so, wie es Zebec in der Trockenphase festgelegt hatte. Kein Spieler dachte jemals daran, Zebec beim Klub anzuschwärzen. Jeder Spieler wußte, so ein As kriegen wir so schnell nicht wieder. Im Fußball bedeutet Klasse auch Kasse. Ein kaputter Trainer, der siegt, ist besser als ein Saubermann, der verliert.
Spieler merken genauso schnell wie gute Trainer, wo die Partnerschaft stimmt. Als ich letzte Weihnachten den abstiegsbedrohten Karlsruher SC übernahm, bei dem nur noch die Frage Erste Hilfe oder Letzte Ölung zu klären war, sollen sich einige Spieler feste Stricke besorgt haben, um sich lieber gleich aufzuhängen. Ihnen war gesagt worden, nun käme der Erfinder der Streckfolter.
Dabei wirkte dort, in einer Mannschaft mit einem alten Torwart und jungen Feldspielern, die Streicheleinheit besser als die Trainingseinheit. Kein Trainer kann ewig mit einem alten Programm Erfolg haben. Im Fußballhirn meldet irgendeine Zelle, sei nett zu ihnen. Oder eine andere alarmiert: Wechsle die zwei Keuchhüstler aus und nimm lieber zwei Hinkebeine für die letzten Minuten aufs Feld. So verwandelten wir gegen Nürnberg ein 1:2 in einen 3:2-Sieg.
Das ist keine Zauberei, das geht eher so wie mit der Wetterfühligkeit. Du kommst oft beim Sieg nicht einmal mit dem Lachen rechtzeitig hinterher. Der Happel sah nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft so bitter drein wie Quasimodo vor seinem Schlußsprung von Notre-Dame.

DER SPIEGEL 24/1982
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