14.06.1982

SCHACHCOMPUTERMilitärischer Wert

Die US-Regierung ließ den amerikanischen Schachcomputer „Belle“ auf dem New Yorker Flughafen beschlagnahmen: Er durfte nicht nach Moskau gebracht und dort vorgeführt werden.
Im New Yorker Flughafen gab Ken Thompson, 38, am Schalter der British Airways eine 60 Kilo schwere Kiste nach Moskau auf wie andere Leute ihre Koffer.
Als sie abgefertigt war, flog er wegen einiger Treffs, die er in Westeuropa verabredet hatte, auf einer anderen Route in die sowjetische Hauptstadt.
Erst als der Amerikaner in Moskau ankam, erfuhr er, daß sein Gepäckstück in New York gar nicht verladen worden war. Die Reise hatte ihren Sinn verloren. In der Kiste war der Schachcomputer "Belle", den Thompson entwickelt hat und den er in Moskau vorführen und spielen lassen wollte.
"Belle", Sieger der Computerschach-Weltmeisterschaft 1980 im österreichischen Linz, wurde das Opfer einer Staatsaktion. Zollbeamte hatten ihn beschlagnahmt und sich auf die Direktive der Reagan-Administration berufen, die als Reaktion auf das Militärregime in Polen den Transport von Spitzenprodukten amerikanischer Technologie in die Sowjet-Union und andere Ostblockstaaten verboten hat. Das Handelsministerium sprach dem Schachcomputer sogar "militärischen Wert" zu.
Vergebens bemühte sich Thompson von Moskau aus um eine Aufhebung des Verbots. Erst versprach er, "Belle" nicht aus den Augen zu lassen und notfalls nachts mit ins Hotelzimmer zu nehmen; dann schlug er vor, den Computer gleich vom Flughafen in die US-Botschaft bringen zu lassen und dort oder anderswo nur unter Aufsicht amerikanischer Diplomaten vorzuführen. Die Beamten daheim hielten weder den einen noch den anderen Vorschlag für akzeptabel.
Sieben Tage harrte und hoffte Thompson in Moskau, dann gab er auf und kehrte nach New Jersey zurück, wo er in den renommierten "Bell Laboratories" der American Telephone and Telegraph Company als unabhängiger Forscher an Aufgaben arbeitet, die er sich selbst stellt. Seinen Computer bekam er zurück. Ob er noch bestraft wird, steht dahin.
Es war der erste Eklat dieser Art, und er mutet aus doppeltem Grund absurd an. Selbst der kälteste Krieger sollte dagegen gefeit sein, einem Schachcomputer militärischen Nutzen zuzuschreiben (Thompson: "Man könnte ihn nur aus einem Flugzeug werfen und auf diese Weise Leute umbringen"), und von vornherein stand fest, daß Thompson die Schachmaschine den Sowjets weder schenken noch verkaufen wollte. Zwar S.202 waren Thompsons Gastgeber, der sowjetische Schachverband und der frühere Schachweltmeister und heutige Computerfachmann Michail Botwinnik, nicht so weltfremd wie die US-Behörden, von "Belle" eine Stärkung der Kriegskraft ihres Landes zu erwarten. Aber falsch eingeschätzt haben auch sie die Schachmaschine. Sie sollte ihnen helfen, ihren argen Rückstand im Computerschach aufzuholen.
Die erste Weltmeisterschaft 1974 gewann noch ein sowjetischer Computer namens "Caissa", aber dies blieb der einzige sowjetische Sieg. Bei der 1980er WM endete ein neues "Caissa"-Programm bei 18 Teilnehmern auf dem 6. bis 11. Platz.
"Belle" ist allen anderen Schachmaschinen mindestens so überlegen wie einst Bobby Fischer allen anderen Schachspielern. Er hat noch keine einzige Partie gegen einen anderen Spitzencomputer verloren, obwohl es sich auch bei ihnen um Einzelstücke handelt, die in vielmonatiger Arbeit gebaut wurden. Die Schachcomputer, die für 100 bis 2000 Mark in Warenhäusern und von Versandfirmen angeboten werden, würde er auch dann noch besiegen, wenn er gegen 20 oder 30 simultan spielen würde.
Doch "Belle" ist ein Fachidiot sondergleichen. In die Maschine ist zwar ein kompakter Superrechner eingebaut, der auch andere Aufgaben erfüllen kann. Aber die eigentliche "Belle"-Maschine ist eindimensional darauf ausgerichtet, Schach zu spielen.
Demgegenüber sind sogar Tischcomputer für ein- oder zweitausend Mark geradezu Tausendsassas. Denn bei diesen Computern können die Programme (die "software") ausgetauscht werden wie die Kassetten eines Recorders, das Gerät selbst (die "hardware") kann deshalb mannigfaltig genutzt werden: für jedwede Statistik, für allerlei Spiele, für schwierige Mathematik-Aufgaben und als künstliches Gedächtnis, das Zigtausende von Daten speichert.
"Belle" aber ist eine solche Einheit von hard- und software, daß Thompsons Schachprogramm nicht mal gegen ein anderes Schachprogramm ausgetauscht werden kann.
Doch eben darauf hatte Ex-Weltmeister Botwinnik gehofft. Thompson sollte ihm aus der Misere bei der Arbeit an seinem Schachprogramm "Pionier" helfen, mit dem er seit zehn Jahren beschäftigt ist. Ob "Pionier" überhaupt schon Schachpartien spielen kann, ist offen. Jedenfalls ist bis heute noch keine einzige veröffentlicht worden.
Als vor einem Jahr der SPIEGEL skeptisch nach "Pioniers" Leistungen fragte, bat Botwinnik um Geduld: "Zur Zeit hat das Programm noch etwa 2000 Fehler. Das ist in dieser Entwicklungsphase durchaus normal."
Eines der Handicaps Botwinniks ist die geringe Rechengeschwindigkeit des Computers im Moskauer Institut für Elektroenergetik, den er benutzt. Bei Westreisen erkundigte sich der sowjetische Spezialist deshalb bei Kollegen, ob er sein Programm "Pionier" auf einem starken westlichen Computer laufen lassen dürfe. Von den Zusagen, die ihm unter anderem in Hamburg gegeben wurden, machte Botwinnik bislang allerdings keinen Gebrauch.
Für Thompsons "Belle" ist die außerordentlich hohe Rechengeschwindigkeit S.204 neben der Spezialkonstruktion des Computers das Geheimnis des Erfolgs. Die Maschine kann pro Sekunde 160 000 Stellungen berechnen.
Selbst wenn den Sowjets mangels eigener leistungsfähiger Schachcomputer nur daran liegen würde, "Belle" zu kopieren, würde es keines Transports nach Moskau und legaler oder illegaler Besichtigung seiner Innenwelt bedürfen. Jedes der 1700 Bauteile kann in einschlägigen amerikanischen Elektronik-Läden von jedermann gekauft und mühelos außer Landes gebracht werden. Und über die Prinzipien, nach denen er seinen Computer gebaut hat, äußert sich Thompson so oft und so präzise, daß ein qualifizierter Fachmann nur zwei Jahre brauchte, um "Belle" nachzubauen.
Das Verbot, "Belle" in Moskau vorzuführen, hat auf dem Felde des Computerschachs mithin nur das verhindert, woran der Reagan-Administration sonst soviel liegt: eine Demonstration amerikanischer Stärke.
S.202 Bei der Schachcomputer-Weltmeisterschaft 1980 in Linz, während des Stichkampfes um den Titel zwischen den US-Computern "Belle" und "Chaos". Links: "Chaos"-Programmierer Victor Berman. *

DER SPIEGEL 24/1982
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