07.09.1981

TERRORISTENSchüsse und Blumen

In Düsseldorf beginnt der Mordprozeß gegen Rolf Heißler. Fahnder halten ihn für einen der rührigsten RAF-Aktivisten.
Im deutsch-niederländischen Doppelstädtchen Herzogenrath-Kerkrade, wo die Ländergrenze eine Strecke lang mitten auf der Straße verläuft, spazierten am 1. November 1978 ein Mann und eine Frau mit Tasche und Blumenstrauß.
Als die beiden den Fußweg wechselten, von der Neustraße hinüber auf die Nieuwstraat, tauchten vier holländische Zöllner im Streifenwagen auf und fragten nach den Papieren. Plötzlich fielen dutzendweise Schüsse, das Pärchen hatte Automatikwaffen gezückt und das Feuer eröffnet. Zwei Beamte gingen sogleich getroffen zu Boden, den dritten erreichte eine Kugel auf der Flucht, der vierte entkam.
Auf die beiden Zöllner, die am Tatort lagen, gab das Paar nun aus nächster Entfernung tödliche Schüsse ab -sie aus einer MPi, er aus zwei Revolvern. Dann warfen die Täter den Blumenstrauß zu den Sterbenden und entfernten sich, wie Zeugen berichteten, "ohne besondere Eile".
Über den Kreis, dem das schießwütige Duo zuzuordnen war, gab es von vornherein wenig Zweifel. Unverkennbar hatten die beiden beim illegalen Grenzgang nach RAF-Manier operiert -- den Blumenstrauß zur Tarnung, falsche Ausweise gegen oberflächliche Kontrolle, das schwere Schießzeug für den Ernstfall. Die Frau blieb unbekannt, den Mann aber glaubt die Bundesanwaltschaft jetzt gerichtlich überführen zu können: das 33jährige RAF-Mitglied Rolf Heißler.
Gegen ihn wurde für Anfang nächster Woche Prozeßtermin vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf anberaumt. Heißler muß sich gegen den Vorwurf des Mordes und verschiedener weiterer Delikte verteidigen, darunter Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung und Bankraub.
Polizisten hatten Heißler im Juni 1979 beim Betreten einer Frankfurter RAF-Wohnung verhaftet. Er wurde bei der Festnahme durch einen Kopfschuß schwer verletzt; die Erklärung der Beamten, die sich auf Notwehrsituation beriefen, blieb umstritten. Aufmerksamkeit erweckte der Häftling seither vor allem als Objekt von Überreaktionen bayrischer Justizstellen.
Die Maßnahmen des in der Anstalt Straubing gegen Heißler gerichteten Sondervollzugs reichten von kleinlicher Reglementierung des Hofgangs und des Lesestoffs -- Hungerstreikberichte im SPIEGEL etwa wurden verboten -bis zur Totalisolation. Das Landgericht Regensburg hat dies alles auch angesichts der "Gefahr erheblicher gesundheitlicher Einbußen" als "ganz unverzichtbar" bestätigt.
Besonders gefährlich erscheint Heißler den Strafverfolgungsstellen vor allem aufgrund seiner bewegten Vita im linken Untergrund. Als Wohngenosse der späteren RAF-Oberen Brigitte Mohnhaupt stieß er schon Ende der sechziger Jahre zur linken Militanz. Nach einem Bankraub kam Heißler 1971 zum erstenmal in Untersuchungshaft. Einem Mitstreiter teilte er per Kassiber blutrünstige Vorhaben mit. "uszug: Ich habe mir eh schon überlegt, wenn ich wieder rauskomme" " vielleicht eine elitetruppe von 4, 5 scharfschützen zu " " organisieren, die sich zunächst irgendwo im ausland ausbildet " " + dann zurückkommt + nach einer genau geplanten eskalation " " ein schwein nach dem anderen umlegt. "
Zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, wurde der Häftling schließlich 1975 von den Lorenz-Entführern freigepreßt. Er tauchte für einige Zeit in den nahöstlichen Kampf- und Trainingsstätten linksextremer arabischer Organisationen unter.
Bei späteren Operationen in der Bundesrepublik war Heißler, so glaubt das Bundeskriminalamt, vor allem für Ankauf von Autos und gewaltsame Geldbeschaffung zuständig. Die BKA-Vermutung allerdings, er habe auch zur Schleyer-Entführung Tatfahrzeuge beigesteuert, bleibt im Düsseldorfer Prozeß ausgespart.
Bei ihren Zugriffen im RAF-Untergrund stießen die Fahnder immer wieder auf Heißlers Spuren. Heißler soll nach den Ermittlungen auch jener "Anton Huber" aus Innsbruck sein, der im Mai 1977 in einem Genfer Hotel auf die RAF-Mitglieder Günter Sonnenberg und Verena Becker wartete, die damals unterwegs gefaßt wurden.
Heißler trug bei seiner Festnahme einen Colt jenes Typs, der auch beim Mord von Kerkrade abgefeuert worden war. Das Schießeisen war aus einem Frankfurter Waffengeschäft geraubt worden, ein Beutezug, aus dem schon die Waffe stammte, mit der das RAF-Mitglied Knut Folkerts 1977 in Holland einen Polizisten erschoß; ein Frankfurter Colt fand sich auch am Tatort der Schleyer-Entführung.
Mit Indizien, dazu noch Fingerabdrücken, Schriftproben oder Zeugenaussagen, wollen die Ankläger im Prozeß Heißlers Schlüsselrolle in der RAF-Geschichte belegen.
Eine besonders ergiebige Erkenntnisquelle lieferte ein Sortiment gefälschter RAF-Ausweise. Bei Heißlers Sachen fand sich nach der Frankfurter Festnahme eine italienische "Carta d''Identita" auf den Namen "Teodoro Katte Klitsche". Sie enthielt, so ermittelten die BKA-Experten, das gleiche Siegel, das schon zum Fälschen jenes Passes benutzt worden war, den die in Nürnberg von der Polizei erschossene Elisabeth von Dyck bei sich getragen hatte.
Ein anderes, beim Mord von Kerkrade gesichertes Falsifikat lautet auf den Schweizer "Ernst Thomas Stenzel". Das Dokument, eine Totalfälschung, wurde von den BKA-Sachverständigen für "druckbildidentisch" mit anderen RAF-Ausweisen befunden, etwa den Papieren, die bei Angelika Speitel und Michael Knoll gefunden worden waren.
Wichtigstes Indiz jedoch: Der Stenzel-Ausweis zeigt laut Expertise das gleiche Inhabergesicht wie das in Frankfurt sichergestellte Papier des Italo-Heißler "Teodoro Katte Klitsche".
Dieser Schlüsselbeweis, auf den sich nun das Düsseldorfer Mordverfahren zentral stützt, blieb den Anklägern nur per Zufall erhalten. Denn Stenzels Ausweis fand sich erst, tropfnaß, als die Hose jenes holländischen Zöllners gewaschen wurde, der den Anschlag von Kerkrade verletzt überlebt hatte.
Dem Beamten war im Schock entfallen, daß er den Ausweis des verdächtigen Grenzgängers gerade noch in die Hosentasche stecken konnte, bevor die tödliche Schießerei begann.
S.34
Ich habe mir eh schon überlegt, wenn ich wieder rauskomme,
vielleicht eine elitetruppe von 4, 5 scharfschützen zu organisieren,
die sich zunächst irgendwo im ausland ausbildet + dann zurückkommt +
nach einer genau geplanten eskalation ein schwein nach dem anderen
umlegt.
*
S.34 Beim Bankraub-Prozeß 1972 in München. *

DER SPIEGEL 37/1981
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