07.09.1981

Dr. Schreck und die Neonazis

Eine Ganoven-Karriere mit Polithintergrund beschäftigt seit 20 Jahren immer wieder die deutsche Justiz: Udo Albrecht, Bankräuber und Schlüsselfigur des braunen Untergrunds zugleich. Seine Geschichte zeigt Ursprünge des rechten Terrorismus; dabei spielten Neonazis, Fluchthelfer-Szene und PLO-Guerilla abenteuerlich zusammen.
Der Bankräuber ist bei der Kripo als "gelernter Flitzer" anerkannt. Schon siebenmal entkam er dem Justizgewahrsam. Diesen Mai, in der Zelle der Mannheimer Untersuchungshaftanstalt, trug er sich wieder einmal mit Fluchtplänen, die Schlüssel zum Öffnen der Handschellen waren schon besorgt.
Darauf wurde der Mann ins westfälische Brackwede verlegt, und da auf einmal wirkte er wie umgewandelt. Er verschmähte den Hofgang. Seinem Anwalt kam er "völlig down" vor. Ende Mai registrierten Justizbeamte gar einen Selbstmordversuch -- der Kopf des Häftlings steckte schon in der Schlinge. Augenscheinlich gebrochen, begann er nun auch auszupacken. Er gestand einen Bankraub und benannte drei Waffenverstecke.
Das in Dortmund und München versteckte Schießzeug lag genau wie beschrieben. Nur das Versteck Nr. 3 am Zonenrand nahe Büchen, wo angeblich eine Panzerfaust hart an der Demarkationslinie neben den Gleisen der Interzonenstrecke vergraben worden war, fand sich nicht, obwohl beim Lokaltermin am 29. Juli der Häftling selber buddeln half.
Hinter das Rätsel kamen die Bewacher erst, als sich der nächste Zug näherte. Während die ratternde Eisenbahn einen Moment lang die Bewacher ablenkte, zeigte sich, daß der Häftling gar nicht die Panzerfaust im Sinne hatte. Mit ein paar schnellen Sprüngen querte er die DDR-Staatsgrenze West. DDR-Grenzer stoppten einen nachsetzenden Staatsanwalt mit gezückter MPi. Dann eskortierten sie den Flüchtling durch ein Loch im Zaun.
Der Abgang ins kommunistische Deutschland, das bis Ende letzter Woche das westdeutsche Schreiben mit der Bitte um Rücklieferung des Flüchtlings nicht einmal quittiert hatte, ist die bislang größte Überraschung, die der 41jährige Udo Albrecht der Bundesjustiz bereitet hat. Von der war er zuvor schon wegen der unterschiedlichsten Delikte verfolgt worden, nahezu allesamt kapital: Überfälle auf Geldinstitute in Breda, Heek/Westfalen und Bochum zwischen 1976 und 1979 glauben die zuständigen Landeskriminalämter ihm nachgewiesen zu haben. Die Beute betrug über 350 000 Mark.
Doch Bankraub, meist auch noch mit Geiselnahme, ist nicht Albrechts einzige Spezialität. Er warb schon Söldner für arabische Kriegsschauplätze und hat gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz verstoßen.
Besonders aktiv war er im politischen Untergrund -- links wie rechts: Freund revolutionärer Ultras aus dem palästinensischen Widerstand, aber auch Gründer einer "Wehrsportgruppe Ruhrgebiet". Dem Nürnberger Wehrsport-Mann Karl-Heinz Hoffmann war Albrecht ideologisch wie geschäftlich verbunden. Gemeinsam mit Neonazis verkauften sie Militärautos in den Libanon (SPIEGEL 27/1981).
Ob Albrecht bei der Fluchthelfer-Szene anbandelte, mit Jungnazis die Bank stürmte oder palästinensischen Guerilleros Kriegsgerät verhökerte, immer war ein politischer Hintergrund mit im Spiel, jedoch meist auch viel Geld.
Unter Freunden gilt Albrecht, der in jungen Jahren aus Thüringen in den Westen floh, als Gesinnungstäter und fanatischer Antikommunist. Andererseits ist er aber auch ein Knastologe wie aus dem Reißer. Seit er mit 16 sein erstes Fahrrad klaute, sammelte sich ein eindrucksvolles Register der Taten, Strafen und Ausbrüche an. "uszug: 1956: Vier Wochen Jugendarrest wegen Einbruch, " Kfz-Diebstahl und Falschgelddelikt.
" 1960: Drei Jahre Gefängnis wegen der gleichen Vorwürfe, " zunächst auf freien Fuß gesetzt.
1961: Festgenommen wegen weiterer Delikte.
" 1962: Wegen Diebstahl von Blankoausweisen und Stempeln " festgenommen, aus dem Gefängnisrevier geflohen.
" 1967: In der Schweiz festgenommen, wieder geflüchtet. In der " " Bundesrepublik erneut festgenommen, beim Haftprüfungstermin " entkommen.
" 1968: Verhaftet und wegen verschiedener Rückfalldelikte zu " acht Jahren Zuchthaus verurteilt.
" April 1970: Aus der Strafanstalt Werl geflohen. Im Dezember " " in Zürich mit DDR-Grenze, Bewacher: Mit ein paar schnellen " " Sprüngen ... Grenzgänger Albrecht ... durch das Loch im Zaun " " Sprengstoff und falschen Ausweisen verhaftet. Aus dem " Züricher Polizeigefängnis entflohen.
" 1971: In Wien wegen Einbruch verhaftet und zu fünf Jahren " Schwerem Kerker verurteilt.
1973: In die Bundesrepublik ausgeliefert.
1974: Aus der JVA Bielefeld geflohen.
" 1976: In Hamburg wegen Verstoß gegen das " " Kriegswaffen-Kontrollgesetz verhaftet. Ermittlungen wegen " Bankraub-Beschuldigungen.
1977: Nach Einstellung des Verfahrens freigelassen.
" 1980: Wegen weiterer Bankraub-Vorwürfe verhaftet. "
Angesichts dieser Ganoven-Karriere glauben Beamte des Verfassungsschutzes denn auch, daß beim Überzeugungsrechten Albrecht "das kriminellkommerzielle Element stets das politische überwogen hat".
Tatsächlich wirkt beides zusammen -- ein exakter Standort Albrechts ist in der rechten Subkultur nicht auszumachen, hier sind die Beziehungen diffus. Unter dem gemeinsamen Antrieb des Antikommunismus kommen militante DDR-Gegner und Neonazis zusammen, konspirieren gegen die "Peter-Stuyvesant-Republik" (Albrecht).
Fluchthelferorganisationen haben hier in den siebziger Jahren ihre Mannschaften rekrutiert. Nachrichtendienstler, voran bundesdeutsche Verfassungsschützer, haben es nicht zuletzt aufgrund der gemeinsamen, antiöstlich gerichteten Interessen leicht, das Milieu zu durchdringen.
Aber auch die DDR-Organe selbst sind rechts unten aktiv. Das belegen zahllose fehlgeschlagene Anti-DDR-Aktionen westdeutscher Rechter, die offenbar verraten wurden, oder auch ein gelegentlicher Mord. Letztes Jahr beispielsweise wurde der engagierte DDR-Gegner Bernd Moldenhauer ("Gesellschaft für Menschenrechte") von einem ins Milieu geschleusten Agenten des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) erdrosselt. Die Auftragstat gestand der MfS-Mann Aribert Freder, ein 46jähriger Busfahrer, der dafür kürzlich zu zehn Jahren Freiheitsstrafe, wegen Totschlag, verurteilt worden ist.
Auf diesem Feld hat auch Udo Albrecht selbst seit Jahren für Gesprächsstoff gesorgt. Hamburger Rechte, die Kontakt zu ihm bekamen, sagen dem Mitstreiter sogar MfS-Verbindungen nach.
Auch die Rechtsaußenpresse nahm Albrechts DDR-Flucht gern als neuen Beleg für eine Theorie, die schon Franz Josef Strauß und andere Christlich-Konservative öffentlich gemacht haben: daß nämlich neonazistische Aktivitäten in der Bundesrepublik vom Osten gefördert seien. Die neo-braune "National-Zeitung" über den Grenzübertritt von Büchen: "Aufschlußreiche Flucht."
Zwar hatte Albrecht in jedem Falle allen Grund, sich der westdeutschen Justiz zu entziehen: Sein Anwalt rechnete in dem für Oktober angesetzten Strafverfahren mit einer Freiheitsstrafe von fünfzehn Jahren und anschließender Sicherungsverwahrung.
Doch unter Weggefährten gilt die DDR-Flucht des weitbekannten Neofaschisten-Spezis ebenfalls als verdächtig. Sie erinnern an dubiose Vorfälle um Albrecht während der siebziger Jahre.
Damals hatte in der Hansestadt der aus DDR-Haft freigekaufte Michael Gartenschläger eine Gruppe von SED-Gegnern um sich versammelt, einig in stramm rechter Gesinnung sowie in Rachemotiven gegenüber dem ostdeutschen Staat.
Spektakulär machten die Gartenschläger-Leute von sich reden, als sie Anfang 1976 vom DDR-Grenzzaun einen Todesschußautomaten vom Typ SM 70 abbauten und im SPIEGEL (16/1976) öffentlich präsentierten. Bei einem Versuch, den Coup zu wiederholen, wurde Michael Gartenschläger im April 1976 von DDR-Grenzern erschossen.
Bei seinen Freunden meldete sich kurz darauf ein bekannter Gesinnungsgenosse, der heute 31jährige Ekkehard Weil. Der ist als rechtsextremer Aktivist bekannt, seit er 1970 auf den Wachposten am West-Berliner Sowjet-Ehrenmal geschossen hat. Weil bot den Hamburgern Geld und Waffen für weitere Taten im Kalten Krieg. Dann führte er einen kleinen Düsteren mit Pseudonym ein -- "Dr. Schreck aus Westdeutschland".
Was Dr. Schreck, in Wahrheit Udo Albrecht, in seinen Koffern hatte, fasziniert seine damaligen Gastgeber bis heute: "Ein ganzes Arsenal von Waffen, Geld -- bündelweise Tausendmarkscheine --, eine komplette Fälscher-Garnitur bis hin zu Blanko-Dokumenten."
Mißtrauisch machte die Freunde allerdings, daß Albrecht auch Killergerät bei sich hatte -- Pistolenschalldämpfer und eine Mini-MPi vom Typ "Ingram", die geräuscharm schießt. Auch interessierte sich der Gast diskret, aber nachhaltig für Pläne und Lebensgewohnheiten von führenden Gruppenmitgliedern. Unter Freunden versuchte er Informationsgeber zu ködern. So versprach er einem von ihnen, Waffenausbildung im Libanon zu vermitteln, und zeigte Bilder von Fedajin-Camps vor.
Bedenklich stimmte in der "Kampfgruppe Gartenschläger" zudem, daß nach Angaben Ekkehard Weils der eben noch als Antikommunist und ingrimmiger DDR-Hasser eingeführte Doktor öfters via Ost-Berlin nach Nahost zu fliegen pflegte. Am Ende ängstigten sich die Gartenschläger-Leute, Albrecht könne in Wirklichkeit vielleicht den Auftrag haben, "einen Beschluß der zuständigen DDR-Organe, der mit der Demontage von SM 70 zusammenhing, zu vollstrecken".
Ein Tip aus der Szene beendete schließlich die Episode: In der Wohnung eines der DDR-Gegner wurde Albrecht Ende 1976 verhaftet.
In ihrem MfS-Verdacht sahen sich die Leute von der Kampfgruppe danach noch bestätigt, als kurz nach Albrechts Verhaftung noch einmal ein neues Gesicht auftauchte. Ein angeblicher Journalist namens Andreas Jost machte sich an Gruppenmitglieder heran und forschte nach Einzelheiten zum Ablauf der Polizeiaktion gegen S.63 Albrecht. Jost wurde später wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit für das MfS in Hamburg verurteilt.
Die ganze Szenerie war Albrecht-typisch. Der Unterweltler, der sich nach Ansicht von Verfassungsschützern gern mit "heruntergekommenen Rechten" einließ, war kein Fremder in Gegenden wie dem Reeperbahn-nahen Pferdemarkt in Hamburg, wo Gartenschlägers Leute siedelten.
Hier mischt sich St.-Paulianer-Milieu mit politischer Außenseiter-Szene. V-Männer in Scharen halten die Ohren und manchmal auch die Hände auf. Um das ergiebige Informationsklima nicht zu stören, übersieht die Polizei so manche Eskapade. Gartenschläger-Gesellen erinnern sich an Klönschnacks mit Beamten, wo "bei Bockwurst und Bier" Einschätzungen ausgetauscht oder Pläne erörtert wurden und die Aktivisten mit Mahnungen, "die Grenzen der Legalität nicht zu überschreiten", davonkamen.
In derart glitschiger Umgebung wußte Albrecht offenbar politische mit kriminellen Anreizen systematisch und einträglich zu mischen. Beispiele:
Mit dem 25jährigen Joachim Gröning, einem früheren Funktionär der "Jungen Nationaldemokraten", hat PLO-Freund Albrecht die "Abneigung gegen Juden" (Gröning) und gegen die "Verräter in Bonn" (Albrecht) gemein. Gemeinsam raubten sie im Frühjahr 1979 die Bochumer Volksbank aus. Teile der Beute aus einem Überfall auf die Volksbank im westfälischen Heek (265 000 Mark) kamen wiederum organisierten Fluchthelfern und Neonazis zugute.
Die Kooperation mit dem abenteuerlichen Albrecht war riskant und für manchen Weggefährten verhängnisvoll. Palästinenser beklagten sich, daß von Albrecht vermittelte Kampfgenossen aus Europa auf dem nahöstlichen Kriegsschauplatz für eigene Rechnung beschlagnahmten; einige der Plünderer wurden an Ort und Stelle dafür gemaßregelt und eingesperrt.
Einige von Albrechts Freunden blieben unterwegs hängen, wie einmal Eckehard Weil mit Genossen beim Transit in Jugoslawien. Ein anderer, der in Albrecht-Mission bei den Jugoslawen festkam, der frühere Bundeswehr-Boxchampion Kurt Wolany, starb in der Haft -- an Schlägen der Bewacher, wie Mitgefangene berichten.
Die Kampfgruppe Gartenschläger schließlich fiel mit heißen Schecks aus Albrechts Besitz herein: Ekkehard Weil öffnete ihnen 1977 in Berlin ein Depot des seinerzeit Inhaftierten mit Scheckformularen aus dem Bankeinbruch in Heek. Beim Einlösen wurden zwei der Hamburger erwischt.
Ein Freund überliefert, der DDR-Flüchtling und gebürtige Thüringer Albrecht habe "vor allem persönliche Motive, das kommunistische Herrschaftssystem zu hassen". Nach eigenen Angaben hat Albrecht, dessen Vater und Großvater als NS-Belastete von den sowjetischen Besatzern verfolgt wurden, in der DDR gegen das System konspiriert und 1955, nach Behelligungen durch die Sicherheitsorgane, zusammen mit dem Vater die Flucht nach Westen geschafft.
Hier aber enttäuschte den Flüchtling die lasche Realität des nur verbal dröhnenden Antikommunismus, und er kündigte unter Gesinnungsgenossen an, die "kackarschigen Forderungen auf Wiedervereinigung der Regierenden durch konkrete Tat mit Gehalt zu füllen".
Mitstreiter wurden insgeheim ausgehoben, eine "Volksbefreiungs-Front Deutschland" in kleinem Kreise ausgerufen. Fernziel der Verschwörer war ein durch Guerillakampf von Besatzern und System befreites Land mit einer "von unten delegierten Volksherrschaft". Als Vorbild galten vor allem die arabischen Befreiungsbewegungen, mit denen ab Anfang der siebziger Jahre Kontakt bestand, denn, so Albrecht, "was zum Aufbau einer Organisation nötig war, war eine sichere Basis im Ausland".
Als Albrecht-Biograph dieser Jahre machte ein Mitstreiter namens Willi Pohl auf sich aufmerksam. Wie Albrecht hatte auch Pohl, in Europa von der Polizei wegen verschiedener Delikte gesucht, wahre Freunde bei den linken palästinensischen Guerilleros gefunden. In einem unter Pseudonym in der Schweiz veröffentlichten Buch
( E. W. Pless: "Geblendet. Aus den ) ( authentischen Papieren eines ) ( Terroristen". Schweizer Verlagshaus AG ) ( Zürich; 382 Seiten; 29,80 Mark. )
schreibt Pohl, teils tatsächlich authentisch, über seine Rolle im palästinensischen Terror der siebziger Jahre und den gemeinsamen Weg mit seinem Mentor Udo Albrecht, im Buch als "Schickel" verfremdet.
Die Freundschaft ging schließlich in die Brüche, und Albrecht nutzte seinen Aufenthalt in Hamburg, den in der Umgebung aufgespürten Pohl nächtens mit bewaffneter Begleitung aufzusuchen und zu bedrohen. Schützenhilfe gaben die Gartenschläger-Leute; die Jungs vom Pferdemarkt stiegen dann auch noch einmal bei Pohl ein und nahmen einen Dokumentenkoffer mit.
Bis zum Bruch aber waren Albrecht und Pohl eng verzahnt. Sie hatten in Deutschland auch denselben Anwalt, den Recklinghausener Wilhelm Schöttler, der Angehöriger mehrerer deutscharabischer Vereinigungen ist und 1972 als Anwalt die überlebenden München-Attentäter vertreten hatte.
Nach dem Olympia-Massaker wurde der Zusammenhang Pohl--Albrecht noch auf andere Weise notorisch. Beide waren, so zeigte sich, den palästinensischen Terroristen in Europa beim Aufbau der nötigen Infrastruktur behilflich gewesen. Drei Wochen nach dem Olympia-Attentat wurde Pohl mitsamt einer Ladung von Waffen, wie sie auch die Attentäter benutzt hatten, in München erwischt. Der zuständige Richter schrieb unter anderem in den Haftbefehl: "Der Beschuldigte plante gemeinsam mit ... Walli Saad alias Abu Daud die gewaltsame Befreiung ... des Albrecht."
Eine Großaktion wie die mit der Spitzenfigur Abu Daud unternahmen die Mannen vom "Schwarzen September" nicht nur dem inhaftierten Albrecht zuliebe -- um Pohl bemühten S.66 sie sich mit ähnlicher Energie. Als palästinensische Geiselnehmer 1973 die saudi-arabische Botschaft in Khartum stürmten, stand die Freilassung Pohls aus deutscher Haft auf der Liste ihrer Forderungen.
Die Verbindung zu den Palästinensern datiert von 1970, als Albrecht bei den damals noch in Amman residierenden PLO-Chefs vorsprach. Pohl: "Er vereinbarte eine Zusammenarbeit auf Gegenseitigkeit. Wir erhielten die Erlaubnis, auf von der Fatah kontrolliertem jordanischen Gebiet einen Stützpunkt zu errichten, als Gegenleistung boten wir Unterstützung im Kampf gegen Israel an."
Mit mehreren abenteuerlustigen Kombattanten zusammen zog Albrecht in den Nahen Osten. Als die jordanische Armee im September 1970 die Palästinenser in einem blutigen Krieg aus dem Land trieb, kämpften Albrechts Leute auf Seiten der Fedajin und gerieten teils in jordanische Gefangenschaft.
Seit der Zeit rühmen PLO-Verantwortliche Albrecht als "tapferen Mann" und "guten Freund". Zahlreiche Eintragungen von Libanon-Einreisen im Paß und eine ausweisartige PLO-Empfehlungskarte auf den Namen "Hermann Schreiber", aber mit Albrecht-Paßbild, beweisen, daß der Freund seither des öfteren willkommen geheißen wurde. Seine rechtslastige Herkunft tut dabei nichts zur Sache. Ein PLO-Sprecher: "Wir sind nicht für seine Gedanken verantwortlich."
Die hat er ohnedies meist verborgen gehalten. Beispiele Albrechtscher Kaschierungstechniken erlebte auch der Mann, der dem rechten PLO-Spezi 1970 die Ausreise aus den jordanischen Kriegswirren ermöglichte -- der jetzige stellvertretende SPD-Vorsitzende Hans Jürgen Wischnewski, den Bonn als Vertrauten arabischer Angelegenheiten ("Ben Wisch") des öfteren auf heikle Nahostmission entsandte.
Wischnewski war im September 1970 gerade vom Kanzler Willy Brandt nach Amman beordert worden, wo Angehörige der radikalen "Volksfront zur Befreiung Palästinas" in einer spektakulären Aktion drei Passagierflugzeuge auf einen jordanischen Wüstenairport entführt hatten. Auch Deutsche waren an Bord.
Während der Verhandlungen mit den Palästinensern begann der Bürgerkrieg. Wischnewski war schon einige Tage in der Botschaft unfreiwillig gefangen, da trafen weitere Landsleute ein: Jordanier lieferten zwei Deutsche ab, die sie "aufgegriffen" hätten.
Die machten widersprechende Angaben über ihre Identität, besonders der kleinere von beiden, der sich als "Kaiser" vorstellte. "Das erste Mal, als der das Maul aufmachte", erinnert sich Wischnewski, "wußte ich, daß kein Wort stimmte, was er sagte."
Kaiser war Albrecht, stellte sich später heraus. Die Polizei suchte ihn, wie Wischnewski erst daheim erfuhr, nach dessen jüngstem Ausbruch aus der JVA Werl. Auch ohne dies Einzelwissen aber fanden es die Diplomaten "unangenehm, so einen in der Botschaft zu haben", und bemühten sich, schnellstens die Ausreise zu arrangieren.
Doch der Schutzbefohlene tischte immer neue Identitäten auf. Zunächst gab er sich als Firmenvertreter, der Lkw-Ersatzteile verkauft, aus. Dann, als die Botschaft anbot, über Funk Kontakt zur Firma zu vermitteln, bekannte Albrecht, "Neonazi im Kampfauftrag der PLO", schließlich gar DDR-Bürger und Vopo-Angehöriger zu sein; er habe örtliche Kämpfer im Gebrauch der Kalaschnikow zu unterweisen. In Wahrheit war das alles wohl nicht so weit hergeholt, klang für Außenstehende aber ungereimt.
So blieb der rätselhafte Fremde noch drei Tage in der Botschaft, bis Wischnewski nach beendeter Mission das Abflauen der Kämpfe nutzte, gemeinsam mit den beiden Unbekannten Jordanien per Auto zu verlassen. Erst im saudi-arabischen Tabuk erreichte Ben Wischs versprengte Reisegruppe ein Flugzeug nach Dschidda.
Kaum dort angekommen, noch auf dem Flughafen, empfahl sich Udo Albrecht auf seine Art, die deutschen Staatsanwälten bis heute so geläufig ist. Wischnewski: "Einmal hab'' ich mich umgedreht, schon war er weg."
S.59
1956: Vier Wochen Jugendarrest wegen Einbruch, Kfz-Diebstahl und
Falschgelddelikt.
1960: Drei Jahre Gefängnis wegen der gleichen Vorwürfe, zunächst auf
freien Fuß gesetzt.
1961: Festgenommen wegen weiterer Delikte.
1962: Wegen Diebstahl von Blankoausweisen und Stempeln festgenommen,
aus dem Gefängnisrevier geflohen.
1967: In der Schweiz festgenommen, wieder geflüchtet. In der
Bundesrepublik erneut festgenommen, beim Haftprüfungstermin
entkommen.
1968: Verhaftet und wegen verschiedener Rückfalldelikte zu acht
Jahren Zuchthaus verurteilt.
April 1970: Aus der Strafanstalt Werl geflohen. Im Dezember in
Zürich mit DDR-Grenze, Bewacher: Mit ein paar schnellen Sprüngen ...
Grenzgänger Albrecht ... durch das Loch im Zaun Sprengstoff und
falschen Ausweisen verhaftet. Aus dem Züricher Polizeigefängnis
entflohen.
1971: In Wien wegen Einbruch verhaftet und zu fünf Jahren Schwerem
Kerker verurteilt.
1973: In die Bundesrepublik ausgeliefert.
1974: Aus der JVA Bielefeld geflohen.
1976: In Hamburg wegen Verstoß gegen das Kriegswaffen-Kontrollgesetz
verhaftet. Ermittlungen wegen Bankraub-Beschuldigungen.
1977: Nach Einstellung des Verfahrens freigelassen.
1980: Wegen weiterer Bankraub-Vorwürfe verhaftet.
*
S.61 Am 29. März 1976, bei Vorbereitungen zur Demontage einer Selbstschußanlage am DDR-Grenzzaun in der Nähe von Büchen. * S.63 E. W. Pless: "Geblendet. Aus den authentischen Papieren eines Terroristen". Schweizer Verlagshaus AG Zürich; 382 Seiten; 29,80 Mark. * S.66 Wracks der 1970 von Palästinensern gesprengten drei Passagier-Jets. *

DER SPIEGEL 37/1981
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