08.02.1982

GRIECHENLANDWie ein Falke

Ehebruch soll nach dem Willen der regierenden Sozialisten nicht mehr strafbar sein - für den Klerus unannehmbar.
Heute früh", erzählte Bischof Ambrosios seinen Kirchenbrüdern, "kam der Heilige Geist zu mir."
Der Heilige Geist sagte zu Ambrosios nach dessen Bekunden: "Macht Euch keine Sorgen und seid nicht verbittert. Es ist doch alles vergebens. Denn alles, was Ihr in der Hierarchie beschließt, wird der Erzbischof torpedieren. Er arbeitet doch mit der Regierung der Atheisten und Marxisten zusammen, ist Verräter der Kirche und Totengräber der Ehe."
Noch behielt Erzbischof Seraphim, Primas der Kirche Griechenlands, die Fassung. Zum Handeln sah er sich erst gezwungen, als Ambrosios den Staatspräsidenten Karamanlis einen "Verbrecher", Ministerpräsident Papandreou einen "Mörder und Atheisten", dessen Regierung "marxistisch und gottlos" schimpfte. "Wie ein Falke auf seinen Bruder", so Bischof Ambrosios, stürzte sich Seraphim auf ihn und zerrte ihn wütend am Bart.
Der Sitzungssaal der Heiligen Synode "glich einem Fußballplatz", fand die Zeitung "To Vima": Bischöfe, die sich ebenfalls in die Barthaare kriegten, während andere die frommen Streithähne auseinanderzubringen suchten.
Als endlich Friede in den Saal einkehrte, war der Erzbischof bereit zur Kapitulation. Einstimmig beschloß die Bischofskonferenz, die Pläne der Sozialisten abzulehnen, die im Rahmen einer Familienrechtsreform die Zivilehe einführen wollen. Die nichtkirchliche Eheschließung sei "Ehebruch und Hurerei".
Damit stehen Griechenlands Popen gegen eine Reform der Sozialisten, die wenig kostet und breite Zustimmung im Volk hat. Ihr Kern: Entkriminalisierung des Ehebruchs und Abschaffung der Alleingültigkeit der kirchlichen Ehe.
Laut Artikel 357 des griechischen Strafgesetzbuches kann ein Seitensprung ein Jahr Gefängnis einbringen. Verurteilte Ehebrecher dürfen den jeweiligen Partner nicht heiraten.
In der Strafandrohung bei ehelicher Untreue sehen Griechenlands Linke ein "Instrument gemeiner Erpressung und Geldschinderei". Rund 70 Detektivbüros befassen sich in Athen vorwiegend damit, Ehebrecher zu beschatten. Mit 20 000 Fällen erzielten sie im vorigen Jahr zwei Millionen Mark Umsatz.
Da in einem Ehebrecher-Prozeß der Nachweis geführt werden muß, daß es zum Geschlechtsakt kam, lauern die Fahnder ihren Opfern mit Teleobjektiven, Tonband- und Abhörgeräten auf. Gelegentlich kidnappen betrogene Ehemänner mit Hilfe von Freunden, Verwandten oder auch Polizisten die in flagranti ertappten Liebesleute und liefern sie auf dem nächsten Polizeirevier ab.
Die Anfang Dezember angekündigte Straffreiheit für außereheliche Liebe löste harsche Kritik der Kirche aus. Das bedeute "den Gnadenschuß für die Familie". Noch größere Schwierigkeiten aber bekamen die Sozialisten mit der Geistlichkeit, als sie an dem jahrhundertealten Privileg der Kirche rüttelten, als Standesamt zu wirken.
893 nach Christus wurde durch ein Dekret des Byzanz-Kaisers Leon des Weisen die sogenannte "religiöse Ehe" als obligatorisch eingeführt. An dieses Dekret klammert sich die Kirche, sooft es in der Vergangenheit darum ging, parallel zur kirchlichen auch eine zivile Eheschließung gelten zu lassen.
Die Tatsache, daß Griechenland heute als einziges europäisches Land eine standesamtliche Ehe nicht kennt, bringt Hunderttausenden Auslandsgriechen und Gastarbeitern große Schwierigkeiten. Ihre standesamtliche Heirat, im Ausland geschlossen, ist in Griechenland nichtig. Kinder aus dieser Ehe werden als außerehelich betrachtet und können, ebenso wie die Ehefrau, den Vater oder Mann nicht beerben. Ein Grieche, dessen Ehe nicht den Segen der Kirche hat, gilt als unverheiratet.
Nicht nur die EG-Vollmitgliedschaft Griechenlands hat eine Angleichung seiner Eherechtsbestimmungen an das europäische Recht notwendig gemacht. Längst auch sahen liberale Griechen und natürlich Atheisten im Exklusivrecht der Kirche eine Verletzung der in der Verfassung garantierten Glaubensfreiheit.
Nach der vom sozialistischen Regierungschef Papandreou angekündigten Eherechtsreform sollten sich die Griechen zunächst entweder für eine Zivilehe oder für eine kirchliche Eheschließung entscheiden können. Ein neuerlicher Gesetzentwurf, der im Februar eingebracht wird, soll jetzt die Zivilehe für alle Griechen obligatorisch machen. Die kirchliche, der sich im vorigen Jahr auch Papandreous Tochter Sophia unterzog, soll dagegen freiwillig sein.
Hatte sich Erzbischof Seraphim im Gegensatz zu seinen Bischöfen mit dem ersten Entwurf noch einverstanden erklärt, drohte er im Einvernehmen mit allen Kirchenoberen jetzt jedem Griechisch-Orthodoxen, der nur eine Zivilehe eingeht, die Exkommunikation an. Der Erzbischof von Florina, Agostinos, will gar die Gottlosen nicht mehr beerdigen, deren Kinder nicht mehr taufen.
Für die Kirchenfürsten geht es auch um Geld. Rund ein Drittel der Kircheneinnahmen aus den Sakramenten stammen aus Abgaben für Eheschließungen.
Brautpaare können für 20 bis 300 Mark Trauzeremonien der Klasse A, B und C kaufen. Extras wie Kerzen, Blumen und Kirchensänger kosten mehr, und gegen Aufgeld kann die Zeremonie noch gestreckt, der Segen reichlicher ausgeschüttet werden. Insgesamt kann so eine Feier dann auf 10 000 Mark kommen.
Die Sozialisten blieben angesichts der Drohgebärden der um ihre Pfründe bangenden S.138 Bischöfe ungerührt. Zwar sei der Standpunkt der Kirche wie der jeder anderen Interessengruppe zu respektieren, befand Justizminister Stathis Alexandris, der Staat werde über seine Gesetzgebungsbefugnis jedoch keinesfalls mit der Kirche diskutieren.
Die Regierung, die noch auf ein Einlenken der Kirchenmänner hofft, hat noch ein paar Trümpfe in der Hand. So ließ sie durchsickern, sie könne die aus dem Staatshaushalt besoldeten Bischöfe wie alle Griechen mit 65 Lebensjahren pensionieren. Dies würde bedeuten, daß fast zwei Drittel der insgesamt 78 orthodoxen Bischöfe den Dienst quittieren müßten.
Weitaus schmerzlicher wäre für die Kirche, wenn Athens Sozialisten den Plan, das Kirchenvermögen zu verstaatlichen, in die Tat umsetzten. Denn nächst dem Staat ist Griechenlands Kirche der größte Unternehmer und Latifundienbesitzer des Landes.
S.136 Eheschließung der Papandreou-Tochter Sophia mit Theodoros Katsanevas am 30. Juli 1981. Rechts vom Brautpaar die Brauteltern Andreas und Margaret Papandreou. *

DER SPIEGEL 6/1982
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