07.09.1981

TESTSWas sagt Rommel?

Mit zum Teil absurden Fragen testen Unternehmer Lehrstellenbewerber.
Wie viel Tiere nahm Moses mit auf seine Arche?" -- "Wie viele Geburtstage hat der Mensch?"
Mit solchen und ähnlichen Fragen will nicht etwa Fernseh-Quassler Hans Rosenthal Quizkandidaten aufs Kreuz legen, denen nicht dalli-dalli einfällt, daß nicht Moses, sondern Noah die Verladeaktion leitete und daß der Mensch nur einen Geburtstag hat.
Es ist kein Spiel, sondern der Ernst des Lebens: Nach einer Studie der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) finden sich unter den Tests, die Bewerber für freie Lehrstellen in vielen Betrieben bestehen müssen, derartige Fangfragen.
Überhaupt, entdeckten die DAG-Kontrolleure bei der Durchsicht der Berichte von Betriebsräten über die Testpraxis vor Ort, scheint für manche Betriebe eine fundierte Kreuzworträtselbildung eine gute Voraussetzung dafür zu sein, ob einer Schlosser, Fliesenleger oder Kfz-Mechaniker lernen darf.
Da wollen sich Firmen von heranwachsenden Lehrstellenbewerbern definieren lassen, was Schiiten sind, oder sämtliche Namen der bayrischen Minister wissen. Nach "mindestens zwei Sehenswürdigkeiten in Dresden" wird ebenso gefragt wie nach dem Standort des Holstentores oder dem Begründer der deutschen Sozialversicherung.
Tests dieses Kalibers müssen sich in der Bundesrepublik immer mehr Jugendliche S.92 unterziehen, seit die Geburtsjahrgänge stark sind und das Lehrstellenangebot schwach ist. Vor allem Großbetriebe, um deren krisensicher erscheinende Arbeitsplätze sich die Jugendlichen reißen, stellen fast nur noch Lehrlinge ein, die Kopfrechenkunststücke absolviert, unter Zeitdruck aus langen Kolonnen falsch herumgeschriebene Buchstaben angekreuzt oder komplizierte Diktate zu Papier gebracht haben. Auch mittlere und sogar Kleinbetriebe setzen bei der Auswahl der richtigen Leute nun schon auf den Fragebogen.
Aus einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft geht hervor, daß von 74 Betrieben, die auf eine Anfrage des Unternehmerinstituts reagierten, 67 "bei Personalentscheidungen Tests mit heranziehen". Diese Firmen drehten allein 1979 rund 100 000 Bewerber durch die Mühlen.
Aus dem riesigen Bewerberheer wird herausgepickt, wer im Test brilliert. Bei der Deutschen Bank etwa bewarben sich 1979 gut 31 000 Schulabgänger um einen Ausbildungsplatz. 21 000 wurden anhand der Unterlagen sofort abgelehnt. Nach dem Test, an dem 7400 Lehrstellenbewerber teilnahmen, wurden nur noch 4500 zu einem Einstellungsgespräch geladen, mit 1700 schließlich wurde ein Ausbildungsvertrag geschlossen. Testversager waren chancenlos, kaum ein Hauptschüler kam ans Ziel.
Ein Automobilkonzern ließ gar tausend Bewerber in ein schier aussichtsloses Testrennen gehen: Nur ganze 33 Plätze waren zu besetzen.
Sogar wer Polizist oder Beamter im gehobenen Dienst werden will, muß erst einmal über die Testhürde. Selbst der Staat vertraut bei der Besetzung von Ausbildungsplätzen offenbar nicht mehr nur dem, was die schließlich doch beamteten Lehrer an Abschlußnoten geben.
Daß der Test ein "nützliches Instrument" ist, wie der Leiter des Zentralen Bildungswesens bei den Farbwerken Hoechst, Professor Rudolf Amthauer, schreibt, entdeckten Personalmanager, als sich seit Beginn der siebziger Jahre die Bildungsziele der Schule und die Anforderungen der Betriebe deutlich auseinanderentwickelten.
Denn im Zuge der Reformbegeisterung wurde in manchen Schulen Rechtschreibung klein geschrieben, in der auf Fakten zielenden Allgemeinbildung eher eine überflüssige Kulturtechnik gesehen und statt das Einmaleins zu üben, lieber nach mathematischen Strukturen gefragt. Anhand seiner Tests kam der Hoechst-Professor Amthauer zu dem Ergebnis, daß die Rechenleistungen der Schulabsolventen immer schlechter wurden.
Kein Wunder, daß mancher Personalmanager da den Kopf über die Zwei S.93 eines Bewerbers in Deutsch schüttelt, dessen Leistungen in der Rechtschreibung mangelhaft sind. Schulnoten, die noch heute entscheiden, ob einer Zahnarzt studieren darf oder nicht, gelten bei den Ausbildungsbetrieben wenig.
Tests, schwören ihre Erfinder, ermöglichen eine weit präzisere Vorhersage, ob einer im Beruf eine Niete wird oder nicht. So präsentiert Amthauer eine Untersuchung mit erstaunlich hoher Übereinstimmung zwischen Testergebnis, Abschneiden im Ingenieur-Examen und betrieblicher Bewährung. Bei Ingenieuren konnten danach in über 80 Prozent der Fälle die Prüfungsnote und die Vorgesetzten-Beurteilung nach fünf Berufsjahren richtig vorhergesagt werden.
Allerdings, solche Treffergenauigkeit läßt sich nur mit wirklich seriösen Tests erzielen. Doch bei weitem nicht alles, was jungen Menschen zum Ausfüllen vorgelegt wird, ist seriös.
Viele Tests, die sich Betriebe zusammenzimmern, haben mit dem, was in einem bestimmten Beruf verlangt wird, so gut wie nichts zu tun. Auch fehlt oft der Nachweis, daß die getesteten Fähigkeiten genau die sind, die Erfolgreiche in dem entsprechenden Beruf ausweisen. Dem DAG-Jugendfunktionär Achim Beus erscheinen sie überdies oft wie "ein Filter zur Abwehr von Hauptschülern" -- etwa wenn unter der Rubrik "Sprachgewandtheit" gefordert wird, Wörter wie Numismatiker, Inflation, Essay, Fiktion und Angebotsmonopol einzudeutschen.
Mit sinnvoller Beurteilung hat es zumeist nichts zu tun, wenn sich Handwerksmeister auf dem Büchermarkt irgendwelche Intelligenztests besorgen oder, schlimmer noch, sich selbst ausdenken. Da müssen dann angehende Schlosser aus dem Zusammenhang gerissene Intelligenztests lösen oder sich in die Erinnerungswelt ihres potentiellen Chefs versenken: "Was sagt Ihnen der Name Rommel?"
Aber nicht nur, was einer weiß und kann, auch was einer denkt und fühlt, ist für manchen Betrieb von Interesse. Das soll mit sogenannten Persönlichkeitstests ermittelt werden, die laut DAG dazu dienen, "Menschen bestimmten Kategorien bzw. Typologien zuzuordnen".
Solche Psycho-Ausforschung kommt auf den Fragebögen oft ganz harmlos daher, da werden dem Prüfling Themen für Kurzaufsätze zur Auswahl gestellt: "Warum ist der moderne Staat auch ohne Parteien denkbar?" "Kann der Tourismus zur Völkerverständigung beitragen?" "Welche Überlegungen waren für meine Berufswahl ausschlaggebend?"
"Wer sich für den Tourismus entscheidet", argwöhnt DAG-Mann Beus, "der gilt doch gleich als unmotiviert, und wer über das Politthema schreibt, da wissen die doch gleich, wo es lang geht." Testerfahrene entscheiden sich selbstverständlich für das Thema Berufswahl.
Große Chancen, den Teststreß zu mildern, sehen die DAG-Leute nicht. "Denn wer die Spielregeln nicht akzeptiert", weiß Beus, "kann sehen, wo er eine Lehrstelle herkriegt." Das beste Mittel, über die Testschwelle zu kommen, sei immer noch, möglichst viele Eignungsprüfungen mitzumachen, denn: "Üben hilft."
Trotz aller Kritik -- auch in der Gewerkschaft ist die Testgläubigkeit an der Basis weit verbreitet. So mußte sich DAG-Jugendleiter Rudolf Helfrich von gestandenen Kaufhausangestellten sagen lassen, die jungen Leute sollten sich doch nicht so anstellen, Tests seien halb so schlimm.
Da wurde es Helfrich zu bunt. Kurzentschlossen zog er einschlägige Testformulare für kaufmännische Berufe hervor und ließ sie von den alten Hasen ausfüllen.
Auswertungsergebnis: Mehr als die Hälfte hätte heute keine Chance, als Lehrling anzufangen.
S.93 Aus einer Informationsschrift der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft über "Auslesetests für Auszubildende". *

DER SPIEGEL 37/1981
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