29.06.1981

ATOMMÜLLIn Tücher wickeln

Strahlender Schrott vom abgetakelten Atomschiff „Otto Hahn“ lagert in einem provisorischen Erdbunker bei Hamburg - niemand weiß, wohin damit.
Der Kondukt bewegte sich im Schritttempo durch die Straßen des Elbstädtchens Geesthacht. Die Anteilnahme war groß, Ortsprominenz erschienen. Tausende gaben das letzte Geleit.
Unter die Erde gebracht wurde, am Mittwoch letzter Woche, ein 480 Tonnen schwerer Koloß: Europas stärkster Landkran hievte den Reaktordruckbehälter des stillgelegten westdeutschen Atomfrachters "Otto Hahn" in einen 13 Meter tiefen Schacht.
Lange bevor das radioaktive Schiffsteil auf 32 Achsen mit 256 Rädern -über eigens verstärkte Kaimauern und frisch betonierte Straßen -- zum Gelände der "Gesellschaft für Kernenergieverwertung S.83 in Schiffbau und Schifffahrt mbH" (GKSS) geschafft wurde, gab es für die Polizei in Hamburg und Schleswig-Holstein Großalarm.
Ein anonymer Anrufer hatte gedroht, er werde den Konvoi mit einer geklauten Bundeswehr-Rakete stoppen. Als das massige Monstrum in die Kleinstadt einrollte, versuchten indes nur 300 Demonstranten, die Fahrbahn zu blockieren -- gewaltlos bis auf einen, der sich dazu hinreißen ließ, einem Beamten in den Finger zu beißen.
Mit der Protestaktion gegen den Schwertransport wollten Geesthachter Atomgegner ihren Unmut darüber kundtun, daß es in ihrer Heimatstadt nun gleich vier nukleare Gefahrenquellen gibt: neben einem Forschungsreaktor, einer Sammelstelle für schwach strahlende Abfälle aus Krankenhäusern und dem in Kürze betriebsbereiten Kernkraftwerk Krümmel jetzt auch noch den Reaktorbehälter der "Otto Hahn".
Die Demonstranten befürchteten, der strahlende Schiffsschrott solle womöglich bis in alle Ewigkeit im Geestboden der Elbgemeinde verschwinden -- "unter dem Motto: Loch graben, Reaktordruckbehälter hinein, Sand drauf, fertig ist die Endlagerung" (Flugblatt-Text).
Mit gutem Grund mißtrauen die Kernkraftkritiker offiziellen Beteuerungen, der Atommüll werde in dem ausbetonierten, überdachten Senkschacht nur "fünf bis sechs Jahre" gelagert, damit Wissenschaftler die "einmalige Chance" nutzen können, "Stahlqualitäten von einem Reaktor zu untersuchen" (GKSS-Geschäftsführer Erich Schröder).
Besondere Eile werden die Geesthachter Forscher, so steht zu erwarten, bei ihren Untersuchungen nicht an den Tag legen. Denn die von der Kieler Landesregierung ausgestellte Genehmigung, "mit radioaktivem Material umzugehen", ist unbefristet. Und eine Endlagerstätte, die den Reaktorbehälter nach den Tests aufnehmen könnte, gibt es in Westdeutschland nicht.
Die Proteste gegen die "heimliche Einführung der Endlagerung in Geesthacht", so eine örtliche Bürgerinitiative, markieren denn auch ein überörtliches Dilemma: Obwohl nach Bonner Planungen bis 1990 neun weitere Reaktoren ans Netz gehen sollen und der nukleare Abfall-Anfall stetig anschwillt, scheint eine Lösung der Entsorgungsprobleme ferner denn je.
Mittelaktiv strahlender Müll wie der Reaktorbehälter der "Otto Hahn" müßte -- wenn die GKSS nicht Forschungszwecke geltend machen könnte -- eigentlich in eine Spezialdeponie gebracht werden. Doch an Lagerstätten dieser Art mangelt es in Westdeutschland, seit 1978 das ehemalige Salzbergwerk Asse in Niedersachsen geschlossen wurde.
Für die abgebrannten Uranstäbe der "Otto Hahn", die bereits vor zwei Jahren im Hamburger Hafen demontiert wurden, gibt es, wie auch für die Brennelemente anderer Reaktoren, überhaupt keine Endlagerstätte -- ein Umstand, der womöglich das Bonner Atomprogramm scheitern lassen kann.
Die jahrelang gehegte Hoffnung, in einem Salzstock bei Gorleben in Niedersachsen könne eines Tages ein Endlager für hochgradig gefährlichen Müll entstehen, schwindet dahin: Bei ihren bislang 125 Probebohrungen stießen Geologen auf unterirdische Risse und wasserführende Rinnen. "Die Zweifel in Gorleben", weiß der Bonner SPD-Energieexperte Harald B. Schäfer, "werden größer." Fundierte Aussagen über eine Eignung des Salzstocks sind, so die Physikalisch-Technische Bundesanstalt, frühestens "um 1993" möglich.
Eine Abnahme abgebrannter Uranstäbe durch die Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague aber ist vertraglich nur bis 1985 gesichert. Atomwirtschaftler befürchten, daß der sozialistische Präsident Francois Mitterrand einer Vertragsverlängerung zugunsten der Bonner Atompläne nicht zustimmen wird.
Wenn La Hague ausfällt, fehlt es an Ersatz: Die in Hessen geplante Wiederaufarbeitungsanlage könnte frühestens 1992/93 in Betrieb gehen. Eine Aufbewahrung abgebrannter Uranstäbe innerhalb der Kraftwerke genehmigen Gerichte zum Teil nur noch befristet; das Verwaltungsgericht Regensburg etwa erlaubte unlängst eine "Kompaktlagerung" im Kraftwerk Ohu nur bis zum 1. Mai 1984.
Zwar sehen Bonner Pläne für 1985 und 1988 die Inbetriebnahme provisorischer oberirdischer "Zwischenlager" in Gorleben und Ahaus (NRW) vor, in denen Uranstäbe, verpackt in gußeiserne Transportbehälter, bis zu dreißig Jahre lang aufbewahrt werden sollen. Einige Fachleute aber halten diese Lager für atomare Zeitbomben.
Der Wiener Physiker und Ökologe Helmut Hirsch warnte, die Dichtungen der Behälter könnten bereits nach wenigen Jahren zerfallen, so daß gasförmige Spaltprodukte entweichen. Bei einem Ausfall der Lagerhaus-Kühlung, so fürchten andere Kritiker, drohe gar einer der größten anzunehmenden Unfälle: Niederschmelzen des radioaktiven Inventars.
Angesichts dieser Entsorgungslage ist zu erwarten, was auch GKSS-Manager nicht ausschließen: daß der aktive Rest der "Otto Hahn", des "technologischen Flaggschiffes der deutschen Handelsflotte" (Bonns Ex-Forschungsminister Hans Matthöfer), zumindest bis in die neunziger Jahre strahlend in seinem Betongrab stecken wird.
Auch die Umweltschützer, die letzte Woche gegen die Anlieferung des Atommülls nach Geesthacht protestierten, tun sich schwer, alternative Lösungen aufzuzeigen. In einer Vorbereitungsveranstaltung der Atomgegner -von denen einer fragte, ob er sich "in Tücher einwickeln" müsse, um Strahlungsschäden durch den Transport vorzubeugen -- wurde vorgeschlagen, die GKSS solle die "Otto Hahn" samt Reaktorhülle doch "in der Nordsee verankern und dort dreißig Jahre liegenlassen".
GKSS-Manager Schröder zeigte sich über die Proteste der Kernkraftgegner verwundert: "Die müßten sich doch eigentlich freuen, wenn wir atomare Anlagen abbauen."
S.83 Letzte Woche in Geesthacht. *

DER SPIEGEL 27/1981
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