02.08.1982

„Zeigen Sie einmal Großmut!“

Wie der Erzbischof von Tyrus die Menschen seiner Stadt rettete Der Südlibanon hat einen neuen Nationalhelden: den Erzbischof von Tyrus, der in einem mutigen Alleingang von den Israelis einen Aufschub ihres Angriffs erreichte, so daß in der Stadt bei den Kämpfen kein Zivilist ums Leben kam. SPIEGEL-Korrespondent Volkhard Windfuhr erfuhr in Tyrus, was dort am 7. Juni 1982 geschah, als die israelischen Panzer anrückten.
Eminenz, wir sind verloren", keuchte der Vikar. Er berichtete seinem Oberen, dem griechisch-katholischen Erzbischof von Tyrus, Georges Haddad, was er soeben gesehen hatte: "Hunderte von israelischen Panzern rollen auf unsere Stadt zu. Sie walzen alles nieder, sie zerschießen Dörfer und Gehöfte."
In der Tat hatte sich der israelische Panzerkeil schon dem Ort Raschidia genähert, sechs Kilometer südlich der alten libanesischen Hafenstadt Tyrus gelegen. Schüsse hallten durch die Morgenluft, Schiffe der israelischen Marine feuerten in das Palästinenserlager von Raschidia. Es war der Morgen des 7. Juni 1982. Wie lange mochte es dauern, bis die Panzer die übervölkerte Stadt erreichten?
Für Israel war Tyrus eine Hochburg des PLO-Widerstandes. Vor über einem Jahrzehnt hatten dort etliche Untergruppen der PLO die Macht übernommen und die libanesische Stadtgewalt de facto ausgeschaltet. Schon 1978 stießen die Israelis bis an die Stadtgrenzen durch. Doch schließlich scheuten sie vor einem verlustreichen Straßenkampf zurück und zogen wieder ab.
Jetzt standen die Panzer erneut vor Tyrus, und Luftangriffe hatten schon zu rund 80 Toten geführt. Erzbischof Haddad, 58, jagte in einem Pkw zur Zentrale des Internationalen Roten Kreuzes, die seit vier Jahren in der Hotelfachschule des libanesischen Touristenministeriums untergebracht ist. Der Schweizer IRK-Delegierte Marcus hatte ein Funkgerät, die Telephone von Tyrus waren schon seit Jahren verstummt.
Mit zitternden Händen hantierte der Rot-Kreuz-Mann am Funkapparat. Nein, die IRK-Leitstelle in Beirut bedauerte: Das Internationale Rote Kreuz sei nicht befugt, mit der israelischen Armee zu verhandeln. "Aber genau das muß ich tun", ereiferte sich der Erzbischof, "denn wie anders läßt sich eine angreifende Panzerbrigade aufhalten?"
Dem Funker Marcus gelang es schließlich, über die Walkie-talkie-Welle der Angreifer einen Kontakt zu den Israelis herzustellen. In kurzen Worten kündigte er an, was der Geistliche ihm aufgetragen hatte: "Wartet und schießt nicht, der Erzbischof von Tyrus ist in wichtiger Mission auf dem Weg zu euch."
Der Oberhirte von 6000 mit Rom unierten Katholiken der zu 90 Prozent von schiitischen Moslems bewohnten Stadt hatte beschlossen, sich den israelischen Panzern in den Weg zu stellen, die Stadt zu retten. "Ich dachte an die Bombentoten, an das Massensterben der Menschen, für die ich mich verantwortlich fühle."
Mit einer schwarz eingebundenen Bibel machte sich Georges Haddad auf den Weg. Eidgenosse Marcus begleitete den Geistlichen auf der unvorbereiteten Mission, er schwenkte eine überdimensionale Rot-Kreuz-Fahne, "die kein Soldat übersehen konnte". Der Dritte im Bunde war ein Priester des Haddad-Erzbistums, der seinen Oberherrn nicht allein lassen wollte.
Aus den PLO-Stellungen Burdsch el-Schimali, el-Bass und el-Raschidia wurde geschossen. Verängstigt verließen die drei Apostel die Straßenmitte und wateten durch den Flugsand an der Seite. Zwei Haubitzengeschosse schlugen in unmittelbarer Nähe ein, "fast zwischen unseren Füßen". Aber sie explodierten nicht, blieben in den Dünen stecken.
Nach einer guten Stunde, außer Atem und von der Sonne mitgenommen, sahen die drei ein paar hundert Meter hinter Raschidia die israelische Panzerkolonne, die sich langsam näherte.
Oberhirte und Begleiter stellten sich nun mitten auf den Fahrdamm. Der Führungspanzer stoppte. Der Bischof ging auf ihn zu: "Schalom."
Der Israeli im Panzer sprach nur Englisch, der Erzbischof nur Französisch, Marcus sprach beides und dolmetschte. "Ich darf mit Libanesen keinen Kontakt aufnehmen, nur mit dem Roten Kreuz", so der Soldat. Der Rote-Kreuz-Mann wiederum durfte mit den Israelis nicht über den Libanon verhandeln. "Macht Platz", der Motor des Panzers heulte auf. "Haltet mich nicht auf."
Der Metropolit rührte sich nicht von der Stelle. Breitbeinig blieb er vor dem S.85 Panzer stehen. Er verlangte, den Kommandanten zu sprechen. Der Israeli gab nach. Ein Soldat drückte dem frommen Mann die Maschinenpistole in die Seite. Haddad später: "Als ob ich eine Atombombe bei mir trüge, mit der ich die israelische Armee auslöschen wollte."
Im Gänsemarsch wurden sie an der Kolonne entlanggeführt, zum Kommandopanzer. Die Soldaten lachten über die Verrückten, die mitten im Kampf dem Brigadechef ihre Aufwartung machten.
Ein Oberst Usi empfing den Priester mit militärischem Gruß. "Sie können froh sein, daß ich mich mit Ihnen überhaupt unterhalte." Die Unterredung führte zu nichts. Der Offizier kletterte wieder auf seinen Panzer.
"Wollen Sie nicht einmal in Ihrem Leben menschlichen Großmut zeigen?", provozierte ihn Haddad, der seine Mission schon verloren glaubte. "Wann wollen Sie eigentlich Tyrus angreifen?" "Um 12.30 Uhr." "Jetzt ist doch schon 12.15 Uhr." "Richtig, in einer Viertelstunde. Und jetzt reicht's, auf Wiedersehen."
Der Erzbischof bohrte weiter. "Ich verspreche Ihnen, daß Sie in Tyrus keinen bewaffneten Widerstand vorfinden, bei uns gibt es keine schweren Waffen. Die PLO hat keine Stellungen in der Stadt."
Haddad sagte die Wahrheit. Asmi el-Sugheir, der PLO-Kommandant von Tyrus, hatte schon vor einem Jahr seinen Kämpfern befohlen, die dichtbevölkerte Stadt zu räumen.
Der Israeli schien nachzudenken. "Mein oberstes Ziel ist es, die Verluste meiner Truppe möglichst gering zu halten. Ich gebe Ihnen zwei Stunden. Okay."
Erzbischof, Priester und IRK-Mann beteten laut ein Vaterunser, im Laufschritt eilte das Trio dann zurück.
In wenigen Minuten läuteten sämtliche Kirchenglocken von Tyrus, forderten christliche wie islamische Geistliche die Bevölkerung auf, die gefährdete Stadt sofort zu verlassen und sich an den Strand zu begeben.
Frauen, Kinder, Greise und Babys waren kaum aus der Stadt abgezogen, als sich die ersten israelischen Panzer näherten.
Doch PLO-Chef Asmi el-Sugheir hatte nicht alle seine jugendlichen Heißsporne unter Kontrolle. Aus verlassenen Häusern schossen ein paar Unentwegte mit Maschinengewehren auf die anrollende Übermacht. "Das war vorauszusehen", wußte Erzbischof Haddad, "ebenso wie die Reaktion der Israelis."
Die Panzer feuerten auf die Häuser, überrollten geparkte Autos, Krankenwagen und selbst Fahrzeuge der Erzbischöflichen Residenz. 120 Häuser der 60 000-Einwohner-Stadt fielen in sich zusammen, über 600 wurden zu unbewohnbaren Ruinen geschossen. So schwer dieser Sachschaden auch war: Der israelische Sturm auf Tyrus kostete kein einziges Menschenleben.
Am Morgen erschien ein israelischer Oberst namens Amos und forderte die übernächtigten Flüchtlinge auf, nun in ihre zerbombte Stadt zurückzukehren. Aber: Alle männlichen Bewohner zwischen 16 und 65 Jahren sollten am Strand zurückbleiben, also jene Jahrgänge, die nach Ansicht der Israelis verdächtig sind, PLO-Kämpfer gewesen zu sein.
Da wurde ein Mann in weißer Kutte sichtbar, Metropolit Georges Haddad. Die Menge, meist Moslems, bildete Spalier und rief dem verwirrten Christen-Hirten entgegen: "Es lebe unser Vater, unser Erzbischof." Der redete nun ein zweitesmal auf einen israelischen Oberst ein. Dann gaben israelische Lautsprecherwagen bekannt: "Ihr dürft alle nach Hause gehen, eurem Metropoliten zuliebe."
Auf den Schultern seiner Mitbürger kehrte Georges Haddad in sein unversehrt gebliebenes Erzbistum zurück. Im Hof, vor phönizischen Säulenfragmenten, fiel er auf die Knie und betete. Christen wie Moslems stimmten ein.
Der Erzbischof: "Ich habe den Israelis klargemacht, daß es falsch ist, in jedem Flintenträger einen Terroristen oder Mörder zu sehen. Die Mehrheit der PLO-Mitglieder in Tyrus und Umgebung waren deswegen eingeschriebene Mitglieder, weil sie am Monatsende ihren Sold ausgezahlt bekamen."
Und: "Im Libanon haben viele Politiker die Religion für ihre Eigeninteressen mißbraucht. Im Namen der Religion ließen Libanesen Libanesen sterben. Warum nicht einmal das Wagnis eingehen zu sterben, wenn dadurch andere leben können?"

DER SPIEGEL 31/1982
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