02.11.1981

Spionage: „Whisky on the rocks“

Ein „Meer des Friedens“ sollte die Ostsee sein, fordern die Sowjets seit langem. Nun wurden sie selbst bei wenig friedlichem Tun erwischt: Ein Sowjet-U-Boot lief in schwedischen Hoheitsgewässern auf Grund, mitten in einem vermeintlich gut gesicherten militärischen Sperrgebiet. Die lahme Entschuldigung: „Kompaß kaputt.“
Schwedens Außenminister Ola Ullsten grüßte frostig; Moskaus Mann in Stockholm, Botschafter Michael Jakowlew, nickte angestrengt höflich zurück.
Dann nahmen die beiden Seite an Seite ihre weinroten Plüschsitze in der Ehrenloge des schwedischen Nationaltheaters in Stockholm ein. Strindberg wurde gegeben am vergangenen Mittwoch: "Spiel mit dem Feuer".
Das eigentliche Spiel mit dem Feuer fand derweil etwa 380 Kilometer weiter südlich statt: in der nur 200 Meter engen Durchfahrt zwischen den Felseninseln Malkvarn und Torumskär, mitten im vermeintlich bestens gesicherten militärischen Sperrgebiet des neutralen Königreichs Schweden.
Dort lag, nur 35 Meter vom Strand entfernt, manövrierunfähig ein sowjetisches U-Boot, das da nun einmal nicht hingehörte.
Für Schwedens Verteidigungsminister Torsten Gustafsson war allein schon die Anwesenheit von U-137 (Heimathafen: Kaliningrad, früher Königsberg) die "flagranteste Verletzung der schwedischen Hoheitsgewässer seit dem Zweiten Weltkrieg".
Für die Sowjets andererseits war es eine mehr als peinliche Panne: Da predigten sie unermüdlich, die Ostsee müsse ein "Meer des Friedens" werden, und nun war plötzlich für jedermann sichtbar, daß ausgerechnet ein sowjetisches Kriegsschiff in verbotenen Wassern Verbotenes getan hatte.
Was sollte nun aus dem Schulterschluß mit den europäischen Friedensmarschierern werden, in deren Augen es oft schon einem Sakrileg gleichkam, an eine sowjetische Bedrohung zu glauben oder darüber zu reden?
Da lag die Bedrohung nun, zum Greifen nahe, 1030 Tonnen groß, 74 Meter lang, "olivgrün, mattglänzend, spulenförmig", wie es der Fischer Ivar Svensson von der malerischen Schären-Insel Sturkö beschrieb, der U-137 als erster entdeckt hatte. Vom Turm wehte die sowjetische Marineflagge: weiß mit Hammer und Sichel und dem roten Stern.
Am Dienstag gegen neun Uhr abends hatte Svensson draußen einen "lauten Bums" gehört. Später in der Nacht störte ihn stundenlang das Aufheulen von Schiffsdieseln. Svensson blieb gleichwohl arglos: "Da üben wohl wieder mal die Jungs unserer Marine."
Doch am nächsten Morgen erkannte er: Es waren andere Jungs.
Sofort rief der Fischer im nahen Marinestützpunkt Karlskrona an und beschwerte sich: "Vor meiner Haustür liegt ein sowjetisches U-Boot. Es ist zum Kotzen, daß die Russen zwischen meinen Flundernetzen herumfahren dürfen."
"Das darf doch einfach nicht wahr sein", staunte auch Karl Andersson, Stabschef im Stützpunkt Karlskrona, als er an Bord des Küstenwachboots "Smygaren" die schmale Inselpassage erreichte. Doch es war wahr, Fischer Svensson hatte richtig gesehen.
Über den Anlaß seines unverhofften und unverhofft entdeckten Besuchs wollte der sowjetische Kommandant, Korvettenkapitän Pjotr Guschtschin, 35, der den schwedischen Marineoffizier erst nach langem Zögern an Bord ließ, nichts sagen. Die Verständigung war ohnehin schwierig, erst holpriges Deutsch auf beiden Seiten sorgte für Kommunikation. Ein sowjetischer Matrose: "Kompaß kaputt." Guschtschin lakonisch: "Ich habe einen Auftrag." Er zuckte mit den Achseln und fuhr sich traurigen Blicks mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die Gurgel.
Was das sowjetische Kriegsboot da im navigatorisch denkbar schwierigen Gewirr der Schären wollte und sollte, scheint den Schweden nur allzu offenkundig: U-137 hatte vermutlich Order, die ständig wechselnden Sicherheitssysteme -- Unterwasserdämme etwa oder Minenfelder -- auszukundschaften. "Es ist absolut ausgeschlossen", befand Oberst Jan-Ake Berg vom Stockholmer Verteidigungsstab, "daß der sich durch einen Navigationsfehler dahin verirrt hat."
Stärker interessierte in Schweden, wie das "Spionageschiff" ("Aftonbladet") unbemerkt vom schwedischen Küstenschutz und Radar tief in das hochgeheime militärische Sperrgebiet vor Karlskrona eindringen und dort, in Felsen verklemmt, eine Nacht lang lärmen, aber unbemerkt bleiben konnte.
Der Bug des gestrandeten U-Bootes zeigt auf die freie See. Das deutet darauf hin, daß der Russe weit in die drei S.143 Seemeilen lange "Gänsebucht" (Gasefjärden, siehe Karte) hineingefahren war und dann wendete. Dieses Manöver ging schief. Bei einem Tiefgang des Bootes von viereinhalb Metern und bei einem halben Wendekreis von etwa drei Schiffslängen war die für U-137 schiffbare Rinne zu schmal.
Das über Wasser schwerfällige U-Boot -- ein modifizierter Nachbau des deutschen U-Bootes "Typ XXI" aus dem letzten Kriegsjahr -- dürfte bei dem Wendemanöver achtern im flachen Wasser aufgesetzt und dabei Öltank, Schrauben und Ruder beschädigt haben. Für diese Version spricht, daß das Boot hinten tief im Wasser hing und eine Ölspur hinterließ.
Allein schon die Verformung der Schiffsschrauben durch die Grundberührung -- "die Schrauben sehen dann aus wie ein Blumenkohl", wissen Seeleute -- läßt danach ein exaktes Kurshalten nicht mehr zu. U-137 brummte beim Auslaufen aus der Gänsebucht auf die Steine vor Malkvarn, an der engsten Stelle. Mit "Blumenkohl" statt Schraubenflügel reichten dann auch die 4000 PS der zwei Dieselmotoren nicht aus, das Schiff rückwärts von den Steinen zu ziehen.
Mit dem Aufheulen der Dieselmotoren, die Fischer Svenssons Nachtruhe störten, endete der Auftrag des Kommandanten Guschtschin. Nacht, Nebel, Regen und folglich schlechte Sicht dienten dem schwedischen Verteidigungsstab als wenig überzeugende Entschuldigung dafür, daß "der russische Eindringling" nicht bemerkt worden war. Aber man war auch selbstkritisch: "Wir haben keine Mittel, jeden Meter schwedische Küste rund um die Uhr zu bewachen", gestand Oberst Berg dem SPIEGEL.
Wenn nicht einmal militärisches Sperrgebiet gesichert werden kann, nimmt es kaum wunder, daß sich anderenorts in der wildzerklüfteten Schären-Landschaft Schwedens manch ungebetener Gast tummelt. Stockholms Marine scheint hoffnungslos überfordert, Eindringlinge zu orten, zu verfolgen oder gar abzuweisen.
Das war schon im Herbst vergangenen Jahres peinlich offenbar geworden: Drei Wochen lang hatte ein fremdes, wahrscheinlich polnisches Unterseeboot in Stockholmer Gewässern ein stattliches schwedisches Marineaufgebot genarrt.
Über 20 Kriegsschiffe, Flugzeuge, acht U-Boot-Jagdhubschrauber und insgesamt 600 Soldaten waren Tag und Nacht im Einsatz. Dutzende von Wasserbomben wurden abgeworfen, mehr als drei Millionen Kronen (rund 1,25 Millionen Mark) im Einsatz verpulvert. Doch der unterseeische Fremdling entkam -- wahrscheinlich beschädigt, nicht jedoch identifiziert.
Nach diesem Debakel hatte Schwedens Marine zum Schaden auch noch Spott zu tragen: Eines Nachts verankerten Unbekannte im feinen Stockholmer Jagdhafen Saltsjöbaden eine hölzerne U-Boot-Attrappe. Die Russen kommen!
Jetzt sollen Moskaus U-137 und seine 56 Mann starke Besatzung für die offenkundige Schlafmützigkeit und die damals erlittene Schmach der schwedischen Küstenwacht büßen. Auf den umliegenden Schären zogen gefechtsbereite Truppen auf, Marine-Einheiten sperrten die Gewässer und den Stützpunkt Karlskrona hermetisch ab.
Die Regierung beauftragte den Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Lennart Ljung, mit einer genauen Untersuchung des Vorfalls. Vor allem auch behielt sich Schweden das Recht vor, den sowjetischen Havaristen, nach Nato-Terminologie der "Whisky"-Klasse zugehörig, von eigenen Bergungsschiffen wieder flottmachen zu lassen. Die bereits in Wartestellung aufgezogenen russischen Retter mußten unverrichteterdinge wieder abziehen.
Der Verteidigungsstab seinerseits wollte seinen "Whisky on the rocks" ("Svenska Dagbladet") genüßlich auskosten. Bergungshilfe, teilten die Militärs dem sowjetischen Botschafter mit, werde erst geleistet, wenn Kommandant Guschtschin "im Verhör eine zufriedenstellende Erklärung" für sein Auftauchen gegeben habe. Darüber hinaus forderten sie genauen Einblick in das geheime Bordbuch. Die Sowjets lehnten ab. Oberst Berg: "Wir haben sehr viel Zeit."
Die Militärs wollten den sowjetischen Kommandanten und seine Besatzung am liebsten vor einem schwedischen Gericht wegen Spionage anklagen -- so wie es die Sowjets 1960 mit dem von ihnen abgeschossenen amerikanischen U-2-Piloten Gary Powers vorgemacht hatten. Doch Schwedens Reichsstaatsanwalt Magnus Sjöberg verwarf das unter Berufung auf das Völkerrecht sofort: "Unter den gegebenen Umständen genießen die strafrechtliche Immunität."
Im Tauziehen zwischen Eindringlingen und Hausherren gab es auch am Freitag noch keinen Sieger. Die Schweden wollten alles wissen, die Sowjets -mal durch den Kommandanten, mal durch den Polit-Offizier der U-137 vertreten -- absolut nichts sagen. Sie warteten offenbar auf Weisungen aus Moskau. Und damit sie die auch gut empfangen konnten, erlaubten ihnen die Schweden, einen Funkkontakt zur Heimat herzustellen.
Wie auch immer sich Sowjets und Schweden aus der U-Boot-Falle ziehen -- es wird kühler um das sogenannte Meer des Friedens. Einen für November vereinbarten einwöchigen Gastbesuch in der Sowjet-Union sagte Schwedens Oberbefehlshaber Ljung sofort ab: Er halte "den gegenwärtigen Zeitpunkt für denkbar ungeeignet".

DER SPIEGEL 45/1981
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