07.09.1981

ÖSTERREICH

Gestutzte Bioburg

Vom Alternativhaus des malenden Öko-Predigers Hundertwasser wird nur eine Spar-Ausgabe gebaut.

Angekündigt war die Geburt des achten Weltwunders: Die Stadt Wien, so die offizielle Botschaft, werde den ersten rundum gesunden kommunalen Biobau der Welt errichten -- ein Haus mit 50 Appartements und hängenden Gärten nach einer Zeichnung des berühmten Spiralenmalers Friedensreich (Zusatznamen: Regentag Dunkelbunt) Hundertwasser.

Das Projekt wurde von ganz oben gefördert: durch Bundeskanzler Bruno Kreisky, einen erklärten Fan moderner österreichischer Malerei.

Gerührt von Hundertwassers wortreicher Wahlhilfe ("Schade, daß Kreisky nicht in einem größeren Österreich Kanzler sein kann oder in einem Staatengebilde so groß wie ganz Rußland, ganz Afrika, ganz Europa"), vermittelte der SPÖ-Regierungschef ein Gespräch zwischen dem Künstler und dem Wiener SPÖ-Bürgermeister Leopold Gratz.

Damit brachte er zwei Männer zusammen, die einander dringend brauchten:

* Maler Hundertwasser wartete schon seit 20 Jahren auf einen Geldgeber für seine grünen Architekturideen. Er hatte bereits 1958 die "gottlosen, herzlosen und stillosen" Wohnsilos in aller Welt verurteilt, "diese Gefängniszellen für die Seelen", gezeichnet von "feigen Architekten, Hampelmännern ihrer skrupellosen Auftraggeber".

* Bürgermeister Gratz wollte beweisen, daß die sozialdemokratische Stadtverwaltung das Bauen noch nicht völlig verlernt hat. Er war es leid, immer wieder höhnisch an die weit bessere Architektur seiner Vorgänger in der Zwischenkriegszeit erinnert zu werden.

Die Interessengemeinschaft Hundertwasser/Gratz trat auf einer spektakulären Pressekonferenz im September 1980 in Erscheinung: Hundertwasser trug ein knallbuntes Hemd unterm schwarzen Samtsakko und präsentierte eine gleichfalls knallbunte Schöpfung, die er als Modell eines Öko-Wohnblocks vorstellte.

Der staunenden Öffentlichkeit bot sich ein achtstöckiges Gebäude, von dessen höchstem Punkt mehrere Dachterrassen stufenartig bis aufs Straßenniveau hinabreichten. Die Mauern wölbten sich; die unterschiedlich großen Fenster standen nicht wie gewohnt auf einer Linie, sondern tanzten beliebig aus der Reihe. Und schließlich schwebte über dem Ganzen noch ein blaugrünes Zwiebeltürmchen.

In seinen Erläuterungen verdammte Hundertwasser die geraden Linien als "Werkzeug des Teufels", das Psychopathen und Kriminelle schaffe. Die kranke Menschheit könne einzig allein an schiefen Wänden genesen. Überdies gelte es, sämtliche waagerechten Hausflächen mit einer dicken Erdschicht zu bedecken und mit Bäumen zu bepflanzen: "Wir müssen der Natur an Grün zurückgeben, was wir ihr beim Hausbau nehmen."

Entschieden stärker überzeugte das grüne Programm für den Innenausbau, das der beigezogene Wiener Architekt Josef Krawina entwickelt hatte, um "endlich einmal auszuprobieren, wovon man seit 20 Jahren träumt".

Krawina, ein Architekt mit sozialem Engagement, sah seine Aufgabe nicht allein darin, das windschiefe Jahrhundertwasserhaus vor dem Einsturz zu bewahren. Es ging ihm um ein biologisches Gesamtkonzept, um die Einheit von Form und Inhalt, "denn wie''s da drin aussieht, geht uns alle was an".

Als unerläßliche Voraussetzung für ein seriöses Öko-Haus nannte Krawina gesunde Baumaterialien ("Ziegel für Wände und Decken, Holz für Fenster und Türen"), ungiftige Kleber und einwandfreien Anstrich oder Tapeten.

Zudem versprach er energiesparende Spezialisolierungen, die Weiterverwertung von Warmluft und Warmwasser aus Küche und Bad sowie ein hauseigenes Nutzwassersystem, mit dessen Hilfe der Regen in einer Zisterne gesammelt und zum Gießen der Terrassengärten benutzt werden kann.

Über den Platzmangel in den durchweg kleinen Wohnungen sollten gemeinschaftliche "Wohn-Folgeeinrichtungen" hinweghelfen -- ein kleines Schwimmbad samt Sauna und Wintergarten im Keller, Spielhöhlen für die Kinder, eine Bowlingbahn, je ein Hobby- und ein Gymnastikraum, ein Panoramacafe und ein Billig-Restaurant mit Ausblick auf die Wohnstraße. Krawina: "Zum Maximum an Grünflächen muß ein Maximum an Sozialkontakten kommen."

Bürgermeister Gratz lobte dieses Gesamtkonzept als "Alternative für die 80er Jahre". Die Kosten des städtischen Musterbaus bezifferte er mit elf Millionen Mark -- nicht ganz das Doppelte eines Sozialbaus der üblichen Sparsam-Ausführung -- und fand den Mehrbetrag durchaus vertretbar.

Wiens Zeitungen beklatschten die Bioburg als begeisterndes Stück Architektur. "Die traun sich was", staunte etwa "Die Presse".

Dennoch begann das Objekt dahinzuschwinden, noch ehe die erste Grundmauer stand. Friedensreich Hundertwasser verabschiedete sich; er ging auf sein Domizil in Neuseeland, wo ihn kein Telephonat erreicht. Und im Gratzschen Rathaus gingen die kleinen Beamten mit den großen Rechenstiften ans Werk, die stets stärker sind als der Bürgermeister.

Nach und nach wurde systematisch gestrichen, was von außen nicht zu sehen ist -- das Schwimmbad und die Sauna, das Restaurant und natürlich die Ziegelbauweise.

Als man den Architekten Krawina über die letztlich beschlossene Minilösung informierte, lag der gerade mit einer Virusinfektion im Krankenhaus. Von dort sandte er sogleich einen Protest an den Bürgermeister und bat dringend, doch wenigstens einen Kompromiß zwischen Grünplan und Rotstift zu versuchen -- vergeblich.

Anstelle des verheißenen revolutionären Bio-Wunders, einer "dritten Haut für die Bewohner" (so die "Arbeiter-Zeitung"), entsteht nun ein weiterer Betonklotz wie gehabt -- allerdings einer mit der Hundertwasserschen Fassade, laut "Profil" ein "Neuschwanstein für Gemeindemieter".

S.176 Bürgermeister Gratz (3. v. l.), Maler Hundertwasser (2. v. r.). *

DER SPIEGEL 37/1981
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