02.11.1981

JESUITENBittere Pille

Papst Johannes Paul II. verordnete dem unruhigen Jesuitenorden einen Aufpasser. Vielen Patres mißfällt die autoritäre Entscheidung.
In seiner Sommerresidenz Castelgandolfo trimmte sich Papst Johannes Paul II. gesund. Dann knöpfte er sich einen Orden vor, der seiner Meinung nach gleichfalls dringend kuriert werden muß: die Jesuiten.
Am 5. Oktober schrieb er einen -erst später bekannt gewordenen -- Brief an "den geliebten Sohn Pedro Arrupe". Darin teilte er dem schwer erkrankten 73jährigen Jesuiten-General mit, daß ab 31. Oktober, dem Reformationstag, ein "persönlicher Delegat" des Papstes den Orden führen soll: der italienische Pater Paolo Dezza. Als Koadjutor wird S.162 ihm Pater Giuseppe Pittau zur Seite stehen.
Der Papst-Brief löste im bedeutendsten Orden der katholischen Kirche Überraschung und Bestürzung aus. Die US-Jesuiten schickten ein Protestschreiben an den Pontifex.
Denn nie zuvor in der Geschichte des 1540 gegründeten Männerordens war ein persönlicher Delegat des Papstes als Oberaufseher eingesetzt worden. Johannes Paul II. hatte seinen Beschluß offenbar ohne vorherige Beratung mit der Ordensspitze gefaßt -was wiederum zeigt, daß er kein Vertrauen in die von den Jesuiten selbstgewählte Führung hat.
"Durch die Bestellung eines Aufpassers", ärgerte sich ein amerikanischer Jesuit, "will der Heilige Vater selbst die Macht in der Gesellschaft Jesu übernehmen, um die Mitglieder allesamt auf Vordermann zu bringen." Kein Zweifel jedenfalls: Das Verhältnis zwischen der kirchlichen Zentralgewalt und dem Orden mit seinen 27 000 Mitgliedern in aller Welt ist extrem schwierig geworden.
In der Gesellschaft Jesu muß, im Unterschied zu anderen Orden, jeder Pater dem Papst absoluten Gehorsam geloben -"perinde ac si" (Kadavergehorsam). Die Jesuiten galten denn auch lange Zeit als treueste Garde des Pontifex.
Papst Pius XII. holte sich mit Vorliebe Jesuiten in seinen engsten Mitarbeiterstab, so den deutschen Pater Leiber als Privatsekretär. Auch nach dem Tod des Pacelli-Papstes (1958) übte die intellektuelle Elite der Societas Jesu beträchtlichen Einfluß aus.
So gehört Pater Oswald von Nell-Breuning zu den Vor-Denkern der katholischen Soziallehre; Karl Rahner und Paolo Dezza nahmen als prominente Berater am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Die Päpstliche Universität Gregoriana wird ebenso von Jesuiten geleitet wie Radio Vatikan.
Seit den 60er Jahren freilich hatten die Päpste ihre liebe Not mit der Gesellschaft Jesu. Die Ordenssitten lockerten sich. Viele Patres in der Dritten Welt setzten sich so energisch für gesellschaftliche Veränderungen ein, daß sie aufs politische Feld gerieten -- weit links.
Im November 1966 bereits hielt Papst Paul VI. den in Rom versammelten Ordens-Oberen eine Standpauke. Eindringlich warnte er vor bloßem Aktivismus, der auf Kosten der Spiritualität gehe, sowie davor, die marxistische Analyse gesellschaftlicher Zustände zu übernehmen.
Doch die Unruhe in der katholischen Elite-Truppe hielt an. Ein "Klima des Widerspruchs" (so ein römischer Monsignore) breitete sich im Orden aus. Immer mal wieder übten Jesuiten öffentlich Kritik an der Kurie und am kirchlichen Lehramt:
* Der spanische Pater Jose Maria Diez-Alegria verlor seinen Professorenjob an der Gregoriana und mußte de facto den Orden verlassen, weil er erklärte, daß die katholische Kirche bisher "nur sehr wenig Christliches hat", und obendrein den Pflicht-Zölibat als eine "Fabrik für Verrückte" anprangerte;
* der amerikanische Pater John McNeill empörte seine Oberen, weil er die Homosexualität als "durchaus christlich" verteidigte und den Papst aufforderte, seine Sex-Auffassungen der Wirklichkeit anzupassen;
* der englische Pater Peter Hebblethwaite fiel in Ungnade, weil er in Zeitungsartikeln 1973 die damalige Nummer drei im Vatikan, Erzbischof Giovanni Benelli, als machtlüsternen Diktator hinstellte.
Dem Jesuiten-General Pedro Arrupe, nörgelten traditionalistische Ordensmänner, mangele es an Autorität. Der Spanier förderte die soziale Aktivität der Patres; der Einsatz "für Glaube und Gerechtigkeit" wurde zu einer Hauptaufgabe der Gesellschaft Jesu.
Manche Ordensmänner, zumal in Lateinamerika, fühlten sich dadurch in ihrem Engagement noch bestärkt. Sie kämpften -- oft unter Einsatz ihres Lebens -- mit den Unterdrückten für die Menschenrechte. In Nicaragua standen Jesuiten auf seiten der Sandinisten gegen den Diktator Somoza.
Nicht alle Jesuiten billigten solch weltlichen Eifer ihrer Ordensbrüder, und Johannes Paul II. teilte diese Besorgnisse der konservativen Patres. 1979 mahnte er die Gesellschaft Jesu, "säkularisierenden Tendenzen" nicht länger nachzugeben, streng auf Disziplin und auf die wahre, katholische Lehre zu achten -- "in voller Treue zum obersten kirchlichen Lehramt und zum römischen Pontifex".
Doch auch dieser Appell aus Rom, so scheint es, nutzte nicht viel. Im Vatikan wuchs der Unmut über den Orden.
Im Sommer 1980 wollte der kränkelnde "schwarze Papst", wie der Jesuiten-General oft genannt wird, zurücktreten. Der Wojtyla-Papst bat ihn jedoch, im Amt zu bleiben, und stoppte die Vorbereitungen für die Einberufung des Jesuiten-Parlaments, der Generalkongregation.
Als Arrupe vor drei Monaten einen Gehirnschlag erlitt, der ihn weitgehend arbeitsunfähig machte, kam die Jesuiten-Krise in Rom wieder zur Sprache. Der Ordenschef ernannte Pater Vincent O'Keefe zum Generalvikar, der zum Reformer-Flügel zählt.
Eine Kursänderung war von ihm nicht zu erwarten. Die Konservativen im Vatikan wie auch im Orden selbst drängten daher vermutlich auf ein Machtwort des Papstes. Schließlich beorderte Wojtyla "nach langer Überlegung und Gebet" das Duo Dezza--Pittau an die Spitze der Gesellschaft Jesu.
Pater Dezza, 79, gilt als Traditionalist und besonderer Vertrauter der römischen Kurie. Der polyglotte Professor leitete zehn Jahre lang die Gregoriana, war Beichtvater Pauls VI. und Johannes Pauls I. und berät mehrere Vatikan-Kongregationen.
Daß der hochbetagte Jesuiten-Kommissar nur noch schlecht sehen kann, stört den Papst nicht. Sollte Dezza verhindert sein oder gar sterben, so wird auf allerhöchsten Wunsch Pater Pittau, 53, bisher Chef der japanischen Ordensprovinz, seinen Platz einnehmen. Mit anderen Worten: Die Führung des Ordens durch päpstliche Aufpasser kann mehrere Jahre lang dauern.
Die nächste Generalkongregation, die einen regulären Arrupe-Nachfolger wählen soll, will Johannes Paul II. hinauszögern. In der Zwischenzeit möchte er den Orden disziplinieren -- und durch Einflußnahme auf die Personalentscheidungen in der Gesellschaft Jesu sicherstellen, daß bei der S.164 Generalkongregation ein ihm genehmer Ordenschef gewählt wird.
Die Einsetzung eines päpstlichen Delegierten, kommentierte verstört die Provinzialskonferenz der deutschsprachigen Jesuiten, "ist in den Ordenssatzungen nicht vorgesehen". Dennoch sei dieser Schritt "nach dem geltenden Kirchenrecht möglich". Ein österreichischer Pater formulierte es anders und härter: "Eine bittere Pille, aber wir müssen sie halt schlucken."

DER SPIEGEL 45/1981
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