Als die Planierraupen in "Las Golondrinas II" vorfuhren, versperrten ihnen die Slumbewohner den Weg, und ihr Anführer Julian Martinez rief: "Nur über meine Leiche!"
Solcher Widerstand ist neu im größten Elendsviertel von Mexiko-Stadt - bisher galten die Bewohner der baufälligen Hütten den mexikanischen Behörden als schicksalergebene Menschenmassen, die sich im bürokratischen Zahlenspiel willenlos hin und her schieben ließen.
Und geschoben wird seit jeher viel im "Sanierungsgebiet" von Las Golondrinas: Das Viertel mit dem romantischen Namen "Die Schwalben" liegt auf lehmigen Steinhängen, untergraben von Steinbrüchen und Minenschächten.
Das Baumaterial der meisten Behausungen stammt von den umliegenden Müllhalden, oft schützen nur aufgeschlitzte, mit Alufolie beschichtete Milchtüten die Hüttenbewohner vor dem Regen. In jeder Hütte lebt im Durchschnitt eine elfköpfige Familie, drei Erwachsene und acht Kinder.
Nur 23 Prozent der Bevölkerung von Las Golondrinas findet Arbeit, mitgerechnet die Kinder unter zwölf, die am Straßenrand Autofenster oder Schuhe putzen.
Das Durchschnittseinkommen in Las Golondrinas beträgt 25,40 Pesos pro Tag, das sind 2,40 Mark. Ein Liter Milch kostet aber schon 14 Pesos. Wasser wird an öffentlichen Brunnen geholt, etwa 600 Einwohner teilen sich eine Zapfstelle. Das Wasser ist verseucht, drei Viertel aller Slumbewohner leiden ständig unter Parasiten.
Schwerwiegender noch als ein Dasein unterhalb des amtlich festgesetzten Existenzminimums ist nach Ansicht der Sozialarbeiter das Fehlen jeglicher Hoffnung: "Das Leben der Slumbewohner ist von Mißtrauen, Angst und Aggression bestimmt", meint ein Sozialbetreuer aus Las Golondrinas - das bedeutet viel Spielraum für die lokale Slum-Mafia, die "Kaziken".
So verlangt etwa die Familie Ledezma, die sich schon Mitte der 30er Jahre in Las Golondrinas ansiedelte, Platzmiete für die Hütten, obwohl der Boden städtisches Eigentum ist.
Die mittellosen Bauern, die auf der Flucht vor Arbeitslosigkeit und Hunger in die Stadt fliehen, wagen bislang nicht, sich zu wehren: Sie leben schließlich ohne Papiere illegal in der Hauptstadt. Jeden Tag kommen über tausend solcher "paracaidistas", Fallschirmspringer aus dem Nichts, ins Nichts nach Mexiko-Stadt.
Aber auch die "Sprecher" der Slumbewohner, meist mittels rücksichtsloser Intrigen zum Anführer aufgerückt, betrügen und bestehlen diejenigen, deren Interessen zu verteidigen sie vorgeben.
So wurde etwa die 1980 angekündigte "Sanierung" von Las Golondrinas für Felipe Gonzalez zum großen Geschäft. Nach der, laut Plan, "provisorischen Räumung" der Slums wurde der Talboden eingeebnet, ein von Abwässern anderer Elendsviertel verdreckter Fluß zubetoniert, wurden Strom- und Wasserleitungen gelegt.
Für nur 300 Pesos, versprach Gonzalez den Slumbewohnern, könnten sie ein S.192 Stück Bauland erwerben. Doch nach der Sanierung hieß es plötzlich, die Eintragung im Grundbuch koste 5000 Pesos. Die Familie Ledezma aber verlangt für den "Verkauf" der Grundstücke 15 000 Pesos.
Mit erfundenen Bauvorschriften zwingt Felipe Gonzalez seine Schützlinge im sanierten Stadtteil, zweistöckige Steinhäuser zu bauen. Die Bausteine kosten etwa 30 000 Pesos, dazu kommen noch 50 000 für Strom und Kanalisation. Doch die betroffenen Bauherren verstehen nicht einmal, was diese Summen bedeuten.
"Diese Menschen sind Analphabeten, die immer am Existenzminimum gelebt haben", sagt eine Sozialarbeiterin. "Sie können mit Geld nicht haushalten, weil sie nie mehr besessen haben, als sie gerade zum Essen brauchten."
Auch eine vor drei Jahren gegründete Kooperative, die am Rande des Viertels Bausteine aus dem Boden haut, fiel in die Hände von Betrügern.
Widerstand gegen die Ausbeutung scheint den Slumbewohnern bisher unmöglich. "Wir haben Angst vor Felipe Gonzalez", klagen einige Frauen, die nur bei einem geheimen Treffen im Nachbarviertel zu sprechen wagen: Schlägertrupps des "Kaziken" reißen Ungehorsamen die Hütten ein - wenn nötig, mit Hilfe der Polizei.
"Wenn wir einig wären", so der 40jährige Apolonio, Vater von acht Kindern, "wäre alles besser. Aber hier glaubt keiner mehr dem anderen. Wir sind zu oft betrogen worden."
Nicht einmal von Kirchen oder ausländischen Hilfsorganisationen kommt wirkliche Hilfe für die Betroffenen: Kredite von 300 Pesos zum Beispiel, die eine Kirche für die Anzahlung zum Grundstückskauf in Las Golondrinas zur Verfügung stellt, erhält der Sprecher Gonzalez, der immer höhere Forderungen stellt, das Bauland schließlich dem Meistbietenden zuteilt - und die Vorauszahlung aus dem Kirchenfonds einbehält.
Julian Martinez hat aus den Sanierungserfahrungen gelernt: Als der höhergelegene, von der Stadtverwaltung nun offiziell als unabhängig anerkannte "Teil II" von Las Golondrinas saniert werden sollte, beschloß er, mit den Slumbewohnern die alten Blechhütten zu verteidigen.
In solchem Widerstand sehen Sozialarbeiter einen Hoffnungsschimmer: "Die Haltung von Julian Martinez ist die Voraussetzung dafür, daß wir hier überhaupt sinnvolle Arbeit leisten können. Die Menschen hier sind offenbar noch bereit, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen."
So erprobt nun in "Las Golondrinas II" eine Gruppe von Sozialarbeitern, Krankenpflegern und Ärzten ein neues Hilfskonzept: Ihre Organisation Apis (Volksaktion zur sozialen Integration) will vor allem zur Selbsthilfe anregen.
Kooperativen, etwa zum gemeinsamen Einkauf von Lebensmitteln bei Grossisten oder zum Verkauf von Näharbeiten, sollen unmittelbar den Lebensstandard steigern.
Erste Erfolge regen die Slumbewohner an, sich intensiver zu organisieren. Kurse, in denen sie Lesen und Schreiben oder die Grundlagen des Bodenrechts erlernen, stärken den Widerstand gegen die "Kaziken".
Die Regierung allerdings sieht in der Selbsthilfe der Slumbewohner vor allem Subversion: Anführer organisierter Elendsquartiere werden immer wieder verhaftet.
Pancho de la Cruz, jahrelang Sprecher des im vergangenen März mit Bulldozern niedergewalzten Elendsquartiers "2. Oktober" und einer der Gründer eines Koordinationsausschusses von etwa 30 Slumorganisationen, wurde erst jüngst inhaftiert.
"Es ist ein Fehler, an die Behörden zu glauben", sagte er einem mexikanischen Journalisten, "ich habe ihren Versprechungen geglaubt, und schau, wo ich nun sitze."
DER SPIEGEL 45/1981
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