07.09.1981

Hans Magnus Enzensberger über Carl von Linne: „Nemesis Divina“Ein Nachtbuch aus dem Rokoko

Der schwedische Arzt Carl von Linne (1707 bis 1778) gilt als der bedeutendste Botaniker der Wissenschaftsgeschichte (Linnesches Pflanzensystem). - Hans Magnus Enzensberger, 52, Erfinder der Münchner Monatszeitschrift „Transatlantik“, hat zuletzt den Gedichtband „Die Furie des Verschwindens“ veröffentlicht.
Frau Psilanderhielm in Stockholm läßt sich mit einem Hofmann liederlich ein. Der Hofkavalier verheiratet sich. Als sie dies zu wissen bekommt, wird sie so zornig, daß sie am Unterleib erkrankt und 1748 stirbt. Man öffnet ihren Leib und findet darin einen Stein.
Jacob in Saanäs, Gemeinde Stenbrohult in Smaland, lebte schlecht mit seiner Frau. Als sie am Weihnachtsfest übers Eis in die Kirche gehen wollte, bricht sie ein. Sie hält sich eine Viertelstunde lang mit den Händen am Eisrand fest, ruft um Hilfe. Der Mann steht am Strand, denn dies alles geschah ganz in der Nähe des Bauernhofs, und sagt, er wage sich nicht hinaus aufs Eis; "denn er verlor sie gern". Sie ertrinkt. Fünf Jahre danach beginnen Jacobs Finger abzufaulen, mit denen er seiner Frau hätte helfen können, und faulen fort an beiden Händen, woran er auch stirbt.
Osterman, Student in Halle, duelliert sich mit einem Studenten und sticht ihn zu Tode. Flieht. Wird Premierminister und kommandiert das ganze entsetzliche russische Reich. Immer fürchtet er, daß sein Mord spuken könnte, und immer bereut er es. Zugleich mit Münnich (einem anderen Minister) gerät er ins Unglück, muß seinen Kopf auf den Holzblock legen, aber im letzten Augenblick wird er begnadigt. Doch seine Kerkerstrafe dauert ewig.
Carl von Linne, einer der größten Naturforscher, die je gelebt haben, war jahrzehntelang damit beschäftigt, über solchen Geschichten zu brüten. Weit mehr als hundert ihresgleichen hat er gesammelt und heimlich aufgezeichnet. Er stopfte die Manuskriptblätter in ein Futteral, das er seinem Sohn hinterließ. In einem Vorwort beschwor er ihn, die Lehren dieser Sammlung zu beherzigen, aber dafür zu sorgen, daß ihr Geheimnis gewahrt bleibe. Er nannte sie "Nemesis Divina", was soviel bedeutet wie "Göttliche Vergeltung".
In diese Idee, die man auch eine Zwangsvorstellung Linnes nennen könnte, sind ebensowohl alttestamentliche wie antike Vorstellungen eingegangen. Älteren Erklärern zufolge ist die Nemesis, nach Hesiod die Tochter der Nacht, eine "Personifikation des sittlichen Rechtsgefühls, der Scheu vor strafbaren Handlungen, und daher auch bei Hesiod mit der Scham verbunden. Später erscheint sie als die Göttin des Gleichgewichts, die jedem Übermaß im Menschenleben feind ist. Hieraus entwickelt sich der Begriff einer rächenden und strafenden Schicksalsgöttin, welche den übermütigen Frevler früh oder spät demütigt".
Dem monumentalen Anspruch des Titels wird die Gestalt des Buches kaum gerecht. Es ist Fragment geblieben. Die Handschrift ist streckenweise wirr, eine definitive Ordnung ist nicht zu erkennen. Viele Passagen sind auf Lateinisch abgefaßt, andere verschlüsselt. Linne hatte gute Gründe für seine Vorsicht. Unter den Helden seiner Horror-Geschichten finden sich nicht nur Bauernknechte und Pastoren, sondern auch gelehrte Häupter aus Uppsala und Stockholm, Herren und Damen aus der besten Gesellschaft, einflußreiche Staatsmänner und hohe Beamte. Das Material, das er sammelte, war also äußerst brisant. "Sollten Familien, Verwandte und Angehörige davon erfahren", schrieb er in der Widmung an seinen einzigen Sohn, "so hast du allezeit mit Verfolgung zu rechnen, vielleicht sogar mit dem Tod."
Wir haben es also auch mit einer skandalösen Geheimgeschichte des 18. Jahrhunderts zu tun, die vom Hörensagen lebt und sich aus dunklen Gerüchten und wüstem Klatsch speist. Vielleicht aus eben diesem Grund mutet sie lebendiger, eindringlicher und glaubwürdiger an als die offizielle Historiographie der Epoche. Das Bild der sogenannten schwedischen "Freiheitszeit", das sich hier aus Dutzenden von Episoden nach Art eines Mosaiks zusammensetzt, kann man sich gar nicht düster genug vorstellen.
Vom ornamentalen Putz der Rokoko-Fassade bleibt unter den Schlägen dieser schonungslosen Prosa nichts übrig. Die Adligen plündern die Bauern aus. Mord und Raub sind alltägliche Begebenheiten. Die Beamten sind mit Intrigen, mit Wucher und mit korrupten Geschäften befaßt. Wie Skorpione in einem Glas fallen die Kammerherrn, Konsistorialräte und die Minister übereinander her. Die gesellschaftliche Unordnung bringt immer neue Akte der Rachsucht und der Brutalität hervor, und es wird nach Herzenslust gerädert, geköpft und gevierteilt.
Auch das Volk nimmt an diesem molekularen Bürgerkrieg teil. Aber der Skandal der "Nemesis Divina" geht über die Sittenschilderung hinaus. Das zeigt sich schon daran, daß es zwei Jahrhunderte gedauert hat, bis die Aufzeichnungen Linnes vollständig veröffentlicht werden konnten. Was bei ihrem Verfasser als Selbstzensur begann, hat die Nachwelt hartnäckig fortgesetzt. Die Geschichte der gereinigten, zensierten, verstümmelten Drucke der "Nemesis" recht bis in unsere Tage, und die Abwehr, von der sie zeugt, ist wohlbegründet.
Linnes Manuskript wirft ein eigentümlich fahles Licht nicht nur auf die schwedische, sondern auch auf die Geschichte der Wissenschaft. Wir sehen hier eine der Leuchten der Aufklärung, einen Pionier der modernen Naturwissenschaften, mit ominösen Vorzeichen, okkulten Ahnungen und magischen Korrespondenzen beschäftigt, die jeder aufgeklärten Rationalität Hohn sprechen. Eine monströse Theologie will hier aus den Eingeweiden des Schicksals lesen und der Alchimie der Vorsehung auf die Schliche kommen.
Freilich, wer sich die Mühe macht, die Geschichte der exakten Naturforschung zu studieren, wird auf manchen S.224 Parallelfall stoßen. Viele große Astronomen haben sich mit Sterndeuterei befaßt; Newtons esoterische Spekulationen sind einigen Historikern der Physik heute noch peinlich; Swedenborg war unter anderem ein hochbegabter, solider Biologe, bevor er sich der Geisterwelt verschrieb. So leicht, wie die Positivisten meinten, läßt sich also aus unserer Wissenschaftsgeschichte das abergläubische Unterfutter nicht heraustrennen, und es gibt gute Gründe für die Vermutung, daß auch in unseren heutigen Disziplinen, von der Hochenergiephysik bis zur Biochemie, ein Rest von magischen Praktiken steckt.
Dabei verfolgt Linne mit der "Nemesis Divina" ein durchaus handfestes Projekt, das kühn, aber keineswegs verblasen ist. Er kann, als Wissenschaftler, die Unordnung menschlicher Verhältnisse nicht ertragen, und er nimmt sich vor, die Zufälligkeiten der moralischen Welt, hinter denen er einen Code vermutet, zu entziffern. Was ihm vorschwebt, ist eine "experimentelle Theologie"; was er zu finden hofft, sind die ewigen Gesetze, denen das Handeln der Menschen unterliegt. In genauer Analogie zu seinem Hauptwerk, dem "System der Natur", beginnt Linne damit, die Arten dieses Handelns zu klassifizieren; er sammelt, wie in einem Herbarium, seine Fälle. Das Forschungsfeld ist ganz und gar diesseitig, Himmel und Hölle bleiben außer Betracht.
Linne legt seiner Arbeit die Hypothese zugrunde, daß es ein verborgenes Gleichgewicht von Schuld und Strafe gibt, eine Symmetrie, die bis zur exakten Abbildung geht. Dem Professor, der für die verkehrte Sache intrigiert, "dreht sich der Kopf zum Rücken"; die Ehebrecherin erkrankt an Gebärmutterkrebs; der onanierende Bauer stirbt an Tobsucht. Und die Vergeltung macht nicht bei dem Schuldigen halt; nach Art der Sippenhaftung rächt sich die Sünde der Väter an ihren Nachkommen: "Was das Schwein verbrochen hat, müssen die Ferkel büßen." Auf diese Weise entwirft Linne so etwas wie eine Ökologie des Bösen, für deren unbarmherziges Wirken Gott nur den Namen hergibt; denn dieser Gott ist eher ein verborgenes Ordnungsprinzip als eine Person.
So verzweifelt Linne an seinem Projekt hing, so wenig konnte er sich verhehlen, daß sich seine Hypothese nicht beweisen ließ. Er war Wissenschaftler genug, um zu sehen, daß nicht immer Gleiches mit Gleichem vergolten wird, daß nicht jeder Vorahnung die Bestätigung und nicht jeder Schuld die Strafe folgt. Ein Bauernknecht in Uppland zum Beispiel "schwängert zwei auf einmal. Die eine Magd wird öffentliche, ehrlose Hure. Die andere mordet ihr Kind heimlich. Der Bauernknecht nimmt die zweite zur Frau. Als sie einmal braut, wird ihr schwindlig, sie fällt S.225 in den Braukessel und wird zu Tode gekocht. Die erste Magd verheiratet sich, und es ergeht ihr wohl".
Eben dies ist es, was Linnes selbstquälerische Notizbücher so eindrucksvoll und so beruhigend macht: An den Geschichten, die sie überliefern, scheitern alle Hypothesen, allen voran diejenigen des Autors. Sie bleiben lakonisch, steinern, blind und taub, stehen als das, was sie sind: fremdartige Findlinge, an denen die Kategorien, mit denen zu hantieren wir gewohnt sind, abgleiten.
Die Protagonisten dieser knappen Tragödien sind zum einen gewissermaßen schattenlos. Ihre Handlungen folgen nicht aus ihrer historischen oder gesellschaftlichen Lage. Linne macht nicht den geringsten Unterschied zwischen Onan, dem Sohn Judas, und dem Bauern aus Brestad, und Julius Caesar tritt in seinem Text genauso auf, als wäre er ein Zeitgenosse des Theologieprofessors Melander aus Uppsala. In der Ordnung, die Linne zu finden hofft, ist die historische Zeit bedeutungslos.
Zum andern haben die Figuren, die hier geschwängert, totgeschlagen, ruiniert oder hingerichtet werden, keinerlei Innenleben. Ihre Motive liegen entweder auf der Hand, oder sie sind unerforschlich. Linne weigert sich, "Verständnis" für sie zu haben, ebensowenig, wie man eine Flechte "versteht": Die Psychologie erscheint ihm wie eine Sinnestäuschung. Das hat eine Erbarmungslosigkeit zur Folge, die keine mildernden Umstände kennt. Haben wir es also mit der Niederschrift eines Wahnsinnigen zu tun? Ist dieser große Fortschrittsmann ein Paranoiker, der seine Sucht nach Ordnung, seine sexuelle Qual, seine Rachsucht und seinen Sadismus nach außen wendet, auf seine Mitmenschen projiziert?
Das ist möglich. Aber viel wäre mit einer solchen Erklärung nicht gewonnen; denn die Geschichten, die Linne erzählt, lassen sich nicht auf die Leiden ihres Verfassers reduzieren. Sie widerstehen, in ihrer lakonischen Widersprüchlichkeit, allen Deutungsversuchen. Letzten Endes beißt sich an ihnen jeder Kommentar die Zähne aus.
Das gilt auch für die mustergültig edierte deutsche Ausgabe der "Nemesis Divina", zu der die Herausgeber Lars Gustafsson und Wolf Lepenies zwei scharfsinnige, kenntnisreiche Essays beigesteuert haben. Sie zitieren Freud und Diderot, Leibniz und Rousseau und bringen viel Gescheites zur Theorie-Entwicklung des 18. Jahrhunderts vor; doch die bösen Tatsachenmärchen der "Nemesis" bleiben von ihren Erläuterungen seltsam unberührt. So gleicht diese schöne und (bis auf eine Reihe von störenden Skandinavismen) zuverlässig übersetzte Edition einem luxuriösen neuen Futteral, in dem der harte böse Kern des skandalösen Buches überdauert.

DER SPIEGEL 37/1981
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