02.11.1981

Willkommene Tupfer

Wenn deutsche Frauen im Kugelstoß oder Speerwurf Olympiagold holen, jubeln die Funktionäre. Fußballspielerinnen jedoch zerstören den Männertraum.
Sie spielten Fußball auf einer Insel, wo es die Männer nicht besser können als die Frauen: auf Taiwan. Zum Endspiel kamen 36 000 Zuschauer. Für Deutschland kickte eine Equipe aus Bergisch-Gladbach bei Köln. Sie gewann 4:0 gegen Holland und blieb in sieben Spielen unbesiegt.
Doch zum Empfang bei der Rückkehr erschien nicht einer der Fußball-Oberen. Ein Spaßvogel gab sich als Fußballfunktionär aus und hielt eine Rede. Die Fußballfrauen lauschten ergriffen, bis der Ulk entlarvt wurde.
Als 1974 die Männer Weltmeister geworden waren, tafelten die echten Fußballbosse mit den Siegern. Die Frauen der Spieler hatten Lokalverbot.
Vorletzte Woche, als die Jungmänner als Weltmeister aus Australien heimkehrten, waren Funktionäre und der Bundestrainer zum Empfang erschienen. Die Frauen erwartete letzte Woche nur der Bürgermeister von Bergisch Gladbach. Seine Stadt hatte die Hälfte des 28 000-Mark-Etats für die Taiwan-Reise gezahlt, den Rest stifteten Sponsoren.
Vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) gab es nichts, obwohl in der Bundesrepublik mehr als 400 000 Frauen und Mädchen in 2701 Mannschaften Fußball spielen oder Mitglied im DFB sind. "Für Freundschaftsspielreisen zahlen wir nichts", entschuldigte DFB-Mann Horst Schmidt den Verband. "Das Turnier in Taiwan war eine inoffizielle Veranstaltung."
Beim DFB heißt auch nach dem ersten Jahrzehnt verbandsoffizieller Duldung ein Frauenteam immer noch Mannschaft. Fußballerinnen sind zwar zugelassen, werden aber nicht für voll genommen.
"Unsere Fußball-Damen sind noch nicht soweit, daß wir eine Nationalelf bilden könnten", erklärte im letzten Frühjahr DFB-Präsident Hermann Neuberger. "Ich finde Damenfußball unästhetisch", sagte Nationalspieler und Ästhet Paul Breitner. Ralf Sievers, 19, vom Junioren-Weltmeisterteam Deutschland hält Fußball für ein "Kampfspiel, das für Frauen ungeeignet" sei.
Die Männerdomäne Fußball grenzt sich ab vom Frauenkick. "Fußball ist kein Mädchenspiel", meint Bundestrainer Jupp Derwall. Altbundestrainer Sepp Herberger redete seine Spieler ostentativ mit "Männer" an. Der frühere DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens, in seiner Jugendzeit als Schiedsrichter tätig, erklärte, daß auf "dem grünen Rasen kein Platz für Frauenreize" sei.
Es ist zwar olympisch, wenn Frauen Kugeln stoßen, Speere werfen, den Diskus schleudern und beim Turnen ihren Unterleib gegen Barrenstangen schmettern, es ist sogar statthaft, wenn Frauen beim Hockey den Schläger schwingen, doch Fußball der Frauen ist suspekt. Letzte Woche zeigte Showmaster Rudi Carrell, was am Frauenfußball allein sinnlich stimmt: Wenn nach dem Schlußpfiff die Spielerinnen die Trikots tauschen.
Auf Lustgewinn und Kassensturz hatten es vor 30 Jahren die privaten Manager der ersten Frauen-Spiele abgesehen. Animiert durch Damenringkämpfe im Schlamm, warben sie Frauen und Mädchen für Fußballmannschaften an, die kreuz und quer durch Europa zogen.
Doch die Darbietungen entsprachen selten den Erwartungen der vorwiegend männlichen Voyeure. Weder pflegten die Spielerinnen sich an den Haaren zu ziehen noch an die Brust zu greifen oder mit den Fußballstiefeln in den Schoß zu treten.
Italienische Einkäufer zahlten jedoch bis zu 46 000 Mark für gesunde Mädchen, die laut Zürcher "Weltwoche" bereit waren, "weibliche Waden und baumelnde Busen" im Fußballkampf zu zeigen. "Emanzipation der Frau auch im Fußball", meldete der Europäische Fußballverband und warnte: "Es wäre nicht entschuldbar, wenn der Frauenfußball zum Zirkus ausarten würde."
Die Warnung kam zu spät, denn die Getränkefirma Martini & Rossi zog die erste Weltmeisterschaft für Fußballfrauen auf. Es fehlte auch nicht an der Lustberichterstattung. "Ein Mann ist zu empfänglich für die Reize einer Frau, die soeben ein Foul begangen hat", erklärte die englische Nationalspielerin Eve Finney.
Die Italienerin Patrizia Rocchi, 18, sagte offensichtlich einstudierten Text auf: "Sportliche Frauen tragen den Schmerz der Mutterschaft leichter und lenken mit größerer Bestimmtheit die Familie." Der dänische Trainer Svend Aage Pedersen verteilte vor Spielen Pornohefte. Seine Dänen-Mädchen wurden Weltmeister.
Nun spannte die etablierte Männergesellschaft in den nationalen Fußballverbänden den Aperitif-Werbern die Mädchen wieder aus. "Schon der Vernunft wegen kommen wir nicht daran vorbei", fand Hermann Neuberger vom DFB heraus.
Jugoslawische Funktionäre forderten ein Spielverbot während der Schwangerschaft, und französische Verbandsherren sorgten sich um die Busen. Dafür opferten sie eine alte Fußballregel: Frauen ist das Handspiel erlaubt, wenn es die Brüste schützt.
Doch die Spielerinnen, die nur Spesen bis zu 100 Mark pro Spiel erhalten, geben sich unempfindlicher. "Wenn Bälle von oben auf den Busen fallen, ist das nicht so schlimm", berichtete Helga Waluga S.224 vom SC Bad Neuenahr. Nur "direkt von vorn oder von unten tut es verdammt weh."
Außer dem Brustschutz verordneten die Fußballherren, die vorwiegend auf männliche Trainer und Schiedsrichter zurückgreifen müssen, daß statt zweimal 45 Minuten mit zehn Minuten Halbzeitpause wie bei den Männern nur zweimal 30 Minuten gespielt werden darf. Außerdem sollten die Fußballschuhe keine Stollen, vor allem nicht aus Metall, aufweisen und nur leichtere Jugendbälle benutzt werden.
Inzwischen setzten sich Deutschlands Fußballerinnen darüber hinweg. Wie Männer frönen sie Fußball als Kampfspiel. Bei der ersten Hamburger Meisterschaft brach sich eine Spielerin ein Bein. Über den Turniersieg entschied ein Foulelfmeter.
Auch Vorurteile stören die Fußballfrauen nicht. "Drei von zehn Fußballerinnen sind lesbisch, so heißt es doch", sagte Damen-Trainer Gustl Schrauf vom FC Bayern München. "Vielleicht sind im Bundesdurchschnitt gar vier von zehn Frauen lesbisch."
Längst schrauben sich Frauen bei tiefem Boden wie die Herren Metallstollen unter die Sohlen. Auch die Hand legt nur noch selten eine Athletin an die Brust, wenn sie zur Abwehr eines gegnerischen Freistoßes die Sperrmauer bildet.
"Im Brustkorbbereich sind Verletzungen sehr selten", entwarnte der Sportmediziner Professor Dr. Dieter Jeschke. Der Kölner Dr. Alfons Bonnekoh, Mannschaftsarzt beim Bundesligaklub 1. FC Köln, kann "eine spezifische Gefahr" für die Gesundheit fußballspielender Frauen nicht erkennen. "Muskeln und Organkraft sind bei Frauen ebenso trainierbar wie bei Männern."
Nach mehrjähriger Spielpraxis erklärt die Spielerin Evelyn Klumpp von Eintracht Stuttgart: "Wer es richtig macht, dem tut nichts weh." Auch "ein Mann stoppt den Ball nicht mit irgendeiner Stelle der Brust, sondern mit dem Brustbein". Diese Stelle sei bei Frauen ebenso unempfindlich wie bei Männern.
Der Vormarsch der Balldamen, die, Wert darauf legen, daß ihr Sport Damenfußball und nicht Frauenfußball genannt wird, stoppte auch nicht vor den Fernsehanstalten. Die farbige Beverly Ranger, 1975 Deutscher Meister mit dem Bonner SC, erlebte im selben Jahr, daß einer ihrer Treffer von fast 200 000 Zuschauern zum "Tor des Monats" ausgewählt wurde - in Konkurrenz zu vier Toren, die von Männern geschossen worden waren.
Auch im bislang frauenfeindlichen DFB bezeichnete Funktionär Alfred Finkbeiner die Fußballerinnen "als willkommene Farbtupfer in unserem Verband". Doch erst fern der Heimat erlebte der Deutsche Meister SSG 09 Bergisch-Gladbach rosa Zeiten des Frauenfußballs. In Taiwans Hauptstadt Taipeh nächtigten sie im Luxushotel "Carnival".
Die Blondinen in der deutschen Equipe erregten Aufsehen unter den chinesischen Männern, Taiwans Mädchen dagegen bestaunten scheu die hochgewachsenen Spielerinnen. Die Deutsche Doris Kresimon wurde mit 12 Treffern umjubelte Torschützenkönigin des WM-Turniers. "Wir hatten das Gefühl", sagte Spielführerin Anne Trabant-Haarbach nach dem Höhepunkt im Endspiel, "den Zuschauern, die uns begeistert anfeuerten, etwas schuldig zu sein, da haben wir noch einmal gezaubert."
Spielführerin Anne Trabant, 32, erhielt vom deutschen Herrenmeister FC Bayern München das Angebot, künftig dessen Damen zu trainieren. Denn dort gab Trainer Schrauf auf, weil er "die ewigen Diskriminierungen leid" sei.
Während in Deutschland nur noch in Schleswig-Holstein und Bremen Frauenfußball nicht stattfindet, kommt ausgerechnet aus der Sowjet-Union ein Stoppsignal.
"Für Frauen nicht geeignet", urteilte Natalija Krajewskaja, leitende Ärztin im Gesundheitsministerium. Fußball, so ihr Bericht, fördere bei Frauen "die Bildung von Krampfadern". Außerdem verursache der Zweikampf um den Ball "Schäden an Sexualorganen." Ein scharf geschossener Ball könne "vom Beckenkranz geschützte Organe schädigen." Die Sowjet-Ärztin empfiehlt Leichtathletik und Fechten, Radfahren und Schießen als besser geeignete Sportarten für Frauen.

DER SPIEGEL 45/1981
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