02.11.1981

Schallplatten: Kniefall in der Stunde der Not

Der Klassik-Markt, schon seit Jahren übersättigt und durch harten Preiskampf ruiniert, ist „katastrophal“ eingebrochen. Nur wenige Top-Stars können die Kauflust noch anheizen. Plattenfirmen führen den Kampf um Exklusivverträge „mit allen Intrigen der Welt“, die umworbenen Künstler reizen ihre Rechte voll aus.
Wie denn auch anders: "Bei meiner Ankunft strahlte der Vollmond", verklärte sich der Stabführer, und als der Umstrahlte am nächsten Tag lächelnd paraphierte wie auf dem Standesamt, trug natürlich auch "dieses Ereignis" in seinen Augen "einen Heiligenschein" - von den Spots des deutschen Fernsehens.
Wieder einmal, Mitte Oktober in Hamburg, hatte es die Deutsche Grammophon Gesellschaft (DGG) verstanden, sich und ihren jüngsten Darling, den multimedialen Leonard Bernstein, 63, ins rechte Licht zu rücken.
Nun sei, schwärmte Präsident Tim Harrold, der teure Maestro "unter die Freunde" des gelben Nobeletiketts aufgenommen, exklusiv und für wenigstens sechs Jahre. "Deutsche Grammophon macht nicht nur Geschäfte", schwärmte der Exklusive zurück, "sondern wirklich Kultur."
Die macht sie fortan, nach dem Tode von Karl Böhm und unter dem verhaltenen Grummeln des kränkelnden Karajan, am liebsten mit Lennie und dieser, Brahms und Mozart mal ausgenommen, am liebsten mit sich selbst: Jede Menge Platten mit eigenen Werken hat er schon angedroht; seine "West Side Story" mit, wie denn auch anders, "den besten Sängern der Welt" ist nicht mehr aufzuhalten; seine künftige Oper, angelehnt an den eigenen Einakter "Trouble in Tahiti", dräut bereits.
Im Hochgefühl, mit diesem Kulturträger eine gute Partie gemacht zu haben, lud Polygram, die marktbeherrschende Dachgesellschaft von DGG, Phonogram und Decca, am Abend des neuen Bundes in Hamburgs Fischereihafen-Restaurant zum "speziell komponierten" Hochzeitsmahl: Altenwerder Fischsuppe, norwegischer Zuchtlachs mit getrüffeltem Zandermus in Blätterteig, Rote Grütze mit Himbeergeist-Vanille.
Nur knapp einen Monat vorher hatte die Teldec an gleicher Stätte ihren Exklusiv-Dirigenten Sir Georg Solti ähnlich fürstlich bewirtet: Tatar von rohem Lachs und Jakobsmuscheln, geeiste Gurkencreme mit Kaviar, Steinbuttfilet auf jungem Blattspinat, "Crepe Jarnac" mit "einem Tupfer Schlagobers".
Zu solchen Tafelfreuden hat die angeknackste Wohlklangsbranche eigentlich gar keinen Anlaß. Denn nachdem schon das Pop-Geschäft seit Jahren lahmt, bröckelt nun auch der Klassik-Markt, einst die feste Burg unter den Tonträgern, rapide ab.
Schon 1980 wurden im Handel 1,2 Millionen Platten und Kassetten mit klassischer Musik weniger verkauft als 1979: ein Minus von neun Prozent. Im ersten Halbjahr 1981 sackte der Umsatz mit E-Musik noch einmal um 15 Prozent (800 000 Tonträger) gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres ab. Vom dritten Quartal 1981 melden manche Händler alarmierende Einbrüche, weitaus krasser als bei der üblichen Sommerflaute.
"Es läuft vorn und hinten nicht", beklagt Phonogram-Klassik-Pressesprecherin Sabine Max die Abdrift im Handel. Für Bernhard Krajewski, den Vertriebsdirektor von EMI Electrola in Köln, "sieht es auf dem klassischen Gebiet geradezu katastrophal aus".
Die Turbulenzen kommen nicht aus heiterem Himmel. In den fetten 70er Jahren hat die Industrie produziert, was das Zeug hielt. Noch 1980 warf sie 1367 neue E-Musik-LPs auf den ohnehin überfütterten Markt. Inzwischen führt der "Bielefelder" Branchenkatalog allein 29 Einspielungen der Neunten Symphonie von Beethoven auf - nicht gerechnet solche Raritäten wie das Chor-Finale mit dem Jugend-Akkordeonorchester Kaiserslautern oder mit der Luzerner Jagdhorngruppe "Auerhahn".
Zur sinnlosen Repertoire-Völlerei kam ein selbstmörderischer Krieg um Marktanteile. Als beispielsweise die DGG ihren Karajan-Karton mit sämtlichen Beethoven-Symphonien verschleuderte, verramschte EMI Electrola alle Klavierkonzerte Mozarts.
Das Zwölf-Platten-Album (Solist und Dirigent: Daniel Barenboim) ging mit 100 000 Exemplaren zwar weg wie warme Semmeln, brachte aber nichts ein: Der Abgabepreis an den Handel (33 Mark) deckte gerade die Lizenz-, Preß-, Verpackungs- und Vertriebskosten.
Das Klassik-Publikum, in Deutschland traditionell recht konsumfreudig, griff während des Preiskampfes dankbar zu und hielt sich dann zurück. Als die S.231 gebremste Kauflust durch Experimente mit der neuen Digital-Technik, durch den Rumor von einer völlig andersartigen HiFi-Technologie und durch die allgemeine Konjunktur-Schwäche noch weiter gedämpft worden war, brach der Klassik-Markt völlig ein.
In dieser Stunde der Not suchen die Gesellschaften nun ihr Heil bei den wenigen Künstlern, denen das Publikum wohl auch noch die 30. Neunte abnehmen würde: bei den Bernsteins, Karajans und Soltis.
Nur "der klassische Super-Star" mit der "Aura eines Pop-Stars" könne, so die "New York Times" über die Klassik-Misere, "dem Geschäft wieder aufhelfen". "Wir brauchen", so EMI-Krajewski, "die wirklichen Top-Stars als Fixpunkte für das Repertoire, den Handel und die Kundschaft."
Seitdem wird um die Fixsterne gefeilscht und geholzt wie seit langem nicht; hinter Zuchtlachs und Zandermus kabbeln die Konzerne um die attraktivsten Artisten.
Kaum hatte die DGG das geigende Wunderkind Anne-Sophie Mutter, inzwischen 18, mit Karajans Lobeshymnen aufgebaut, da nutzte EMI eine Verstimmung zwischen Vater Mutter, dem Manager der Virtuosin, und der DGG, um sie an sich zu fesseln.
Stolz gab EMI den exklusiven Bund bekannt, prompt konterte die DGG: Fräulein Mutter habe "soeben" für sie das Brahms-Violinkonzert aufgenommen; außerdem produziere DGG nun die Violinkonzerte Mozarts, die Anne-Sophie Mutter angeblich bei ihr um jeden Preis hatte einspielen wollen, mit dem israelischen Geiger-Star Itzhak Perlman, den ausgerechnet EMI gern als einen der ihren betrachtet.
Der Abschied von Fräulein Mutter kam der DGG um so ungelegener, als die Firma gerade Knies mit dem Geiger Gidon Kremer hinter sich hatte. Von 1981 an hatte der eigenwillige Exil-Balte eigentlich nur noch für die DGG spielen wollen - allerdings nicht nur die alten Schlager, sondern auch Ausgefallenes, etwa von Satie oder Elgar.
Als er mit diesen Wünschen bei seinem Vertragspartner auf taube Ohren zu stoßen schien, ging Kremer - rechtens, weil noch vor Vertragsbeginn - in die Studios der Konkurrenz. Daraufhin sah die empfindliche DGG "jede Vertrauensgrundlage zerstört" (Produktionsleiter Hans Hirsch), schnappte ein und wies den Treulosen ab.
Daß es in der verunsicherten Branche längst nicht mehr kultiviert zugeht, zeigt auch das Gerangel um den Dirigenten Carlos Kleiber. Bislang hat Kleiber, vielleicht der begabteste, sicher der unberechenbarste unter den europäischen Pult-Heroen, nur für die DGG produziert: wenige Platten, musikalisch hochwertig, geschäftliche Renner.
Drei Jahre antichambrierte EMI bei Kleiber, dann war der Umworbene willens, S.234 sich zur Aufnahme von Dvoraks "Aus der Neuen Welt" künftig auch einmal in ein EMI-Studio herabzulassen.
Der DGG, die auf besonders lange Listen mit exklusiven Künstlern versessen ist, schwante Schlimmes, das es zu verhüten galt. "Mit allen Intrigen der Welt", empört sich EMI-Klassikchef Herfrid Kier, versuchten die Hamburger jetzt, Kleiber auf ihr Label festzunageln - "bis hin zu ganz intimen Enthüllungen".
Kleiber seinerseits ist nicht wehrlos. Vor Monaten hat er für die DGG in Dresden Wagners "Tristan und Isolde" (mit Rene Kollo und Margaret Price) digital aufgenommen, das zur Überspielung vorgesehene Band aber wegen angeblicher Mängel noch nicht freigegeben. Seit Wochen versuchen nun Abgesandte der Firma, den mäkelnden Kapellmeister mit immer neuen Band-Vergleichen zu überzeugen, daß seine Love-Story o. k. sei - bislang vergebens.
Bleibt Kleiber hart, dann müßten ganze Passagen des Langspiels mit der Staatskapelle Dresden nachproduziert oder die Bänder eingestampft werden, in jedem Fall eine teure Panne.
Kehrseite der Platte: Je begehrlicher die Gesellschaften die weltweit verhätschelten Jet-Virtuosen an sich binden, um so hilfloser sind sie deren Wünschen und Launen ausgeliefert, ganz zu schweigen von den hohen Tantiemen (bis zu 14 Prozent des Netto-Verkaufspreises) und den stattlichen Vorauszahlungen, die die Exklusiv-Stars kassieren.
Wie selbstverständlich muß EMI Flugkarten für die Concorde bereithalten, wenn sie mit ihrem Super-Geiger Perlman verhandeln oder produzieren will. Und die DGG geht vor dem italienischen Pianisten Arturo Benedetti Michelangeli regelmäßig in die Knie. Denn Benedetti Michelangeli, diese teuerste Mimose am Piano, hat von der DGG zwar schon 1979 drei der fünf Beethoven-Konzerte mitschneiden lassen, bislang aber nur eines zur Veröffentlichung genehmigt.
Nun hoffen die Produzenten, daß vielleicht im Januar, wenn der eitle Klavierspieler wieder in Hamburg zu weilen gedenkt, ein weiteres Michelangeli-Band vor Michelangelis Ohren Gnade finden und der horrende Produktionsaufwand sich doch noch amortisieren könnte.
In diesem Millionenspiel der Elitären und Verwöhnten gibt, wie denn auch anders, Herbert von Karajan den Ton an. Er hat die besten Verbindungen: Das meiste bekommt die DGG, sehr gern macht er für EMI, auch für die Decca fällt manches ab, neuerdings, mit Verdis "Falstaff", bedenkt er auch Philips.
Aber so recht glücklich sind die alle nicht mehr mit dem vielseitigen Maestro. So hatte Karajan seine letzte "Tosca" EMI zugedacht. Aber als der auf Super-Perfektion versessene Tüftler mehr und mehr Aufnahmesitzungen mit den teuren Solisten und den kostspieligen Berliner S.235 Philharmonikern beanspruchte, mußte der britische Konzern passen: Das Budget war verspielt. Daraufhin erschien Puccinis Melodram bei DGG.
Ein Triumphgefühl wollte allerdings auch bei den Hamburgern nicht aufkommen. Sogar die finanziell gut gestellte DGG kann die Karajanschen Großunternehmen nicht mehr so leicht verkraften. "Hier atmen alle auf", gestand ein Manager, "wenn Karajan wenigstens keine Wagner-Oper produzieren will." Die kostet im Schnitt nämlich eine Million Mark, und der "Parsifal" drückt noch schwer auf die Bilanz.
Doch den Ruf, der konservierten Tonkunst eine globale Heimstatt zu bieten, läßt sich die DGG wiederum auch gern etwas kosten. So wird sie, nachdem nun schon Bernstein völlig der ihre ist, auch Karajan vermutlich von Herbst 1982 an ganz für sich alleine haben. Gegen die Zusage, seine ganze Hitliste dann noch einmal, nach dem jeweils neuesten technischen Standard, einspielen zu können, scheint der Maestro bereit, auf seine alten Tage einer einzigen Marke treu zu werden.

DER SPIEGEL 45/1981
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