14.09.1981

FRAUENARBEITReiner Zufall

Der Jubel über den Sieg der Heinze-Frauen vor dem Kasseler Bundesarbeitsgericht ist voreilig. Frauen werden wohl auch weiterhin schlechter bezahlt als Männer.
Etwas holprig war der Reim der 28 Laborhelferinnen aus Gelsenkirchen, aber er zog: "In einer Dunkelkammer, da reifte der Entschluß, daß bei gleicher Arbeit auch gleich bezahlt sein muß."
Vergangenen Mittwoch schloß sich das Bundesarbeitsgericht (BAG) in Kassel dieser Erkenntnis an. Der 5. Senat entschied die Sache "Beate Berger u.a. gegen Heinze-Fotolabor Betriebe" für die Klägerinnen aus dem Kohlenpott. Das Grundgesetz, so die Richter, verbiete auch bei übertariflichen Zulagen, wie sie das Unternehmen Heinze den männlichen Arbeitnehmern gewährt, "jede Differenzierung nach Geschlecht".
Eigentlich dürfte ein solcher Richterspruch keine Sensation sein. Schließlich steht seit 1949 in der bundesdeutschen Verfassung, daß die Arbeit von Frauen nicht schlechter entlohnt werden darf als die von Männern. Der Grundsatz wurde 1957 durch den EWG-Vertrag erhärtet und 1975 durch zwei EG-Richtlinien bekräftigt, die mittlerweile auch Eingang ins Bürgerliche Gesetzbuch gefunden haben.
Dennoch: Drei Jahre brauchten die Heinze-Frauen, um endlich in der dritten Instanz zu ihrem Recht zu kommen. In dieser Zeit wurden die Damen aus dem Großlaborbetrieb zu Symbolfiguren des Kampfes um Lohngleichheit, geriet der Name der Labor-Eigentümerfamilie Heinze zum Synonym für die Ausbeutung weiblicher Arbeitskräfte.
Schon einmal, in der ersten Instanz vor dem Gelsenkirchener Arbeitsgericht, hatten die Labordamen recht bekommen. Doch die Freude über den Sieg, gefeiert wie ein Auswärtserfolg von Schalke 04, war nicht von langer Dauer. In der zweiten Instanz vor dem Landesarbeitsgericht Hamm verloren die Laborhelferinnen.
Für die Gewerkschaft IG Druck und Papier wurde die Klage mittlerweile ein Testfall, aus dem ganzen Land gab es Solidaritätsbekundungen. Willy Brandt und Herbert Wehner, Erhard Eppler und Annemarie Renger machten sich, in Worten, für die Heinze-Frauen stark.
"Brigitte" kürte die Damen aus der Dunkelkammer zu Frauen des Jahres, ein Taschenbuch dokumentiert ihren Streit mit "dem ollen Heinzel", und für die Ruhrfestspiele entstand das Lustspiel "Frauen sind keine Heinzelmänner". Am Sonntag vor der Revisionsentscheidung über das Urteil von Hamm versammelten sich über 6000 Gewerkschafter in der Kasseler Eissporthalle, um Stimmung gegen Lohndiskriminierung zu machen.
Durch reinen Zufall -- einer der männlichen Kollegen hatte seinen Lohnstreifen in der Dunkelkammer liegengelassen -- war die ganze Sache in Gang gekommen. Bei gleicher Arbeit verdienten die Männer in der Entwicklungsabteilung bei Foto-Heinze neben sechs Mark Stundenlohn und einer tariflichen Zulage für Schicht- und Nachtarbeit noch zusätzlich 1,58 Mark im Schnitt, Frauen dagegen nur 19 Pfennig.
Solche Lohnungleichheit ist trotz eindeutiger Rechtslage keine Seltenheit. Doch erst allmählich beginnen die rund acht Millionen werktätigen Frauen, sich massiv dagegen zur Wehr zu setzen. So muß das Bundesarbeitsgericht schon bald über eine weitere Klage befinden: 52 Neusser Arbeiterinnen, beschäftigt in einem Werk des Schickedanz-Konzerns (Quelle), wollen genausoviel wie ihre männlichen Kollegen.
Auch anderswo regt sich Widerstand: In Witten bei den Kabelwerken Kronberg & Schubert, bei Thyssen-Draht in Aßlar, bei Karstadt in Wiesbaden oder bei Horten in Hannover. Eine "wahre Lawine von Prozessen" sieht nun Gisela Kessler, die Frauensekretärin der IG Druck und Papier, auf die Gerichte zurollen.
Das wird auch nötig sein, denn mit dem Kasseler Urteil ist die Lohnungleichheit nicht beseitigt. Der Jubel, verständlich im Fall Heinze, ist verfrüht.
Daß Frauen am Arbeitsplatz weniger wert sind, ist überkommene Ansicht. Zwar konnten weibliche Industriearbeitnehmer in den siebziger Jahren bei den Durchschnittslöhnen aufholen, aber immer noch verdienen sie in der Bundesrepublik über 25 Prozent weniger als Männer in vergleichbaren Jobs. In Schweden, Dänemark oder Frankreich liegt der Abstand zwischen 13 und 15 Prozent.
An Begründungen für die unterschiedliche Löhnung besteht kein Mangel; vielfältig sind auch die Formen der Diskriminierung.
In den Tarifverträgen der 50er Jahre stand schlicht: "Frauen erhalten bei gleicher Arbeit 80 Prozent des Tariflohns der Männer." Als das Bundesarbeitsgericht 1955 solche Abschlagsklauseln verbot, entstanden die sogenannten S.49 Leichtlohngruppen. Darin wurden vor allem Frauen eingestuft, weil sie an Fließbändern und Spinnmaschinen, als Kabelspulerin oder als Stanzerin angeblich "körperlich leichte" Arbeit verrichteten. Auch heute gibt es noch zahlreiche getarnte Frauen-Lohngruppen.
Solche Lohngruppen sind in Tarifverträgen festgeschrieben -- Tarifverträge, denen Gewerkschaftsunterhändler zugestimmt haben. Das frisch abgezogene Heinze-Bild, auf dem die Gewerkschafter von der IG Druck und Papier so fein posieren, trügt denn auch: Allenthalben finden sich Gewerkschaftsfunktionäre zu Vertragsabschlüssen bereit, die weibliche Arbeitnehmer benachteiligen.
Da die Masche mit den Lohngruppen zunehmend auf den Widerstand von parteipolitisch und gewerkschaftlich organisierten Frauen stößt, erfanden Betriebe ein undurchsichtiges System aus Zulagen, Nebenleistungen und Arbeitsbewertungen. Stets stehen sich dabei Männer besser; und stets haben die Betriebsräte, in denen meist nur Männer sitzen, die schwer einklagbare Lohndiskriminierung gutgeheißen.
Irmgard Blättel, Frauensekretärin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sah denn auch im Sieg der Heinze-Frauen noch keine Wende: "Die Formen der Diskriminierung werden hinterhältiger."
S.46 Nach der Urteilsverkündung vor dem Bundesarbeitsgericht in Kassel. *

DER SPIEGEL 38/1981
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