09.08.1982

GEMEINDENSchwäbische Schaffer

Zwei junge Lehrer haben mitten im Schwarzwald einen verrotteten kleinen Kurort samt Heilquelle gekauft, den sie mit eigenen Mitteln sanieren.
Friedemann Burr, 31, und sein Bruder Eberhard, 30, beide Lehrer, haben sich einen "Lebenswunsch" erfüllt, von dem manche Zeitgenossen träumen: Sie haben sich eine komplette kleine Ortschaft gekauft, um einmal "völlig autark" und doch besonders kommunikativ sein zu können.
Die beiden Burr, Handwerkersöhne aus einem Dorf bei Heidenheim in Württemberg, arbeiten als Bauherren und Bauarbeiter, sie bewähren sich als Arbeitgeber und Gastronomen, Viehhalter und Ackerbauer, Natur- und Denkmalschützer.
Hinter ihnen stehen weder Kirche noch Gewerkschaften, keine privaten Gönner und keine öffentlichen Geldgeber, nicht einmal finanzielle Hilfe der Gemeinde haben sie. Ohne gewählt oder ernannt zu sein, sind sie in Personalunion nebenbei Ortsvorsteher und Gemeinderat für sich selbst.
"Wir sind weder alternativ noch grün", sagen die beiden Ex-Pädagogen; sie proben weder den Ausstieg aus Zivilisation, Kommerz oder Konsum, noch verbreiten sie Heilslehren oder Werbung für Biokost.
Die Brüder sehen sich, unterstützt von Eltern, Verwandten und Studienfreunden, schlicht als "schwäbische Schaffer", die zeigen wollen, "wie man aus einem total kaputten Kurort wieder ein Ziel für Gäste, Wanderer und Naturfreunde machen kann".
Das Ziel heißt Bad Boll, gehört als eigenständiger Ortsteil zur vier Kilometer entfernten Gemeinde Bonndorf, Kreis Waldshut, und liegt mitten im schönsten Südschwarzwald, in der romantischen Wutachschlucht nahe dem Titisee - nicht zu verwechseln mit dem württembergischen Kur- und Tagungszentrum gleichen Namens, im Kreis Göppingen.
Nur ein Waldweg, zwei Kilometer lang, führt von der Landstraße Löffingen-Bonndorf, an einem Sperrschild vorbei, in einen Waldwinkel, der besonders geschichtsträchtig ist, seit Jahren jedoch nur noch Einheimischen und Schwarzwald-Spezialisten geläufig - und die mochten nicht über das menschenleere Bad Boll reden, bislang kommunale Peinlichkeit und Schandfleck in der Natur, zum Müllplatz verkommen und gemieden.
Schon seltsam, was den Brüdern nun auf rund zehn Hektar Boden außer Wald, Wiesen und Wutach-Ufer gehört: beispielsweise ein Wasserkraftwerk und eine Waldschenke, ein Badhaus mit zwei Dutzend verrotteten Gästezimmern und S.63 eine Kapelle, ein kleines Freibad und ein Fischweiher, eine prächtige Kastanienallee und eine funktionierende Kläranlage, Gesinde- und Garagenbauten, alles etwa 130 Jahre alt - und eine sprudelnde Heilquelle.
Aufstieg und Fall von Bad Boll reflektieren ein Stückchen Zeitgeschichte, das ein Heimatroman nicht kitschiger schildern könnte. Mehr als fünfzig Jahre lang war Bad Boll ein hochgeschätztes Kurbad, dessen schwefelhaltige Quelle, schon von den alten Römern entdeckt, als Trink- und Badewasser ärztlich empfohlen wurde - bei Verdauungsstörungen und Rheumatismus, bei Nieren- und Blasenleiden.
Die würzige Waldluft sollte, heißt es in einem alten Prospekt, auch helfen bei "chronischen Katarrhen aller Art" sowie "bei Hautausschlägen und Geschwüren". So gut und heilsam waren die Kuren, daß Bad Boll gleich neben Marienbad, Vogesen- und Ostseebädern rangierte.
Das alte Kurhaus, erst vor wenigen Jahren vermutlich durch Brandstiftung ausgebrannt und dann vollends abgebrochen, hatte einst Balustraden und Säulengänge, dort speiste und tanzte unter Kronleuchtern die Hautevolee vor allem aus dem Rheinland und aus Norddeutschland.
Dann übernahm der "Royal Fishing Club of London" den Kurort für seine Mitglieder, vor allem wegen der schon damals international geschätzten Wutach-Forellen. Ein prominentes Clubmitglied kurte vor 1914 mehrmals in Bad Boll: Winston Churchill. Im Ersten Weltkrieg waren Kur- und Badehaus vornehme Zuflucht für Diplomatenkinder aus Berlin.
Von da an ging's bergab: mal stillgelegt, mal von wechselnden Pächtern erfolglos betrieben, im Zweiten Weltkrieg für Industrieverlagerung genutzt, später wieder privatisiert als Erholungsstätte eines Kaufleute-Verbandes aus Wiesbaden.
1960 schließlich kaufte den veralteten Weiler der Arzt Werner Schütze aus Freiburg, ein bißchen Kauz, ein bißchen Köhnlechner. Kein Wunder, daß seine Wiederbelebungsversuche für Bad Boll von den Nachbargemeinden skeptisch und distanziert verfolgt wurden: vegetarisches Altersheim zuerst, dann Klinik für biologische Ganzheitsmedizin, schließlich Release-Center und "Freier Therapiehof Bad Boll" mit Werkstätten für Suchtkranke.
Drogenprobleme waren in den sechziger Jahren in der kerngesunden katholischen Schwarzwaldgegend noch unbekannt. Die Ablehnung wuchs, als entlassene Strafgefangene und Drogenkranke durch die Wutachschlucht spazierten und Wanderer erschreckten, als Opferstöcke geplündert und Apotheken-Einbrüche gemeldet wurden.
Schütze, wegen der angeblich freien Sitten in Bad Boll zeitweilig als "Liebesdoktor" apostrophiert, starb 1976, die Drogen-Klinik wurde schleunigst geschlossen. Der Ortsteil blieb aber im Besitz der Arztwitwe Lieselotte Schütze in Augsburg, die den Niedergang zu einer zuletzt gänzlich ausgeplünderten Wildnis nicht aufhalten mochte. Und die Gemeinde Bonndorf fühlte sich für Privateigentum nicht in die Pflicht genommen.
Seit 1978 schon hatten Friedemann und Eberhard Burr das zerfallende Nest im Visier, immer wieder verhandelten sie mit der Eigentümerin, die von Firmen, Vereinen und Hotelbetrieben Offerten bis zu einer halben Million Mark bekam.
Die Burr-Brüder überzeugten letztlich weniger durch Bares als durch Hartnäckigkeit und Optimismus. Sie warfen Ersparnisse und Gepumptes zusammen S.64 und handelten einen Preis um rund 350 000 Mark bei kleiner Anzahlung und Leibrente aus.
Friedemann Burr vor allem, der Lehrer im südbadischen Kandern war, kannte von Schulwanderungen her die Vorzüge der Wutachschlucht, deren Vegetation unter Experten als einzigartig gilt: Rings um Bad Boll sind drei Viertel aller europäischen Pflanzengattungen vertreten, wachsen zehn seltene Orchideenarten und Bäume, die sonst nirgendwo im Schwarzwald zu finden sind.
Als die Gebrüder, aus dem Schuldienst freiwillig ausgeschieden, Bad Boll samt seiner nach wie vor ergiebigen Heilquelle übernahmen, war ihnen schon klar, was außer Kosten auf sie zukam: harte Maloche, die Fron einer Sieben-Tage-Woche mit täglich achtzehn Stunden Plackerei.
Jetzt helfen auch Handwerker aus der Umgebung mit, das Mißtrauen ist abgebaut, auf der Kastanienallee parken Lieferwagen. Gebaut und möbliert wird mit Abbruchmaterial und Restbeständen aus Firmenpleiten, zum lebenden Inventar gehören Hunde und Pferde, Schafe und Hühner.
Bald schon können kleine Gruppen im ehemaligen Badhaus übernachten, Imbiß-Kiosk, Grillecke und ein kleines Gartenlokal ziehen bereits Wanderer an, die früher eilig durch Trümmer und Moder marschierten. Schon hat Friedemann Burr ("Wir fühlen uns längst nicht mehr einsam") für 1983 vielfältige Nutzungsmodelle parat: Vielleicht als Schullandheim oder Bleibe für Vereinsausflüge, als Natur-Lehrpfad und kommerzieller Heilkräuter-Anbau.
Das neue Bad Boll, wo sich immer noch einstige Schütze-Patienten das Heilwasser kostenlos in Flaschen abfüllen, hat auch, wie alle verwunschenen Flecken, ein geheimnisvolles Stück Vergangenheit.
Als im September und Oktober 1977 nach den Entführern des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer gefahndet wurde, hatte das Bundeskriminalamt auch das abgelegene, schwer erreichbare, verlassene Bad Boll im Visier; diverse Schäden in den Bauten werden heute diskret auf "gründliche Durchsuchungen" zurückgeführt.
BKA-Überlegungen: Wenigstens drei Terroristen, denen maßgebliche Beteiligung an Schleyers Entführung und Ermordung angelastet wird, ist das Titisee-Territorium von Jugend auf bestens vertraut: Christian Klar stammt aus Freiburg, Adelheid Schulz aus Lörrach, Knut Folkerts aus Singen.
Die Ermittlungen im Fall Schleyer ergaben, daß der Entführte in einem Wald ermordet wurde. Der französische Grenzort Mülhausen (Mulhouse), wo Schleyers Leiche am 19. Oktober 1977 im Kofferraum eines Audi gefunden wurde, ist, über stille Schwarzwaldstraßen, kaum hundert Kilometer von Bad Boll entfernt.

DER SPIEGEL 32/1982
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