06.07.1981

UNTERNEHMENNie ernst gemeint

Reichlich unfein zog sich in Singapur die Norddeutsche Landesbank aus der Rollei-Affäre.
Auf der Terrasse des "Deutschen Hauses" in Singapur tanzten die Paare zu den Klängen einer Chinesen-Band durch die feuchtheiße Tropennacht. Unter den Palmen am Swimmingpool des Klubs labte sich Prominenz aus Wirtschaft und Politik an Bier und kaltem Buffet: Rollei Singapore feierte den Beginn einer neuen Ära.
Die vom neuen Rollei-Besitzer Hannsheinz Porst eingesetzten Manager -- der Kaufmännische Direktor Harald Koch, 55, und der Technische Leiter Norbert Platt, 34 -- gaben ihre Einstands-Fete. Friedrich Wilhelm Aldag, Managing Director seit 1976, verabschiedete sich.
Zur gleichen Zeit saßen zwei andere deutsche Manager, Syndikus Udo Ziegenhorn und Abteilungsleiter Hans-Dieter Meyer von der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB), im Singapur-Hilton und warteten auf einen Anruf ihres Arbeitgebers.
Das Rollei-Fest war noch in vollem Gange, da kam in der Nacht zum vorletzten Freitag endlich die erwartete Mitteilung. Die Nord/LB richtete ihren Abgesandten in Singapur aus, daß Rollei in Braunschweig die Eröffnung eines Liquidationsvergleichs beantragt habe.
Von dem Ende ihres Stammhauses erfuhren 32 deutsche, fünf schweizerische und österreichische sowie 4200 einheimische Beschäftigte der Singapurer Rollei-Werke erst am nächsten Morgen -- aber nicht von den Landesbankern. Ein Rollei-Kunde hatte die Neuigkeit in den Frühnachrichten der "Deutschen Welle" gehört und seine Geschäftspartner alarmiert. Dem Werkchef Koch steckte ein Reporter der Lokalzeitung "New Nation" die Neuigkeit.
Die Nord/LB-Vertreter Ziegenhorn und Meyer schafften es nicht einmal, am nächsten Morgen die Herren der Development Bank of Singapore (DBS) rechtzeitig zu informieren. Als sie um zehn Uhr bei der DBS antraten, hatte der 25-Prozent-Partner von Rollei Singapore die Nachricht längst aus dem Radio.
Die Nord/LB-Abgesandten taten zunächst noch so, als sei die juristisch selbständige Rollei-Tochter in Singapur von dem Ende der deutschen Mutter nicht betroffen. Am Mittwoch letzter Woche kündigten Nord/LB und DBS jedoch die Rollei Singapore gewährten Kredite in Höhe von 42 Millionen Singapur-Dollar, rund 47 Millionen Mark. Schon am Donnerstagmittag zogen die "Receivers" -- Konkursverwalter nach britischem Recht -- im Werk ein: Rollei Singapore war nach zehn Jahren und neun Monaten am Ende.
Die Konkursverwalter, ein Amerikaner und zwei Chinesen, sollen ein Unternehmen beerdigen, das schon seit Jahren in Existenznot war.
Angefangen hatte die Geschichte von Rollei in Singapur mit einer durchaus vernünftigen Idee. Die altrenommierte Photo-Fabrik Rollei hatte in den sechziger Jahren immer mehr Märkte an die japanische Konkurrenz verloren. S.79 Massenproduktion in einem Niedriglohnland in Fernost schien die Lösung. Die Braunschweigische Staatsbank (später in der Norddeutschen Landesbank aufgegangen), die Hessische Landesbank und schließlich die Nord/LB erlagen den verheißungsvollen Sprüchen und pumpten Millionen in das neue Unternehmen.
Die Provinz-Banker übersahen allerdings in ihrer Begeisterung, daß Masse allein zur Rettung nicht ausreichte. Der damalige Rollei-Chef Heinrich Peesel, von der eigenen Größe geblendet, vernachlässigte die konsequente Entwicklung neuer Modelle und hinkte mit veralteten Rollei-Produkten hinter den Japanern her.
Rollei-Ingenieure bastelten emsig eine verwirrende Vielfalt von Kameras, Blitzgeräten, Projektoren und schließlich sogar Digitaluhren. Rollei-Arbeiter schraubten die Geräte noch nach altdeutscher Handwerker-Art zusammen, als die Japaner bereits Roboter einsetzten.
In dem südostasiatischen Stadtstaat war Rollei einer der ersten europäischen Investoren. In der Gründungsphase 1970 waren die Singapurer industriell noch unerfahren, aber so erpicht auf ausländische Investitionen, daß Regierungsbeamte damals zu jeder im Hafen ankernden Luxusjacht ruderten und den Besitzer zu einem Engagement zu überreden versuchten.
Als Peesel den Singapurern vorschlug, fünf Fabriken, die im Endausbau 10 000 Menschen beschäftigen würden, zu gründen, griff die Regierung begeistert zu. Rollei bekam als erster großer ausländischer Investor zahlreiche Privilegien, vertrauensvoll ließen die Singapur-Regenten den Deutschen freie Hand. So entstand ein Werk nach Braunschweiger Vorbild, in dem von der komplizierten Linse bis zum kleinsten Schräubchen alles selbst hergestellt wurde.
Singapur profitierte davon, weil Rollei Facharbeiter für Feinmechanik, Optik und Elektronik ausbildete. Rollei hingegen blutete an dieser unrentablen Vielfalt aus. Statt der anvisierten 10 000 Arbeiter waren es höchstens 6000, dann fiel die Belegschaft auf 4200. Um rentabel zu arbeiten, hätte das Unternehmen einen Umsatz von 200 Millionen Singapur-Dollar machen müssen, schaffte aber gerade die Hälfte. Das Werk war nicht einmal zu 60 Prozent ausgelastet.
Die Bilanz wäre noch schlechter ausgefallen, wenn Rollei nicht schließlich für deutsche, japanische und amerikanische Unternehmen Linsen und Objektive, aber auch Diktiergeräte und Computerteile in Lohnarbeit hergestellt hätte. Eine geschickte Buchführung der Gruppe sorgte dafür, daß Rollei im steuergünstigen Singapur stets Gewinne -- zuletzt etwa elf Millionen Mark -auswies, die Verluste hingegen in Braunschweig anfielen.
Chaotisch verliefen die letzten Monate des Unternehmens. Spätestens Ende vergangenen Jahres sah sich Rollei-Haupteigentümer Nord/LB vor die Alternative Rollei-Verkauf oder -Konkurs gestellt. Die ersten Kaufinteressenten, die das Bankhaus aus Hannover vorstellte, lehnte der Singapurer Partner DBS ab. Deshalb wurde Käufer Porst in Singapur erst präsentiert, als alle Verträge für das formal unabhängige deutsche Unternehmen bereits unterzeichnet waren. Von den vorangegangenen Verhandlungen erfuhr die DBS nur, was ihr die ebenfalls mangelhaft informierten Manager von Rollei Singapore steckten.
Die Singapurer, nach einem Jahrzehnt erfolgreicher Industrialisierung inzwischen selbstbewußt geworden, fühlten sich brüskiert.
Nicht gerade nach feiner Kaufmannsart fühlten sich die Banker aus Singapur auch behandelt, als Rollei jetzt dichtmachen mußte. Unwidersprochen nahmen sie zwar zunächst die öffentliche Behauptung der Nord/LB hin, der Entschluß zur Liquidation sei dadurch "maßgeblich beeinflußt" worden, daß "die DBS ihr Engagement am Rollei-Werk Singapur nicht mehr aufrechterhalten wollte".
Aber in ihrer eigenen Erklärung zum endgültigen Schluß in Singapur stellte die DBS fest, das Werk Singapur habe unter anderem deshalb nicht überleben können, weil die Liquidation in Braunschweig "Rollei Singapore jeglicher Forschungs- und Entwicklungsmöglichkeit beraubt" habe.
Die deutschen Mitarbeiter in Singapur sind inzwischen überzeugt, daß der Verkauf an Porst lediglich ein Tarnmanöver der Hannoveraner für die längst beschlossene Auflösung war.
Wilfried Wentzel, bis 1973 erster Kaufmännischer Direktor von Rollei Singapore und von Porst wieder als Aufsichtsratsmitglied unter Vertrag genommen, ist sicher: "Die Bank hat die Sanierung durch Porst nie ernst gemeint. Sie wollte nur nicht selbst den Konkurs anmelden."
Nachdem Porst in Braunschweig die Herrschaft übernommen hatte, waren die deutschen Manager in Singapur vom Informationsfluß total abgeschnitten. Ex-Direktor Aldag: "In den letzten sechs Wochen hatten wir nicht die leiseste Ahnung von den Ereignissen in Deutschland." Als Aldags Vertrag nach fünf Jahren an der Spitze des Singapurer Unternehmens am 17. Juni auslief, schickte der frustrierte Manager um 22 Uhr ein Telex nach Braunschweig: "Da sich niemand von mir verabschiedet, melde ich mich hiermit ab."
Ob das Werk in Singapur aufgelöst, verkauft oder in anderer Form weitergeführt wird, wollen die Konkursverwalter in etwa zwei Wochen entscheiden. Möglicherweise werden es fünf Unternehmen, die bisher an Rollei Singapore Lohnaufträge vergeben hatten weiterführen.
Wie auch immer -- mit dem Ende von Rollei verfiel bei den Asiaten auch deren Bild von deutscher Tüchtigkeit. "Es ist jetzt an der Zeit", kommentierte die Singapurer Zeitung "Straits Times", "daß andere und hoffentlich konkurrenzfähige Unternehmen ihre Chance bekommen."
Vergangene Woche standen Japaner vor den Toren der Rollei-Fabrik, um die von den Deutschen ausgebildeten Facharbeiter anzuwerben.
S.78 Harald Koch, Norbert Platt (2. v. r.), Wilfried Wentzel (r.) in Singapur. *

DER SPIEGEL 28/1981
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