15.02.1982

BÜCHERÜber Leichen

Er schrieb prophetische Kolportageromane ("Stadt ohne Juden") und gab pornographische Zeitschriften heraus: Jetzt erinnert eine sechsbändige Kassette an den 1925 von einem Nazi ermordeten Hugo Bettauer.
Hugo Bettauer (1872 geboren) macht neuerdings eine postume Doppelkarriere - als Ermordeter und als Romaneschreiber. Der Wiener Boulevard-Journalist und Tagesliterat der post-kakanischen Ersten Republik gilt als Mordopfer des Muckertums, als Märtyrer der Aufklärung. Dabei lobt die politische Aufwertung des Mannes gleich auch sein Werk empor - so, als sei das Leben, mit dem der Journalist seine Leitartikel bezahlte, schon deren Qualitätsnachweis.
Wer war Hugo Bettauer? Der Sohn eines ostjüdischen Börsenarrangeurs aus Baden bei Wien, zeitweise Klassenkamerad von Karl Kraus, wanderte zweimal nach Amerika aus und kehrte zweimal nach Europa zurück. In New York verdingte er sich bei deutschsprachigen Zeitungen des Hearst-Konzerns als Schreiber tagesaktueller Fortsetzungsromane über Einwandererschicksale. In Berlin leitete er das Lokalressort der "Morgenpost", in Hamburg wurde er Chefredakteur einer Gourmet-Zeitung.
Nach Wien kehrte er 1908 zurück - war Redakteur der "Neuen Freien Presse", seit 1920 Schnellverfertiger von Romanen aus dem zeitgenössischen Wien. Von den rund 20 Romanen Bettauers wurden 9 verfilmt. Sein Zukunftsroman "Die Stadt ohne Juden" war - mit einer Auflage von 250 000 Exemplaren - ein früher Bestseller. Als Redakteur des Wiener Wochenblattes "Der Morgen" schrieb er Feuilletons über erotische Probleme, bis ihm dies von der Redaktion untersagt wurde.
1924 gab er erstmals eine eigene Zeitschrift heraus: "Er und Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik", ein sexualaufklärerisch gemeintes Service-Magazin, in dem er für eine Liberalisierung der Abtreibung, für die Frauenemanzipation, für den Schutz des unehelichen Kindes leitartikelte, zwei Fachärzte in Ratgeber-Rubriken einsetzte und Kontaktannoncen aufnahm (Beispiel: "Junger Beamter möchte wohlhabende Dame kennenlernen! Unter ''Stierkämpfer 1048'' an die Exped.").
Bettauers Wochenschrift wurde auf Anhieb ein Publikumserfolg und ein innenpolitischer Skandal, der in der Ermordung des Autors und im Freispruch seines Mörders gipfelte.
Daß Bettauer, dieser Oswalt Kolle der Ersten Republik, im Kreisky-Österreich wiederentdeckt wird, ist ein Akt der Rehabilitierung: Immerhin war er das erste namhafte Todesopfer des Nationalsozialismus in Österreich.
Der "Fall Bettauer", neu aufgerollt und revidiert von Germanisten und Zeitgeschichtlern, ist tatsächlich ein Lehrstück. Ein christlich-völkischer Tugend-Terror, auf die Wege gebracht von einem Bundeskanzler - dem Prälaten Ignaz Seipel -, ging hier erstmals über Leichen, nämlich Bettauers Leiche. Eine entrüstete katholische Sittlichkeit hetzte so lange publizistisch gegen seine "Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik", bis sich endlich einer fand, der die vehementen Lynch-Einladungen der Zeitungen wörtlich nahm:
Am 10. März 1925 wurde Bettauer, diese "räudige Talmudseele", dieses "perverse Kloakentier", das "auszurotten" sei und "schon gelyncht gehört", wie die NS-Blätter vorschlugen, in seiner Redaktion von einem jungen Wiener Nationalsozialisten namens Otto Rothstock niedergeschossen; zwei Wochen später starb er.
In der christlich-sozialen und der Hakenkreuz-Presse wurden das Mordmotiv ("Sittliche Empörung") und der Mord ("Tat praktischer Jugendfürsorge", "Volksurteil") gleichermaßen gefeiert - als verdiente "Hinrichtung" eines jüdischen Pornographen. Der Mordprozeß gestaltete sich denn auch zur Justiz-Farce: Rothstock, verteidigt vom Führer der österreichischen Nationalsozialisten, wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen und nach wenigen Monaten aus der Anstalt als gesund entlassen. S.190 Vom "Fall Bettauer" lassen sich die vollerblühten politischen Neurosen der Ersten Republik nur so herunterpflücken. Die Schuld am wirtschaftlichen und sozialen Umbruch, dessen Ursachen man nicht verstand, wurde der Sozialdemokratie und den Juden zugeschoben, die verlorene Wert-Welt des deklassierten Bürgertums der jungen Republik zum Vorwurf gemacht.
Während den Mackern die Wirtschaftssanierung mißlang, oblagen die Mucker der Seelensanierung - mit schön verlogener Doppelmoral, wie schon der pogromhaft organisierte "Reigen"-Skandal von 1921 sie zeigte. Im sexuellen Sauberkeitsfimmel wurde mit Totschlagworten zur Gewalt gehetzt, der politische Mord aber als Kavaliersdelikt entschuldigt. In dieser "Republik ohne Republikaner" rächte ein enterbtes Bürgertum seine Abstiegsängste an Sündenböcken wie Bettauer.
Die vor einem Jahr einsetzende Bettauer-Revision erfaßt nun den Mann und das Werk. So, wie er selber soeben vom Sittenstrolch zum Sexualaufklärer, vom Unhold zum Helden avanciert, veredelt sich auch sein OEuvre: seine flott und flüchtig geschriebenen Fortsetzungsromane - sechs davon sind in einer Kassette neu aufgelegt worden
( Hugo Bettauer "Gesammelte Werke in ) ( sechs Bänden". Mit einem Beiheft von ) ( Murray G. Hall: "Der Fall Bettauer". ) ( Hannibal Verlag, Salzburg; 1800 Seiten; ) ( 64,80 Mark. )
- gelten neuerdings als kritische Bestandsaufnahme Nachkriegs-Österreichs. Zu Recht?
In den sechs Wiener Romanen - "Die Stadt ohne Juden", "Kampf um Wien", "Die freudlose Gasse" (berühmt als Film mit Greta Garbo), "Hemmungslos", "Faustrecht" und "Das entfesselte Wien" - produziert Bettauer literarische Laufmeter mit der Bedenkenlosigkeit eines zeilenschinderischen Lokalreporters. Was ihm als Tagesaktualität heute unterkommt, findet sich anderntags in der Zeitung. Das Geschehen von heute ist die Kolportage von morgen. Die Tages-Prominenz von Seipel bis Friedell, von Karl Kraus bis Castiglioni trifft sich und fühlt sich, oft unverschlüsselt, getroffen als Bettauers "Forts. folgt"-Personal.
Bettauers Wiener Romane, allesamt entstanden zwischen 1920 und 1924, sind ungenierte Konjunktur-Krimis und Inflations-Reißer in leichter Form und bestimmt für den Sofort-Konsum.
Die inflationäre Entwertung aller alten Sicherheiten ist diesen Romanen eingeschrieben. In der "freudlosen Gasse" etwa setzt Bettauer die Verelendung des Bürgertums, das sich zimmervermietend und wertsachenversetzend seiner Proletarisierung entgegenstemmt, gegen den neureichen Parvenü-Luxus der Schieber, Devisen-Spekulanten und Börsen-Hasardeure, die einen grellen Inflationszauber entfachen. Im "entfesselten Wien" läßt Bettauer einen solchen Inflationspiraten im Bankenkrach der 20er Jahre sein Geld verlieren, worauf er sich als S.191 Lebe- und Ehemann einer reichen russischen Emigrantin prostituiert.
In "Hemmungslos" kehrt ein adeliger Offizier ruiniert aus dem Krieg der Monarchien in ein republikanisches Wien zurück und beschließt, sich ein standesgemäßes Leben zu ergeiern - indem er eine reiche Jüdin bestiehlt und einen jüdischen Devisenschieber ermordet.
In der "Stadt ohne Juden", einer erschreckend prophetischen und zugleich gespenstisch harmlosen utopischen Satire, werden per "Judengesetz" alle Juden aus Österreich vertrieben, bald aber reumütig zurückgeholt, weil ohne jüdisches Geld der Staat verludert, ohne jüdische Kultur das Land versumpert und ohne jüdischen Schick Wien zwischen Lodentracht und Dirndl einfach verdorft.
Bettauer ist, erstaunlich gedankenlos, in den gleichen Juden-Stereotypen befangen, mit denen der Antisemitismus seine Propaganda auflud.
Nicht weniger fatal ist Bettauers Frauenbild. Der Verkünder einer "erotischen Revolution", der Bürgerschreck der "sexuellen Anarchie" entpuppt sich als verschreckter Bürger, dessen Männchen-Ängste sich zu mörderischen Männerphantasien verdichten. Immer wieder verteufelt Bettauer die sinnliche Frau als geiles Ungeheuer, das aus Geschlechtsekel straflos zu liquidieren er seinen Romanhelden mehrfach gestattet.
Im "Fall Bettauer" schreibt sein Wiederentdecker, der Kanadier Murray G. Hall: "Die Entstehungszeit ist in diese Romane tatsächlich eingegangen und kommt bei der Lektüre sozusagen wieder heraus, zwar nicht sublimiert, aber konserviert - und das ist schon sehr viel."
Ist es aber auch genug?
S.190 Hugo Bettauer "Gesammelte Werke in sechs Bänden". Mit einem Beiheft von Murray G. Hall: "Der Fall Bettauer". Hannibal Verlag, Salzburg; 1800 Seiten; 64,80 Mark. * S.191 "Die freudlose Gasse" mit Asta Nielsen. *

DER SPIEGEL 7/1982
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