28.06.1982

DDRTrauernder Mann

Mit gelegentlichen Festnahmen junger Oppositioneller setzt der Staatssicherheitsdienst die Friedensbewegung in der DDR unter Druck.
Langsam rollt der schwarze Lada an den Grabsteinen des alten Jenaer Stadtfriedhofs vorbei, stoppt an einer fast mannshohen Statue aus Stein. Vier Männer steigen aus, packen das Kunstwerk, den Sockel, wuchten beides auf einen zweirädrigen Anhänger, breiten eine karierte Plane darüber. Dann verläßt das Kommando des DDR-Staatssicherheitsdienstes mit seiner Beute schleunigst den Gottesacker.
Als der Bildhauer Michael Blumhagen, 23, kurz darauf nach dem Verbleib seiner Figur forscht, verwickeln sich die Ämter in Widersprüche: Erst heißt es, die Plastik, die einen trauernden Mann zeigt, sei "beschlagnahmt" worden. Später erklären sie, Unbekannte hätten das Werk "gestohlen".
Was die Behörden nicht ahnen: Ein paar Mutige haben die vier Stasi-Beamten nicht nur beobachtet, sondern am Tatort Kirchhof auch heimlich photographiert. Die Bilddokumente lassen sie in den Westen schmuggeln.
Seit dem Stasi-Coup an frommem Ort, vor etwa zwei Monaten, hat Bildhauer Blumhagen, Sohn des Generalmusikdirektors und Leiters der Jenaer Philharmonie Günter Blumhagen, in der DDR nichts mehr zu lachen. Eine karge Inschrift auf dem Sockel seines Stein-Guts hatte die Staatsschützer erzürnt: "Matthias Domaschk - 12. 6. 57 - 12. 4. 81".
Die Vorgeschichte: Von Stasi-Beamten war Domaschk, am 10. April vorigen Jahres, aus einem Zug nach Berlin herausgeholt und auf dem Bahnhof Jüterbog festgenommen worden. Die Geheimpolizisten warfen dem Jenaer Jugendlichen staatsfeindliche Kontakte vor und brachten ihn nach Gera in Untersuchungshaft.
Die überlebte Domaschk nicht. Wenige Stunden vor seiner Entlassung am 12. April war er tot. Stasi-Version: Er habe sich an seinem Hemd erhängt.
Diese Darstellung nehmen Domaschks Freunde den Staatsschützern nicht ab. In den Geraer Zellen für U-Häftlinge gebe es weder Haken noch Fensterknauf zum Befestigen einer Schlinge. Domaschk habe heiraten wollen, allein deshalb sei ein Selbstmord kurz vor der Entlassung unvorstellbar.
So wurde Domaschk, der in der kirchlichen Friedensbewegung aktiv und mit DDR-kritischen Literaten befreundet gewesen war, zu einer heimlichen Symbolfigur für die oppositionelle Jenaer Jugendszene - zum Ärger der Behörden: Sie ließen immer wieder Blumen von seinem Grab entfernen.
Der Bildhauer Blumhagen, Schöpfer des Domaschk-Denkmals, wurde auf besonders subtile Weise bestraft: Vor kurzem erhielt er zu seiner Verblüffung einen Einberufungsbescheid für Übungen der Nationalen Volksarmee (NVA). Sonst müssen Reservisten in der DDR nur zum 1. November oder 2. Mai einrücken.
Blumhagen, der als Achtzehnjähriger seinen Wehrdienst geleistet hatte, weigerte sich: Er wolle lieber zu einem "sozialen Friedensdienst", wie ihn Tausende von Jugendlichen seit einem Jahr vergeblich fordern, antreten, allenfalls als unbewaffneter "Bausoldat" in jenen kleinen Einheiten dienen, in denen die NVA ihre rund 400 Wehrdienstverweigerer versteckt.
Selbst diese bescheidene Form des Ersatzdienstes war Blumhagen versperrt: Reservisten dürfen in der DDR überhaupt nicht verweigern. Freunde wollten dem jungen Bildhauer beistehen und wandten sich an prominente Künstlerkollegen.
Ende Mai hatten europäische Schriftsteller auf einer Konferenz in Den Haag, so erinnerten sie sich, versichert: "Wir sehen es als unsere Pflicht an, den Menschen, die wegen ihres Eintretens für den Frieden verfolgt werden, nach bester Kraft zu helfen." Auch der linientreue Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, unterschrieb diese Erklärung, nachdem er getönt hatte, so etwas gebe es in seiner Republik ohnehin nicht.
Von Kant, dem Blumhagens Fall geschildert wurde, kam bisher keine Hilfe. Auch eine Eingabe an Staats- und Parteichef Erich Honecker fruchtete nichts. Statt dessen erschienen am Dienstag vorletzter Woche in Blumhagens Wohnung in Graitschen bei Jena Stasi-Männer zur Haussuchung. Tags darauf stellte sich der Bildhauer den Behörden und wurde festgenommen.
S.31 Auf dem Stadtfriedhof in Jena. *

DER SPIEGEL 26/1982
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