14.09.1981

„Sich verleugnen, sich selbst täuschen“

SPIEGEL-Report über die Diskriminierung der koreanischen Minderheit in Japan Sie sind Altpapier-Sammler und Gangster, Prostituierte, Tagelöhner und Barkellner: Den in Japan lebenden Koreanern, rund eine Million Menschen, wird die soziale Anerkennung verwehrt. Bürgerliche Berufe sind ihnen verschlossen, denn die Abneigung gegen Koreaner ist tief verwurzelt, nicht zuletzt, weil Japans Kultur weitgehend von Korea beeinflußt ist. Ein Gerichtsurteil bescheinigte Japan, es betreibe Rassendiskriminierung.
Sein Jura-Examen an der Kinki-Universität in Osaka bestand der Student Okamoto mit Auszeichnung. Doch Rechtsanwalt konnte er nicht werden. Auch auf ein abgeschlossenes Studium der Volkswirtschaft kann Okamoto verweisen. Doch kein japanisches Unternehmen will ihn einstellen.
Frau Okamoto hat, ebenfalls an der Kinki-Universität in Osaka, Medizin studiert. Das war vor über zehn Jahren. Sie hat drei Kinder, sie ist arbeitslos.
Die Familie Okamoto haust in einer elenden Holz- und Blechbaracke in Osakas nördlichem Stadtteil Ikuno, in einem Slumgebiet. Ein faulig stinkender offener Abwässerkanal, über zehn Meter breit, fließt direkt vor dem Haus.
Bei über zehn Stunden Arbeit täglich kann Herr Okamoto auf einen Monatsverdienst von etwa 70 000 Yen (735 Mark) kommen -- wenn er Arbeitsaufträge hat: Auf zwei einfachen, von ihm selbst entworfenen Maschinen stanzt der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler zum Stücklohn von wenigen Pfennigen Plastikteile für einen Elektrohersteller.
Von der Universität in die Slums der Millionenstadt, ein tiefer Fall. Warum? "Weil ich Koreaner bin", sagt Okamoto, in Japan geboren und aufgewachsen, doch laut Ausländerausweis auf den koreanischen Namen Kim Chul Gwan hörend.
Er ist kein Einzelfall. "Koreanische Absolventen sogar der besten japanischen Hochschulen", weiß Kim Kwang Nam, Sprecher der Koreanischen Jugendliga in Tokio, "finden keine Jobs. Sehr viele Koreaner müssen sich mit Heimarbeit über Wasser halten, meist mit der Herstellung von Kunststofferzeugnissen."
Im Osakaer Stadtteil Ikuno ist ihre Hauptbeschäftigung -- im Industriestaat Japan, der Miniprozessoren und Roboter baut -- das Zusammenkleben von Plastiksandalen, fünf Yen das Stück, gut fünf Pfennig.
In Ikuno, von dessen 200 000 Einwohnern 44 000 Koreaner sind, gibt es über 6000 solcher euphemistisch "Fabrik" genannten Heimbetriebe; fast die gesamte japanische Sandalenproduktion wird von Ikunos Koreanern zu Hungerlöhnen geklebt.
Das asiatische Wohlstandsland Japan leistet sich hinter seiner wirtschaftlichen Glitzerfassade eine ausgebeutete, diskriminierte Minderheit von Asiaten, S.163 Koreanern. Und Grund der Ausbeutung ist -- in einem angeblich rassisch homogenen Land -- Rassismus.
Für die allermeisten Japaner gilt als ausgemachte Sache, daß Koreaner stinken, faul sind, Kulturbanausen und treibende Kraft der Kriminalität. Auf Koreaner konzentrieren sich rassischer Hochmut und Kulturdünkel ebenso wie primitive Schmähungen und Unterstellungen eines Volkes, das sich 1945 aus seinen Träumen gerissen sah, ganz Ostasien zu beherrschen:
Von der einen Million Koreaner in Japan sind
* 662 000 in großjapanischen Tagen als billige oder willige Arbeitskräfte nach Nippon Verbrachte, deren Familien und Nachkommen; der Mehrheit von ihnen ist wenigstens ein Dauer-Wohnrecht in Japan zugesichert;
* 100 000 bis 200 000 (Polizeischätzung) illegale Zuwanderer, die wirtschaftlicher Not ihrer Heimat im lockenden Wirtschaftswunderland Japan zu entrinnen suchten;
* 300 000, vielleicht gar mehr, "Halbkoreaner", die -- teils schon vor Generationen -- in japanische Familien eingeheiratet haben, deren Kinder und Enkel; auch ihnen haftet der Makel koreanischer Abstammung an.
Maki Hwang, in Tokio geboren und aufgewachsen, der koreanischen Sprache nicht mächtig (ihre Familie kam vor drei Generationen nach Japan), fließend dagegen im Japanischen, bestand mit Glanz die Aufnahmeprüfung für die private Musashino-Mädchenoberschule in Tokio. Doch schon am ersten Schultag wurde sie relegiert. Sie habe, eröffneten ihr die Lehrer, "gelogen, und das kann die Schule nicht tolerieren".
Makis Lüge: Sie hatte sich mit ihrem japanischen Namen angemeldet und als "Wohnsitz der Familie" ihren Geburtsort Tokio angegeben. Nach japanischem Verständnis aber hätte sie den koreanischen Heimatort ihres Großvaters eintragen müssen.
Nach scharfen Protesten -- sogar die Tokioter Regierung erteilte der Schule eine Rüge -- durfte Maki, nun als Koreanerin, die Aufnahmeprüfung wiederholen. Sie fiel durch. Wer wollte da wohl von Rassendiskriminierung sprechen?
Rato Ishifuji, Richter in Tokio, hatte als erster den Mut, es öffentlich auszusprechen. In einem aufsehenerregenden Fall urteilte er 1974 -- unvorstellbar bis dato -- zugunsten eines benachteiligten Koreaners:
Der Elektrogigant Hitachi hatte einen jungen Mann mit dem japanischen Namen Shoji Arai eingestellt. Die nachträgliche Prüfung des Familienregisters ergab, daß er koreanischer Abstammung, also Ausländer war, obgleich er sein Lebtag noch keine Minute außerhalb Japans zugebracht hatte. Laut Kennkarte hieß er koreanisch Pak Chong Suk.
Arai wurde fristlos gekündigt. Er klagte. Hätte er seinen koreanischen Namen nicht verschwiegen, so Arai, sei ihm die Stellung von vornherein verwehrt gewesen. Deshalb habe er Hitachi "getäuscht".
Nach dreijährigem Rechtsstreit urteilte Richter Ishifuji nicht nur, daß "das Gericht Verständnis für die Motive des Klägers" aufbringe, sondern vor allem: Für die Annullierung des Anstellungsvertrages durch die Firma Hitachi fand das Gericht "keinen einleuchtenden Grund außer dem der Rassendiskriminierung".
Rato Ishifuji, der Richter, quittierte kurz darauf, obgleich noch jung, den Staatsdienst.
Das Urteil war ein Meilenstein in der japanischen Rechtsgeschichte, das erste "juristische Eingeständnis, daß es eine Diskriminierung der Koreaner in Japan gibt" (so der amerikanische Soziologe Changsoo Lee).
"Das Hitachi-Urteil nahm den Koreanern ihre Resignation, daß ja doch nichts zu ändern sei", sagt Choi Chang Wha, Pfarrer in Kioto, "und es stärkte auch das Bewußtsein für unsere Rechte."
Aber es hatte keine Auswirkungen über den Einzelfall hinaus; es war zwar Eingeständnis einer Schuld, nicht aber auch Versprechen auf Tilgung der Schuld oder auch nur Aufarbeitung einer unheilvollen Vergangenheit.
Gegenseitige Abneigung und Haß zwischen Koreanern und Japanern reichen S.165 weit zurück, weit über tausend Jahre.
Hier Korea: ein früh- und hochentwickeltes Kulturvolk, das seiner Umwelt, vor allem dem noch in zivilisatorischem Halbschlaf verharrenden Japan der ersten nachchristlichen Jahrhunderte, unermeßlich viel zu geben hatte. Die Grundlagen der japanischen Kultur sind in weiten Bereichen stärker dem koreanischen Erbe verpflichtet als -- wie es japanische Gelehrte gern hätten -- dem chinesischen.
Aber politisch und militärisch war Korea stets schwächer als seine Nachbarn, selten geeint, in sich zerstritten, dem mächtigen Reich der Mitte tributpflichtig.
Dort Japan: ein Volk, das stets den Krieger höher ehrte als den Weisen, das nie seinen Komplex ganz überwinden konnte, daß es seine Kultur ursprünglich von außen borgen mußte.
Die Lehrmeister, die Kulturspender der Frühzeit, China und Korea, wurden nur so lange geachtet und verehrt, bis ein einiges, politisch-militärisch erstarktes Japan sich ihrer nach Belieben bedienen zu können glaubte.
Den ersten militärisch wirkungsvollen japanischen Überfall auf das benachbarte Korea führte zu Ende des 16. Jahrhunderts der Feldherr Hideyoshi. Ihm gelang zwar nicht die totale Unterwerfung Koreas, aber ehe sich das japanische Expeditionsheer zurückzog, brandschatzte es die Halbinsel mit einer solch barbarischen Gründlichkeit, daß sich Korea bis zu diesem Jahrhundert nicht wieder davon erholte.
Zurück blieb bei den Koreanern ein unauslöschbarer Haß auf die Zerstörer ihrer vordem überlegenen Kultur. Bauten etwa aus der Zeit vor Hideyoshi sind im heutigen Korea kaum zu finden; sie waren systematisch zerstört worden. Architektur aber gerade hatten die Koreaner Japan gelehrt.
Der kulturellen Zerschlagung folgte zu Beginn dieses Jahrhunderts die staatliche, gesellschaftliche Zerstörung.
1905 entsandte Japan, das unter dem Meiji-Kaiser zur modernen Industrie- und Militärmacht aufstieg, eine Schutztruppe nach Korea, um der angeblich von China bedrohten Halbinsel beizustehen. Fünf Jahre später hörte Korea als Staat auf zu existieren, wurde es als Kolonie dem japanischen Reich einverleibt, und dort blieb es bis 1945.
"Die erklärte Politik Tokios war es", erläutert der amerikanische Publizist William Wetherall, "dem schon gebrochenen koreanischen Volk auch jede Spur einer eigenen Identität zu nehmen."
Dem japanischen Schintoglauben und der Kaiserverehrung konnte sich fortan kein Koreaner mehr entziehen, jeder Koreaner mußte unter Strafandrohung einen japanischen Namen annehmen, schließlich wurde an den Schulen Koreas nur noch auf japanisch unterrichtet. Sogar auf privat geäußerte koreanische Wörter stand Gefängnis. Eine große Kultur war sprachlos geworden.
Ein Volk, mit dem sie so brutal rücksichtslos umspringen konnten, wollten die Japaner nicht als Ziehvater anerkannt wissen. Und so stürzten sich vaterländisch gesinnte japanische Gelehrte in eine Geschichtsklitterei, die bis auf den heutigen Tag nachwirkt.
Alle frühgeschichtlichen koreanischen Einflüsse wurden pauschal zu chinesischen erklärt, die lediglich auf dem Umweg über die koreanische Halbinsel nach Japan gelangt seien. "Immer noch", klagt Kim Jung Joo, Direktor des Koreanischen Geschichtsforschungs-Zentrums S.168 in Tokio, "sprechen uns japanische Werke eine eigenständige Bronzezeit ab. Das ist absurd."
Die frühen japanischen Städte, heißt es nach wie vor, seien nach chinesischem Vorbild angelegt. Doch Nara, Hauptstadt des Reiches bis ins neunte Jahrhundert, ist -- so Kim Jung Joo -eine exakte Nachbildung der alten Korea-Hauptstadt Seoul. Nara selbst sei ein koreanisches Wort und bedeute "Land" oder "Nation".
Archäologische Funde aus jüngster Zeit, in Japan als schockierend empfunden, untermauern den koreanischen Anspruch. Ein 1974 entdecktes Wandgemälde in einem Fürstengrab bei Nara zeigt die Damen der mittelalterlichen Hofgesellschaft allesamt in eindeutig koreanischen Gewändern.
Viele Königsgräber aus frühgeschichtlicher Zeit sind in Japan bekannt, ihre Zahl, ihre genaue Lage. Doch kein Archäologe, Japaner oder Ausländer, darf Hand an die Stätten legen. "Damit die Ruhe der kaiserlichen Ahnen nicht gestört wird", sagt das Kaiserliche Hofamt in Tokio. "Weil die den wissenschaftlichen Beweis erbringen können", hält die in Japan lebende österreichische Archäologin Erika Kaneko dagegen, "daß sogar die Vorfahren des japanischen Kaisers koreanische Einwanderer waren."
"Dem stimmen fast alle jungen japanischen Gelehrten inzwischen zu", sagt Korea-Forscher Kim, "aber nur privat. Und bis sich die Regierung in Tokio dazu durchringt, die Kaisergräber öffnen zu lassen, werden wohl noch Jahrzehnte verstreichen."
"Deshalb hassen uns die Japaner", meint der Publizist Chung Kyung Mo, "weil sie es einfach nicht ertragen können, daß das kleine, schwache Korea so viel Einfluß gehabt hat" -- und möglicherweise gar den Mythos von der einmaligen rassischen Homogenität der Japaner als Illusion entlarvt.
Ryoichi Kanaizuka vom Historischen Museum der Präfektur Saitama schätzt, daß im 8. Jahrhundert etwa 70 Prozent der Bewohner der Provinz Musashi (nahe dem heutigen Tokio) Koreaner waren. Als der koreanische König Jacko Koma gegen 710 verjagt wurde und nach Musashi ins Exil ging, war es für ihn "also wie eine Heimkehr" (Kanaizuka). Noch bis ins 18. Jahrhundert war zeitweise ein Drittel des gesamten japanischen Adels koreanischer Abstammung.
Einem koreanischen Sprichwort zufolge "geht niemand freiwilig nach Japan, um dort zu leben".
Es war denn auch mehr sozialer und politischer Druck, der nach der Kolonialisierung Koreas den Auswandererstrom nach Japan sprunghaft ansteigen ließ. Lebten zu Beginn der Kolonialzeit noch nicht einmal tausend Koreaner in Japan, kletterte die Zahl in den folgenden 35 Jahren auf rund zwei Millionen.
Ziel der Regierung in Tokio war es, Korea auf Dauer dem großjapanischen Reich einzuverleiben. Dazu verfolgte sie eine Assimilierungspolitik, die den Koreanern ihr Nationalbewußtsein nahm, ihre Identität verbog: Die Koreaner selbst sollten sich als Japaner fühlen.
Die Kolonie verwaltete sich zwar angeblich selbst. Doch waren die koreanischen Bürokraten und Politiker nichts anderes als Strohmänner im eigenen Land. Das wahre Sagen hatten japanische "Berater", die Seouls Beamten auf allen Ebenen zugeteilt waren. Der äußere Schein immerhin wurde gewahrt.
Öffentliche Ämter bekleiden durften auch die ständig in Japan lebenden Koreaner. Die Assimilierungspolitik Tokios gebot es, ihnen aktives wie passives Wahlrecht einzuräumen: In den 30er Jahren gab es so zeitweilig gar einige Koreaner im japanischen Parlament.
"Durch den systematischen Prozeß der Assimilierung und politischen Integration", meint der (in Korea geborene) US-Historiker Changsoo Lee, "versuchten die japanischen Militaristen den Koreanern ein Gefühl des Teilhabens zu geben. Die Koreaner in Japan waren gezwungen, bei Japans aggressivem Nationalismus mitzumachen."
Während des Zweiten Weltkrieges mußten auch die Koreaner, sogar bei privaten Treffen den "Schwur kaiserlicher Untertanen" auf den Lippen, für großjapanische Ziele kämpfen. Insgesamt fast sechs Millionen Koreaner wurden von Tokio mobilisiert -- als kämpfende Truppe in der Mandschurei, als Arbeiter in Rüstungsbetrieben.
831 111 Koreaner wurden im Krieg als Zwangsarbeiter nach Japan verbracht, ein billig auszubeutendes Proletariat: Sie stellten ein Drittel aller im Bergbau Japans Beschäftigten, rund die Hälfte der Kumpel auf der Nordinsel Hokkaido.
Als am 6. August 1945 die erste Atombombe auf die Industriestadt Hiroschima fiel, kamen auch Tausende von koreanischen Zwangsarbeitern in dem Inferno um. 40 000 überlebten, strahlungsgeschädigt, todkrank. Aber erst 35 Jahre später, im Mai 1980, erklärte sich die japanische Regierung bereit, auch außerhalb Japans lebenden koreanischen A-Bomben-Opfern kostenlose S.170 medizinische Betreuung zukommen zu lassen -- für japanische Geschädigte eine Selbstverständlichkeit von Anfang an.
Nach dem Zusammenbruch der großjapanischen Herrlichkeit wurden anderthalb Millionen Koreaner repatriiert; die anderen blieben. Wohin auch sollten sie? Viele waren bereits in zweiter Generation in Japan, kannten ihre ursprüngliche Heimat nur aus Erzählungen, waren ihrem Lebensstil und dem Gesetz nach Japaner geworden.
Die amerikanische Besatzungsmacht erklärte die japanischen Koreaner zu "befreiten Personen". "Das gab uns einen schönen Startvorteil gegenüber den Japsen", sagt einer, der es zu erheblichem Wohlstand gebracht hat, aber aus Angst vor gesellschaftlichen Repressalien nicht genannt werden möchte. Der Schwarzmarkt der Nachkriegszeit wurde bald von Koreanern fast monopolisiert.
Aber die Befreiung hieß auch, daß sie ihre ihnen vordem aufgezwungene japanische Staatsbürgerschaft verloren. Sie wurden wieder Ausländer, in ihnen nicht wohlgesinnter Umwelt.
Und Ausländer sind sie geblieben. 1965 räumte Tokio den meisten zwar, in einem Vertrag mit Südkorea, ein Daueraufenthaltsrecht ein, das aber an Bedingungen geknüpft ist.
Shin Kyung Whan, Koreaner der dritten Generation, fand trotz glänzender Schulzeugnisse keine Anstellung. Er geriet auf die schiefe Bahn, stahl, brach ein. Er schloß sich einer Bande an; sie wurden von der Polizei gefaßt. Derselben Delikte angeklagt, wurden Shins japanische Komplicen zu weniger als zwei Jahren Gefängnis verurteilt, der Koreaner Shin aber erhielt acht Jahre.
Nach sechs Jahren wurde er wegen mustergültiger Führung vorzeitig entlassen -- und vor dem Gefängnistor von der Ausländerpolizei festgenommen. Denn ein Koreaner, so heißt es in dem Vertrag mit Seoul, der zu mehr als sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurde, darf abgeschoben werden.
Steuern müssen die Koreaner, weil sie ihren ständigen Wohnsitz in Japan haben, in voller Höhe bezahlen. Von etlichen Sozialleistungen aber, etwa der staatlichen Altersrente, bleiben sie, da Ausländer, ausgeschlossen. Beiträge nimmt die Versicherung von ihnen gleichwohl.
Erst seit März 1980 ist es -- theoretisch -- auch Koreanern gestattet, Sozialwohnungen zu beziehen, dafür auch verbilligte Kredite in Anspruch zu nehmen. Doch noch einen Monat später hieß es im Amtsblatt der Stadt Tschiba: "Nur japanische Staatsangehörige können Kredite zum Kauf städtisch finanzierter Häuser beantragen."
Von bestimmten Berufen sind auch seit Generationen in Japan lebende Koreaner ausgeschlossen: Sie können nicht in den öffentlichen Dienst, nicht mal als Straßenfeger, eintreten, können keine Lehrämter an staatlichen Schulen oder Universitäten annehmen, nicht Notar oder Pilot werden. Erst vor drei Jahren gelang es erstmals einem Koreaner, als Anwalt zugelassen zu werden.
"Am einfachsten wäre es", sinniert Einwanderungs-Chef Tatsuo Yamamoto, "wenn alle Koreaner hier die japanische Staatsbürgerschaft annähmen. Wir drängen sie sehr, das zu tun, aber sie wollen nicht."
Aus gutem Grund: Zum einen haben patriotische Bürokraten den Hürdenlauf zur Naturalisierung mit "vielen und hohen administrativen Hindernissen gespickt. Das ist der häßliche Aspekt unseres japanischen Lebens", klagte der Kritiker Hideaki Kase. Und die Aussicht auf Erfolg ist zum anderen gering. Einem Mitarbeiter des Justizministeriums zufolge führt von fünfzig Naturalisierungsanträgen bestenfalls einer zum Ziel.
Alle in Japan ansässigen Ausländer müssen stets, so will es das Gesetz, ihre "Alien Registration Card", den Ausländerausweis, bei sich führen. Bei Mißachtung der Vorschrift drohen empfindliche Strafen -- den Koreanern. "Jeder Polizist kennt natürlich die Koreaner in seinem Bezirk", erzählt Professor Ichiro Suzuki von der Tokio-Universität, "an heißen Sommertagen oder auf dem abendlichen Gang zum Badehaus, leicht bekleidet, hat kaum jemand den Ausweis bei sich. Der Polizist hält ihn an -- der Koreaner ist vorbestraft. Damit kann er nie japanischer Staatsbürger werden." Der Publizist Chung Kyung Mo nennt den Ausländerausweis "unseren Judenstern in der Hosentasche".
Zum anderen fällt es gerade den Koreanern schwer -- die böse Vergangenheit lebt noch zu stark in der Erinnerung --, mit dem Paß auch eine neue Identität annehmen zu müssen. "Natürlich müssen sie als erstes einen rein japanischen Namen annehmen", sagt Tatsuo Yamamoto -- obgleich es dafür keine rechtliche Grundlage gibt. "Die japanische Staatsbürgerschaft zu beantragen", meint Chung Kyung Mo, "heißt für einen Koreaner, sich selbst zu täuschen, sich verleugnen, alle Brücken hinter sich abbrechen."
Schließlich auch wird mit dem neuen Paß nur selten die gesellschaftliche Ächtung aufgehoben. Einmal Koreaner, immer Koreaner.
Da hilft es auch nichts, daß Koreaner nur in seltenen Fällen äußerlich von Japanern zu unterscheiden sind. Wo das Auge nicht differenzieren S.172 kann, muß die Nase herhalten. "Etliche ältere Japaner", sagt Hideaki Kase, "reden von Koreanern immer noch nur als 'ninniku kusai': 'Stinkt nach Knoblauch'."
Einem Japaner wurde von seiner japanischen Firma in Hamburg fristlos gekündigt. Er ging vor Gericht und führte in einem Brief vom 21. Januar 1980 dem "sehr geehrten Herrn Richter" bitter Klage über seinen herzlosen japanischen Chef koreanischer Abkunft: "In Japan gibt kein Judenfrage. Dafür gibt es aber Koreanerfrage. Herr ... ist ein Koreaner, der japanische Staatsangehörigkeit hat. Seine Familie haben in Pferdestall gelebt."
Ob naturalisiert oder nur als Ausländer offiziell geduldet -- Koreaner in Japan bilden zwangsläufig Gettos, suchen die Geborgenheit in der Gruppe, die dieselbe Sprache spricht (wenngleich das meistens Japanisch ist) und demselben Unverständnis und Mißtrauen außen begegnet.
Die Gettos wiederum sind den Japanern suspekt, gelten ihnen "als Brutstätte aller möglichen sozialen Übel" (Changsoo Lee). Arbeitslosigkeit und Kriminalitätsrate sind überdurchschnittlich hoch.
"Wir jüngeren Japaner hassen die Koreaner nicht mehr", erklärt Hideaki Kase, "wir schließen ihnen nur die Tür zu respektablen Berufen. Ich bedaure das, aber das ist der Grund, weshalb sie so stark in Sex and Crime vertreten sind."
Da, wie Pastor Young Hyung Choon in Kioto weiß, "koreanische Jugendliche extreme Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden", lockt sie das schnelle Geld, das im Dunkel der Unterwelt-Syndikate und im Halbdunkel anrüchiger Bars und Türkischer Bäder zu verdienen ist, besonders stark.
Mehr als die Hälfte der Prostituierten in den rund 1500 Türkischen Bädern der Großstädte sind angeblich Koreanerinnen -- die Besitzer der Etablissements ihre Landsleute.
"Über 60 Prozent der jungen Koreaner sind in Bars, Cabarets und Automatenspielhallen beschäftigt", glaubt Pastor Young, rund ein Drittel dieser einschlägigen Betriebe in Japan werden von Koreanern gemanagt. Die Spielhallen gar gelten als koreanisches Monopol.
Die Yakuza, berüchtigte Gangstersyndikate, zählen etliche tausend Koreaner in ihren Reihen. Sogar die oberste Spitze, der vor anderthalb Monaten gestorbene Boß der 20 000 Mark starken Yamaguchigumi, war ein Koreaner, der seine Abkunft hinter dem japanischen Namen Kazuo Taoka verbarg.
Durch Vorurteile werden sie ihrer wirtschaftlichen Chancen beraubt, Not und Verzweiflung läßt sie ins Halbdunkel abgleiten, das Anrüchige nährt neue Vorurteile: Koreaner sind Gangster, Prostituierte und halbseidene Halsabschneider. Igitt. Die muß man auf Distanz halten.
Ehrbar noch, wer sein mageres Brot als Altpapiersammler verdient. Über 8000 Koreaner, mehrere Dutzend Universitätsabsolventen darunter, gelten mit diesem Drecksjob in der offiziellen Berufsstatistik als "selbständige Unternehmer".
"Nähme man aus der japanischen Unterhaltungsbranche die Koreaner raus, sie bräche zusammen", sagt Pastor Choi Choong Shik, 43, in Kioto.
Wahrscheinlich würde das japanische Publikum dann sehr überrascht sein. Denn manch eine beliebte Sängerin wie etwa Miyako Harumi, so manch ein Sportidol wie der ehemalige Sumo-Großmeister Mienoumi oder der Baseball-Heros Harimoto ist koreanischer Abstammung. Daß das Publikum ihnen dennoch Beifall spendet, liegt an der Unwissenheit über die Abkunft. Die Popularität wirkt so sehr für sich, daß die meisten Japaner nicht den koreanischen Namen hinter der japanischen Mimikry entdecken.
"Als Koreaner mit koreanischem Namen Karriere zu machen", sagt der Agent einer bekannten Schlagersängerin, "ist in Japan so unmöglich, wie als Yakuza Polizeipräsident zu werden."
Nur einige wenige haben es geschafft, etwa Hwang Chil Bok, 60, Präsident eines Reißverschluß-Unternehmens. Er ist im chaotischen Nachkriegs-Japan zu Geld, wenn auch nicht zu gesellschaftlichem Ansehen gekommen. Auch in das Slum-Getto seiner ausgepowerten Landsleute läßt er sich im schwarzen Toyota "Crown" mit Spitzengardinen chauffieren -- und prahlt ungefragt, sein Privatvermögen betrage 5 Milliarden Yen (525 Millionen Mark).
Fabrikant Hwang hat sich angepaßt, hat sich eine neue Identität zugelegt, in Wesen und Denken so japanisiert, daß es ihm nicht schwerfällt, sogar japanische Vorurteile gegen die eigenen Landsleute zu kultivieren.
Er beschäftigt in seiner Fabrik 67 Japaner -- und, immerhin, drei koreanische Arbeiter. "Es stimmt einfach nicht", entrüstet sich der Präsident, "daß viele Koreaner arbeitslos sind. Wer keine Arbeit hat, der will auch keine, der ist faul."
Ein anderer koreanischer Aufsteiger ist Dr. Kim aus Kamakura, ein geachteter Gelehrter, Dozent an den angesehenen Privatuniversitäten Keio und Waseda, mit einer Japanerin verheiratet, ohne daß es Schwierigkeiten in deren Familie gegeben hätte.
Allerdings: Ordentlicher Professor, das weiß er, kann er nicht werden. Und: "Vor kurzem bekamen wir einen neuen Nachbarn, einen Arzt. Er sagte meiner Frau, er habe gelesen, daß ich Kim heiße und also Koreaner sei. Noch am selben Tag ließ er auf der Mauer zwischen unseren Grundstücken Stacheldraht spannen."

DER SPIEGEL 38/1981
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