14.09.1981

Im Fernsehen: Rußlands Vaterländischer Krieg

Den deutschen Raubkrieg gegen Rußland haben die Deutschen aus ihrer Erinnerung verdrängt. Die sowjetisch-amerikanische TV-Serie "Der unvergessene Krieg" soll die deutsche Schuld wieder ins Bewußtsein rufen. Russische Wochenschauen zeigen die Sicht der anderen Seite: lehrreich, heilsam, aber nur die halbe Wahrheit.

Millionen junger Deutscher marschierten nach Osten, gruben sich ein, robbten durch Dreck, hungerten und froren -- und waren die meiste Zeit des Feldzugs auf der Flucht.

Sie töteten Menschen, die andere Uniformen trugen und ihr Land verteidigten, führten deren Familienangehörige in die Sklaverei, steckten Hütten in Brand, raubten Paläste aus. Sie verloren Leben, Gesundheit oder Freiheit, bedrohten die Menschen auf der anderen Seite mit Verlust derselben Güter.

Vierzig Jahre ist das erst her. Unter jenen Deutschen, die tausend Tage lang die Sowjet-Union verwüsteten, waren auch die Gefreiten Heinrich Böll und Willy Stoph, die Leutnants Helmut Schmidt und Kurt Waldheim, heute Nobelpreisträger, DDR-Ministerpräsident, Bundeskanzler, Uno-Generalsekretär.

Man hatte sie glauben gemacht, daß sie Europa gegen den Zugriff des Sowjetimperialismus verteidigten, doch in Wahrheit kämpften und starben sie für einen kriminellen Kriegsherrn. Die Überfallenen wehrten sich, unter einem Tyrannen, befreiten ihre Heimat und marschierten bis an die Elbe, wo sie heute noch stehen.

Der deutsche Krieg gegen die Sowjet-Union endete mit der Zerstörung Deutschlands und dem Aufstieg der Sowjet-Union zur Weltmacht. In dem blutigsten Ausrottungskrieg der Gegenwart fielen 3,2 Millionen Landser und über fünf Millionen Rotarmisten, gerieten 3,1 Millionen Deutsche in sowjetische Gefangenschaft (wo 1,1 Millionen starben, jeder dritte) und 5,7 Millionen Sowjet-Soldaten in deutsche Lager (in denen 3,3 Millionen starben, mehr als jeder zweite).

Den Russen sind Opfer, Leiden und auch Heldentaten noch jederzeit präsent. Die deutschen Überlebenden, beim Erzählen ihrer Erlebnisse von anderen Fronten sonst recht beredt, haben aus dem Osten meist nicht viel berichtet. Der Krieg in Rußland war keine erhebende und keine lustige Zeit.

Auch nicht die verschönernden Legenden, etwa vom General Winter, der in Wahrheit über die Deutschen gesiegt habe, und erst recht nicht das Mord-Wort vom "bolschewistischen Untermenschen" haben sich vererbt. Der Rußlandfeldzug ist im Grunde ein deutsches Tabu.

Es gibt keine zusammenfassende zeitgeschichtliche Untersuchung, kein bedeutendes literarisches Werk eines deutschen Beteiligten, keinen nennenswerten Film darüber. In den Schulbüchern stehen nur wenige Zeilen über den strategischen Ablauf; als Informationsquelle bleiben die trivialen "Landser"-Hefte -- Genaues wissen die Enkel jener, die gen Osten marschiert waren, aus jenen blutigen Jahren nicht.

Die Deutschen haben, wie so vieles, den historischen Wendepunkt ihres eigenen Schicksals aus ihrem Bewußtsein weitgehend verdrängt, der Konsumrausch der Nachkriegszeit absorbierte alle Kräfte.

Da will jetzt das Deutsche Fernsehen abhelfen. Von dieser Woche an dringt S.201 über die meisten dritten Programme in 15 Sendungen jede Woche eine Dreiviertelstunde lang eine Serie über den angeblich "Unvergessenen Krieg" -- so der Titel -- in die Wohnstuben, in die nationale Erinnerung.

Panzer rollen wieder auf Moskau, die Artillerie beschießt Leningrad, Grenadiere sterben in Stalingrad, Einsatzgruppen morden in der Ukraine, und die Deutschen verlieren schon wenige Wochen nach dem Einmarsch, als sie in Wahrheit noch vormarschierten: Es sind russische Filme.

Im bequemen Fernsehsessel, das Bier zur Hand, können die Deutschen zum ersten Mal von Tanja Sawitschewa, 11, erfahren, deren Tagebuch die Aushungerung Leningrads beschreibt, oder die Scharfschützin Ljudmila sehen, 150 Treffer.

Die Fernseh-Pädagogen vom WDR erwarten ein Echo wie auf ihre Serie "Holocaust", die vor anderthalb Jahren die meisten Deutschen erstmals mit den Details des furchtbarsten der von Deutschen begangenen Verbrechen konfrontierte.

Diesmal, mit dem Erziehungsziel, deutsche Schuld an Rußland bekanntzumachen, zieht kein buntes Spiel von Mörder- und Opfer-Darstellern ins Gemüt, sondern ein gefilmtes Dokument, schwarzweiß: authentische Ausschnitte aus sowjetischen und auch ein paar deutschen Wochenschauen, aufgenommen von Kameraleuten der jeweiligen Propagandakompanien.

243 sowjetische PK-Leute (von denen 33 fielen) haben im Krieg über vier Millionen Meter Zelluloid belichtet, dazu einige hunderttausend Standphotos. Das meiste Material blieb in den Archiven, bis in den siebziger Entspannungsjahren der Sowjetregisseur Roman Karmen auf seinen US-Kollegen Isaac Kleinerman traf, der sich durch die Kriegsdokumentation "Victory at sea" ausgewiesen hat, und auf Harrison E. Salisbury ("New York Times") als Drehbuchautor.

Der Film zeigt die Sicht der ehemaligen Feinde Deutschlands. Und er macht deutlich, daß diejenigen, die am meisten unter den Deutschen zu leiden hatten, die Russen, diesen Krieg immer noch brauchen, weil ihnen die Vergangenheit zur moralischen Aufrüstung der Gegenwart dienen muß.

Das wird durchschaubar, wenn der Film für einen "gerechten Verteidigungskrieg" wirbt und die Leiden des Volkes zeigt, ohne dabei einen pazifistischen Standpunkt reklamieren zu können -- der Friede ist laut Film nicht das höchste Gut.

Für die Opfer und ihre Angehörigen war die Serie ein ungewöhnliches, ein aufwühlendes Erlebnis. Über zwei Monate lang, bis Mitte 1979, versammelten sich jeden Dienstag- und Freitagabend Dutzende Millionen Sowjetbürger vor ihren Apparaten. Private Festlichkeiten fielen aus, Spätschichten wurden unterbrochen. Wenn zehn Minuten nach acht der Vorspann zu flimmern begann, stieg der Stromverbrauch sprunghaft.

Stumm saßen die Sowjetbürger vor den Geräten, viele weinten. Nachher riefen Bekannte einander an, diskutierten stundenlang. Was da insgesamt 1000 Minuten lang ablief, hatten die meisten Zuschauer einst selbst miterlitten.

Freunde fanden einander auf der Bildscheibe, Verschollene trafen sich dank der Serie wieder -- wie die Geschwister Alexander und Margarita Jazupowa, die 1941 von Partisanen in Polozk gerettet worden waren. Walichan Kainasarow, 60, Direktor einer Fischfabrik in Dschambul, sah sich selbst im Film wieder -- als jungen Kompaniechef in der Panzerschlacht von Kursk 1943.

Ex-Politruk Leonid Breschnew, heute Staats- und Parteichef, beschloß die Sendung mit einer Mahnrede für die Gegenwart. Mit diesem "Meilenstein der Kino-Geschichte" ("Prawda") ließ sich dank der amerikanischen Beteiligung "die Glaubwürdigkeit der Sowjet-Union weltweit propagandistisch besser auswerten" (Korrespondent Klaus Bednarz) -- vor allem aber daheim, wo die Koproduktion mit den angesehenen Amerikanern als Echtheitsbeweis gilt.

Bis dahin nämlich hatte Rußlands Jugend stets nur von der eigenen Regierung und überlebenden eigenen Kriegshelden über den Krieg gehört, und das bis zum Überdruß: Wann immer man in der Sowjet-Union den Fernsehapparat anstellt, läuft auf irgendeinem S.202 Kanal die Schlacht von Moskau, Stalingrad oder Berlin ab.

Die Erinnerung an den "Großen Vaterländischen Krieg" -- den zweiten, der erste ging laut Sprachregelung gegen Napoleon -- begleitet den Sowjetbürger auf Schritt und Tritt. In jeder Ortschaft stehen Heldendenkmäler, meist bronzierte echte Panzer, manchmal Figuren, etwa die 52 Meter hohe "Mutter Heimat" bei Wolgograd, früher Stalingrad. Schüler wachen mit geschultertem Gewehr, Frischvermählte legen am Kriegerdenkmal die Blumen der Braut nieder. In jeder Stadt sind die Museen mit Beutewaffen und Fahnen bestückt, in jeder Käuferschlange stehen Veteranen mit breiten Ordensspangen.

Der Kriegserinnerungskult hat eine hochwichtige Funktion. Nach den Massenverhaftungen der 20er und 30er Jahre war es der große Krieg, der das Volk mit der herrschenden Kommunistischen Partei versöhnte. Also sucht diese seither den Triumph zu prolongieren, als Sieg des Kommunismus, was sie zwingt, sich an die Vergangenheit zu klammern, statt sie zu bewältigen.

Allerdings heißt diese Vergangenheit Stalin, dem schätzungsweise ebenso viele Sowjetbürger zum Opfer fielen wie den Nazis, dessen Verdienste aber auch die TV-Serie nun zwangsläufig rühmt und dem Stalins Rüstungs-, Breschnews Verteidigungsminister Marschall Ustinow am 22. Juni 1981 aus Anlaß des 40. Jahrestages der deutschen Invasion wieder huldigte.

Er zog noch weitere Nutzanwendung aus dem verjährten Kriegsbild: "Wie in der Vergangenheit" werde der Sowjetstaat "auch heute" durch den "Imperialismus" bedroht -- wobei unerwähnt bleibt, daß die US-Imperialisten im Gegensatz zu den Deutschen damals auf Moskaus Seite kämpften.

Rüstung ist vonnöten, und Konsumverzicht. Die sowjetischen Gedenkfeiern zum Jahrestag des deutschen Überfalls paßten nahtlos in die Ost-Kampagne gegen die Nato-Nachrüstung. "Nowosti"-Kommentator Katin: Ziel Bonns sei "die Wiederherstellung der militärischen Macht von einst".

Versöhnung zwischen den Feinden von einst findet offiziell nicht statt. Alle deutschen Soldatengräber in der Sowjet-Union wurden eingeebnet, weil auch dem toten "Faschisten" keine Achtung gebührt. "Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen", verspricht eine Wandinschrift auf dem Leningrader Piskarjow-Friedhof für eine halbe Million verhungerter und gefallener Opfer der deutschen Blockade.

Manches wird verdrängt in der Erinnerung, und im Film erst recht -- so die Erschießung deutscher Kriegsgefangener, auch verwundeter, zu Anfang des Krieges, die Brutalitäten des Partisanenkampfes oder der Zusammenbruch der Disziplin in der Roten Armee 1945.

Während sich in der durchaus aufschlußreichen Memoiren-Literatur die sowjetischen Veteranen noch streiten, ob General Iwanow oder General Schumilow Hitlers General Paulus in Stalingrad gefangennahm, gestattet die patriotische Ideologie in entscheidenden Punkten der Kriegsgeschichte keine Annäherung an die Wahrheit.

Das gilt für einen wichtigen Teil der Vorgeschichte, den Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939, für das geheime Zusatzprotokoll, das "für den Fall einer territorial-politischen Neuordnung" die Staaten zwischen den Großmächten Deutsches Reich und UdSSR jeweils einem von beiden zuschlug. Die Existenz des Protokolls, das im Nürnberger Tribunal 1946 ans Licht kam, wird von Sowjethistorikern schlicht bestritten.

Warum Stalin sich nicht schon 1939 mit den Westmächten gegen Hitler, sondern im Gegenteil mit dem bereits überführten Landräuber gegen den demokratischen Westen verbündete, begründet die Sowjetpropaganda heute mit dem Zaudern "untergeordneter westlicher Emissäre" (so die TV-Serie): Stalin habe nicht an den Widerstandswillen Frankreichs und Englands geglaubt, weil sein Verteidigungskommissar Woroschilow bei den Moskauer Verhandlungen mit den Westmächten auf die Frage, ob sie der Roten Armee im Falle einer deutschen Aggression deren Durchmarsch durch Polen garantieren könnten, keine Antwort erhielt.

Die Antwort erhielt er, am 22. August. Die englischen und französischen Unterhändler boten die von Moskau verlangten "Durchmarschrechte", doch die betroffenen Anrainer der UdSSR, Polen und Rumänien, lehnten strikt ab, weil sie fürchteten, die Sowjets würden nie wieder abziehen.

So war den Russen der Handel mit dem Westen zu unsicher. Hitler bot da mehr, mit dem Nazi-Außenminister Ribbentrop einigte sich Stalin am nächsten Tag über die Einverleibung Ostpolens, der baltischen Staaten und des rumänischen Bessarabien.

"Schon einmal", klagte Sowjetsprecher Samjatin im Juni 1981, hätten die Deutschen Polen als Aufmarschraum S.204 gegen die UdSSR benutzt. Samjatin unterschlägt, wer Hitler diesen Raum verschafft hatte (und Hilfe gegen das antifaschistische Westeuropa dazu). Den Pakt, der es Hitler erst ermöglichte, den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln, stellt die Sowjetserie als geschicktes Täuschungsmanöver Stalins dar.

Im Sommer 1940 aber kollidierten die Interessen schon. Nach Hitlers Sieg über Frankreich -- zu dem ihm Stalin herzlich gratulierte --, machte auch der Georgier Kasse und annektierte verabredungsgemäß die baltischen Staaten Lettland, Estland und Litauen sowie Bessarabien, dazu noch, gegen die Absprache mit Hitler, die rumänische Nordbukowina.

Darauf stellte Hitler Rest-Rumänien, dessen Öl er brauchte, eine Bestandsgarantie aus, die sich eindeutig gegen Moskau richtete, während Stalin sich bemühte, in Jugoslawien Einfluß zu gewinnen, was Hitler als gegen sich gerichtet betrachtete.

Das imperialistische Spiel vom Jahr zuvor, der Wettlauf des Westens und Deutschlands um das Bündnis mit der Sowjet-Union, wiederholte sich: Hitler wünschte sich für die Auseinandersetzung mit England (und Amerika) den Rücken frei, Stalin holte für sein nächstes Ziel, den Balkan, die Offerten der Engländer wie der Deutschen ein. Nichts davon erwähnt die sowjetische Geschichtsschreibung, schon gar nicht der Film vom "Unvergessenen Krieg".

Englands neuer Moskau-Botschafter, Sir Stafford Cripps, bot am 1. Juli 1940 Stalin die "Zusammenfassung und Führung der Balkanstaaten" an. Sowjetpremier Molotow informierte Berlin über das Cripps-Angebot.

Im November 1940 fuhr Molotow nach Berlin, erklärte einen Beitritt zum Achsenpakt Deutschland/Italien/Japan für "grundsätzlich durchaus annehmbar" und verlangte dafür den Balkan und den Bosporus. Hitler bot statt dessen aus dem Nachlaß des noch gar nicht besiegten britischen Empire den Russen höchst vage Südasien an, einen Zugang zum Persischen Golf. Molotow aber verlangte -- realistischer, aber gefährlicher -- lieber noch Finnland sowie die Ostseeausgänge Großer und Kleiner Belt.

Nachdem solcherart zu Tage gekommen war, daß eine weitere Aufteilung der Welt kaum möglich sein werde, erließ Hitler am 18. Dezember 1940 seine "Weisung Nr. 21, Fall Barbarossa", die Vorbereitung eines Rußlandfeldzuges.

Im Frühjahr 1941 wollten beide gleichzeitig Jugoslawien auf ihre Seite bringen. Die Belgrader Regierung trat Hitlers Achse bei und wurde gestürzt. Mit der Putsch-Regierung schloß Moskau sofort einen Freundschaftsvertrag, am nächsten Tag marschierte Hitler in Jugoslawien ein.

Da lenkte Stalin ein, erklärte sich zum "überzeugten Anhänger der Achse und Gegner Englands und Amerikas", umarmte den deutschen Botschafter Schulenburg und den Militärattache Oberst Krebs auf dem Bahnsteig ("Wir müssen Freunde bleiben"), beschleunigte die für Deutschland kriegswichtigen Transporte aus Ostasien über die Transsib mit Expreßzügen.

Am 5. Mai erklärte Stalin vor Kadetten, erst Mitte 1942 sei ein hinreichender Rüstungsstand erreicht, bis dahin müsse man zurückstecken, aber zu offensiven Aktionen bereit sein.

Die zwielichtige Vorgeschichte des Hitler-Stalin-Krieges nach dem gegenwärtigen Stand der westlichen Geschichtsforschung entschuldigt die Nazi-Aggression um keinen Deut, wirft aber ein Licht auf Stalins Kumpanei, von der die Sowjet-Propaganda auch fast 30 Jahre nach Stalins Tod noch nichts wissen möchte.

Ebenfalls wird verschwiegen, daß die fast völlige Vernichtung der Industrie und des Wohnraums im europäischen Teil Rußlands zu einem Teil auch auf Stalins Befehl zurückgeht, alle Sachwerte, Getreide eingeschlossen, die sich nicht evakuieren lassen, müßten beim Rückzug "unbedingt vernichtet" werden, damit sie nicht dem Feind in die Hände fielen.

Und schließlich auch die Zahl der sowjetischen Kriegstoten, über die Deutsche eigentlich nicht diskutieren sollten, weil sie sonst in Verdacht geraten, sie wollten ihre Schuld verkleinern. 20 Millionen Sowjetbürger seien den Deutschen zum Opfer gefallen, behauptet Moskau immer wieder. Belegt wurde die Zahl nie, und nur grob spezifiziert: zehn Millionen Gefallene, über drei Millionen in deutschen Lagern Getötete, sieben Millionen erschossene oder verhungerte Zivilisten.

Auf der Jalta-Konferenz im Februar 1945 hatte Stalin gegenüber Churchill noch von fünf Millionen Gefallenen gesprochen. Die Zahl der Leningrader Blockade-Opfer wurde nach dem Krieg zuerst verschwiegen, dann mit einer halben Million, schließlich mit einer ganzen Million beziffert. Harrison Salisbury erinnert sich, "daß die Russen nach Ende des Krieges, in Nürnberg oder kurz davor, eine offizielle Schätzung ihrer Verluste bekanntgaben, die etwas unter sieben Millionen lag".

Der Verdacht, daß bei den Sowjet-Angaben auch die vielen Millionen Stalin-Opfer der dreißiger Jahre mitgezählt sind, besteht nach wie vor.

Die Ausrottung ganzer Dörfer im Zuge der "Bandenbekämpfung" können Kriegsteilnehmer von der deutschen Ostfront nicht bestreiten. Die meisten haben auch einmal erlebt, daß Gefangene nicht gemacht werden durften, etwa nach Partisanen-Morden an Kameraden.

Doch zur historischen Wahrheit gehört auch, daß der berüchtigte Kommissar-Befehl Hitlers, jeder sowjetische Politruk sei zu erschießen, auf Widerstand im Offizierskorps stieß (das für sich Repressalien des Gegners befürchtete) und am 6. Mai 1942 wieder aufgehoben wurde; daß die Untermenschen-Propaganda der Nazis nicht griff, die Soldaten vielmehr oftmals sich mit der Bevölkerung anfreundeten, befehlswidrig 800 000 Feinde als "Hilfswillige" (die überleben wollten) einstellten -- und daß die deutschen Soldaten zumeist nichts vom verordneten Haß verspürten.

So wenig wie die unterworfene Bevölkerung, jedenfalls bei Ankunft der Aggressoren. In den ersten sechs Monaten des deutsch-russischen Krieges liefen Hunderttausende Rotarmisten zu den Deutschen über. Die Litauer, Esten, Letten fühlten sich ohnehin von der erst ein Jahr zuvor über sie gekommenen Sowjetherrschaft befreit; wenige Tage vor dem deutschen Einmarsch deportierte Stalins Polizei noch 14 000 Balten nach Sibirien.

Letten und Ukrainer stellten denn auch das Gros der Henker in den SD-Einsatzgruppen -- unter deutschem Befehl, unter deutscher Verantwortung. Die (von der Zwangskollektivierung am meisten betroffene) Ukraine, so äußerte Stalin gegenüber dem US-Botschafter S.205 Harriman, stehe den Sowjets nicht unbedingt freundlich gegenüber.

"Die Mehrheit der Bevölkerung würde einen Sturz des Stalin-Regimes begrüßen", mit dieser Analyse empfahl sich der gefangene Sowjetgeneral Wlassow als Anführer einer russischen Befreiungsarmee auf deutscher Seite -kein Thema für Sowjet-Historiker und auch nicht für den Fernsehfilm: Erst als die Deutschen ihre Galgen errichteten, gaben die Unterdrückten ihrem eigenen Diktator den Vorzug vor dem fremden.

Dabei wollte Hitler zunächst von einer Russen-Truppe auf deutscher Seite nichts wissen. Nur zur Motivierung der deutschen Soldaten gab er vor, er führe einen antikommunistischen Befreiungskrieg, in Wirklichkeit strebte er die Vernichtung Rußlands an. Aus den gleichen Gründen kam Fraternisierung nicht in Frage: "Denn dieser Feind besteht nicht aus Soldaten, sondern zum großen Teil nur aus Bestien", ließ er für seine Soldaten plakatieren.

Die andere Seite dachte ähnlich, wenn auch mit Fug und Recht. Stalins versöhnliche Prognose: "Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt", wurde erst im Angesicht des Sieges gestellt. Moskau-Emigrant Alfred Kurella, später Mitglied der Akademie der Künste der DDR, notierte am 25. Juli 1942 in seinem Tagebuch über "ie Stimmung in der Sowjethauptstadt: Vielleicht sollte man (das " " deutsche Volk) wirklich vertreiben und über die ganze Welt " " verstreuen wie seinerzeit das jüdische Volk ... Natürlich ist " " das übertrieben und extrem, aber ich kann nicht anders, ich " " habe ... Sympathie für den vielleicht primitiven Haß der " " sowjetischen Menschen. "

Die Sowjetmenschen haßten aber offenbar gar nicht so sehr, sonst hätte Schriftsteller Ilja Ehrenburg nicht am 14. August 1942 im Armeeorgan "Krasnaja swesda" zu propagieren brauchen: "Wenn du einen Deutschen getötet hast, bring den nächsten um -- es gibt nichts Schöneres als deutsche Leichen."

Im selben Jahr gab Hitlers OKW-Chef Keitel einen Befehl zur "allerbrutalsten" Kriegsführung heraus: "Die Truppe ist daher berechtigt und verpflichtet, ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden, wenn es nur zum Erfolg führt." Die Sowjetpropaganda benutzte wiederum diesen Barbarenbefehl für einen Spielfilm und zeigte, wie Landser Kinder als Kugelfang im Gefecht vor sich hertreiben.

Die Kommunistische Partei der Sowjet-Union vermag diesen Krieg nach wie vor nur unter dem systemnotwendigen patriotischen Aspekt zu sehen. Aus der Sicht der beiden betroffenen S.207 Völker stellt sich der deutschrussische Krieg jedoch ganz anders dar: Sie wurden von ihren Diktatoren gegeneinandergehetzt, nachdem die beiden zunächst gemeinsam Osteuropa versklavt hatten, dann aber in ihrem weiterreichenden imperialistischen Programm zusammengestoßen waren. Geopfert wurden dabei die beiden Völker.

Was empfanden nun die deutschen Soldaten, denen eingeredet worden war, daß sie Europa schützen müßten, als sie in die endlosen russischen Weiten zogen? "Niemand war irgendwie hochgestimmt", kommentiert Bundeswehrgeneral a. D. Graf Kielmansegg, 1941 "ehrmacht-Major, den Film: Wir waren eigentlich alle überzeugt, d"ß " im Moment vielleicht gar nicht so sehr die Gefahr eines " " russischen Angriffs bestand, daß aber eine grundsätzliche " " Gefahr vom militärisch immer stärker und aggressiver " " werdenden Kommunismus der Sowjet-Union ausging. "

Der Gefreite Heinrich Böll marschierte freiwillig mit nach Rußland, "um das sogenannte Fronterlebnis auch mal zu erfahren ... Merkwürdigerweise habe ich kein schlechtes Gewissen dabei gehabt". Für die deutschen Arbeiter, die da in den ersten kommunistischen Staat der Geschichte einfielen, sei der Anblick der wirtschaftlich-sozialen Zustände in der UdSSR "eine ungeheure "nttäuschung" gewesen: Man muß es wissen, um den Antikommunismus "u " verstehen, der nach dem Krieg sehr stark war, der nicht nur " " Propaganda des Kalten Krieges war. Das Erlebnis der " " Sowjet-Union, auch als Angehöriger der Armee, egal ob Nazi " " oder nicht, war nicht sehr ermutigend, kein gutes Beispiel " " für den Sozialismus oder Kommunismus. "

Stalins Russen führten einen heldenhaften Verteidigungskrieg, der nach der Befreiung ihres Landes in einen Eroberungskrieg umschlug -- nun war es an den Sowjets, die Ausdehnung ihres Machtbereichs auch als Befreiung auszugeben, obwohl sie gewiß damals schon beabsichtigten, immerfort zu bleiben.

Die Deutschen bezahlten für ihren Raubzug mit dem Verlust nationaler Größe, was sie aber dazu brachte, ihre Kräfte -- in beiden deutschen Staaten -- der Entwicklung des eigenen Wohlstands zuzuwenden, durch Arbeit.

Den Russen hingegen brachte der Sieg Rang und Rolle einer Weltmacht ein, deren Bürden -- Rüstungslasten, Weltraumfahrtkosten, Feldzüge in fremden Ländern, Subventionen für Verbündete -- eigenen Konsumverzicht erzwang: nationalistisches Blendwerk, von dem sich die anderen Staaten Europas längst verabschiedet haben.

Dafür aber wollten wohl auch die Rotarmisten nicht marschieren und nicht fallen. Stalinpreisträger Wiktor Nekrassow, der das erfolgreichste russische Kriegsbuch ("In den Schützengräben von Stalingrad") geschrieben hat und dennoch heute im Westen lebt, wird in einem "Stichwort" zur Fernsehserie nach dem möglichen Unterschied zwischen deutschen und sowjetischen Soldaten gefragt. Seine "ntwort: Ich bin den Deutschen zwar 5 1/2 Monate in einer " " Entfernung von 60 bis 100 Metern gegenübergelegen, aber erst " " als diese Deutschen als Gefangene durch meine Hände gingen, " " bin ich mit ihnen in Kontakt gekommen. Ich habe gesehen, daß " " es dieselben Menschen sind, dieselben Soldaten, die in ihre " " Armee gejagt worden waren, um irgendwelche Ideen zu " " verteidigen. Wir verteidigten unsere Idee. "

Auf der Sowjet-Seite, die den Krieg als das große Bindemittel zwischen Partei und Volk im Bewußtsein halten möchte, melden sich in den Medien neuerdings auch Stimmen, die den deutschen Feinde von damals nicht immer nur als Mordbuben und Erzfaschisten schildern, sondern auch ein Quentchen Abgewogenheit einzuführen suchen.

In dem Theaterstück "Nachforschung 891" von Julian Semjonow, der in Bonn als Korrespondent gearbeitet hat, tritt zum erstenmal seit 1945 ein Bundesdeutscher, der kein Kommunist ist, als positiver Held auf. Das Stück läuft im Moskauer Theater "Zeitgenosse".

Der Held -- eine wahre Geschichte (SPIEGEL 37/1973) -- bemüht sich, im Krieg entführte Kunstschätze aufzuspüren und nach Rußland zurückzubringen. Um ihn herum lernt der Sowjetzuschauer eine ganze Reihe anständiger Westdeutscher kennen.

In dem sowjetischen Film "Die Erhöhung", der (gegen Protest der CDU) auch im Deutschen Fernsehen lief, werden die anfallenden Verbrechen von russischen Hilfswilligen begangen; deren deutsche Befehlsgeber stehen mit einem Anflug schlechten Gewissens daneben. In einem anderen sowjetischen Film ("In der Hauptrichtung") sagt Deutschlands Generaloberst Model zu einem sowjetischen Gefangenen: "Gehen Sie zu Marschall Schukow zurück, das ist ein guter Gegner."

In Kiew brachte das ZK des Parteijugendverbandes ein Kriegsbuch ("Sie hielten bis zum Tode") heraus, das den Zorn der Veteranen weckte. Autor Oleg Nikonow berichtet darin, was 1941 nach einem ersten Grenzgefecht geschah, in dem die Rotarmisten bis zum letzten "ann fielen: Der deutsche Offizier befahl, eine Grube auszuheben " " und darin (zuerst) die im Kampf gefallenen (sowjetischen) " " Grenzschützer beizusetzen. Dann ließ er seine Soldaten " " antreten ... und sagte zu den Überlebenden: "Nehmt euch ein " " Beispiel an diesen Russen, wie man seine militärische Pflicht " " erfüllen muß!" "

Solche deutsche Reverenz vor einem tapferen Feind ist für manche der Ex-Feinde denn doch noch zuviel. In der Militärzeitung "Roter Stern" empörte sich Oberstleutnant Issakow über das Buch und beschuldigte den Autor, die deutsche Invasion nicht selbst miterlebt zu haben, keine Quellen zu nennen, eine "von vornherein bekannte Lüge zu galvanisieren". Denn: "Die Fabelmärchen von irgendwelchem Heldenmut der Hitleristen sind längst vor der ganzen Welt entlarvt."

Für manchen Sieger -- wie für manchen damals Besiegten -- ist der unvergessene Krieg noch nicht zu Ende. Die Fernsehserie darüber endet am 21. Dezember, dem 102. Geburtstag des Generalissimus Josef Stalin.

S.205

Vielleicht sollte man (das deutsche Volk) wirklich vertreiben und

über die ganze Welt verstreuen wie seinerzeit das jüdische Volk ...

Natürlich ist das übertrieben und extrem, aber ich kann nicht

anders, ich habe ... Sympathie für den vielleicht primitiven Haß der

sowjetischen Menschen.

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S.207

Wir waren eigentlich alle überzeugt, daß im Moment vielleicht gar

nicht so sehr die Gefahr eines russischen Angriffs bestand, daß aber

eine grundsätzliche Gefahr vom militärisch immer stärker und

aggressiver werdenden Kommunismus der Sowjet-Union ausging.

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Man muß es wissen, um den Antikommunismus zu verstehen, der nach dem

Krieg sehr stark war, der nicht nur Propaganda des Kalten Krieges

war. Das Erlebnis der Sowjet-Union, auch als Angehöriger der Armee,

egal ob Nazi oder nicht, war nicht sehr ermutigend, kein gutes

Beispiel für den Sozialismus oder Kommunismus.

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Ich bin den Deutschen zwar 5 1/2 Monate in einer Entfernung von 60

bis 100 Metern gegenübergelegen, aber erst als diese Deutschen als

Gefangene durch meine Hände gingen, bin ich mit ihnen in Kontakt

gekommen. Ich habe gesehen, daß es dieselben Menschen sind,

dieselben Soldaten, die in ihre Armee gejagt worden waren, um

irgendwelche Ideen zu verteidigen. Wir verteidigten unsere Idee.

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Der deutsche Offizier befahl, eine Grube auszuheben und darin

(zuerst) die im Kampf gefallenen (sowjetischen) Grenzschützer

beizusetzen. Dann ließ er seine Soldaten antreten ... und sagte zu

den Überlebenden: "Nehmt euch ein Beispiel an diesen Russen, wie man

seine militärische Pflicht erfüllen muß!"

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S.204 1939 in Moskau. *

DER SPIEGEL 38/1981
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