09.11.1981

SCHWEDEN Richtig wachgerüttelt

Atomares an Bord von U-137, ein Sowjetspion vielleicht gar weit oben in Schweden - in der Affäre um das gestrandete Sowjet-U-Boot gibt es vorerst nur Blamierte.
Gefeiert wurde wie geplant. Sektkorken knallten, und eiskalter Wodka floß durch durstige Diplomatenkehlen, als Moskaus Botschafter Michail Jakowlew vorigen Donnerstag in Stockholm hofhielt. Zu zelebrieren war der 64. Jahrestag der glorreichen sozialistischen Oktoberrevolution.
Schwedische Gäste von Rang allerdings fehlten. Und auch Gastgeber Jakowlews sauertöpfische Miene wollte nicht so recht zum freudigen nationalen Anlaß passen.
Verständlicherweise. Denn nicht einmal zwei Stunden zuvor war Schwedens Ministerpräsident Thorbjörn Fälldin höchstpersönlich im Fernsehen erschienen und hatte seinen Landsleuten einen ersten, offiziellen Bericht über das Russen-U-Boot 137 vorgelegt, das am 27. Oktober im südschwedischen Schärengebiet, mitten im geheimen militärischen Sperrbezirk vor dem Marinestützpunkt Karlskrona, auf Grund gelaufen war.
Was Fälldin, sichtlich um Fassung bemüht, zu berichten wußte, schockierte nicht nur die Schweden. Nach ausführlichen Untersuchungen sei klar geworden, erregte sich der Premier, daß U-137-Kommandant Pjotr Guschtschin mit einem eindeutigen Spionageauftrag in schwedische Gewässer eingedrungen sei. Viel schlimmer aber noch: Das Unterseeboot habe "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine oder mehrere Atomwaffen an Bord" gehabt.
Fälldin war entsetzt. Schließlich wisse doch jedermann, daß er "sogar entschieden gegen eine friedliche Nutzung der Atomenergie" sei. Und nun gar Nukleargeschosse einer nicht befreundeten Macht im Hoheitsgebiet des neutralen Schweden!
Die Enthüllung schockte auch und vor allem die Sowjet-Union. Hatte schon die Havarie des Sowjet-Schiffes mitten in schwedischen Gewässern alle sowjetischen Slogans vom "Meer des Friedens" als leere Floskeln entlarvt, so wurden nun die gesamte Nordeuropa-Politik der Sowjets und überdies Leonid Breschnew persönlich diskreditiert.
Welche skandinavische Regierung sollte nun noch glauben, daß es dem Kremlchef ernst gewesen sei mit seinem Lieblingsplan, in Nordeuropa eine atomwaffenfreie Zone zu schaffen, die auch Teile der großen Sowjet-Union einbeziehen sollte?
Dabei hatten gerade die Schweden -- wie auch Nato-Nachbar Norwegen stets peinlich darauf bedacht, keine Nuklearwaffen auf ihrem Territorium zu dulden -- dem Breschnew-Plan ursprünglich keineswegs völlig ablehnend gegenübergestanden.
Doch mit Fälldins Entrüstung und der öffentlichen Empörung über das nuklearbewaffnete Spionage-Boot scheint die Absage besiegelt: Der "äußerst scharfe Protest" (Fälldin), den Stockholm vergangenen Donnerstag in Moskau einlegte, ist der entschiedenste diplomatische Rüffel, den Schweden jemals seit Weltkrieg II ausgeteilt hat.
Bislang glauben allerdings nur schwedische Experten mit Sicherheit zu wissen, daß U-137 tatsächlich nuklear bestückt war. Denn die veralteten U-Boote der "Whisky"-Klasse, modifizierte Nachbauten des deutschen Weltkrieg-Typs XXI, waren bisher nur als konventionelle Waffenträger bekannt.
Mitarbeiter des Verteidigungs-Forschungsamtes FOA in Stockholm jedoch maßen im Bereich der vorderen Torpedorohre von U-137 eine Strahlung von Uran 238. "Das ist kein spaltbares Material", erklärte FOA-Direktor Nils Lundquist, "es wird aber als Mantelmaterial für Gefechtsköpfe aus Plutonium verwendet."
Und da Kommandant Guschtschin den schwedischen Marinern, die sein Boot genau untersuchten, außerdem eine Inspektion der Torpedos ausdrücklich S.149 verweigerte, gilt in Stockholm als ausgemachte Sache, daß durch die Havarie von U-137 erstmals ein militärisches Geheimnis gelüftet, eine "waffentechnische Weltsensation" (Stockholms Friedensforschungsinstitut Sipri) offenbar wurde: Auch die Sowjet-Union verfügt über atomare Torpedos -- und U-137 führte sie bei der Spionagefahrt im Meer des Friedens mit sich.
Daß es Spionage war, gilt als ebenso ausgemacht. Zwar versuchte es der im Diplomaten-Jargon zum "U-Botschafter" beförderte Jakowlew kurz vor Fälldins TV-Auftritt noch einmal mit der Standard-Ausrede: "Dies war ein Einzelfall, hervorgerufen durch fehlerhafte Navigationsgeräte."
Doch das vermeintliche Schlußwort war nur einen kurzen bitteren Lacher wert. "Daß dem sein Kompaß ausgefallen ist und er sich deshalb in die Schären verirrt hat, ist Blödsinn", schimpfte der schwedische Kapitän Karlsson in Karlskrona.
In der Tat: Kommandant Guschtschin hat sein schwerfälliges, über Wasser nur bedingt manövrierfähiges Boot mit einer solchen Meisterschaft durch die gefahrenvollen seichten Schären-Gewässer navigiert, daß schwedische Marineoffiziere ihm darob höchste Achtung zollen. Mehr noch: Da die Schären bei Karlskrona "für Ortsunkundige ohne Lotsen nicht befahrbar" sind (so das "Ostsee-Handbuch"), meint ein Sprecher des Marinestützpunktes denn auch, Korvettenkapitän Pjotr Guschtschin sei mit seinem Boot schon häufiger in diesem Militärsperrgebiet gewesen.
Für diese Vermutung spricht einiges. Denn als der sowjetische Spion sich in der "Gänsebucht" an einem Unterwasserriff festfuhr, hatte er seinen Auftrag offensichtlich bereits erfüllt und suchte einen vorübergehenden Unterschlupf, wohl wissend, daß der "Gasefjärden" die einzige unbewachte Passage im Sperrgebiet ist.
Erst langsam dämmerte der schwedischen Marineführung, welches Spionageziel Guschtschin gehabt hatte. Und diese Erkenntnis dann war so peinlich, daß sie erst nach neun Tagen häppchenweise an die Öffentlichkeit gegeben wurde:
Am Tag, da das U-Boot kam, am 27. Oktober, testete die schwedische Marine im Militärsperrbereich vor der Insel Aspö hochgeheime U-Boot-Abwehrwaffen -- einen neuartigen Torpedo, der sich, von Hubschraubern abgefeuert, sein Unterwasserziel selbständig sucht. Mehrere Helikopter und U-Boote nahmen an der Übung teil -- und mittendrin, so scheint es, ein sowjetischer Monitor, U-137.
Warum die Abwehr bei dieser Operation nicht auf den Gedanken kam, die hydrophonischen Abhöranlagen einzuschalten, weiß Stockholms Marine S.150 selbst noch nicht. Ratloses Kopfschütteln, betretenes Schweigen.
Vor allem aber bewegt die Schweden jetzt die Frage: Woher, besser: Durch wen wußten die Sowjets so lange im voraus von dem Plan, daß sie rechtzeitig ein Spionage-Boot in das Sperrgebiet entsenden konnten? Zwar war ein "Übungsschießen" schon zwei Wochen zuvor in einem offenen Marinerundschreiben angekündigt worden, doch der wahre Zweck der Übung unterlag höchster Geheimhaltung, war nur einem kleinen Kreis hoher Offiziere bekannt.
Kaum ist -- seit vorigem Freitag -der fremde Spion außer Landes, suchen Schwedens Militärs nun einen Spion im Inneren, der den Torpedo-Plan an Moskau verraten haben könnte.
Denn ein Zufall scheint ausgeschlossen: Die Sowjets wußten schon bei früheren Gelegenheiten zu gut Bescheid.
So wurde etwa im September vergangenen Jahres das U-Boot "Nordkaparen" auf geheime Mission vor Stockholms Schären geschickt. Auf einer festgelegten Top-secret-Teststrecke sollte das Boot seine absolute Höchstgeschwindigkeit im getauchten Zustand herausfinden.
Die Probefahrt wurde von einem Hubschrauber überwacht. Als der geheime Test beginnen sollte, kam aus dem Helikopter die irritierte Frage, wieso denn plötzlich zwei U-Boote den Versuch parallel durchführten. "Nordkaperen" tauchte sofort auf -- und wäre dabei fast mit einem zweiten Schiff zusammengestoßen: einem sowjetischen U-Boot, das sich für die Höchstgeschwindigkeit schwedischer Unterseeschiffe interessierte.
Die Suche nach dem Agenten im eigenen Haus mag etwas ablenken von der Bedrohung von außen. Und das ist der Regierung gar nicht so unlieb. Denn der Wirbel um U-137 hat nicht nur den Friedensstörer Moskau blamiert und bloßgestellt, sondern auch den schwedischen Küstenschutz. "Das waren seit langem die besten Tage, die Schweden erlebt hat", ketzerte ein Stockholmer Reporter, als U-137 die schwedischen Gewässer verließ: "Eine Nation von Schlafmützen wurde mal richtig wachgerüttelt."
Und die Beleidigung sitzt tief. Noch dazu, weil dem Eindringling, hatte man ihn denn endlich mal, nichts zu entlocken war, was Schwedens Militärs auf künftige Zwischenfälle dieser Art hätte besser vorbereiten können.
Außenminister Ola Ullsten hatte das schon immer gewußt: "Ich habe nie daran geglaubt, daß die Sowjets uns eine Erklärung für die Verletzung schwedischen Territoriums geben würden." Denn: "Mit den in Schweden üblichen Verhörmethoden konnten wir einfach nicht mehr rausholen."
In Karlskrona und Umgebung gibt es nun ein neues Souvenir: Ansichtskarten vom gestrandeten U-137.
S.148 unten: nach dem Verhör durch die schwedische Marine am 2. November 1981. * Oben: Vor der schwedischen Schären-Küste; *

DER SPIEGEL 46/1981
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