28.06.1982

ANWÄLTEReise mit Kurven

Pünktlich nach Ablauf der Verjährungsfrist ist der frühere Rechtsanwalt Jörg ("Jogi") Lang, einst der Unterstützung von Terroristen verdächtigt, wieder aufgetaucht - nach acht Jahren im Untergrund.
Das Bundeskriminalamt, nie zimperlich, wenn sich jemandem ein Verdacht anhängen läßt, setzte den kleinen Mann mit der Warze im Gesicht auf die Liste der 16 meistgesuchten deutschen Terroristen, und die Fahnder lobten 100 000 Mark Belohnung aus.
Der RAF des Andreas Baader hingegen war der vermeintliche Komplize, so ein Stammheim-Kassiber, nicht viel wert: "Für dieses Arschloch ist selbst 'ne Briefmarke zu schade."
Jörg ("Jogi") Lang, 42, der einstige Stuttgarter Rechtsanwalt, der irgendwann zwischen alle Fronten geraten und für acht Jahre untergetaucht war, kehrte am Samstag vorletzter Woche ganz von selber wieder heim: Samt Frau und zwei Kindern traf er mit einer Maschine der ungarischen Luftlinie "Malev" aus Budapest in Frankfurt ein. Polizeibeamte, vorab instruiert, schleusten ihn hilfreich durch die Paßkontrolle; Lang war ohne gültige Papiere angekommen.
Kopfgeld war nicht mehr zu verdienen: Die alten Vorwürfe gegen Lang sind sämtlich verjährt, alle Ermittlungen eingestellt - Umstände, die der clevere Ex-Anwalt zuvor bis ins Detail geprüft und auf den Tag genau berechnet hatte.
Kaum eine Terroristen-Schandtat, die Lang in den letzten Jahren nicht nachgesagt worden war: Springers "Welt" erhob ihn zur "Schlüsselfigur" von Mogadischu, "Bild" meldete, daß er deutsche Terroristen in Beirut ausbilde, und noch um die Weihnachtszeit vergangenen Jahres, als Frau Ute die Rückkehr der Familie schon ganz offiziell vorbereitete, schrieb wiederum die "Welt", Lang sei nun wohl auch in die Entführung des Nato-Generals Dozier verwickelt.
Wäre auch nur die Hälfte davon wahr, hätte die "GSG 9" eine Sondereinheit mit Scharfschützen zum Frankfurter Flughafen abkommandiert. Statt dessen konnte Lang gänzlich unbehelligt zu Verwandten nach Süddeutschland fahren - vorläufig letzte Station einer langen Reise mit bizarren Kurven.
Vor elf Jahren, noch zu Langs Referendarzeit, war das "wohlgefällige Auge" des damaligen Stuttgarter Ministerialdirektors und heutigen Generalbundesanwalts Kurt Rebmann auf den Pfarrersohn und Prädikatsjuristen gefallen. Rebmann empfahl Lang als "klugen und kenntnisreichen Mann" für eine Kommission zur Ausbildungsreform.
Später, als jeder der beiden Juristen auf seine Weise Karriere machte, kühlte die Beziehung ab. Der Anwalt, Sozius des Baader-Meinhof-Verteidigers Klaus Croissant, stand im Verdacht, er habe Gudrun Ensslin und Andreas Baader eine konspirative Wohnung beschafft sowie den Drucker Hans-Peter Konieczny für die Erstellung falscher Papiere angeworben. Nach vier Monaten U-Haft kam er gegen 6000 Mark Kaution wieder frei. Zwei Tage vor seinem Prozeß, im September 1974, tauchte er unter.
Die alte Rechnung der Justiz ist heute nicht mehr beizutreiben. Zwar unterbricht schon jeder Haftbefehl erst einmal den Lauf der Verjährung, doch nach Ablauf der doppelten Verjährungsfrist, im Fall Lang nach zehn Jahren, ist alles vorbei - ein Zeitpunkt, der just vor einigen Wochen gekommen war.
Auf die Spuren des Gesuchten waren die Fahnder Ende 1977 gestoßen, als Post von ihm, abgestempelt in Rom, im Heimatland eintraf: "Ich habe mich einer nationalen Befreiungsfront außerhalb Europas angeschlossen." Lang saß in Beirut, seine Familie hatte er in den libanesischen Bergen untergebracht, die Kinder gingen brav zur Schule.
Deutsche Sicherheitsexperten orteten den Abtrünnigen mal bei der PLO, mal bei deren militantem Ableger PFLP. Fahnder wollen Lang beobachtet haben, wie er im Jeep durch Beirut fuhr, wo er den Palästinensern gelegentlich mit Übersetzungsarbeiten diente, und wie er im Palästinenser-Look mit eigener Bewachung zum Essen ausging.
Über seine Zukunftspläne schweigt der listige Lang sich noch aus. Freunde vermuten, daß er weitermacht, wo er aufgehört hat - als politisch engagierter Rechtsanwalt: "Für gute Leute wie ihn gibt es heute immer mehr Bedarf."

DER SPIEGEL 26/1982
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