14.09.1981

Spontan erregt

Den deutschen Fußball hat Weltmeister Paul Breitner fest im Griff. Die Nationalmannschaft hört ebenso auf sein Kommando wie der FC Bayern München. Nur einer gefährdet Breitner: Paul Breitner.
Lustlos spielten die Bayern-Stars vor 100 000 Zuschauern im Bernabeu-Stadion von Madrid. Statt im Turnier-Endspiel gegen Real Madrid kickten sie im Vorspiel um den dritten Platz gegen die Sowjet-Mannschaft Dynamo Tiflis. Nach 20 Minuten ging Bayerns Mannschaftskapitän Paul Breitner vom Platz. "Der Schiedsrichter hat was gegen mich", raunzte er.
Zwei Minuten vor der Halbzeitpause zeigte der Schiedsrichter Breitners Stellvertreter Karl-Heinz Rummenigge die Gelbe Karte. Breitner eilte zum Spielfeldrand und winkte Rummenigge zu sich: "Kalle, der stellt dich vom Platz, sobald du nur schielst." Rummenigge nickte: "Der Kerl sagte schon, er würde uns alle vom Platz stellen."
Schiedsrichter Jose Donato Pes Perez lief herbei und zeigte beiden Bayern die Rote Karte. Breitner entschied: "Kommt alle runter, wir hören hier auf."
Noch nie hatte es eine deutsche Fußballmannschaft im Ausland gewagt, vorzeitig den Platz zu verlassen. Die deutschen Fernsehanstalten erbaten vom spanischen Fernsehen Filmaufnahmen. Fehlanzeige: Die Spanier hatten nur das Endspiel aufgenommen. Aber ein paar Photos erschienen; eines zeigte Paul Breitner, mit dem Finger am Kopf entbot er dem Schiedsrichter den Autofahrergruß.
Bayerns "Trainer Csernai wollte weiterspielen lassen", berichtete "El Mundo Deportivo", doch "für jeden wurde deutlich, wer das Sagen in der Mannschaft hat, nämlich Paul Breitner". Der Bayern-Kapitän übertrug auf dem Rückflug nach München seinem Stellvertreter Rummenigge die Aufgabe, daheim die deutschen Fußball-Oberen über die "Wildwest-Methoden in Madrid" zu unterrichten und im Vorgriff Straffreiheit zu erreichen.
"Ich glaube den Worten von Karl-Heinz Rummenigge", versicherte Hermann Neuberger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Hans Kindermann, scharfer Ankläger am verbandseigenen DFB-Sportgericht, wollte ebenfalls von nichts wissen und erklärte: "Ich kenne bisher nur die Zeitungsberichte."
Kindermann, dem abfällige Gesten der Bundesligaspieler meist schon zur Verfolgung reichen, kann auch Breitners Vogel-Zeichen nicht falsch verstehen. Er selbst, in einer Straßenverkehrssache einmal von einem Autofahrer wegen einer derartigen Geste angezeigt, hatte dies damals als mißverständliches Zeichen der Entschuldigung dargestellt und war straffrei geblieben.
Außerdem sind Deutschlands Fußballbosse auf alles gefaßt, wenn Breitner und die Bayern durch die Welt reisen. 1971 hatte der deutsche Meisterklub eine Südamerikareise unternommen. In Perus Hauptstadt Lima stellte der Schiedsrichter die Bayern-Stürmer Gerd Müller wegen Tätlichkeit und Charly Mrosko wegen unsportlichen Benehmens vom Platz.
Damals noch gab es Strafen für die Bayern, acht Wochen Spielsperre für Müller, zwei für Mrosko. Für den damals 19jährigen Paul Breitner war es ein "Lehrstück des Profifußballs", denn er spürte, "mit was für Typen man es da zu tun bekommt".
Schon ein Jahr später durchschaute Breitner, Einzelkind eines Verwaltungsangestellten aus Freilassing, die Hierarchie der höchsten deutschen Fußballklasse.
Die Funktionäre bestanden nach seiner Einsicht aus altgewordenen Amateuren, die immer noch von jenen Fußballgründern sprachen, die ihre Torlatten selbst zum Spielfeld buckelten, die sich immerfort mit Kamerad anredeten, die auf Zucht und Ordnung pochten und Bier aus Stiefeln tranken.
Breitners bis heute nicht revidierte Erkenntnis: "Solange ich gut bin, kann ich mir alles erlauben, sogar eine politische Überzeugung."
Beim FC Bayern München, wo CSU-Chef Franz Josef Strauß häufig als Ehrengast erschien, der damalige Finanzminister Ludwig Huber dem schwerfälligen Stürmer Müller Steuerkniffe beibrachte und Oberbürgermeister Erich Kiesl, damals noch Innen-Staatssekretär, im Klub-Beirat saß, S.220 spielte Breitner nicht nur linker Verteidiger, sondern auch die bis dahin unbesetzte Rolle des linken Revoluzzers.
"Erst nach dem Training bin ich Mensch", beschrieb er seine Lage in dem kapitalistischen Kicker-Unternehmen. Ins Trainingslager nahm er nicht wie alle anderen Simmel-Romane oder Illustrierte mit, sondern Schriften von Marx und Lenin. Für ein Pressephoto posierte er unter einem Mao-Poster mit der aufgeschlagenen "Peking-Rundschau" in den Händen und einem treuen Boxerhund zu Füßen.
Freimütig bekannte er, daß ihn die US-Bomben auf Vietnam "am meisten erregt" hätten. Oft klagte er, daß er sich "unter politisch gedankenlosen Mitspielern isoliert" fühle. Zum langen Haar ließ er sich allmählich einen Che-Guevara-Bart wachsen, den er bis auf gelegentliche Umstutzungen noch heute trägt.
Bei der Weltmeisterschaft 1974 in der Bundesrepublik wurde er rebellisch. Zunächst stachelte er den Spielführer Franz Beckenbauer auf, höhere Erfolgsprämien von den DFB-Funktionären zu fordern. Breitner entlarvte Assistenz-Trainer Jupp Derwall, der die Spieler zuvor noch informiert hatte, daß fast alle Mannschaften mehr Prämien bekämen als sie: Weil Beckenbauer und Breitner 100 000 statt der angebotenen 30 000 Mark forderten, setzte Derwall seinen Chef Schön ins Bild. Breitner nannte Derwall einen "Linkmichel". Schön beschimpfte Breitner als "Maoisten".
Nach dem Sieg im Endspiel über Holland holte Breitner die Frauen der Spieler zum Siegesbankett. Genüßlich schmauchte er seine Zigarre. Da forderten die DFB-Funktionäre die Frauen auf, die Männergesellschaft allein zu lassen. Breitner und Torjäger Müller zogen mit aus und erklärten: "Nie mehr spielen wir für Deutschland." Breitner schränkte salvatorisch ein: "Erst, wenn sich im DFB-Vorstand einiges ändert."
Auch eine Meisterfeier beim FC Bayern endete unziemlich. "In diesem Scheißverein kann man nicht einmal richtig feiern", hatte Breitner herausgefunden. Nun veranstaltete er im Klub "wie Duck und Doof" eine Sektparty im Entmüdungsbecken, nur mit Gläsern und Zigarre bewaffnet. Als die Bade-Party in Zeitungen abgebildet wurde, mäkelte Bundestrainer Schön: "Pornographie."
Der konservative Klubpräsident Neudecker bot den linken Verteidiger zum Verkauf an. "Sonst habe ich in Kürze Verhältnisse, wie sie an den Hochschulen herrschen", schimpfte Neudecker. Als die Mannschaft zu Breitner (Jahresgehalt: 250 000 Mark) hielt, blieb der Star, der, nach Neudecker, "soviel verdient wie zehn Arbeiter zusammen".
Ein Jahr später, als Weltmeister und Deutscher Meister, warb Real Madrid um Breitner. Die Spanier boten drei Millionen Mark. Der Salon-Maoist nahm sofort an. "Ich weine nichts und niemandem eine Träne nach", erklärte er beim Kofferpacken. Er verkaufte den 200 000-Mark-Bungalow in Ottobrunn und den Achtzylinder-Maserati. Neudecker atmete auf: "Den Kerl sind wir los."
Befragt, wie er es im totalitären Spanien von Franco aushalten würde, erklärte Breitner, den Roten habe man ohne sein Zutun aus ihm gemacht: "Ich wäre auch ins Griechenland der Obristen gegangen." Letztes Wort an die Heimat: "Ich fühle mich nicht als Deutscher, ich fühle mich bestimmt auch nicht als Bayer."
In Madrid trug der Bayer den vornehmen Klubherrn zuliebe ihm ungewohnte weiße Hemden und Krawatten. Doch drei Jahre später war der total emigrierte Breitner wieder in Deutschland -- bei Eintracht Braunschweig. Der sportfreudige Spirituosenhersteller Günter Mast kaufte den Weltmeister zum Preis von 1,75 Millionen aus eigener Tasche für den Provinzklub. Breitners Jahresgage: 400 000 Mark.
Doch er spielte nur eine Saison für die Eintracht. Danach herrschte Zwietracht. Verteidiger Franz Merkhoffer murrte: "Der will nur kommandieren." Torwart Bernd Franke: "Der spricht mit keinem von uns."
Dann kehrte der Star zu Bayern München zurück. Breitners Abschlußurteil über Eintracht Braunschweig: "Ein Tante-Emma-Laden, in dem alle nur über Pferdeäpfel sprechen." Bei Bayern München sollte Präsident Neudecker seinen "Rückfall in Sachen Breitner" bald bedauern.
Zuerst verkrachte sich Breitner mit Cheftrainer Gyula Lorant. Neudecker: "Breitner fragte mich, ob Lorant einen neuen Vertrag bekommen würde. Ich antwortete mit ja, falls er Meister oder Pokalsieger werde." Das nächste Pokalheimspiel gegen den zweitklassigen VfL Osnabrück verlor Bayern München sensationell mit 4:5. Lorant wurde entlassen, sein ungarischer Landsmann Pal Csernai Nachfolger. Neudecker: "Der Mann ist zu weich." Breitner: "Der Mann ist für uns richtig."
Als Bayern München in Braunschweig nur 0:0 gespielt hatte, verpflichtete Neudecker noch vor der Rückkehr seiner Spieler den strengen Max Merkel als Cheftrainer. Bayern-Torwart Maier erfuhr "das Unheil" auf dem Frankfurter Flughafen bei einem Telephonat mit seiner Frau. Breitner bestärkte Meier, bei Neudecker sofort Protest einzulegen. Maier tat es. Neudecker beschimpfte ihn: "Sie Anarchist, da steckt doch der Breitner dahinter."
Den Verdacht konnte er nicht mehr erhärten. Die Mannschaft drohte, dem Training fernzubleiben. Neudecker sagte Merkel ab, setzte Csernai wieder ein und erklärte seinen eigenen Rücktritt.
Mit Kommandant Breitner holte die Mannschaft 1980 und 1981 den Meistertitel. Als in Montevideo die deutsche Nationalmannschaft gegen Argentinien 1:2 und gegen Brasilien gar 1:4 nach 23 Spielen ohne Niederlage verloren hatte, forderte Bayern-Stürmer Rummenigge Breitners Rückkehr: "Wir brauchen einen, der den Ton angibt."
Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft 1982 vergaßen DFB-Präsident Hermann Neuberger und der inzwischen S.222 zum Bundestrainer aufgerückte Jupp Derwall alte Kräche. Breitner: "Ich denke nur noch nach vorn."
So allerdings dachte auch der acht Jahre jüngere Bernd Schuster, der für den FC Barcelona spielt und in der Nationalmannschaft selbst Regisseur sein will: "Der Paule ist ein gerissener Hund, noch gibt er seine Befehle über Derwall weiter, bald macht er alles allein, und wir anderen dürfen nur noch breitnern und rummeniggen." Schuster verweigerte weitere Länderspiele neben "dem Helden der deutschen Gegen-Revolution" ("New York Times").
"Er benimmt sich so wie ich in seinem Alter", urteilte Breitner mild und entschloß sich großmütig, den Mitspielern mehr Freiheiten einzuräumen. Listig verteilte der bayrische Odysseus die Hauptrolle: "Wer Spielmacher ist, entscheidet sich in jedem Länderspiel neu. Wer die beste Form hat, soll es machen, das kann mal der Magath aus Hamburg sein, mal der Müller aus Stuttgart, mal ich, und das könnte auch jederzeit Bernd Schuster sein."
Und schlug seinen Bayern-Freund Rummenigge zum neuen Kapitän der Nationalmannschaft vor, obwohl im Bayern-Klub er selbst Spielführer ist. Auch andere beklagten ein "völlig verändertes Klima" in der Nationalmannschaft, "seit Breitner kam" (so der ehemalige Mannschaftskapitän Bernhard Dietz).
Bundestrainer Derwall rügte Dietz, doch DFB-Präsident Neuberger nahm es wieder zurück: "Die Zeit wird alles heilen." Schon schien die Zurückhaltung zu wirken, denn das Länderspiel am 2. September in Polen erbrachte auch ohne Schuster einen 2:0-Sieg und viel Lob.
Doch einen Tag später passierte der Eklat von Madrid. Der DFB-freundliche "Kicker", der Breitner als "Fußballer des Jahres" ermittelt hatte, rügte: "Eine gute PR-Arbeit für den deutschen Fußball war''s nun mal hundertprozentig nicht, was die Münchner Bayern in Madrid machten, der Hauptstadt des Landes, in dem im Juni/Juli kommenden Jahres die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet." Ein Spielabbruch, so murrte der "Kicker", sei "schon ein starkes Stück".
Das empfindet längst auch Chef Breitner ("Ich war spontan erregt"), der weder im Klub noch im DFB jemanden hat, der ihm "mal Contra gibt", so der alte Bayern-Herr Neudecker. "Der Breitner ist Breitners größter Feind."
Die Bayern bieten nun ein Versöhnungsspiel in Madrid an. Breitner selbst will "Spaniens Presse, Funk und Fernsehen Rede und Antwort stehen", denn mittlerweile schrieb auch "El Mundo Deportivo": "Jetzt verstehen wir, warum der Schuster nicht mehr mit Breitner spielen will."
S.218 Mit Bayern-Spieler Karl-Heinz Rummenigge, Schiedsrichter Pes Perez und Trainer Pal Csernai. *

DER SPIEGEL 38/1981
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