19.04.1982

Reinhard Baumgart über Max Frisch: „Blaubart“

Kahlschlag Der Schweizer Erzähler und Dramatiker Max Frisch, 70, lebt in New York und Zürich. - Reinhard Baumgart, 52, ist freier Schriftsteller und Publizist in München.
Die Erzählung ist kurz, die Sätze sind kurz, der Wortschatz bleibt karg bis dürr, und den sogenannten Stoff, so grell er auch zunächst scheinen mag (ein Callgirlmord - war der ehemalige Ehemann der Täter?) - auch den wird kaum noch jemand für unerhört halten. Selbst ein langsamer Leser kann also diese zehn Druckbogen schnell und verdächtig widerstandslos durchfliegen. Danach war ich zugleich enttäuscht und irritiert und merkte erst allmählich, wie unerledigt das Buch für mich noch immer war, wie eigensinnig einzelne Sätze und Motive weiterhin in meinem Kopf herumpochten.
Man wagt ja, angesichts der landläufigen Brillanz- und Wegwerfliteratur, kaum noch daran zu erinnern, daß womöglich auch oder gerade zunächst unscheinbare Bücher auf eine zweite Lektüre angewiesen sein könnten.
Außerdem: Von Altersprosa werden wohl vor dieser Erzählung nicht nur Germanisten reden, und daß Alter eben nicht unweigerlich in ein mild verrücktes, heiter schizoides Blühen führt, wie uns neuerdings manchmal weisgemacht wird, mit dieser Einsicht hat Frisch sich und uns nun schon einige Bücher lang gequält.
"Herr Geiser hat Zeit", so stand's auf der ersten Seite von "Der Mensch erscheint im Holozän". "Ich habe jetzt Zeit wie noch nie", sagt auch der neue "Blaubart". Man sitzt und wartet. Auf was? Auf das Ende des Alterns? Auf eine endgültig wahre Ansicht des heruntergelebten Lebens? Auf das Ende?
Felix Schaad, der stumm brütende Held der neuen Erzählung, gibt allerdings vor, erst vierundfünfzig Jahre alt zu sein, und das würde ich wohl auch bei einer dritten Lektüre für nicht ganz glaubwürdig halten. Ich sehe da Seite für Seite jemanden in ein restlos ausgeglühtes, irreparabel versteinertes Leben starren. Warum Melancholie einmal als Todsünde galt, hier läßt es sich erfahren.
Das Buch besteht fast nur aus Stimmen, aus Resten des überstandenen Mordprozeßverhörs und aus Fragmenten eines nur in der Einbildung weiterlaufenden Prozesses, aber Dr. med. Felix Schaad selbst, der längst freigesprochene Angeklagte, der seine sechste Frau offenbar nicht ermordet hat, aber auch seine siebente noch verlieren wird, dieser unschuldige Schuldbewußte bleibt inmitten des seinen Kopf heimsuchenden Stimmengewirrs nahezu stumm. Sechs Ehefrauen, unzählige Zeugen reden und quasseln über ihn, befragt von Verteidigung, Staatsanwaltschaft, Geschworenen und Richtern.
Jeder entwirft irgendein fahrig skizziertes "Bild" von ihm (das Tödlichste bekanntlich, was nach Frisch ein Mensch einem Menschen antun kann), doch er selbst scheint keins mehr von sich zu besitzen.
Das also war es, was mich beim zweiten Lesen vor allem betroffen machte: Wie einer inmitten seines unendlich beredeten Lebens herumhängt wie bewußtlos, als wäre er nur noch Körper, ja fast ein Gegenstand, Sperrgut, am Boden, am Leben nur noch gehalten durch das Gewicht eines ratlosen Schuldbewußtseins, seiner Schwermut. Der hätte nicht mehr die Kraft, ein Buch lang zu behaupten: Ich bin nicht Stiller! Und schon gar nicht die Phantasie, sich den Namen Gantenbein und die Abenteuer der neuen Haut zu wünschen.
Denn Frisch arbeitet hier tatsächlich weiter am Haupttrauma seines Schreiblebens, also an den ineinander verschränkten Themen der Identität, des "Du sollst dir kein Bildnis machen", der Sucht und Eifersucht, der Erlösungswünsche und des Mißtrauens, mit denen die Geschlechter sich gegenseitig traktieren. Früher war seine Erzählwelt vollgepflanzt mit Zeichen oder Schimären der Untreue, des Verrats. Jetzt starrt er nur noch auf die Indizien der Schuld oder Unschuld. Der Lustverlust, der Kahlschlag sind unübersehbar. Führt das nun zu Konzentration, zu bloßer Reduktion, zur Verschärfung oder zur Austrocknung?
Zunächst einmal kann Frisch, ob er das nun einkalkuliert hat oder nicht, sich natürlich darauf verlassen, daß er von Frisch-Lesern gelesen wird, daß es für die neue Erzählung sozusagen keine absolute, sondern nur eine relative Lektüre gibt, weil sie ganz unwillkürlich zu einem Resonanzraum wird, der sich mit Echos aus anderen Büchern füllt, anreichert.
Wenn zum Beispiel ein Eifersüchtiger wie dieser Dr. med. Schaad in dem Augenblick alle Eifersucht "vergißt", wo er ganz sicher sein kann, daß seine sechste Gattin Geschlechtsverkehr mit beliebig vielen anderen als Beruf ausübt, dann wird sich diese hier nur kurz und knapp servierte Pointe im Kopf eines erfahrenen Frisch-Lesers bedeutend aufladen. Denn mit dieser, psychotechnisch gesprochen, paradoxen Intention hätte man anderen Frisch-Helden Feuer und Qual ihres ganzen Lebens patent auslöschen können.
Es wimmelt also, wie in Spätwerken üblich, von Anspielungen, Wiederholungen, bleichen Variationen und Umkehrungen, von lauter halb mürrischen, halb feierlichen Verweisen auf das schon einmal Gesagte und Gemachte. Daß bloße Möglichkeiten, Wahnvorstellungen von "Was wäre, wenn?" wirklicher scheinen können als Wirklichkeit, dieses Frisch-Motiv beherrscht ja das Buch und seinen Helden bis fast zur letzten Seite: Hätte er nicht jederzeit ein Mörder, ein Frauenmörder sein können - auch wenn er an einem bestimmten Nachmittag keiner war?
Wieder also werden Realszenen wie Traumszenen zitiert und umgekehrt, treten Tote redend zurück ins Leben, wird auf dem Höhepunkt einer Krise ein Auto gegen einen Baumstamm gelenkt, wieder stürzen sich Held und Autor zuletzt in ein virtuoses Finish, in eine "Rettung", die wie so oft bei Frisch nur wie ein unhaltbar freundliches, vages Versprechen klingt. Wieder wird vor allem der Prozeß einer Gewissensforschung in die sarkastische, von Frisch geliebte und S.266 allzu gekonnt beherrschte Form eines Frage- und Antwortspiels übersetzt, dessen Netzwerk nun das ganze Buch überzieht.
Was man, auch in Büchern, "Welt" nennt, ist dagegen fast unsichtbar geworden. Schaads Welt ist geschrumpft auf die der Indizien, der inwendigen Stimmen, des Verhörs, eines ewig weitermurmelnden Gewissens. Er lebt unter dem Terror einer Moral, einer mehr geahnten als gewußten Lebensverfehlung. Was immer er noch tut (wandern / Billard spielen / saufen / in der leeren Praxis, vergeblich, auf Patienten warten / nach Japan reisen), erwähnt er nur als Beschäftigungstherapie.
Nein, Felix Schaad ist nicht das, was man einen guten Erzähler nennt, und ein praller schon gar nicht.
Was er (und Max Frisch) in diesem Buch arrangiert haben, erinnert eher an japanische Gärten, die hier sicher nicht ganz absichtslos zitiert werden. Wie vor diesem knappen Wachsen und Blühen im Geröll wird man auch in Frischs Text immer aufmerksamer, empfindlicher für das wenige, das aus seiner kunstvollen Monotonie aufscheint.
Alles macht plötzlich Zeichen, manchmal schon überdeutliche und obszöne, das Weiß eines Schwanenhalses oder eines Arztkittels oder der bei der Leiche aufgefundenen Lilien, eine Kiesgrube, die Zeremonie des Händewaschens, das dumpfe Schwitzen in einer Sauna, der Tatbestand des "gewaltsamen Eindringens" (nur in eine Wohnung allerdings), der zustoßende Billardstock, der geschälte Spargel.
Wer will, kann das auch peinlich finden. Die Erzählung spricht streckenweise tatsächlich die peinliche, andeutende und doch nackte Sprache des Traums, des Verdrängten eines sehr hell und manchmal auch zu fein ausgeleuchteten Traums. Sie übersetzt Emotionen in Zeremonien. Sie läßt, wie viele Autoren, die ihr Lebensthema noch einmal und wie zum letzten Mal zur Sprache bringen, fast alles "Erzählfleisch" weg und hantiert mit einem Knochengerüst, einem Skelett von Fabel.
Zarter gesagt: Alles Inwendige wird kahl sichtbar, wird äußerlich. Noch zarter: Das Buch zeichnet fast nur Linien, zeigt keine Farben.
Aber Herr Frisch und Herr Dr. Schaad, so möchte nun längst der Staats- und Literaturanwalt dazwischenfragen: Dieses schuldbewußte und doch nicht besserungsfähige, in dieser neuesten Erzählung sogar siebenmal mit einer Ehe besiegelte Herumphantasieren an den Frauen - ist das nicht zu privat? Für eine Veröffentlichung als Literatur? Eine jahrzehntealte, unermüdliche und unvermeidliche Frage. Und ich höre die beiden Befragten schon antworten, schuldbewußt und doch störrisch, beide: Das stimmt.
Auch in dem Buch sitzt ja Felix Schaad auf das Vollkommenste isoliert S.267 in seinem dumpfen Brüten über sein Lebensrätsel, über den Zusammenhang zwischen Lieben und Zerstören: "Seit meinem vierzehnten Lebensjahr habe ich nicht das Gefühl, unschuldig zu sein." Niemand sonst zeigt sich an diesem Rätsel erkennbar interessiert. Selbst an den Juristenfragen reden die meisten Zeugen wie geistesabwesend vorbei. Jeder Befragte ist hemmungslos nur interessiert an der Ordnung, den Lösungsversuchen seines eigenen Lebens, an Beruf und Karriere, an einem guten Bordeaux, an der Emanzipation, an Einstein oder an einer längst vergessenen Jugend.
"Privat" heißt ja zunächst nur Fürsichsein, abgeschlossen, abgetrennt. Ein Privatmensch ist also Felix Schaad nicht nur, weil niemand mehr in seine Praxis kommt. Fast möchte man ihn für einen Säulenheiligen halten, einen Wüstenmenschen, einen Sektierer. Sein stummes Insistieren auf einer Schuld, die er weder verhindern konnte noch wiedergutmachen kann noch genau zu benennen wüßte, diese sozusagen instinktive Zerknirschung ist - religiös.
Frisch hat ein (trotz aller Gekonntheit) sehr wortkarges, ja ein schweigsames Buch geschrieben. Das ist auch riskant, es öffnet Lücken. Aber die nicht nur literarische Qualität dieses Autors bestätigt sich auch darin, daß er sein Lebensthema hier grau und rigoros in eine neue Konsequenz hineingetrieben hat, ohne diese wohlfeil dem Zeitgeist auszuliefern.
Andere Autoren haben sich ja die Beteuerung "Ich bin ein religiöser Mensch" schon wie einen Orden auf die nackte Brust geheftet.

DER SPIEGEL 16/1982
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