28.06.1982

ASBESTEiserner Griff

Katastrophenstimmung bei der kanadischen Asbest-Industrie: Die weltweite Diskussion über die krebsfördernde Wirkung der Naturfaser ließ den Asbest-Export stark absinken.
Asbest, unser Stolz, unser Reichtum", steht auf dem Schild am Ortseingang der kanadischen Kleinstadt Asbestos.
Für die Einwohner der Asbest-Stadt in der Provinz Quebec klingt der Satz heute wie Hohn. Denn die Zeiten, da der natürliche Rohstoff den Menschen in Asbestos Ruhm und Reichtum brachte, sind längst vorbei.
Beinahe ein Drittel der einst 10 000 Einwohner hat die Stadt verlassen. Der mit Abstand größte Arbeitgeber in Asbestos, die Minengesellschaft Johns Manville Ltd., ließ die Belegschaft von 2400 auf 1750 Mann schrumpfen. Und selbst für den Rest ist nicht genügend Arbeit da. Die Gesellschaft muß ihre Arbeiter für drei bis vier Monate in einen Zwangsurlaub schicken.
Früher dehnte sich das größte Asbest-Abbaugebiet in Kanada so schnell aus, daß fast wöchentlich die Häuser am Grubenrand geräumt werden mußten.
Doch dann mußte die Minengesellschaft die Förderung immer weiter zurückfahren, inzwischen wird gerade noch die Hälfte früherer Jahre rausgeholt. Das 2360 Meter lange und 1780 Meter breite Loch im Grünen, aus dem die Arbeiter den Asbest fördern, wird kaum noch größer.
So wie in Asbestos stagniert der Abbau der vielseitig verwendbaren Asbest-Faser auch in den anderen Fördergebieten östlich von Montreal. Insgesamt liegen in der Provinz Quebec etwa 255 000 Tonnen Asbest auf Halde.
Die kanadischen Minengesellschaften sind Opfer des weltweit geschrumpften Asbest-Verbrauchs. Noch 1973 hatte Kanada, der mit Abstand größte Asbest-Exporteur der Welt, 2 Millionen Tonnen gefördert. In diesem Jahr, befürchtet der zuständige Direktor im kanadischen Handelsministerium, Gary Nash, "wird''s nicht besser sein".
Vor allem Amerikaner und Europäer ordern weniger. Noch 1979 verkaufte Kanada über 375 000 Tonnen Asbest nach Europa. Im vergangenen Jahr dagegen nahmen die europäischen Länder den Kanadiern gerade 190 000 Tonnen ab. Da half es auch nichts, daß Quebecs Energieminister Yves Duhaime persönlich eine Verkaufstour durch Frankreich, Belgien und die Bundesrepublik machte.
Mit der weltweiten Konjunkturflaute allein läßt sich nicht erklären, daß Asbest so schwer verkäuflich geworden ist. Die Baisse könnte, so fürchten die Kanadier, von Dauer sein. Denn offensichtlich hat sich in den westlichen Industriestaaten inzwischen herumgesprochen, daß die Asbestfasern Krebs auslösen können (SPIEGEL 49/1980).
Um gegen diese absatzschädliche Erkenntnis anzugehen, baten die Kanadier Ende Mai zu einem "Welt-Symposium" über Asbest nach Montreal. 750 Wissenschaftler, Industrievertreter, Politiker und Gewerkschafter aus 50 Ländern kamen, um über "Asbest, Gesundheit und Gesellschaft" zu diskutieren.
Ziel des Symposiums, so beteuerte Direktor Gary Nash, sei eine "Versachlichung S.114 der emotionell aufgeheizten Debatte" über die gefährlichen Wirkungen von Asbest.
Doch was die nach Montreal Geladenen an Schreckensberichten über Krebsrisiken und Todesstatistiken vortrugen, war kaum geeignet, die Kritik an der gefährlichen Faser zu entkräften und die komplett versammelte Asbest-Lobby des Gastgeberlandes optimistischer zu stimmen.
Vor allem Professor Irving Selikoff, Direktor des Laboratoriums für Umweltwissenschaften am Mount-Sinai-Institut für Medizin in New York, verdarb den Kanadiern die Veranstaltung. Der "eiserne Griff" der Langzeitwirkung, so Selikoff, sorge dafür, daß die Betroffenen oft erst 20 bis 30 Jahre nach dem Umgang mit Asbest erkranken.
Als Beispiel nannte Selikoff eine Frau, die vor ihrem vierzigsten Lebensjahr starb, weil ihr Vater täglich nach der Heimkehr aus der Asbest-Grube vor der spielenden Tochter seine Arbeitskleidung ausgeschüttelt hatte.
"Vor Jahren waren wir die Retter der Menschheit mit unseren Bremsbelägen und Brandschutzanzügen, und jetzt sind wir die Mörder", jammerte ein Asbest-Manager, nachdem er den Anklage-Reden in Montreal einen Tag lang zugehört hatte.
Ein totales Verbot von Asbest forderte dennoch keiner der anwesenden Experten. Die meisten plädierten für eine "praktische Risikoschwelle". Wo diese allerdings anzusetzen ist, darüber konnten sich die Wissenschaftler nicht verständigen.
Gefährdet ist neben den Bergleuten, die den Rohstoff aus der Erde holen, die große Zahl jener Menschen, die mit Asbest-Produkten arbeiten. Allein in der Bundesrepublik wird die Zahl der Arbeitnehmer, die beim Reinigen von Bremstrommeln, beim Sägen von Dachplatten oder beim Abbrechen asbestverputzter Häuser mit der Faser in Berührung kommen, auf mindestens 840 000 Personen geschätzt. Dazu kommt die übrige Bevölkerung, die durch Asbeststaub geschädigt wird.
Die westdeutschen Asbest-Zementhersteller haben jetzt begonnen, sich umzustellen: Gegenüber dem Bundesinnenminister verpflichteten sie sich, innerhalb der nächsten fünf Jahre 30 bis 50 Prozent der Asbestfasern im Asbest-Zement durch andere Stoffe zu ersetzen.
Die Kanadier sehen das gar nicht gern. Die Asbest-Zementindustrie verbrauchte bisher mehr als 75 Prozent des in die Bundesrepublik importierten Rohstoffs. Da auch die anderen europäischen Länder weniger Asbest verwenden wollen, müssen die Kanadier mit weiteren Exportverlusten rechnen.
Den Kanadiern bleibt als einziger Ausweg, anderswo neue Kunden zu suchen. In Montreal boten sich die Entwicklungsländer an. Sowohl die Vertreter Indiens als auch der Sekretär des Bergbauministeriums von Simbabwe lobten die niedrigen Kosten sowie die Feuer- und Witterungsbeständigkeit von Asbest. Die Gesundheitsrisiken taten die Vertreter der Dritten Welt als nebensächlich ab.
Übertroffen wurden sie nur noch von der Sowjet-Union, dem weltgrößten Asbest-Förderland. Als die kanadische Botschaft in Moskau die Russen nach Montreal einlud, lehnte das Vaterland der Werktätigen ab. Begründung: Es gebe in der UdSSR "nicht die geringsten Probleme", die Arbeitsplätze seien "absolut sauber".
S.112 Bei der Eternit AG in Berlin. *

DER SPIEGEL 26/1982
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