22.02.1982

SYRIENFeuer vom Himmel

Im Norden des Landes steht die Armee gegen die eigenen Landsleute im Feld. Der Aufstand der sunnitischen Moslem-Milizen stellte das Regime von Präsident Assad vor die bisher schwerste Bedrohung.
Sie kamen um fünf Uhr morgens. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Mudschahidin, islamische Gottesstreiter, eilten in Fünfergruppen auf die neuen Wohnblocks im Norden des Stadtzentrums zu, Minuten später peitschten Schüsse durch das morgenstille Hama.
Die Männer stürmten die Wohnungen von 22 Geheimdienstlern und Funktionären der linksnationalistischen Baath-Partei, die seit drei Jahren gnadenlose Jagd auf die rechte Moslembruderschaft gemacht hatten. Vor ihren Ehefrauen und Kindern wurden die Opfer aus den Betten gezerrt und von den Rächern durch gezielte Salven erschossen. Dabei kam auch die Schwester des Verteidigungsminister Mustafa Tlass um, die versucht hatte, mit einer stets in Griffweite liegenden Pistole den Eindringlingen Widerstand zu leisten.
Die Aktion war gut vorbereitet, Telephonleitungen zu Polizeistationen und Armeeinheiten waren unterbrochen, Straßensperren riegelten die Stadt nach allen Seiten ab.
Dann traten die Imame in Aktion: In feurigen Aufrufen überraschten sie die verstörten Bewohner der zentralsyrischen Großstadt mit der Aufforderung, sich am Dschihad, dem Heiligen Krieg, gegen das "gottlose" Regime des Präsidenten Hafis el-Assad in Damaskus zu beteiligen.
Hama, eine Hochburg der militanten Moslembruderschaft, war schon immer ein Zentrum sunnitisch-islamischer Agitation gegen die (von ihnen nicht als Moslems anerkannten) Angehörigen der Alawiten-Sekte
( Eine den Schiiten nahestehende Sekte, ) ( die islamische und christliche ) ( Glaubenselemente miteinander verbindet. ) ( Den vollen Inhalt ihrer Lehre ) ( offenbaren die Alawiten nur einer ) ( ausgewählten Oberschicht ihrer ) ( Mitglieder. )
gewesen: Staatschef, Armee und Polizei rekrutieren sich, vor allem in höheren Rängen, mehrheitlich aus Alawiten, die etwa zehn Prozent der Landesbevölkerung ausmachen.
Damaskus schickte zwei Panzerdivisionen und Hubschrauber, doch inzwischen zeigte sich, daß die Regierung das Ausmaß der Kämpfe weit unterschätzt hatte: Etwa 5000 Mudschahidin und mit ihnen verbündete Milizionäre schafften es bis zum Nachmittag, die Stadt ganz in ihre Gewalt zu bekommen, eine "Nationale Front" rief die Revolution aus.
Der Aufstand in Nordsyrien war die bisher schwerste Bedrohung der Regierung von Hafis el-Assad, der seit der israelischen Annexion der Golanhöhen am 14. Dezember vergangenen Jahres auch außenpolitisch schwere Niederlagen hinnehmen mußte. Denn weder gelang es den Syrern, im Sicherheitsrat einen Sanktionsbeschluß gegen Israel durchzudrücken, noch konnten sie die anderen arabischen Staaten für einen Wirtschaftsboykott gegen die Handelspartner des Judenstaats gewinnen.
Auch bei seinen Landsleuten findet der Präsident immer weniger Rückhalt. Schnell weitete sich der Aufstand aus. Einige Offiziere und Mannschaften liefen zu den Rebellen über. Bald hatten diese den Militärflughafen und eine Munitionsfabrik in ihrer Hand, sprengten zwei Brücken im Norden und Süden der Stadt, um das Vordringen von Staatstruppen zu verhindern.
Die Armee schoß mit schwerer Artillerie auf die aufsässige Stadt, in Straßenkämpfen kamen allein in zwei Wochen über 3000 Menschen ums Leben. Am 17. Tag räumte die Armee das Stadtzentrum wieder, in das sie vorgedrungen war.
Schwere Bomber warfen Napalm auf Hama, zwei Augenzeugen berichteten dem SPIEGEL von "Feuer, das vom Himmel fiel". "So hart hatten die Syrer nicht einmal auf dem Golan gekämpft", glaubt ein syrischer Exil-Politiker in Jordanien.
Denn der Funke des Bürgerkriegs sprang auf Nicht-Moslems über. In Mahrada bei Hama kämpften Christen mit. Die Landverbindung zwischen Syriens wichtigstem Hafen, dem Alawiten-Zentrum Latakia, und der Nord-Süd-Achse Aleppo-Damaskus wurde von den Aufständischen unterbrochen.
Vor Jahren hatte die Moslembruderschaft begonnen, sich zur schlagkräftigsten Oppositionsgruppe aufzubauen. Mit Saudi-Geldern und dank taktischer Absprachen mit Alt-Baathisten, Liberalen und sogar Sozialdemokraten gelang es der Bruderschaft, eine breit gefächerte Oppositionsfront gegen Assad aufzubauen. "Hama war die Feuerprobe", weiß ein nach Amman geflüchteter liberaler Baath-Politiker, "seit heute wissen wir, daß wir gemeinsam eine Kraft sind."
Die in Syrien früher wenig einflußreiche Moslembruderschaft kommt beim Volk gut an, weil sich die konservative sunnitisch-islamische Mehrheit von den alawitischen "Ketzern" bevormundet und benachteiligt fühlt: Alawiten werden schneller befördert, sitzen an den Schalthebeln der Macht im Staat. "Je stärker sich Assad bedroht fühlt", so ein prominenter Sprecher der Moslembruderschaft, "um so mehr glaubt er sich auf seine Alawiten verlassen zu müssen."
Die Angst vor den Moslembrüdern nahm krasse Formen an. So wird in Syrien die bloße Mitgliedschaft in der Organisation mit dem Tode bestraft.
Zum anderen lockt die Bruderschaft mit Geld und guten Taten: Minderbemittelten Familien zahlt sie monatliche Unterstützung, bedürftige Kranke werden auch schon mal auf Organisationskosten in Kuweit, Saudi-Arabien oder im islamischen Makassid-Krankenhaus in Beirut operiert.
In ihrem Aktionsprogramm verspricht die Bruderschaft den angeblich 650 000 S.120 Arbeitslosen Syriens (über 30 Prozent der Erwerbstätigen) "eine bequeme Wohnung", in ihren neuesten Flugblättern sogar "ganzjährige Arbeitslosenunterstützung".
Der angeschlagene Assad, im putschträchtigen Syrien immerhin seit fast zwölf Jahren an der Macht, verlor durch den Februar-Aufstand viel von seinem früheren Prestige. "Saudi-Arabien läßt sich jetzt nicht mehr erpressen", frohlockte ein Saudi-Diplomat, "sein Libanon-Abenteuer kann er getrost abbrechen, wir zahlen keinen Pfennig mehr."
Die Erdöl-Großmacht schloß ein Waffenabkommen mit den USA - für den mit Moskau verbündeten Assad eine Herausforderung. Ungeachtet syrischer Proteste hatten die Saudis schon vorher die Golf-Emirate durch einen Golf-Verteidigungspakt an sich gebunden.
Noch im Dezember 1980 hatte Syrien den Irak und Jordanien durch die Massierung von 1100 Panzern an den Grenzen bedroht. Heute schickt Jordaniens König Hussein wie zum Hohn mehrere tausend Freiwillige zum Syrien-Feind Irak, die dort gegen den letzten islamischen Verbündeten des Alawiten-Regimes, den Iran des Ajatollah Chomeini, zu Felde ziehen sollen.
Das weitgehend isolierte Syrien wird jetzt selbst erpreßt: ausgerechnet von dem unberechenbaren Libyer Gaddafi, einem Partner seiner "Ablehnungsfront" gegen die Verständigungspolitik Ägyptens mit Israel.
Die innen- und außenpolitischen Zwänge sowie die akute Finanznot Syriens nutzend, bietet der Libyer dem bedrohten Assad einen Ausweg. Er erklärte sich bereit, einen Teil der Stationierungskosten der syrischen Truppen im Libanon zu bezahlen und Assads Staatskasse auch sonst aufzufüllen. Doch der Preis ist hoch: Der arabische Unions-Fanatiker Gaddafi möchte im Libanon mitspielen und die syrische Vorherrschaft in dem maroden Levantestaat brechen. Ostentativ feierte der libysche Botschafter im Casino du Liban in Beiruts Christensektor den libyschen Nationalfeiertag im Beisein gestandener Syrien-Feinde: des Ex-Präsidenten Camille Chamoun und des Falange-Chefs Pierre Gemayel.
Mit großem Unbehagen verfolgt die Sowjet-Union den Niedergang ihres syrischen Bündnispartners. Insider wollen von einem neuen syrisch-sowjetischen Zerwürfnis wissen wegen nicht eingehaltener Waffenlieferungen, die Assad gerade jetzt dringend benötigen würde.
Die Schwäche Assads läßt Moskau offenbar zögern. Der Kreml versucht lieber, seine Beziehungen zum Syrien-Feind Ägypten zu normalisieren. Beim innersyrischen Debakel von Hama konnte Moskau ohnehin nichts tun, es spielte sich auf folgendem Hintergrund ab:
Am 11. Januar dieses Jahres hatten der Opposition nahestehende Offiziere S.121 versucht, das Assad-Regime zu stürzen. Das Komplott flog auf, über 220 Verschwörer wurden sofort erschossen.
Präsidentenbruder Rifaat el-Assad zog 3000 Mann seiner "wegen ihrer Grausamkeit berüchtigten, nur aus Alawiten bestehenden Verteidigungskohorten" aus dem Libanon ab, um loyale Staatsdiener, vor allem aber die weitverzweigte Verwandtschaft des Assad-Klans besser beschützen zu können.
Wenige Stunden darauf setzte sich ein 4000 Mann starkes Kontingent der regulären syrischen Besatzungsarmee aus dem Libanon in Richtung Osten in Marsch. Das Armeehauptquartier beorderte gleichzeitig Truppen von der irakischen Grenze nach Damaskus zurück.
Ende voriger Woche wurde in Syrien immer noch geschossen. Eine Abordnung der Bewohner von Kardaha des alawitischen Heimatortes von Assad versicherte den syrischen Rebellen bei einem Geheimtreff in Aleppo: "Wir haben mit Assad nichts zu tun, wir heißen jedes neue Regime willkommen."
S.117 Eine den Schiiten nahestehende Sekte, die islamische und christliche Glaubenselemente miteinander verbindet. Den vollen Inhalt ihrer Lehre offenbaren die Alawiten nur einer ausgewählten Oberschicht ihrer Mitglieder. *

DER SPIEGEL 8/1982
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