28.06.1982

BÜCHERBöser Blick

Rolf Dieter Brinkmann: „Der Film in Worten“. Prosa, Erzählungen, Essays, Hörspiele, Photos, Collagen 1965 - 1974. Rowohlt Verlag, Reinbek; 316 Seiten; 38 Mark.
Sieben Jahre nach seinem tödlichen Unfall erscheint der erste, von Brinkmann noch selbst vorbereitete Band einer auf vier Bände geplanten Sammlung seiner Prosa. Daß diese Edition - Ausgaben seiner Gedichte und Briefe sind ebenfalls vorgesehen - ihm den Ruf (und die Wirkungslosigkeit) eines Klassikers der Beat-Generation einträgt, ist jedoch nicht zu befürchten: Zu ätzend sind seine Attacken gegen eine die Sinne verstümmelnde Plastikkultur, gegen den Terror des "gesunden Menschenverstandes", zu rüde seine Verhöhnung des "guten Geschmacks", zu genau und reflektiert aber auch seine melancholischen Beobachtungen des Alltäglichen.
Brinkmann träumt von der entspannten, selbstverständlichen Nähe zu Dingen und Menschen, doch er weiß, daß er in einer geborgten Sprache träumt. Ein Leben lang drängen sich die glitzernden Bilder und Versprechungen der Kulturindustrie auf: Die ersehnte Reinheit der Gefühle wird nur in den Mythen des Kinos sichtbar; man durchschaut den Schein und ist doch süchtig nach ihm.
In den letzten Arbeiten Brinkmanns entlädt sich diese Spannung in oft unbarmherzigen Tiraden gegen eine zur monströs-banalen Abraumhalde heruntergekommenen Welt, in der allein noch der Schmerz eine Ahnung der eigenen Existenz verschafft. Der Mensch verwandelt sich unter dem "bösen Blick" Brinkmanns zurück in ein von Instinkten getriebenes Ur-Wesen: Daß nichts sich geändert hat, ist die wahre Apokalypse. "Worlds End", überschreibt Brinkmann folgerichtig seine Rom-Notizen.
Im Dschungel der Großstadt wird der Gangster zum einzig Überlebenden, zum gewissenlosen Heros einer gewalttätigen authentischen Erfahrung. Doch sogar diese Schreckensvision variiert noch einmal eine Hollywood-Legende. So bleibt wirklich nur das Gelächter Nietzsches, mit dem das Buch ausklingt: "Alles ist falsch! Alles ist erlaubt! ... Nichts ist wahr - Alles geträumt!"

DER SPIEGEL 26/1982
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