16.08.1982

KIRCHENUngeheure Denkkraft

Die altkatholische Kirche, die sich vor 112 Jahren von der römischkatholischen getrennt hat und bislang ein Schattendasein führte, bekommt Zulauf von kritischen Katholiken.
Der Würzburger Bischof Paul-Werner Scheele, Ökumene-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz und Konsultor des vatikanischen Sekretariates für die Einheit der Christen, ist derzeit nicht gut auf den Bonner Bischof Josef Brinkhues zu sprechen. Was in Brinkhues' altkatholischer Kirche geschehe, ließ er Mitarbeiter wissen, sei "ein schwerer Verstoß gegen die Ökumene", er sei "entsetzt".
Scheeles Zorn zielt auf den Altkatholiken Johannes Heinrichs, 39, der bis vor kurzem römisch-katholisch war, zur Spitzengarde der deutschen Jesuiten zählte und jetzt als Altkatholik die "kritischen und progressiven Katholiken" zum "Ausstieg aus einem großkirchlichen System" auffordert, "das von der Masse der Mitläufer seine (nicht zuletzt ökonomische) Macht bezieht - wenn schon Kirchensteuer, dann in der Steuerkarte ak statt rk".
Daß solche Attacken den Würzburger Oberhirten nicht kaltlassen, liegt nahe: Die altkatholische Kirche, die sich vor 112 Jahren von der römisch-katholischen getrennt hatte und schnell in Vergessenheit geriet, findet neuerdings Interesse bei Katholiken, denen die konservative römisch-katholische Hierarchie mißfällt.
Und jetzt auch noch das: Erstmals seit über hundert Jahren wagt sich ein Altkatholik mit Intimkenntnis des römischkatholischen Systems offensiv auf römisch-katholisches Terrain vor. "In der altkatholischen Kirche", schrieb Heinrichs nach seinem Übertritt im September vergangenen Jahres, "habe ich die Kirchenreform gefunden, die ich in der katholischen Kirche vergeblich gesucht habe: einen Katholizismus mit den Strukturen einer Kirche von unten" - Gegenstück zur traditionalistischen Bewegung des französischen Erzbischofs Marcel Lefebre.
Entstanden war die neue Konfession am 14. August 1870, als sich eine Gruppe von Priestern und Laien auf Anregung des renommierten Münchner Kirchenhistorikers Ignaz Döllinger weigerte, die zentralen Beschlüsse des Ersten Vatikanischen Konzils (1869/70) anzuerkennen. "extprobe aus dem "Protest von Königswinter": In Erwägung, daß di" " im Vatikan gehaltene Versammlung nicht mit voller Freiheit " " beraten und wichtige Beschlüsse nicht mit der erforderlichen " " Übereinstimmung gefaßt hat, erklären die unterzeichneten " " Katholiken, daß sie die Dekrete über die absolute Gewalt des " " Papstes und dessen persönliche Unfehlbarkeit als Entscheidung " " eines ökumenischen Konzils nicht anerkennen. "
Die "nichtvatikanisch gesinnten Katholiken" übernahmen zwar die katholischen Riten nahezu ausnahmlos, die katholischen Dogmen aus der Zeit vor dem Konzil weitgehend. Ihre Bischöfe und Priester sind heute auch nach römischkatholischem Kirchenrecht "gültig geweiht".
Aber ihre Kirchenverfassung reformierten sie - ähnlich wie Jahrhunderte vor ihnen die orthodoxen Christen, die Anglikaner und Protestanten - anhand der Bibel und der Praktiken frühchristlicher Zeiten:
* Altkatholische Bischöfe werden durch die - mehrheitlich mit Laien besetzte - Synode, die Pfarrer durch die Gemeinde gewählt; Priester sind nicht zur Ehelosigkeit verpflichtet, Frauen zum Diakonat zugelassen und auch vom Priestertum grundsätzlich nicht ausgeschlossen.
* Alle Zwangsmittel in Glaubensfragen, Exkommunikation etwa, werden abgelehnt, das Dogma gilt lediglich als Angebot; Geburtenregelung, Ehescheidung und Wiederheirat werden akzeptiert; die anderen christlichen Kirchen gelten als gleichberechtigte Partner, an deren Gottesdiensten Altkatholiken teilnehmen dürfen.
Das neue Bekenntnis, das die Altkatholiken unter ihrem Oberhirten Bischof Brinkhues für das eigentlich katholische halten, blieb dank der rigorosen päpstlichen Gegenpropaganda zahlenmäßig bedeutungslos. Bis heute bilden die 28 000 Gläubigen in der Bundesrepublik (drei Millionen in zwanzig Ländern der Erde) keine Konkurrenz für die 27 Millionen bundesdeutschen Katholiken (fast 750 Millionen in der Welt).
Doch das könnte bald anders werden. Seit September vergangenen Jahres, als sich der Katholik Johannes Heinrichs in der altkatholischen Kirche einschrieb und dort zum Referenten für Öffentlichkeitsarbeit avancierte, bangen deutsche Bischöfe mit Recht "um den bisherigen ökumenischen Frieden".
Der Dr. phil. habil. und Diplom-Theologe, der zur Zeit am Philosophischen Seminar A der Uni Bonn doziert und auch im Vorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller, Bezirk Bonn, sitzt, war nicht irgendein Katholik. Heinrichs gehörte 16 Jahre lang dem Jesuitenorden an, stand unmittelbar vor der Übernahme einer Professur an der Jesuitenhochschule Sankt Georgen in Frankfurt sowie an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und galt als der große Nachwuchs-Philosoph des Ordens.
"Großartig, ich würde gerne von Ihnen lernen", urteilte der berühmte Jesuiten-Theologe Karl Rahner, 78, nach Lektüre einer der Heinrichs-Schriften (unter anderem fünf wissenschaftliche Werke und zwei Gedichtbände). Der französische Jesuit und Geschichtsphilosoph Xavier Tilliette, international anerkannter Religionsphilosoph am Institut Catholique in Paris, rühmte Heinrichs' "ungeheure Denk- und Arbeitskraft".
Heinrichs' Auszug aus dem Orden wurde von den Mitbrüdern als Katastrophe betrauert. Der Jesuit und weltweit bekannte Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning sprach von einem "besonders schweren Verlust". Der heute 92jährige S.55 hatte "erwartet", Heinrichs würde "das leisten, was mir versagt geblieben ist". Der Jesuit Heinz Hamm, promovierter Germanist und Dozent an der Jesuiten-Universität im japanischen Tokio, beschwor den Mitbruder bis zuletzt zum Bleiben: "Die Gesellschaft Jesu könnte durch dich für diese Generation gerechtfertigt werden."
Heinrichs vermochte weder im Jesuitenorden noch in der römischen Kirche "länger ohne großen Schaden für meine Arbeit, mein psychisches Gleichgewicht sowie mein Christsein" zu leben. "In der romfreien, reformkatholischen Alternative" jedoch kann er das. In ihr sieht er "einen Katholizismus verwirklicht, der die autoritären Einstellungen der römischen Kirche nicht mitmacht".
Um möglichst vielen Katholiken von soviel Freiheit zu künden, gründete Heinrichs den altkatholischen Arbeitskreis "Alternativer Katholizismus", verfaßte ein "Positionspapier" und bat die "Initiative Kirche von unten" (IKvu), eine Sammlung von rund 50 bislang ausschließlich römisch-katholischen Reformgruppen, um Aufnahme in ihren Kreis.
Die ersten Gehversuche ließen sich gut an. Heinrichs' Arbeitskreis wurde von den kritischen Christen in der IKvu akzeptiert; auf dem "Katholikentag von unten", einer Art Gegen-Katholikentag parallel zum offiziellen im September in Düsseldorf, wird Heinrichs' Mannschaft vertreten sein. 5000 Anstecker, 20 000 Flugblätter und 48 000 Aufkleber ("Aus Liebe zur Kirche ak: alternativ-katholisch") wollen die Reform-Katholiken dabei unter das Kirchenvolk bringen. Heinrichs' Etappenziel: "100 000 neue Mitglieder gäben den Altkatholiken entsprechende Möglichkeiten des Kirchenbaus, der Priesterausbildung und der Öffentlichkeitsarbeit."
Aus der IKvu wird sich vermutlich auch der altkatholische Nachschub rekrutieren: Der "Freundeskreis Kirche für unsere Zeit", rund 300 Katholiken in zwölf bundesdeutschen Städten, studiert derzeit die altkatholischen Positionen. Die ersten Übertritte aus dem Freundeskreis stehen unmittelbar bevor, womöglich wird die Mehrheit der Mitglieder folgen.
Ein anderer berühmter Christ hat sich noch nicht entschieden. Im November vergangenen Jahres hatte Heinrichs bei ihm angefragt, ob ihm "eine Solidarität mit dieser kleinen, doch m. E. katholischeren Kirche nicht eher möglich ist als mit der römischen".
Heinrich Böll, formal aus der römischkatholischen Kirche ausgetreten, will erst mal mit Heinrichs persönlich sprechen.
S.53
In Erwägung, daß die im Vatikan gehaltene Versammlung nicht mit
voller Freiheit beraten und wichtige Beschlüsse nicht mit der
erforderlichen Übereinstimmung gefaßt hat, erklären die
unterzeichneten Katholiken, daß sie die Dekrete über die absolute
Gewalt des Papstes und dessen persönliche Unfehlbarkeit als
Entscheidung eines ökumenischen Konzils nicht anerkennen.
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DER SPIEGEL 33/1982
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