26.04.1982

GELDANLAGEGunst der Stunde

Dutzende von Feriendörfern verschandeln inzwischen die deutschen Mittelgebirge. Die Freizeitzentren bescherten ihren Geldgebern meist wenig Freude.
Rolf Müller-Buchhof hatte gründlich gearbeitet. Sechs seiner sieben Konkursanträge wurden sofort "mangels einer die Kosten des Verfahrens deckenden Masse abgewiesen". Mit diesem Vermerk des Amtsgerichts Frankfurt und mit Schulden in Millionenhöhe schloß unlängst die Firmengruppe "Ostertaler Feriencentren" ihre Bücher.
Die Ostertal-Pleite ist der jüngste Skandal in einer Branche, die den Traum westdeutscher Wohlstandsmenschen von Vermögensbildung und Freizeitfreuden mit wachsendem Erfolg ausmünzt.
"Ferien + Rendite" heißt die Zauberformel. Sicher und lukrativ, so wird verheißen, ließe sich überflüssiges Geld in Feriendörfern anlegen.
Das Ferienglück liegt angeblich nicht mehr nur an den Küsten ferner Meere, wo es solche Touristendörfer schon länger gibt. Mit Hochglanzprospekten, die "herrliche, unverbrauchte Natur" anpreisen, werden jetzt die Hänge und idyllischen Talwinkel der deutschen Mittelgebirge vermarktet.
Energiekrise und Rezession, so fabulieren die Werber, hätten dafür gesorgt, daß der Deutschland-Urlaub "der neue Hit im Freizeitgeschäft" sei. Dabei gehe der Trend weg von den Hochhausbetonbunkern und Bettensilos, die seit Jahren bereits die Ostsee-Strände verschandeln; gefragt sei nun der anheimelnde Dorf-Look des "Ferienparks der neuen Generation".
Den Käufern der Ferienhäuschen winken scheinbar mühelos erzielbare "gute und sichere Mieteinnahmen", weil sich "die Reiseveranstalter um diese Ferienobjekte reißen".
Doch die Werbesprüche haben mit der Wirklichkeit nicht viel gemein. Weder Reiseveranstalter noch Erholungsuchende sind besonders versessen auf Plätze in deutschen Feriendörfern. Verdient haben an den Erholungssiedlungen bisher vornehmlich Bau- und Boden-Manager. Die Rendite für die Anleger ist in der Regel dürftig; für die Kommunen, die oft großzügig mit Grund und Geld helfen, kommt wenig oder gar nichts dabei heraus.
An Baugrund für Feriendörfer ist kein Mangel. Ein Erholungskral in der Nähe erscheint jedem Lokalpolitiker als Erfolgsnachweis, auch wenn die eintönigen Reihensiedlungen die Landschaft verschandeln. "Bürgermeister und Landräte liefen uns die Türen ein", berichtet der gescheiterte Müller-Buchhof.
Der Bürgermeister des Hunsrück-Städtchens Rheinböllen, Horst Hofmann, "kann da jede Gemeinde nur warnen". Der "Waldpark Rheinböllen" nämlich ist schon zum zweitenmal pleite.
"Auf Reisen erkrankt", hatte Waldpark-Promoter Stefan Jäckel im Herbst ausrichten lassen. Seitdem ist er flüchtig. Staatsanwalt Bernhard Weiß hegt gegen Jäckel den dringenden Verdacht, daß er beim Handel mit den 170 Ferienhäusern im Waldpark Rheinböllen seine Kunden und das Finanzamt um Millionenbeträge geprellt hat.
Ganz im Stil der Zeit war Stefan Jäckel aufgetreten, mit Mercedes 380 SE und Toyota-Geländewagen. Der Bürgermeister und die Käufer von Ferienhäusern wußten nicht, daß sie sich auf einen "Freigänger" eingelassen hatten. Mit gewandtem Parlieren verhökerte Jäckel tagsüber Ferienimmobilien, nachts ruhte er auf der Gefängnispritsche aus; er war zu anderthalb Jahren wegen fortgesetzter Untreue verurteilt.
Zu danken sind Stefan Jäckel immerhin interessante Hinweise auf die in der Branche anfallenden Erträge. Die "Tannengrundstücke" im Rheinböller "Märchenwald" hatte ihm die Kommune je Quadratmeter zu zehn Mark überlassen; "günstig", wie er schrieb, reichte er sie für 32 Mark weiter.
Ähnlich großzügig kalkulierte Jäckel seine 60-Quadratmeter-"Bungalows". Ohne die happigen Nebenkosten offerierte S.74 er ("Verpassen Sie nicht die Gunst der Stunde") das Haus "Typ Hunsrück" für 119 500 Mark; er selbst zahlte für das Haus einen Pauschalpreis von 58 000 Mark.
Obenan auf den Käuferlisten solcher Verkaufsgenies stehen die arrivierten Mittelständler mit dem Drang zum Erst- oder Zweit-Häuschen im Grünen. Mittels "Bauherrenmodell" möchten sie, weiß Marktführer Bernhard Hein aus Bottrop, "ihr Rendite-Ferienhaus am liebsten ganz mit Steuergeldern finanzieren". Dabei übersehen sie meist, wie schlecht die Domizile gebaut sind.
"Nach drei Jahren muß die Innenausstattung total erneuert werden", berichtet Müller-Buchhof heute, "nach fünf Jahren fallen wesentliche Teile der Häuser in sich zusammen." Müller-Buchhof muß es wissen, er baute und verwaltete schließlich Feriendörfer.
Gelockt werden die Kunden auch mit dem Versprechen, daß sie sich um ihren Immobilienbesitz nicht weiter zu kümmern brauchen. Für die Vermietung sorge eine Verwaltungsgesellschaft.
Die Gesellschaften halten auch allerlei Beiwerk parat: Hallenbad, Sauna und Solarium, Tennis- und Reithallen, Einkaufscenter, Restaurants und Kegelbahnen. Diese Vergnügungsstätten, von stimmungsmachenden Animateuren belebt, sollen den entscheidenden Konkurrenznachteil der Feriendörfer in deutschen Mittelgebirgen ausgleichen: daß es an Meeresstrand und Sonnenlicht mangelt.
"Man kann dem Gast doch nicht zumuten, daß er bei Regen in der Bude sitzt und nicht weiß, was er tun soll", umschreibt TUI-Sprecher Günter Pölzelmayer die Anforderungen der Reiseveranstalter.
Allzu häufig jedoch half all der touristische Schnickschnack nicht - die nötigen Gäste blieben aus. "Die Konkurrenz ist riesig", gibt Pölzelmayer zu bedenken, "und die Konkurrenz ist ganz Europa, nicht bloß das Feriendorf nebenan."
Und weil die Restaurants Kosten machen, weil Reithallen und Hallenbäder auf Pump gebaut wurden, ist der Konkurs der Trägergesellschaften nicht selten fällig.
Um den abzuwenden, reicht es meist noch nicht mal, wenn die Betten in der Ferienzeit voll sind. In den restlichen zehn Monaten des Jahres muß das Wochenendgeschäft brummen. Betriebsausflüge, Konferenzen und Seminare oder "Müllers tolle Kegeltouren" sollen zusätzliche Einnahmen bringen.
Da ist nur das Dilemma, daß die Gäste, für die das als "familienfreundlich" angepriesene Feriendorf eigentlich gedacht war, solche "Stimmung wie in der Rüdesheimer Drosselgasse" (Müller-Buchhof) meist weniger mögen und am Ende einfach wegbleiben. Zumal der Spaß so ganz billig ja nicht ist.
Im Ferienpark Kirchheim beispielsweise kostet ein Sommerlogis für ein bis drei Personen pro Woche mindestens 845 Mark, im Eifel-Ferienpark Daun sind für sieben Tage Wohnrecht im 75-Quadratmeter-Bungalow gar 1070 Mark zu entrichten.
Das Hessische Umweltministerium fand heraus: "Die Tagesmieten für eine vierköpfige Familie in einem solchen Feriendorf sind im Durchschnitt etwa doppelt so teuer wie der Aufenthalt in einer gleichwertigen privaten Ferienwohnung oder im Rahmen des Programms Urlaub auf dem Bauernhof."
Fatal für die Feriendorf-Verwalter: Schon wenn die Anlage übers Jahr nur zur Hälfte ausgelastet wird, ist der Betriebsaufwand gemeinhin nicht mehr zu erwirtschaften.
Bleiben die Gäste aus, dann gehen auch die Rechnungen der Kommunalpolitiker aus der anliegenden Gemeinde nicht auf. Mit Millionen haben sie Straßen und Parkplätze, Strom- und Wasserleitungen für die vermeintlich zahlungskräftigen Touristen gebaut. All das zahlt sich nicht aus, wenn die Dörfer nur im Juli und August ausgebucht sind.
Ärger noch, wenn überhaupt niemand kommt. So hatte die Gemeinde Dipperz in der Rhön fast ein Viertel ihres Jahresetats aufgewandt, um Kanalisation und Kläranlage für den Bedarf der 400 Gäste zu erweitern, die im Feriendorf Kneshecke erwartet wurden. Doch aus dem Freizeitzentrum wurde nichts. Die Baugesellschaft machte Pleite, das Feriendorf verkam, meldet die "Fuldaer Zeitung", zu einem "Asyl für Penner".
S.71 In seiner Siedlung Schravelner Heide bei Kevelaer/Kreis Kleve. * S.74 In Sülzburg/Oberpfalz. *

DER SPIEGEL 17/1982
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