26.04.1982

ZEITGESCHICHTE

Große Sache

Am 10. Mai 1940, deutsche Truppen drangen in Frankreich ein, wurde Freiburg bombardiert. Von den Deutschen?

Am frühen Morgen des 10. Mai 1940 überfallen Hitlers Truppen Holland, Belgien und Frankreich, der "Westfeldzug" beginnt. Die badische Universitätsstadt Freiburg liegt weitab vom Schuß.

Doch dann kracht''s. Um 15.59 Uhr öffnen sich Bombenschächte über der Stadt. Im Splitterhagel detonierender Bomben sterben 57 Menschen, darunter 22 Kinder. Unwirkliche Stille danach: Kein Flugabwehrgeschütz feuert; Sirenen heulen erst auf, als die Kampfbomber ostwärts hinter wolkenverhangenem Himmel davonbrummen.

"Fünffach" werde künftig zurückgebombt, meldete anderntags die gleichgeschaltete deutsche Presse - ein "feiger Luftangriff", ausgeführt von "drei feindlichen Flugzeugen". "Freiburgs Mütter klagen an! Mit Freiburg fing es an! Das ist kein Krieg! Das ist Mord!" lautete die Anklage, die, broschiert, in Deutschland verbreitet wurde.

Nach dem Krieg wurden allerdings andere Deutungen des Geschehens kolportiert. Franz Halder, einst Hitlers Generalstabschef, dann, nach dem Komplott vom 20. Juli 1944, Hitlers Gefangener im KZ Dachau, munkelte, der Anschlag auf Freiburg sei ein "fingierter Feindangriff" gewesen - von Hitler inszeniert. Und Josef Kammhuber, damals Flieger-Oberst, später Inspekteur der bundesdeutschen Luftwaffe, orakelte, es werde sich wohl "nie mit absoluter Sicherheit klären lassen", wer "die Bomben in Wirklichkeit geworfen" habe.

Gezielte NS-Propaganda, düstere Halder-Andeutungen und Kammhubers vage Gedanken und Erinnerungen machten S.76 den Freiburger Angriff zu einem geheimnisvollen Rätsel - bis heute. Er setzte ein Zeichen für die Ausdehnung des Luftkriegs in West-Europa, lieferte ein Stück Rechtfertigung für den Bombenkrieg, in dem es kein Pardon mehr gab für Städte und Bevölkerung.

Zwar lüftete schon in den fünfziger Jahren der Archivar des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Anton Hoch, das Freiburger Bombengeheimnis. Doch seine Forschungsergebnisse fanden Gehör nur bei Zunftkollegen, stieß bei späteren Veröffentlichungen in Tageszeitungen gar auf Ablehnung etlicher Zeitgenossen.

Für die Freiburger Militärhistoriker Gerd R. Ueberschär und Wolfram Wette, die sich um die aufklärerische Wirkung von Zeitgeschichte sorgten, war schon das ein wichtiger Grund, noch einmal in NS-Akten zu wühlen, neue Zeugen, alte Geheimnisträger zu befragen.

Der Befund der jüngst veröffentlichten Studie:

( Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette: ) ( "Bomben und Legenden. Die schrittweise ) ( Aufklärung des Luftangriffs auf ) ( Freiburg am 10. Mai 1940. Ein ) ( dokumentarischer Bericht". Verlag ) ( Rombach, Freiburg; 210 Seiten; 25 ) ( Mark. )

Es waren deutsche Bomberpiloten, die, nervös geworden, Freiburg bombardiert hatten.

Über "den konkreten Sachverhalt hinaus", fanden die Autoren, sei das Bombardement "die Geschichte einer Legende" - instrumentiert von Adolf Hitler und Propagandaminister Josef Goebbels, gedeckt noch nach Kriegsende vom Inspekteur der Bundesluftwaffe, der es besser wußte, geglaubt von ehemaligen Volksgenossen, "schrittweise zerstört", gegen "den hartnäckigen Widerstand der sie stützenden ''Augenzeugen''". Zum vierzigsten Jahrestag, die "Süddeutsche Zeitung" und baden-württembergische Blätter hatten über den Hergang berichtet, wußten Leserbriefschreiber noch immer: Es waren "Feindflugzeuge".

Wilhelm Selinger aus Merdingen etwa erinnerte sich "an den Einflug von mehreren feindlichen Flugzeugen aus dem Südwesten"; "deutlich" erspähte erneut Frau Maria Neuberg aus Teningen "die englische Kokarde".

"Wenn es deutsche Flugzeuge mit Hakenkreuzen gewesen wären", wendete dialektisch Frau Trudel Menne-Riede ihre Beobachtung, "wäre von seiten der Alliierten ganz schön Propaganda gemacht worden." Ein "typisches Beispiel von Faschismusbewältigung", erkannte Karl-Heinz Schmid demgegenüber, hätten doch "die Nazis Freiburg bewußt angegriffen, um ihre Offensive im Westen zu begründen".

So ist es gewesen:

Am 10. Mai 1940 startet die 8. Staffel des Kampfgeschwaders 51 auf dem Flugplatz Landsberg/Lech zum Feindflug, genau um 14.27 Uhr, mit neun Kampfbombern vom Typ He 111. Für die Dreier-Kette des Leutnants Paul Seidel ist es der erste Kriegseinsatz.

Der Himmel überm Schwarzwald ist mit Gewitterwolken bedeckt. Der Leutnant und Kettenführer verliert die Orientierung und den Anschluß an die Staffel. Über dem befohlenen Einsatzziel, dem französischen Flugplatz Dijon, treffen die drei Heinkel-Bomber nie ein.

In 1500 bis 2000 Meter Höhe fliegen die Piloten praktisch im Kreise. Da erscheint vor ihnen eine Stadt mit Flugplatz, Bahnhof, vielen Dächern. Trotz des sandsteinernen Münsters, Wahrzeichen von Freiburg, halten die Piloten jene Ortschaft für ihr Ausweichziel Dole-Travaux, eine winzige Industriestadt in Ostfrankreich. Keiner merkt den Irrtum.

Auch bei der Freiburger Flugwache rührt sich nichts, sie gibt keinen Alarm. "Wir haben drei He 111 ausgemacht", meldet sie der Luftwarnzentrale in Freiburg; sie erkennt "deutsche Nationalitätskennzeichen" - Balkenkreuze. Binnen Minuten sind die Bombenbehälter leer.

Früher als der Rest der Staffel, eine Stunde zu früh, um 17.20 Uhr, landen die Seidel-Bomber in Landsberg. Dort ist die Bombardierung Freiburgs schon bekannt. Ein Nachrechnen der Flugzeit ergibt: Dole-Travaux kann es nicht gewesen sein.

Schon am späten Nachmittag erfuhr der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, von dem Fehlwurf: "Dieser Feldzug fängt ja gut an. Die Luftwaffe und ich haben sich schwer blamiert." Görings Anordnung zur S.78 kriegsgerichtlichen Untersuchung erwies sich aber schnell als überflüssig.

Noch am Abend des Angriffstages tönte es über alle Reichssender: "Diesen Nachmittag haben drei feindliche Flugzeuge die offene Stadt Freiburg" angegriffen. Göring "rieb sich die Hände", befahl Geheimhaltung. Goebbels schrieb in sein Tagebuch: "Wir sind uns noch nicht ganz schlüssig, ob wir daraus eine große Sache machen sollten." Sie machten.

Gleich anderntags verkündete die Presse die "Vergeltungs"-Meldung des "Deutschen Nachrichten Büros": "Von jetzt ab wird jeder weitere planmäßige Bombenangriff auf die deutsche Bevölkerung" erwidert. "Freiburg" war nun festgefügter Propagandavorwand für die Ausdehnung des Luftkriegs - "Städte werden ausradiert" (Hitler).

Nachdem Rotterdam zu Schutt gebombt, Paris angegriffen und die sogenannte Luftschlacht um England eingeleitet worden war, höhnte Hitler etwa vor Berliner Rüstungsarbeitern am 10. Dezember 1940: "Da fiel es diesem großen Strategen Churchill ein, den unbeschränkten Luftkrieg bei Nacht zu beginnen. Er hat ihn in Freiburg im Breisgau begonnen." Der Nacht- und Nebelmentalität fiel inzwischen eine Kleinigkeit gar nicht mehr auf - Freiburg war am Tage bombardiert worden.

Da waren längst auch Herkunft und Art der Bomben bekannt: "Zweifellos", hieß es in einem Untersuchungsbericht des "Luftgaukommandos VII", "deutsche SC 50" - Splitterbomben aus Depots des Deutschen Reichs. Die Bomben lieferte die Schwabstadler "Luftmunitionsausgabestelle" direkt an die Landsberger Bomber; die Zünder fertigte 1938 die "Firma Rheinmetall", sie gehörten zur "Rate c der 59. Lieferung".

Offizielle Dokumente über die "Alleinschuld Englands am Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung" veröffentlichte 1943 das Auswärtige Amt - Freiburg war der Beweis. Im AA gab es gleichwohl Zweifler. Von der Luftschutzpolizei des Reichsinnenministeriums waren Informationen durchgesickert, wonach "es versehentlich deutsche Flugzeuge" gewesen sein sollten.

Die bizarre Wahrheit über den "feigen Luftangriff plutokratischer Mörder" (Goebbels) blieb dennoch bis Kriegsende verborgen. Der Kronzeuge der Freiburger Panne, Leutnant Paul Seidel, starb im Sommer 1940 bei einem Angriff auf die Hafenanlagen der englischen Stadt Portsmouth. Im Jubel-Trubel des erfolgreichen Frankreichfeldzugs und im später sich abzeichnenden Zusammenbruch war der lokale Vorfall von historischer Bedeutung dann auch bald nebensächlich geworden.

Es war General a. D. Halder, der 1947 mit einem "subjektiven Beitrag zur Klärung der geschichtlichen Wahrheit" dienen wollte - mit jener falschen Behauptung vom "fingierten Feindangriff".

Obwohl Halder seine Bombenversion, dem Freiburger Stadtarchiv übermittelt, mit Publikationsverbot versah und sich auch "sonst unpassenden Gebrauch" verbat, erschienen die ungesicherten Erkenntnisse am 2. Dezember 1947 als Presseerklärung der badischen Staatskanzlei. Untertitel: "Hitlers Schuld für den Luftangriff." Die unautorisierte Halder-Mitteilung war für Historiker und Tagespresse eine Sensation. Einhellige Interpretation: Hitler hat die Bombardierung Freiburgs befohlen.

Halder dementierte im Januar 1948. Er habe nicht "von einem Angriff der deutschen Luftwaffe" gesprochen, sondern "von Bombenabwürfen deutscher Flugzeuge". Die Korrektur eines anderen Geheimnisträgers des Dritten Reichs blieb dagegen beinahe unbeachtet. Generalfeldmarschall Erhard Milch, unter Göring Generalinspekteur der Luftwaffe, gestand beim Nürnberger Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht, "ein deutsches Flugzeug" habe "aus Versehen diese Bomben abgeworfen". Und neue Verwirrung stiftete der englische General John F. C. Fuller mit seinem 1950 auf deutsch erschienenen Buch: Demnach war Freiburg am 11. Mai 1940 von englischen Kampfbombern ins Visier genommen worden.

Der Widersprüche überdrüssig, regte die badische Landesregierung 1954 eine Untersuchung an. Sie entsann sich einer in Deutschland erst in der Nachkriegszeit entstandenen wissenschaftlichen Disziplin: der Zeitgeschichte. Klarheit brachte denn auch Archivar Hoch vom Institut für Zeitgeschichte. 1956 stand fest: Weder befahl Hitler den Angriff, noch hatten Alliierte gebombt; Freiburg war das Opfer junger deutscher Fliegerhelden auf Irrflug - ein Versehen.

Verblüffend blieb nur noch die Unbestimmtheit des ebenfalls von Hoch befragten damaligen Kommodore des Kampfgeschwaders "Edelweiß": Oberst Kammhuber. Mag sein, Kammhuber hatte Hitlers Geheimhaltungsbefehl total verinnerlicht, wahrscheinlicher jedoch, so die Autoren Ueberschär und Wette, ging es dem ehemaligen Obristen um die "Ehrenrettung" der Luftwaffe und "seiner Jungs".

Denn als Kammhuber sich nicht so recht erinnern mochte, stand gerade die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik zur Debatte - schlechte Karten also für altgedientes Flugpersonal in der neu aufzubauenden Luftwaffe der Republikaner. Ihr erster Chef: General Kammhuber.

Als längst alles aufgebaut war, rückte auch General a. D. Kammhuber mit der historischen Wahrheit heraus. Am 1. August 1980 schrieb er den beiden Militärhistorikern: "Die Tatsache, daß der Angriff auf Freiburg durch eine Kette der III/K.G.51 irrtümlich durchgeführt wurde, steht einwandfrei fest."

S.76 Gerd R. Ueberschär/Wolfram Wette: "Bomben und Legenden. Die schrittweise Aufklärung des Luftangriffs auf Freiburg am 10. Mai 1940. Ein dokumentarischer Bericht". Verlag Rombach, Freiburg; 210 Seiten; 25 Mark. * Aus der NS-Propaganda-Broschüre "Freiburgs Mütter klagen an!" (1940/41). *

DER SPIEGEL 17/1982
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