22.02.1982

MEDIKAMENTEUmstrittenes S

In einem kuriosen Rechtsstreit unterlag eine große Pharma-Firma einem kleinen Waschküchenbetrieb. Lukrativer Streitgegenstand: Aufputschpillen für Nahost.
Das sanft geschwungene "S", der Äskulapschlange nachgebildet, ist drei Millimeter breit und fünf Millimeter hoch. Es ziert eine kleine weiße Pille und beschäftigt seit Monaten deutsche Rechtsanwälte und Richter, einen Konzern-Vorstand und einen Ägypter.
Dabei ist die Tablette mit dem Mini"S" in keiner deutschen Apotheke zu haben: "Samynova", ein Muntermacher mit dem Wirkstoff Fenetyllin, wird zwar in Oberhessen produziert, aber ausschließlich in den Libanon exportiert.
Doch ausgerechnet in der Bundesrepublik, wo sie nie auftauchen, kamen die Pillen vor Gericht:
* Geklagt hatte (beim Hamburger Landgericht) das Chemiewerk Homburg, eine Zweigniederlassung des Degussa-Konzerns, zu dessen Umsatzrennern die verschreibungspflichtige Fenetyllin-Droge "Captagon" zählt. Auf jeder "Captagon"-Pille sind, ein weltweit bekanntes Signum, zwei "ineinander versetzte" Mondsicheln eingepreßt.
* Beklagter war der in Ägypten geborene Apotheker Reda Yastas, 46. Der naturalisierte Bundesbürger, Besitzer der Kleinfirma "Samychemie", produziert in der ehemaligen Dorfschule von Braach (bei Rotenburg an der Fulda) mit drei Mann das Fenetyllin-Präparat "Samynova" - gezeichnet mit dem schlangenartigen "S".
Mit diesem Zeichen, so forderte das Chemiewerk Homburg vor Gericht, solle Yastas seine Pillen nicht mehr bedrucken dürfen: Das "S"-Signum sei dem Markenzeichen von Captagon - den beiden Mondsicheln - täuschend ähnlich.
Die dadurch entstehende "Verwechslungsgefahr", so Firmenanwalt Dr. Martin Luther, bedrohe die "Arzneimittelsicherheit": Die Konsumenten im fernen Libanon könnten die "Samynova"-Pillen mit "Captagon" verwechseln und sich dadurch schwerwiegenden "Gesundheitsgefahren" aussetzen.
Plausibel war das nicht. Denn siech oder gar süchtig machen können beide Präparate gleichermaßen: "Samynova" und "Captagon" sind identisch, beider gemeinsamer Wirkstoff sind jeweils 50 Milligramm Fenetyllin.
Der Degussa-Tochter ging es offensichtlich eher um das eigene Wohl als um das der libanesischen Tablettenschlucker: Mit Yastas' "Samychemie" war ein Konkurrent aufgetaucht, der an dem lukrativen Auslandsmarkt für Fenetyllin teilhaben wollte. S.219
Bislang hatte die Homburg-Chemie weltweit ganz allein von der "zentral anregenden Wirkung" ("Captagon"-Beipackzettel) des Fenetyllin profitieren können. Ende der fünfziger Jahre hatten Chemiker der Degussa-Tochter ein Verfahren entwickelt, mit dem sich die Amphetamine und deren Salze - darunter Hermann Görings geliebtes Pervitin - in Fenetyllin verwandeln ließen. Der Stoff hatte ähnlich berauschende Wirkung wie die Amphetamine, unterlag aber nicht den absatzhemmenden Bestimmungen des Betäubungsgesetzes.
Unter dem Namen "Captagon" erreichten die Pillen schnell "hohe Umsatzzahlen" (Firmenanwalt Luther). Auch nach 18 Jahren, als die Patente erloschen, blieb dem Chemiewerk Homburg das Fenetyllin-Monopol erhalten: Kein Pharma-Unternehmen von Rang produzierte einen Muntermacher mit diesem Wirkstoff.
Auf diesen Markt stieß nun Kleinunternehmer Yastas vor. Bei Reisen in die alte Heimat und andere arabische Länder hatte er entdeckt, daß "für Fenetyllin dort große Nachfrage ist, vielleicht weil ständige Hitze so müde macht oder S.220 weil der Koran Alkohol verbietet". 1978 begann er, mit Genehmigung der Opiumstelle des Bundesgesundheitsamtes, Fenetyllin-Tabletten herzustellen. Interessiert war er nur am Export in den Orient: "Geschäft dort reicht mir."
Den ersten Produktionsposten seiner Aufputschtabletten nannte er "Samygona", die Pillen versah er schlitzohrig mit einem wohlbekannten Signum: den ineinander verschränkten Mondsicheln des Konkurrenzprodukts "Captagon".
Kaum hatte er seinen ersten Exportauftrag abgewickelt - 512 000 Tabletten in den Libanon -, erwirkte das Chemiewerk Homburg eine einstweilige Verfügung: Durch die Nachahmung des "Captagon"-Signums sei, "besonders sittenwidrig", ein "schützenswerter Besitzstand" der Degussa-Tochter bedroht, argumentierte Anwalt Luther.
In der Widerspruchsverhandlung jedoch verschlug es ihm die Sprache: Yastas bewies dem Gericht, daß er die "Captagon"-Monde völlig zu Recht in seine Pillen preßte, das Chemiewerk Homburg hingegen das Signum zu Unrecht benutzte.
Denn vor 20 Jahren hatte sich die Degussa-Tochter zwar den Markennamen Captagon schützen lassen, nicht aber das Signum mit den Mondsicheln. Das hatte sich der quicke Yastas - "haben wir freie Wirtschaft, kann nehmen ich freie Zeichen" - nachträglich per Warenzeichenschutz gesichert.
Kleinlaut mußte die mächtige Degussa-Tochter den Unternehmer bitten, ihr die Rechte an dem Mond-Signum, das seit jeher jede "Captagon"-Tablette ziert, zu verkaufen - selten wurde in der Pharma-Branche so gelacht. Yastas willigte "friedenshalber" ein und kassierte 17 000 Mark.
Für seinen zweiten Libanon-Auftrag ersann er den neuen Markennamen "Samynova", die Aufputsch-Pillen bedruckte er diesmal mit dem schlangenartigen "S". Doch kaum waren die Tabletten fertig, erwirkte die Degussa-Tochter abermals eine einstweilige Verfügung gegen Yastas - mit derselben Begründung wie beim ersten Mal: Der "bildliche Gesamteindruck" des "S"-Signums sei dazu geeignet, bei den libanesischen Konsumenten Verwirrung zu stiften.
Aber auch beim zweiten Mal fiel das Chemiewerk Homburg hinten runter. Der findige Yastas zeigte den Richtern eine Fülle von Tabletten, die ebenfalls mit einem "S" - stehend oder liegend - versehen sind: Bei diesen Präparaten habe die Degussa-Tochter niemals behauptet, es bestünde Verwechslungsgefahr mit ihrem Signum.
Ob das Chemiewerk weiterhin gegen Yastas' kleines "S" streiten wird, um damit dessen Libanongeschäft zu blockieren, steht noch dahin. Die vom Firmenanwalt gerühmten "hohen Umsatzzahlen" würden es nahelegen.
Denn aus dem deutschen Pillenmarkt können sie kaum stammen: In der Bundesrepublik setzt die Degussa-Tochter nur vier Prozent ihrer "Captagon"-Produktion ab.

DER SPIEGEL 8/1982
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