16.08.1982

„Kleiner Wuchs, sensibler Hintern“

SPIEGEL-Interview mit Niki Lauda über die Zukunft der Formel I
SPIEGEL: Beim "Großen Preis von Deutschland" in Hockenheim hat sich der Franzose Didier Pironi schon im Training beide Beine zertrümmert, Sie selbst haben sich mit 200 Stundenkilometern durch fünf Fangzäune an eine Wand vorgearbeitet und dabei Ihre Hand geprellt, der brasilianische Weltmeister Nelson Piquet hat den chilenischen Rennfahrer Eliseo Salazar öffentlich mit Fäusten traktiert, und das deutsche Publikum fand alles sehr unterhaltsam. Ist es Sport gewesen?
LAUDA: Nein. Das Wort Sport ist falsch. Es ist Motorsport. Wenn 26 Fahrer mit Rennautos, die jedes 200 Liter Sprit getankt haben, losfahren, ist das gefährlich. Alle glühen, alle wollen gewinnen.
Deshalb verstehe ich nicht, weshalb die Diskussion über Gefahren und Gewalt im Autorennsport immer nur dann hochkommt, wenn etwas passiert ist. Entweder man ist intelligent genug und kapiert, daß Autorennen gefährlich sind, dann sind sie immer gefährlich. Oder man kapiert das nicht. Daß Unfälle zum Rennsport gehören wie das Amen zum Gebet, ist doch logisch.
SPIEGEL: Das Publikum will Sie also nicht nur siegen, sondern auch brennen sehen?
LAUDA: Das Publikum ist bunt gemischt. Es gibt welche, die kommen, um zu sehen, ob etwas passiert. Andere kommen, weil viele kommen. Die können dann sagen: Ich war dabei. Aber es gibt auch das fachinteressierte Publikum, die Experten. Jedenfalls wird das Interesse immer größer, auch in Deutschland. 1984 soll''s hier ja schon zwei Grand Prix geben, einen in Hockenheim, einen auf dem Nürburgring.
SPIEGEL: Die deutschen Fernsehsender wollen aber nie wieder ein Formel-I-Autorennen übertragen.
LAUDA: Das wäre eine Riesenfrechheit. Das Fernsehen ist ein Leistungsbetrieb, der von seinen Kunden bezahlt wird. Die haben gefälligst zu senden, was die Leute sehen wollen. Wenn einer nicht hinschauen will, kann er ja abdrehen. Motorsport interessiert doch viel mehr Leute als Schwimmen oder Golfspielen. Das übertragen sie stundenlang.
SPIEGEL: Da geht''s gewöhnlich friedlich zu.
LAUDA: Richtig. Aber wie steht''s mit den Kriminal- und Wildwestfilmen? Da schießt man sich gegenseitig nieder, vielleicht noch in slow motion. Die Kriegsberichterstattung live aus Beirut, das ist doch das gleiche.
Die Welt ist halt so. Also bitte: Warum beim Motorsport zurückstecken und da nicht? Entweder alles oder gar nichts. Wer gibt denn irgendwelchen Fernsehbeamten das Recht, die anderen Leute zu bevormunden? Aus ethischen Gründen nur noch Schwimmen übertragen, weil''s gesünder ist und im Wasser ungefährlicher? Sowas traut sich nur das deutsche Fernsehen.
SPIEGEL: Wäre das anders, wenn deutsche Rennfahrer erfolgreicher wären?
LAUDA: Wenn ein deutscher Fahrer vorn mitwurschteln würde, gäbe es überhaupt keine Diskussion, das zu übertragen. Jeder Grand Prix würde live gesendet werden, von früh bis spät.
SPIEGEL: Aber es wurschtelt schon lange kein deutscher Fahrer mehr vorn mit. Können Sie sich an einen deutschen Sieg beim "Großen Preis von Deutschland" erinnern?
LAUDA: Nein. Zu meinen Lebzeiten gab''s das nicht. Wann war der letzte?
SPIEGEL: 1939, Rudolf Caracciola auf einem Mercedes.
LAUDA: Lange her.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
LAUDA: Jochen Mass und Hans-Joachim Stuck sind gute Autofahrer. Aber sie saßen im falschen Moment immer im falschen Auto. Wenn''s ein Team gab, mit dem es bergab ging, gingen die beiden gleich hin.
SPIEGEL: Gasgeben allein reicht also nicht?
LAUDA: Autofahren muß man eh können, sonst kommt man nicht zur Formel I. Aber der Rest ist viel schwieriger: Sponsoren, der Sieg. Der Sieg ist wichtig, aber er kommt nicht immer. Deshalb muß man andere Attribute haben, um für einen Sponsor und seine Werbung interessant zu sein.
SPIEGEL: An Sponsoren herrscht kein Mangel?
LAUDA: Das Interesse und die Zahl der Zuschauer nehmen zu, also steigt auch das Interesse der Sponsoren. Deutschland ist ein Riesenmarkt und hat eine wahnsinnige Industrie, die könnte man sicher motivieren. Außerdem wird der Motor-Breitensport in Deutschland irrsinnig gefördert. Theoretisch müßte es also bald einen guten deutschen Formel-I-Piloten geben.
SPIEGEL: Welche Eigenschaften wird er haben?
LAUDA: Kleiner Wuchs, so wie ein Jockey. Sensibler Hintern. Im richtigen Auto sitzen. Körperlich topfit sein.
SPIEGEL: Ist die physische Belastungsgrenze für die Piloten inzwischen erreicht?
LAUDA: Ja. Manchmal ist sie schon überschritten. In Rio zum Beispiel war es so arg, daß ich nach fünf, sechs Runden in manchen Kurven wegen der Fliehkraft den Kopf nicht mehr gerade halten konnte. Er kippt und dreht einem weg, legt sich irgendwie an die Karosserie S.137 an, wird wie irre geschüttelt, du siehst einige Sekunden überhaupt nichts mehr. Das ist in einer Kurve schon unangenehm.
SPIEGEL: Geht es allen Fahrern so?
LAUDA: Ja. Ein paar tragen deshalb Halskrausen oder konstruieren mit Gummischnüren eine Haltevorrichtung für den Helm. In Rio hat der Nelson Piquet aus Brasilien den Großen Preis damit gewonnen. Er ist aber auf dem Siegerpodest, als ihn nichts mehr aufrechthielt, kollabiert.
SPIEGEL: Sind diese körperlichen Strapazen der Grund dafür, daß Frauen mit Formel-I-Wagen nicht zurechtkommen?
LAUDA: An zwei Frauen kann ich mich erinnern. Die hatten kein gutes Auto und waren auch nicht talentiert genug, von der Geschwindigkeit her.
SPIEGEL: Wären Frauen für die Sponsoren wünschenswert?
LAUDA: Und ob. Für die Werbung, für die Presse, für alle. Aber es gibt keine Frauen in den Formel-Klassen II oder III. Da müßten sie mal anfangen und sich dann hochdienen. Nur im Rallyesport gibt''s eine Superfrau, Michele Mouton aus Frankreich. Es ist unglaublich, wie die das macht. Vielleicht sollte man die mal animieren, Formel I zu fahren. Jetzt, wo auch die deutsche Industrie mit von der Partie ist.
SPIEGEL: Offenbar bis auf Daimler-Benz?
LAUDA: Nein, die verkaufen ihre Autos auch so wie die warmen Semmeln. Wozu sollten die das Risiko eingehen, viel Geld zu investieren und vielleicht zu verlieren? In der ersten Zeit ist das ja gut möglich.
SPIEGEL: Nach dem Beispiel der BMW-Turbomotoren?
LAUDA: Das ist normal. Die Entwicklung eines neuen Turbomotors geht nicht von heute auf morgen. Die Ingenieure wissen das. Wichtig ist, daß auch der Vorstand und die Aktionäre es verstehen. Außerdem: BMW hat heuer in Montreal gewonnen, und sie waren Zweiter in Zandvoort. Also, es läuft sehr gut bei BMW.
SPIEGEL: Und bei Porsche?
LAUDA: In diesem Herbst ist Porsches neuer Turbomotor fertig. Er wird exklusiv in McLarens Autos eingebaut.
SPIEGEL: Dann haben Sie im nächsten Jahr also 700 statt wie bisher 500 PS im Rücken?
LAUDA: Ich hoffe wirklich sehr auf die deutsche Gründlichkeit, auf das Riesen-Know-how, das Porsche hat. Die Anfangsdurststrecke wird auf ein Minimum reduziert sein.
SPIEGEL: Zahlt sich das Engagement in der Formel I für BMW und Porsche eigentlich aus?
LAUDA: Beide sind sportlich ausgerichtet, wesentlich mehr als Mercedes. Wenn beispielsweise der neue Porsche-Turbomotor erfolgreich ist, bedeutet das für den Verkauf des Porsche-Sportwagens ein enormes Plus, weil die sportlich angehauchten Menschen, die imagemäßig Wert darauf legen, einen Porsche zu fahren, dann ordentlich stolz sein können.
SPIEGEL: Und Sie könnten im nächsten Jahr zum drittenmal Weltmeister werden?
LAUDA: Wenn ich dann noch meine Runden dreh ...
SPIEGEL: Wie lange wollen Sie noch im Kreis fahren?
LAUDA: Bis es mir nicht mehr paßt. Den Termin laß ich offen. Es ist eine rein emotionelle Entscheidung.
SPIEGEL: Gibt es im Jahr 2000 noch Autorennen? S.138
LAUDA: Ganz sicher. Das Auto ist doch für den Menschen ein Wahnsinnsobjekt, schon das ganz normale Auto. Ist doch logisch, daß das total ausgeflippte Rennauto die Krönung jedes vierrädrigen Gefährts ist, jetzt und auch in der Zukunft.
S.137 Nachdem Salazar Piquets Wagen beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim abgedrängt hatte. *

DER SPIEGEL 33/1982
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