05.03.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteZweckwechsel

Ein Indonesier, der in Karlsruhe lebt, muss 20 000 Kilometer reisen, um in Karlsruhe bleiben zu dürfen.
In jener Woche Mitte Februar, als in Brüssel um Obergrenzen gerungen wird, als in Clausnitz der Bus ankommt und in Bautzen der Dachstuhl brennt, in einer ganz normalen europäischen Woche also, steht ein junger Indonesier in Karlsruhe in der Großküche eines Hotels und hantiert mit gusseisernen Pfannen, mit Schnitzelpanade, Rindercarpaccio und Flammkuchen "Provençial". Er kocht um sein Leben.
Es ist Wingfeb Banjarnahor, ein rundlicher Hilfskoch aus Sumatra, 21 Jahre alt. Er habe das "Koch-Gen", sagt sein Küchenchef, "starke Nerven, fragt viel, steht nie im Weg", wisse immer, was zu tun sei. Bis vor wenigen Monaten kannte der junge Mann all die italienischen, französischen und deutschen Speisen nicht, die er jetzt mit Leichtigkeit und Geschick zubereitet, die er mit geschnitzten Karotten und Blumen garniert und von denen er Fotos macht, bevor sie der Kellner in den Speisesaal trägt.
Nach Feierabend postet er die Fotos auf Facebook. Seine Familie fragt ihn, warum er nie Reis koche. Banjarnahor erklärt, dass Europäer "bisschen wenig scharf" essen und nicht so viel Reis – dafür Brot, Spätzle, Gnocchi oder Pommes. "Wie schrecklich", schreibt dann sein Vater zurück.
Seit September ist Banjarnahor Auszubildender im Radisson-Blu- Hotel, es war ein langer Weg bis hierhin, und genau genommen ist er diesen Weg zweimal gegangen. Er war schon einmal in Deutschland angekommen, aber um hier bleiben zu dürfen, musste er erst mal wieder ausreisen, über 10 000 Kilometer zurück in die alte Heimat, warten, viel beten, dann wieder 10 000, um einzureisen. Wahrscheinlich hat ihm sein Gott geholfen. Sicher ist jedoch, dass er ohne Hagen Müller nicht hier wäre.
Hagen Müller ist Banjarnahors Chef, ein jungenhafter Zwei-Meter-Mann im schwarzen Anzug, seit elf Jahren leitet er das Hotel und führt 80 Angestellte, am Revers steckt eine goldene Nadel, "Yes I can".
Müller hat ein "Gespür für Durchhalter", wie er sagt, er erkennt, wenn jemand zäh ist und fleißig, pünktlich erscheint zum Vorstellungsgespräch, "ja, überhaupt erscheint". Müllers Hotel ist gut gebucht, Karlsruhe ist ein wichtiger Internetstandort, Müller kann in 19 Tagungsräumen Meetings stattfinden lassen – aber er findet keine Lehrlinge. Die Arbeitszeiten seien schuld, sagt er, "Nachtschichten, Feiertage, ständig im Dienst für gerade mal 600 Euro brutto, welcher Deutsche will so was denn heute noch?"
Wingfeb Banjarnahor wollte, aber er durfte nicht. Der Indonesier kam nach Karlsruhe, um Ingenieur zu werden, er hatte ein Studentenvisum. Weil er aber zweimal durch die Deutschprüfung fiel, "bin kein Mann von viel Theorie", begann er im September 2015 seine Ausbildung bei Müller im Hotel. Im Oktober erreichte ihn ein vierseitiger Brief der Ausländerbehörde, sie drohte mit Abschiebung, sollte er nicht freiwillig ausreisen. "Gemäß § 16 Absatz 2 des Aufenthaltsgesetzes" sei ein "Zweckwechsel", also der Wechsel vom Studium zur Kochausbildung, "grundsätzlich ausgeschlossen". Zweckwechsel war ein Wort, das selbst Hagen Müller noch nicht gehört hatte.
Müller wollte sich Banjarnahor nicht wegnehmen lassen, dazu fand er ihn zu talentiert. Müller lernte jetzt auch viele neue Sachen. Er traf Beamte, Juristen, Pfarrer, setzte Empfehlungsschreiben auf, für den Schriftverkehr legte er im Computer einen Ordner mit dem Namen "responsible business" an. Es erschienen Artikel über ihn im Branchenblatt "Allgemeine Hotel- und Gastronomie-Zeitung", und von der Industrie- und Handelskammer bekam Müller die Stellungnahme, die er brauchte. Sie bestätigte ihm "langfristig einen Fachkräftemangel" in der Gastronomiebranche. Nur durch Zuwanderung könne die Situation "etwas verbessert" werden.
Ein Anwalt schließlich riet Banjarnahor zur Ausreise, er sollte ein neues Visum in Jakarta beantragen, den Arbeitsvertrag dort vorlegen, hoffen. Müller buchte den Flug, das Rückreisedatum blieb offen. Zum Azubi-Abend im Hotel, die Jungköche hatten Roastbeef zubereitet, schalteten sie Banjarnahor per Skype dazu, er wirkte bedrückt, er wusste ja nicht, ob er seine Kollegen wiedersehen würde.
Während Banjarnahor wartete, lernte Müller einen Mann aus Albanien kennen, der ihn an Banjarnahor erinnerte. Auch er war kein EU-Bürger, auch er ein Wirtschaftsflüchtling wie Banjarnahor, ohne Recht auf Asyl. Artjon Coco, 23, hatte in einem Callcenter fließend Italienisch gelernt. Er sprach so perfekt, dass selbst Italiener dachten, er wäre ein Landsmann, und ihm alles abkauften. Coco aber wollte einen richtigen Beruf lernen. In Italien, wusste er, würde daraus nichts, er nahm den Bus nach Deutschland und landete in einer Flüchtlingsunterkunft. Ein Jahr saß er da herum, verlor fast den Mut, bis er Müller traf, den Hoteldirektor mit dem Gespür für Durchhalter. Auch Coco kehrte zurück nach Tirana, mit einem Arbeitsvertrag von Hagen Müller.
Beide bekamen ihr Visum. Nun steht Banjarnahor wieder in der Küche. Coco lernt jetzt Fachkraft im Gastgewerbe.
Hagen Müller weiß natürlich, dass seine Methode nicht geeignet ist, die Flüchtlingskrise in den Griff zu kriegen. Eine bessere, sagt er, ist ihm aber noch nicht eingefallen, um gute Leute für sein Hotel zu bekommen.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 10/2016
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