21.09.1981

EXIL-RUMÄNENDer Tod klopft an die Tür

Emigranten aus Balkanländern leben im Westen gefährlich: Morddrohungen und Anschläge nehmen zu - jetzt auch gegen Rumänen.
Als Dr. Emil Georgescu am 28. Juli um 7.45 Uhr zu seiner Tiefgarage in München-Haar hinunterstieg, um an seinen Arbeitsplatz am Englischen Garten zu fahren, trat ihm ein Mann in den Weg.
Ehe der Redakteur von "Radio Freies Europa" flüchten konnte, stach der Unbekannte 25mal mit einem Messer auf ihn ein, stieß Frau Lydia, die auf die Schreie ihres Mannes im Morgenmantel herbeigeeilt, unsanft beiseite und flüchtete in einem blauen Renault 5 mit französischem Kennzeichen.
Noch während sich Ärzte auf der Intensivstation um das Opfer bemühten, erkannte Frau Georgescu bei einer Gegenüberstellung im Polizeipräsidium den Messerstecher: Gerard Freddy Layani, 25.
Mehr als diesen Namen hat die bayrische Polizei bis heute nicht erfahren, der Mann ist wie sein mutmaßlicher Komplice, Jean-Claude Cottenceau, der Fahrer des französischen Wagens, der deutschen Polizei unbekannt.
Das Ehepaar Georgescu ist den bayrischen Behörden durchaus bekannt - sie müssen sich mit dem Journalisten schon seit einigen Jahren befassen, zuletzt im Mai, als Georgescu im Landratsamt München-Haar einen Waffenschein beantragte. Am Tag nach dem Mordanschlag entschuldigte sich ein Beamter S.186 bei Frau Georgescu, daß über den Antrag zur Tatzeit noch nicht entschieden war.
Während vor Georgescus Krankenhauszimmer Beamte rund um die Uhr Wache stehen, wird auch Frau Georgescu nebst Pudel Blacky in ihrer Parterrewohnung Tag und Nacht von Beamten der bayrischen Schutzpolizei bewacht. Zu jeder vollen Stunde melden sie an ihre Dienststelle: "4516 keine Vorkommnisse." Ihre MP nehmen sie sogar in die Toilette mit.
Etwa neun Millionen Rumänen aber, die allabendlich um 18.10 Uhr die ihnen zugedachte Sendung von "Radio Freies Europa" (RFE) unter dem Namen "Bukarest IV" einschalten, müssen auf den täglichen Kommentar zur Lage der Nation verzichten, den bislang Georgescu sprach.
Das gefährliche Leben des "nach Ceausescu bekanntesten Mannes Rumäniens" (Georgescu über Georgescu) begann schon 1976, drei Jahre nach der Auswanderung des Ehepaares in die Bundesrepublik. Da nämlich bekamen beide von der rumänischen Botschaft in Köln die Ausbürgerungsurkunde wegen "Landesverrats".
"Wie arm wären die Sendungen von RFE", drohte im Bukarester Rundfunk das rumänische ZK-Mitglied Eugen Barbu, "wenn Emil Georgescu, Gott behüte, ein Unfall zustoßen sollte." Sieben Monate darauf wurde Georgescus Auto von einem Wagen mit französischem Kennzeichen mehrfach gerammt - die Insassen blieben unversehrt. "Diesmal bist Du uns entkommen, Schurke", schrieb ihm anonym ein "unschuldiges Opfer" seiner Tätigkeit in Rumänien, wo Georgescu bis zu seiner Flucht als Jurist gearbeitet hatte.
Nachdem Georgescu in einer RFE-Sendung die rumänische Faschistenorganisation "Eiserne Garde" angegriffen hatte, wechselte der Absender der sporadisch in Georgescus Münchner Wohnung eingehenden Drohbriefe. Eine "Gruppe V" der nur noch in der Emigration existierenden Garde unterzeichnete die Prophezeiung: "Bald klopft der Tod an Deine Tür, Verbrecher" - freilich in neu-rumänischer Schreibweise, die traditionsbewußte Alt-Faschisten meiden.
Inzwischen widmete der Journalist seine Arbeitskraft einer einträglichen Nebentätigkeit: Er beantragte seine Zulassung als Rechtsbeistand und formulierte für Landsleute Behörden-Anträge.
Bei den folgenden Morddrohungen ließ sich nicht mehr unterscheiden, ob sie Georgescu, den Kommentator, oder Rechtsberater meinten.
Mit Namen hat sich bisher noch kein Opfer der Nebeneinkünfte gemeldet - "jeden Abend bete ich, daß es endlich jemand tut," seufzt Georgescus Vorgesetzter Noel Bernhard, Leiter des rumänischen Senders beim RFE, "dann könnten wir alle hier ruhiger schlafen." Denn auch Bernhard, schwer lungenkrank, erhielt Briefe, in denen ihm nahegelegt wurde, seine Tätigkeit beim Sender einzustellen, da er sonst "niemals mehr gesund" würde.
Per Post erhielt im Februar der ausgebürgerte Schriftsteller Paul Goma in Paris eine Briefbombe, versteckt in den Buchdeckeln einer spanischen Chruschtschow-Biographie, für den Exil-Romancier keine besondere Überraschung, da ihn vor seiner Ausreise der rumänische Polizeichef General Plesita vor politischen Aktivitäten gewarnt hatte: "Der lange Arm der Revolution wird dich erreichen, wo immer du bist."
Der reichte schon bis in die Pariser Metro und sogar die New Yorker Subway, wo jeweils Unbekannte den Fahrgast Goma warnten, man werde ihn "bulgarisieren" - eine Wortneuschöpfung, inspiriert durch die Anschläge des bulgarischen Geheimdienstes auf mißliebige Exil-Bulgaren mit Hilfe vergifteter Regenschirme.
Zwei exilierte Landsleute, die mit Goma auf der KSZE-Nachfolgekonferenz in Madrid teilgenommen hatten, traf bereits eine Bombe per Post: Serban Orescu und Nicolae Penescu, der einmal Innenminister in Rumänien war, trugen Verwundungen davon.
Wie der bulgarische Staatssicherheitsdienst bekämpft die rumänische Geheimpolizei vor allem RFE-Mitarbeiter.
Solange der Sender die eigenwillige moskaukritische Außenpolitik des Rumänenführers Ceausescu unterstützte, hatten seine Redakteure "eine relativ ruhige Zeit" (RFE-Mann Bernhard). Das hat sich geändert, seit sich Rumäniens Wirtschaftskrise zuspitzt und die Regierung polnische Zustände befürchten muß - und seit bulgarische wie jugoslawische Todeskommandos im Ausland durchaus Erfolge buchen.
Im Februar explodierte eine Bombe am Rundfunkgebäude. Im April rief ein Bukarester Kopfjäger den Redakteur Georgescu an: "Ich bin Ihr Killer. Aber ich kann Sie nicht töten." Mit einem Taxi fuhr der Anrufer zum Englischen Garten und stellte sich den deutschen und amerikanischen Sicherheitsdiensten. Sein Name: Rusch Radu.
Er gab an, Mitglied einer Einsatzgruppe zu sein, die Georgescu bis Ende Mai beseitigen sollte - nach Observation in Nachbarwohnungen mit Zielfernrohren und modernsten Waffen. Gelänge das Unternehmen nicht, komme Anfang Juni eine neue Crew aus Bukarest. Der Überläufer wurde abgeführt. Wenige Wochen später kam der neue Killer.
S.186 Am 21. Februar 1981 in München. *

DER SPIEGEL 39/1981
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