16.08.1982

LANDWIRTSCHAFTAkt der Dummheit

Amerikas Farmland ist von Verödung bedroht - die Lehren aus der Erosionskatastrophe der 30er Jahre wurden mißachtet.
Wenn die siebzigjährige Farmerin Edith Phillips durch ihr heimatliches Weld County nördlich von Denver (US-Bundesstaat Colorado) fährt, fühlt sie sich oft an den Mars erinnert: Links der Straße flimmern Sandwüsten soweit das Auge reicht, rechts ist der Boden mit tiefen Furchen durchzogen. "Im letzten Jahr war die Luft so voller Staub", erinnerte sich die alte Dame, "daß man manchmal gar nicht atmen konnte."
Ähnlich trostlos sieht es in vielen Regionen des amerikanischen Getreidegürtels aus, der sich zwischen Nord-Dakota an der kanadischen Grenze und Oklahoma im Süden erstreckt: Dort, wo noch vor wenigen Jahrzehnten Weizen, Mais und Sojabohnen wuchsen, gedeiht nun kaum noch ein Halm.
Wind und Wasser haben die oberste Erdschicht, den fruchtbaren Mutterboden, fortgeblasen und weggewaschen - Folge der rücksichtslosen und allein profitorientierten Anbaumethoden, mit denen die meisten amerikanischen Farmer ihr Land bestellen. "Wenn wir nichts gegen diese Bodenerosion tun", warnte der ehemalige US-Landwirtschaftsminister Bob Bergland, "wird bald ein erheblicher Teil unseres Farmlandes verödet sein."
In einer großangelegten Kampagne versuchen deshalb Berater des US-Landwirtschaftsministeriums, die Farmer dazu zu überreden, das die Erosion begünstigende Pflügen des Bodens aufzugeben - mit Erfolg: Schon ein Viertel der amerikanischen Anbauflächen, so ermittelten jüngst Agrar-Experten, werden bodenschonend bearbeitet oder bleiben sogar ungepflügt.
Doch dadurch kann das Fortschreiten des schleichenden Erdabtrags auf den Feldern allenfalls verlangsamt werden; denn das frühjährliche Auffurchen des Mutterbodens ist nur eine der Ursachen der Erosion.
Der schleichende Verlust des Mutterbodens ist deshalb so gefährlich, weil in ihm die meisten für das Wachstum der Pflanzen wichtigen Nährstoffe enthalten sind. Pro Hektar entstehen jährlich durch natürliche Humusbildung nur etwa fünf bis zwölf Tonnen der fruchtbaren Ackerkrume - eine Erddecke von wenigen Millimetern.
In den meisten US-Anbaugebieten jedoch liegt der Schwund an Mutterboden weit über diesem Toleranzwert, zehn Prozent des Farmlandes verlieren jährlich sogar über 24 Tonnen der wertvollen Krume pro Hektar. Jeden Tag gehen in den Vereinigten Staaten auf diese Weise rund 70 Quadratkilometer fruchtbaren Ackerlandes verloren; allein in den neun Staaten der Great Plains, der Region zwischen den Rocky Mountains und dem Mississippi wurde 1979 ein Gebiet doppelt so groß wie das Saarland (5600 Quadratkilometer) durch Bodenerosion unfruchtbar.
In Illinois beispielsweise gehen jedes Jahr 181 Millionen Tonnen bester Ackerkrume verloren; in Iowa, dem Zentrum des amerikanischen Getreidegürtels, sank die Dicke des Mutterbodens innerhalb der letzten 80 Jahre von 40 Zentimeter auf knapp 20 Zentimeter. "Wir erleben den Beginn einer Krise", befand Landwirtschaftsminister Block, "deren Folgen schlimmer werden könnten als die der großen Dürre in den dreißiger Jahren."
Damals führte ungehemmter Raubbau am Boden zu einer Katastrophe, die sich unter dem Namen "Dust Bowl" tief in die Erinnerung der amerikanischen Nation eingegraben hat: Nach einigen regenarmen Sommern waren große Teile der gegen Erosion ungeschützten Anbauflächen derart ausgetrocknet, daß der Wind in weiten Gebieten den gesamten Mutterboden in großen Staubwolken fortwehte.
Die bankrotten Bauern mußten Land und Hof verlassen, mit hoch beladenen Lastwagen fuhren sie in Richtung Westen, um dort Arbeit zu finden - ein Zug der Hoffnungslosigkeit, den John Steinbeck in seinem Roman "Früchte des Zorns" beschrieben hat.
Nach dem Schock des "Dust Bowl" beschloß die Regierung ein großangelegtes Programm gegen die Bodenerosion: Im ganzen Land wurden Felder terrassiert, Bäume als Windschutz gepflanzt, neue Methoden des Anbaus erprobt.
Als jedoch Ende der sechziger Jahre die Nachfrage nach Korn und Futtermitteln weltweit drastisch stieg, begannen die Farmer, die Terrassen und Baumreihen einzuebnen. Sie schufen riesenhafte Anbaufelder, die sie mit modernsten Maschinen flächendeckend und äußerst wirtschaftlich bearbeiten konnten. "Damals nahm", so ein Experte, "das Übel seinen Lauf."
Denn um möglichst viel produzieren zu können, begannen die Farmer, bis dahin ungenutztes Grasland unter den Pflug zu nehmen. Zehntausende Quadratkilometer Boden wurden zwischen 1970 und 1980 neu bebaut - meist hügelige S.170 Felder mit leichtem und ohnehin dünnem Mutterboden, der schon nach kurzer Zeit zu erodieren begann.
Zudem hörten die Bauern auf, Fruchtwechsel zu betreiben und ihre Felder, wie bis dahin üblich, alle drei bis vier Jahre mit Gras oder Klee zu bestellen - Erholungsphasen für den Boden, die das Wiederentstehen von fruchtbarer Ackerkrume fördern.
Statt dessen bauten sie immer mehr Weizen und Sojabohnen an - Pflanzen, die zwar am meisten Gewinn bringen, aber auch den Boden auslaugen und ihn für Erosion anfällig machen.
Daß sich dadurch der Ertrag ihrer Felder verringerte, störte die Bauern wenig: "Diesen Effekt ihres Intensiv-Anbaus glichen sie aus", so der Agrar-Experte Neil Sampson, "indem sie ihr Land mehr und mehr düngten."
Doch nun läßt sich der rapide steigende Verlust an Mutterboden (und die damit einhergehenden Mindererträge), so fürchten die Fachleute, nicht mehr durch vermehrte Düngung ausgleichen: In den nächsten 50 Jahren würden sich, wenn nichts gegen die Erosion getan werde, die Ernteerträge um etwa 30 Prozent verringern und gleichzeitig die Kosten der Getreideproduktion um mindestens 100 Prozent steigen, warnte jüngst eine Studie des US-Landwirtschaftsministeriums.
Doch die Farmer sind gezwungen, an ihrer Intensiv-Wirtschaft festzuhalten: Da angesichts der enormen Überproduktion an Getreide und Futtermitteln die Erlöse gesunken, die Kosten für Arbeitskräfte und Treibstoff hingegen drastisch gestiegen sind, müssen sie noch mehr aus ihrem Land herauswirtschaften, um nicht pleite zu gehen.
Daß Wind und Wasser seinen Boden forttrügen, seufzte ein Farmer, sei eben ein "Akt Gottes". Es so weit kommen zu lassen, wetterte dagegen Alt-Bäuerin Philips, sei ein "Akt der Dummheit" gewesen. "Der Herr hat weder den Pflug noch den Kunstdünger und die Riesenfelder geschaffen."

DER SPIEGEL 33/1982
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LANDWIRTSCHAFT:
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