21.09.1981

Null Bock

„Out Of The Blue“. Spielfilm von Dennis Hopper. Kanada 1980; 94 Minuten; Farbe.
Menschen zeigt das amerikanische Kino zur Zeit sehr selten. Da sind Schauspieler erstarrt zu seelenlosen Robotern, und auch die werden noch von der eisigen Perfektion technischer Effekte an die Wand gespielt.
Was unterhalb der Normenschwelle in den USA abläuft und womit sich die Leute in ihrem Alltag herumschlagen, davon erfährt man wenig im Kino. Wenn überhaupt, dann nur noch in Filmen unbequemer Außenseiter, für die Hollywood nicht im Traum mehr eine Mark fallen läßt.
So einer ist Dennis Hopper, 45, ein unkalkulierbares Risiko für das gegenwärtig wieder einmal mächtig auftrumpfende Hollywood. Dort hatte sich der Regisseur und Schauspieler mit dem überraschenden Kino-Welterfolg "Easy Rider" 1969 eine Hätschelfrist verschafft: Der Minimal-Einsatz von knapp 400 000 Dollar für die Produktion des Hippie-Films brachte über 50 Millionen Dollar ein.
Als Hopper dann einen Film machte, der den prophetischen Titel "The Last Movie" trug und in einem wilden, auf Anhieb kaum entwirrbaren Erzähl-Puzzle den Mythos des Hollywood-Kinos attackierte, klappten die Filmfinanziers ihre Scheckbücher wieder zu. Danach war er nur als Schauspieler im Kino zu sehen, unter anderem in Wenders'' "Der amerikanische Freund" und in Coppolas "Apocalypse Now".
"Out Of The Blue", "aus heiterem Himmel" bekam Hopper 1980 im kanadischen "Exil" die Gelegenheit zum Regie-Comeback. Er hat sie entschlossen genutzt für einen Film, der wie die freiheitsdurstige Rockmusik-, Drogen- und Motorrad-Ballade von damals Hoffnungen und (Des)illusionen der Jugend treffend beschreibt und kompromißlos ein Abbild des Zeitklimas liefert, diesmal der weit traurigeren achtziger Jahre.
Traurig, kalt und kaputt ist die amerikanische Provinzwelt, die sich da in den lächerlich vergeblichen Versuchen eines Ehepaars mit 15jähriger Tochter spiegelt, sich ans Licht der öffentlich suggerierten Fernseh- und Supermarkt-Glücksverheißungen zu strampeln.
Der Vater (gespielt von Hopper) ist ein Trucker, der mit seinem Lkw in einen besetzten Schulbus gekracht ist; S.230 als er nach fünf Jahren aus dem Gefängnis kommt, ist er am Ende und säuft sich durch die Tage, die er als Räumfahrer auf einer Müllkippe zubringt. Dabei träumt er immer noch seinen Traum, irgendwann wieder auf einem Truck zu thronen.
Die Mutter (Sharon Farrell) serviert in einem trüben Schnellrestaurant. Sie hat''s mit dessen Besitzer und ist heroinsüchtig -- eine völlig unglamouröse Alltagsfixerin.
"Genieß deine Jugend, solange du sie hast. Wir müssen wieder eine Familie werden", muntert sie überdreht die Tochter Cindy auf, die in ihrer Einsamkeit nur Elvis verbunden ist, ihrem am Hausaltar aus Souvenirs angebeteten Idol. In der Schule erlebt sie nur Kälte und Härte, und auf der Straße tut sie sich mit männlichen Rebellen-Gesten dick als Punk.
Aber wenn sie die alkoholisierten Zank-Hysterien der Eltern aus der Küche hört, kuschelt sie sich mit ihrem Teddy in die Ecke und lutscht am Daumen.
Ein scheinbar sehr altmodisch brodelndes Familiendrama tischt Dennis Hopper da auf, einen Strudel nervzerrender Auseinandersetzungen, denn die Eltern wollen ihren frommen Wunsch vom Glück zu dritt nicht aus den Klauen lassen.
Während sie sich wie Zombies durch den Provinzmief von Bowlingbahn, Kneipe und auch mal einem Picknick am schmutzigen Strand mit Cola, Bier und Popcorn bewegen, ist Cindy die einzige, die sich nichts mehr vormacht. Sie sieht, wie aussichtslos die Erwachsenen in ihrer Umgebung nach dem Glück grapschen.
Und die 18jährige Linda Manz, die da als Cindy mufflig und stets höchst abwehrbereit ("Es ist mein Leben, ich kann damit machen, was ich will") sich durch den Film schweigt, porträtiert wie selbstverständlich ein Wesen, das null Bock auf gar nichts hat.
Da gibt''s nur eine Kinolösung -den Tod. Cindy metzelt ihren Vater nieder, als der sich ihr im Suff in undurchsichtiger Absicht nähert. Und mit der Mutter zusammen sprengt sie sich in die Luft. Als die Dynamit-Zündschnur glimmt und die Mutter hysterisch aufkreischt, sagt Cindy beruhigend: "Das ist nur eine Punk-Geste."
Ein harter Brocken. Zumal Hopper, und das macht die Qualität seines Films aus, dem Zuschauer keinen Fluchtweg offenläßt in romantisch aufgeschminkte Häßlichkeit, in gruselig pittoreske Elendsmalerei. Was er zeigt, ist mies und sonst gar nichts, auch wenn einmal weiße Möwen poetisch über die Müllkippe flattern.
Ein Film für die ganze Familie.
Arnd Schirmer
S.227 Linda Manz, Dennis Hopper. *

DER SPIEGEL 39/1981
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