01.03.1982

GASTRONOMIEKaum zu essen

Erstmals hat der Wirt eines bekannten Restaurants einen Test-Esser verklagt.
Im Weinrestaurant "Westfälischer Friede 1648", gleich neben der Überwasserkirche zu Münster, tafelte Armin Diel, 29, gemeinsam mit Frau und zwei Freunden. Das Menü war versalzen, die Rechnung gepfeffert, 264,60 Mark, plus Mehrwertsteuer.
Noch bei Tisch verlangte einer der Mitesser von ihm: "Wenn du diesen Wirt nicht zur Sau machst, rede ich nie mehr mit dir." Aber Armin Diel, von Beruf Freß-Kritiker und nebenbei Jurastudent, hätte es auch so getan.
Gleich doppelt langte er zu. Mit wahrem Abscheu käute er in der "Münsterschen Zeitung" und im Feinschmecker-Blatt "Tips für Gourmets" wieder, was ihm bei Tisch aufgetragen worden war. Den Räucherlachs (18,50 Mark) nannte er "faserig trocken, völlig versalzen und braun oxydiert". Die Meerrettichtunke schmeckte ihm nach "süßer Industriesoße, von Meerrettich nicht die Spur".
Die Ente (24,50 Mark) sah aus "wie eine ungarische Mastgans" und war "außen knallhart", dafür innen genauso "faserig trocken" wie der Lachs. Das "Kalbsmedaillon mit Morchelsauce" (36,50 Mark) habe einen "nicht überschmeckbaren Alterston" gehabt, und das Chateaubriand (82,50 Mark) sei "verkohlt gewesen - eine Unverschämtheit".
Der 75er Riesling, sechs Mark das Schöppchen, sei gar kein Riesling, sondern ein Müller-Thurgau von 78. Und überhaupt, der Service, Servietten wie von Woolworth, sei fast wie das Essen gewesen. Er sei nur Kellner, hatte ihm der Kellner bedeutet, und für die Speisen nicht verantwortlich.
Seit diesem Verriß hat Diel im "Westfälischen Frieden" Hausverbot, und der Wirt, Werner Otto Jedamzik, hat sich als erster deutscher Gastronom ein ganz besonderes Gericht einfallen lassen: das Landgericht in Düsseldorf. Jedamzik verlangt Schadenersatz, die 12. Zivilkammer soll die Höhe des "materiellen und immateriellen Schadens" festlegen.
Die "gehässige Schmähkritik", heißt es in der Klageschrift, sei erheblich überzogen, denn bei dem "weit über die Grenzen Münsters bekannten Lokal", das im "traditionellen Stil von 1765 gehalten S.72 ist", handele es sich ja schließlich "nicht um irgendeinen Schnellimbiß".
Da ißt Diel so gut wie nie. 61mal ist er, allein im vorigen Jahr, für Zeitschriften wie "Arnes Journal", "DM" und "Der Weinfreund" essen und trinken gegangen, in der Bretagne ebenso wie in Paris. Besonders hart war die Arbeit im heimischen Münsterland, wo er schon als "Kannibale", so Helmut Tranow vom Verband "Gaststätten und Hotelgewerbe Westfalen e.V.", verschrien ist, oder, so der Ascheberger Wirt Josef Reher, als "gastronomischer Flegel".
Der Wirt vom "Westfälischen Frieden" hat herausgefunden, daß Diel zu Hause in Burg Layen an der Nahe ein Weingut besitzt, gleich neben Elmar Pieroth. Ihm stellt sich deshalb die Diel-Kritik als Konkurrenzschlag gegen einen Wirt dar, der keinen Nahe-Wein ausschenkt. Die Beurteilungen seien von einer "unwahren, maßlosen und unsachlichen" Art: "Der Testbesuch war von vornherein wegen Irreführung des Publikums unzulässig."
Seit in Deutschland ein ständig wachsendes Publikum Sinn für die Wonnen der gastronomischen Spitzenleistungen entwickelt hat, werden Gastro-Rezensionen nur so verschlungen. Lokalzeitungen wie die "Elmshorner Nachrichten", Regionalblätter wie die "Westfälische Rundschau" und bundesweite Tageszeitungen wie die "Süddeutsche Zeitung" - sie alle haben ihre Freß-Ecke, in der sich Kolumnisten darüber auslassen, wie es ihnen letztes Mal geschmeckt hat. Leser sammeln das, Wirte auch.
Für Gourmet-Zeitungen und Kochbücher der Küchen-Päpste und Suppen-Stars wie Bocuse, Guerard und Troisgros frißt sich eine Kaste von Kritikern durch, und manchmal bleibt ihnen der Bissen im Halse stecken. Da gibt's nur eins: "Das Hummer- und Langustenstück schmeckte so brenzlig verdorben, daß ich es entsetzt wieder ausspuckte" ("Essen & Trinken").
Gert von Paczensky, vormals politischer Journalist, haut seit Jahren nur noch Gastronomen in die Pfanne. Einer, der Wirt vom "Schwarzen Adler" in Oberbergen, hat ihn daraufhin "Quatschinsky" genannt, was sich Paczensky gerichtlich verbitten ließ.
Test-Esser Klaus Besser, früher "Besser's Gourmet Journal", hat nach einer Kritik Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen von einer Gastronomenfamilie über sich ergehen lassen müssen. "Vom Enkel bis zur Oma" hätten alle bei ihm angeklingelt. Der Gaststättenverband in Köln ließ seinen Mitgliedern einen Steckbrief zukommen, als sei der Besser ein Wallraff.
Nebenan in Frankreich ist die gepflegte Kritik an der Küche schon seit jeher selbstverständlich. Das führende Fachblatt "Gault-Millau" mußte mitunter schon vor Gericht aus der Küche plaudern, und die Männer in Weiß nehmen es sich zu Herzen. Der Koch eines Pariser Lokals erschoß sich, weil die Inspektoren vom Michelin ihm einen Stern aberkannt hatten.
Die Anerkennung durch die Kritiker bedeutet für die Wirte bares Geld. Wer bei Witzigmann vom Münchner "Aubergine" (drei Sterne) noch im März speisen will, muß sich eilen, die 40 Gedecke sind fortwährend ausgebucht.
Der Verriß eines Schmeckleckers kann, umgekehrt, für den Wirt teuer werden. Mehrere tausend Mark gab Jedamzik vom "Westfälischen Frieden 1648" nach der Diel-Kritik für Anzeigen aus, um die Gourmets wieder anzulocken. Zur "Feinschmeckerei", ließ er wissen, "gehört das objektive Beurteilungsvermögen".

DER SPIEGEL 9/1982
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