26.04.1982

„In meinem Film bin ich der Star“

In ihren neongrellen Kneipen begegnen sich schwarzlederne Punks, melancholische Dandys in Weiß, Humphrey-Bogart-Kopien und Eintänzer-Figuren wie aus den wilden zwanziger Jahren - eine neue, schrille Jugend-Subkultur erlebt die Achtziger als aufregende Zeit für Action und Abenteuer. Die narzißtischen Selbstdarsteller im aufblühenden Boheme-Nachtleben der Großstädte haben für Politik nur noch Verachtung übrig.
Die Schildmütze auf dem Kopf des 19jährigen Berliners hat Stil. Sie ist aus schwarzem Leder, und eine ähnliche trug 1954 Marlon Brando in dem Film "Der Wilde", in dem er als junger Motorrad-Rebell den Erwachsenen einer amerikanischen Kleinstadt Furcht vor der Jugend beigebracht hat.
Stil hat auch die Frisur des jungen Brando-Verehrers, der noch nicht auf der Welt war, als sein Idol als Kino-Halbstarker Triumphe feierte: Die sorgfältig modellierte Haartolle, die ihm weit über die Stirn wippt, scheint eine Spur blonder zu sein, als von der Natur gefärbt.
Der Typ ist "echt erleichtert" darüber, "daß endlich die lauen siebziger Jahre in Vergessenheit geraten".
Leuten wie ihm verheißt das angebrochene "No Future"-Jahrzehnt Action, Abenteuer und einen frivolen Kitzel. Während sich die Menschheit lemmingehaft am Abgrund versammelt hat, nichts mehr sicher scheint und auch der Weltuntergang nicht mehr ausgeschlossen ist, fragen sich immer mehr Jugendliche: Soll man da nicht noch lieber einmal kräftig einen draufmachen und sich an der eigenen Pracht und Herrlichkeit berauschen?
Eine neue Jugend-Subkultur ist angetreten zur Feier des Ichs, und "Stil" ist das Schlüsselwort, das sie vereint: In schriller Aufmachung, exzentrischen Posen, wild kolorierter Haarpracht und dandyhafter Selbstverliebtheit belebt sie als eine neue Boheme die Großstadt-Nächte.
Eine bunte Mixtur aus Musikern und Malern, Film- und Video-Experimentierern, Arbeitslosen, Adabeis und Möchtegernkünstlern S.235 bietet, abseits vom eingefahrenen Kulturbetrieb, dem Alltagsgrau die Stirn. In der klaren Neonhelligkeit der Boheme-Kneipen stellt sich spielerisch verrucht und dekadent eine wachsende Aufzucht von Paradiesvögeln zur Schau, die sich ihren Narzißmus nicht durch die Widrigkeiten einer trüben Welt zerstören läßt.
"Niemand, der richtig cool drauf ist, hat mit Politik was zu tun", ist nicht nur die Devise in Berlin, der morbide schillernden Szene-Hauptstadt. Wie dort im "Dschungel" oder "Mink", im "Cafe Mitropa" oder in der "Neuen Heimat", straft man im Kölner "Blue Shell" oder "C. C. Rock", im Hamburger Cafe "Schöne Aussichten" oder in den Münchner Cafes "Größenwahn" und "Freiheit" die offizielle "Tagesschau"-Politik mit Verachtung, belächelt man deren farblose Protagonisten als bizarr und exotisch, feixt man über absurde Meldungen aus der schrägen Welt des Alltags.
"Die Welt ist schlecht / das Leben schön / was ist daran nicht zu verstehn?" verkündet in hinterhältig-ironischem Kindersingsang die Düsseldorfer Band "Der Plan". Die provozierend schlichten Verse drücken aus, wie bewußt und konsequent die neue Boheme-Szene sich vom Schlachtfeld der Ideologien verdrückt hat und auf die Suche nach dem Privatspaß gegangen ist.
Die Punks, diese entscheidende Jugendstil-Schöpfung der siebziger Jahre, hatten am Anfang noch rüde und rotzig gegen Heuchelei und Bigotterie im genormten Alltag protestiert. Die Attacken haben sich gelegt, die Ur-Punks verwandelten sich in grellbunte Ziervögel und retteten ihren Nihilismus in die Achtziger-Boheme.
Die düster-aggressive Punk-Montur ist inzwischen Massenware in Ramsch-Boutiquen, die Tiger- und Zebra-Hose, das gelb-grün gestreifte T-Shirt, die Nietengürtel und Hundehalsbänder sind Konfektion.
Und die Punks leben weiter im Gewirr der vielen Gruppen und Grüppchen, Stämme und Cliquen, die in unendlicher Zersplitterung die gegenwärtige Jugend-Szene bilden.
Da gibt es, neben ihnen, mächtig behaarte Jugendliche, die sich in ihrem S.238 alternativen Winkel von Körnern ernähren; es gibt die Friedens- und die Anti-AKW-Bewegung und junge Fromme; es gibt das treue Heer der Heavy-Metal-Fans, die von Gitarren-Göttern mit wehender Mähne, vom Vibrieren der Trommelfelle und vom Sieg ihrer Bundesliga-Mannschaft träumen; es gibt die aggressiven kahlschädeligen Skinheads und in Ehren verstaubte Hippies; und es gibt die schweigende Mehrheit der frikadellenverschlingenden McDonald's-Kundschaft.
"Manchmal", klagt Petra M. aus Mannheim, "erinnert mich die Spaltung unter den Jugendlichen schon fast an das indische Kastensystem" - Zitat aus der soziologischen Studie "Jugend '81", die vom "Jugendwerk der Deutschen Shell" in Auftrag gegeben wurde.
Und "unheimlich schizophren" findet eine Christiane Wegner aus Frankfurt die "Jugend heute", die "mehr oder weniger ausweglos vor einer öden Zukunft" steht. Jeder versuche, "für sich das Mindeste herauszuholen. Für die einen sind es die Atomkraft-Nein-Danke-Plaketten, für die anderen die Klamotten, und manche sehen im Bullenschlachten ihre Befriedigung."
Die Zersplitterung Jugendlicher in immer neuere Gruppenstile und Stammes-Subkulturen ist in den letzten Jahren auch kräftig durch die Freizeit-Industrie beschleunigt worden. Sie reagiert inzwischen flexibel auf neue Strömungen und ist dazu in der Lage, innerhalb kurzer Zeit entlegene subkulturelle Ecken in ihre Marktplätze zu verwandeln.
Und weil sich Jugendliche mit extremer, auffälliger, die Erwachsenen oft schockierender Aufmachung die Selbstachtung in der Gruppe verschaffen, die S.240 ihre tatsächliche Ohnmacht in der Gesellschaft ausgleichen soll, sind sie ständig zu neuen, phantasievollen Stil-Erfindungen gezwungen. Nur so läßt sich die Symbol-Opposition gegen die Erwachsenen-Normen aufrechterhalten, nur so bleibt die lebensnotwendige Subkultur intakt.
So werfen sich jetzt in diesem Jugendgruppen-Getümmel die Jung-Bohemiens in auffällige Klamotten und in Pose, und die Neonkneipen-Piste ist der Laufsteg für die Nachwuchs-Dandys.
Katalysator der Szene ist die Musik. Und einer ihrer Nestoren heißt David Bowie, ein glamouröser Rockstar, der schon Anfang der siebziger Jahre sein Spiel mit ständig wechselnden Images begonnen hatte. Der Engländer präsentierte sich auf der Bühne in cooler Künstlichkeit, gab sich als dekadentes Zwitterwesen und erschien immer dann völlig verwandelt und in neuem Persönlichkeits-Outfit, wenn er zum Vorbild einer Mode wurde.
Als sich Bowie 1976 aus Los Angeles nach Berlin begab, experimentierte er mit elektronischen Klängen und war, wieder einmal, wie meist in seiner Karriere, den gängigen Musik- und Modetrends um eine Nasenlänge voraus. Und in Songs wie dem deutsch/englischen "Heroes/Helden" beflügelte er das Selbstbewußtsein seines Publikums mit den Versen: "Niemand gibt uns eine Chance, doch werden wir siegen. Für immer und immer. Wir sind dann Helden für einen Tag."
Mit solchem Doping fürs Ego vom Super-Dandy und Erz-Bohemien Bowie krempelten sich viele um in Alltags-Stars, in künstliche und künstlerische Persönlichkeiten, denen die Inszenierung S.241 des eigenen Ichs wichtiger wurde als alles andere auf der Welt.
Die extrem überdrehte jamaikanische Disco-Queen Grace Jones, eine Farbige mit verwegener Brikettfrisur, landete in diesem Jahr bei einer Leserumfrage der Hamburger Musikzeitschrift "Sounds" in der Rubrik "In-Figur" auf Platz eins. Rang drei der Liste nahm, dem neuen Narzißmus gemäß, das "Ich" der Leser ein, das noch einmal, unter dem Stichwort "Hoffnung 82", hinter "Frieden" auf Platz vier einkam.
"Schaut mich an, ich bin die Schönste, schaut mich an, ich tanz' am besten", singt die Sängerin der neudeutschen Erfolgsband "Nichts" im Song "Tango 2000". Vor dem großen Wandspiegel in der Kölner Diskothek "Cha Cha" wiegt sich tanzend ein Mädchen mit Rasta-Locken zu dem Lied. Hinter der Bar mixt eine Frau die Drinks, in schwarzem Herrenanzug mit Krawatte, eine Erscheinung wie die Szenen-Diva Grace Jones. Als nächstes Musikstück dröhnt der Song "Eiszeit" von "Ideal" aus den Lautsprechern: "In meinem Film bin ich der Star, ich komm' auch nur alleine klar."
Musik ist, wie schon so oft in neuen Jugend-Stilen, das entscheidende Medium. Musik hatte schon früher die Jugend in Bewegung gebracht: Charlie Parkers Bebop-Jazz lieferte den Boheme-Hipsters Mitte der vierziger Jahre und später den Beatniks in New York die fiebernde Begleitmusik und den Existentialisten im Paris der fünfziger Jahre die adäquate Kulisse der Melancholie; der Rock'n'Roll ließ eine Weltrevolte Jugendlicher gegen eine biedere und spaßlose Elterngeneration explodieren; die Beatles und die Rolling Stones hielten in den sechziger Jahren das Feuer am Brennen; S.243 der Punk-Rock machte zuletzt Dampf.
Aber einen einheitlichen, an breiter Konsumfront absetzbaren Musikstil wie zu Beatles-Zeiten gibt es nicht mehr. Die Zersplitterung der Jugend, der unbedingte Drang, anders sein zu wollen, führte zu einer Vielfalt an Musikstilen und Stilvarianten, zu immer auffälligeren Moden.
"Schrill drauf sein" hat in Berlin bei Hardcore-Außenseitern den Spruch vom "gut drauf sein" abgelöst, und im "Kaufhaus Schrill" oder in Kudamm-Boutiquen werden auch schon Szene-Kleidungsstücke und -Accessoires in Neuanfertigung verramscht.
Aber das richtige Boheme-Feeling geben solche nachgemachten Produkte nicht. Denn wo "Revival" zum Schlagwort der Stunde geworden ist, zählen vor allem Echtheit und Individualität, und deshalb werden aus dem Fundus der Geschichte schöne Musikstile und Klamotten hervorgekramt, werden vergangene Lebensformen, Dekadenz und der Spaß an einem Leben außerhalb der Norm wiederbelebt. Vor allem die fünfziger Jahre in ihren modischen und musikalischen Erscheinungsformen stehen im Mittelpunkt einer fortdauernden Nostalgie-Welle.
"Expressive Stile vergangener Jahrzehnte", so die Studie "Jugend '81", "üben Faszination aus, weil man auf sie den Traum eines starken, einheitlichen, autonomen Jugendlebens projizieren kann: Es gab eine Zeit, da verstanden sich die Jugendlichen untereinander, da machten sie Power - laß uns diesen Traum festhalten."
So erlebte beispielsweise Johnny, ein 18jähriger Berliner, ein unbeschreibliches Glücksgefühl, als er in einem Second-Hand-Laden in einem amerikanischen Jackett der fünfziger Jahre eine Reliquie fand. "Da war dann also, als ich reingegriffen hab', eine Streichholzschachtel aus Minnesota drin, und das ist toll, irgendwelche Sachen mit Geschichte und so."
Auf Johnnys blassem und schmalem Kopf stehen die hellblonden Haare rund fünf Zentimeter kerzengerade hoch, die akkurate Friseurstat eines Scherenschwingers aus der Szene. Johnny ist auf die fünfziger Jahre in den USA abgefahren, "mein Stil ist fünfziger Jahre total, amerikanisch".
Nachts streift er die Berliner Piste ab zwischen "Dschungel" und "Mink", einem grellweiß gekachelten Lokal, in dem erst gegen vier Uhr am Morgen die Gäste eintrudeln. Im "Dschungel" trifft Johnny fast immer Bekannte, und dort weiß er, daß er im Schuppen Nummer eins ist.
Da ärgert er sich am Wochenende denn auch schon mal über zu viele "Wessies", westdeutsche Jungtouristen, die im "Dschungel" den dekadenten Hauch der Berliner Szene schnuppern möchten. Der Vorderraum des Ladens ist hell erleuchtet, silbergraue Jalousien verstellen den Einblick von der Straße.
Die Helligkeit in der Kneipe, die nüchtern und sachlich gestylt ist wie eine italienische Eisdiele, ist wichtig für die "Dschungel"-Kunden. Denn nur so wird für alle deutlich sichtbar, welche Mühe auf die ausgeflippte Garderobe verwendet worden ist.
Die Boheme-Szene präsentiert sich hier in grellsten Farben, mit grün oder rosa koloriertem Kurzhaar, mit Ohrgehängen in konstruktivistischer Geometrie - der auffällige Individualstil ist entscheidend.
Da bewegt sich der schwarzlederne Punk neben dem eitlen Dandy im weißen Second-Hand-Anzug und mit an den Kopf geklatschter Valentino-Frisur, da sind die Fingernägel blau, schwarz oder grün, da gibt's die Humphrey-Bogart-Kopie mit Hut und Trenchcoat, da tragen Frauen Ballett-Tutus - und allen ist gemeinsam, daß keiner wie der andere aussieht.
Im hinteren Winkel des "Dschungel" wird weniger posiert als getanzt - Musik ist ständig präsent. Die Körper werden hauptsächlich von schwarzer Funk-Musik in Bewegung gehalten, dazu gibt's auch die automatisch-monotonen Rhythmen europäischer Synthesizerklänge a la "Kraftwerk", und hin und wieder fährt der messerscharfe Rapping-Sprechgesang der Schwarzen aus New York dazwischen.
Das Geld, das Johnny für seinen Zug durch die Berliner Nächte braucht, verdient er sich als Roadie. Bei Rockkonzerten baut er den Musikern das Equipment auf, zuletzt war er mit der neuen deutschen Mode-Band "D.A.F." auf Tournee.
Dieser Job bringt Johnny dem Ziel seiner Berufsträume näher: Er ist Gitarrist und will auch eines Tages in einer Band spielen. So mischt sich bei ihm die S.246 Plackerei des Lautsprecher-Schleppens mit dem persönlichen Trip - und Tournee ist ja auch nicht immer, da gibt's mal Pause. Die füllt er abends mit Tellerwaschen in einer Kneipe, in der's fast noch so zugeht wie in Apo-Tagen - schummrig und plüschig.
Die beiden Damen, die diesen Laden leiten, "berufen sich auf ihr altes Apo-Bewußtsein und treiben einen zur Arbeit an wie jeder andere auch", wundert sich Johnny.
Die bis in jeden Winkel und in jede Parka-Tasche von den Medien ausgeleuchtete Alternativ-Szene, die sich für ihn aus "Polit- und Makro-Freaks" zusammensetzt, ist Johnny suspekt. In der Alternativ-Szene, in der sich Johnny bewegt, faßt man das Wort "alternativ" nur mit der Pinzette an.
Zwar haben die meisten Boheme-Nachtvögel kaum etwas gegen Hausbesetzer einzuwenden, aber ein bißchen Verachtung drücken sie schon aus, wenn sie von "als Punks verkleideten Hippies" oder "Öko-Punks" reden.
In dieser Szene mischen für Johnnys Geschmack zu viele "Schnarcher" mit - das sind langhaarige Dreißiger, die noch immer der verpaßten Revolution von 1968 nachseufzen. Und die haben, für Johnnys Empfinden, keinen Stil.
In der Boutique "Super" trifft Johnny den 19jährigen "Fetisch", der dort als Verkäufer jobbt und über ein nie brachliegendes Mundwerk verfügt. Im "Super" gibt's die neueste Kleidung von Londons King's Road für Leute, denen es an der eigenen Phantasie gebricht und die deshalb von der Stange kaufen, dafür aber schrille Sachen: die neue "Kamikaze"-Bomberjacke für den gehobenen Edelpunk mit Japan-Ornamenten, den ausladend weiten Nadelstreifenanzug im amerikanischen Vierziger-Jahre-Stil, die mächtigen Wildlederschuhe mit dicken Kreppsohlen.
Wenn "Fetisch" um 18 Uhr den Laden dichtmacht, hat er ein paar Stunden Zeit, bevor sein Zapfer-Job in einer Kneipe beginnt. So wirft er sich in Schale für einen Auftritt in der Diskothek "Take Off".
Dort üben sich die Teenager ein in den "Stomp", einen Tanzstil zu Rockabilly-Musik, bei dem die flachen Ballerina-Schuhe der Mädchen unterm steil aufgerichteten Körper fliegen wie bei Muhammad Ali, als der noch mit der Schwerelosigkeit eines Schmetterlings durch den Ring tänzelte.
"Fetisch", der später mal eine Literaturzeitschrift herausgeben und "irgendwie ein Dichter" werden möchte, ist hier in der Disco, unter den Jüngsten, der King. Auch hier sind "die Fünfziger tierisch angesagt", der Rockabilly von Gene Vincent oder Jerry Lee Lewis oder von der US-Band "Stray Cats", die im letzten Jahr in England ein Rockabilly-Revival eingeleitet hat.
Pferdeschwänze, Petticoats und riesige Ami-Jacketts gibt's wie zu Adenauer- und Eisenhower-Zeiten. Als ein junger Beau mit flotter Schiebermütze vorbeikommt, erläutert "Fetisch", der habe sich, als Fred-Astaire-Fan, in den Kopf gesetzt, eine Step-Schule aufzumachen.
70 Prozent seiner Verdienste aus verschiedenen Jobs setzt "Fetisch" in Kleidung um, denn er hat "keine Lust, mein Geld zu bunkern". Und mit coolem Stolz des Außenseiters blickt er in die eigene Zukunft: "Wir sind diejenigen, die immer ausgedropt bleiben werden."
Politik ist für ihn vermuffter Hippiekram. Was ihn dennoch "am meisten antörnt, ist die Idee der geistigen Anarchie". S.247 Aber kämpfen? Fetisch, immer korrekt überschräg schrill angezogen, kämpft "nicht für meine Feinde, die mich tagsüber anmachen".
Die Verbesserung der Lebensumstände will Fetisch anders erreichen: "Wenn jeder ein bißchen verrückter oder freier wird, kann man die Welt besser verändern."
Da klingt Optimismus mit, der dem abgegriffenen "No Future"-Etikett Hohn zu sprechen scheint. Aber die lustvolle Hinwendung zu den fünfziger Jahren - Fetischs Idol ist der junge Marlon Brando, Marilyn Monroe sozusagen eine Szenen-Heilige - signalisiert die Flucht in eine Zeit, in der man sich über geringfügigere Bedrohungen zu ängstigen schien als in heutigen Weltuntergangstagen.
Second-Hand-Läden, in denen gebrauchte Sachen aus den fünfziger Jahren, vor allem aus den USA, angeboten werden, haben Konjunktur, und in Szene-Kneipen läuft wie selbstverständlich auch Sinatra- und Swingmusik. In dem Kölner Lokal "Peppermint" zeigt ein großes Wandgemälde 50er-Jahre-Ikonen: Conny Froboess, Peter Kraus und Louis Prima.
Auch der deutsche Schlager aus der Nierentisch-Ära hat sein Revival. Im Berliner "Harlekin", wo sich nachts vor allem die Musiker-Boheme in die Aura authentischer amerikanischer Fünfziger-Jahre-Möbel und sozusagen in ein Museum mit Stücken aus der Rock 'n' Roll-Zeit begibt, freut man sich über Fred Bertelmanns "Lachenden Vagabunden" genauso wie über avantgardistische Klänge.
Die Stil-Vielfalt und extreme Vorführung der eigenen Individualität zwingt die Mode- und Musikindustrie zu schnellen Reaktionen, weil der gut verkäufliche Mainstream aus Beatles- und Hippie-Zeiten sich in viele Rinnsale gespalten hat. Fast alle paar Monate gibt es neue Trends.
Jede Clique favorisiert ihre eigene Musik, vom Swing über Rockabilly, vom Sechziger-Jahre-Beat über den Schlager, vom Bebop-Jazz bis zur Minimal Music, vom Punk bis zu elektronischen Klängen, von schwarzem Disco-Funk bis zur neuen deutschen Welle reicht das Spektrum gleichzeitig vorhandener Musik - unentwegt kommt es zu Wiederentdeckungen im unerschöpflichen Reservoir populärer Musik.
So träumt zum Beispiel in Berlin der "Zensor", Burkhard Seiler, der einen Plattenladen mit ausgefallener Rock- und Elektronik-Avantgarde betreibt, von einer eigenen Edition mit Aufnahmen der Maria Callas aus den fünfziger Jahren - als aufregend ausgeflippter Ausgrabung für die Szene.
Und Thomas Bedall, 32, aus München sehnt die "Rückkehr der Persönlichkeiten" herbei. Das sind für ihn ausdrucksstarke Idole wie Marlon Brando oder der S.248 Soulstar James Brown, der gerade ein Comeback feiert. Thomas Bedall ist einer von sieben Gesellschaftern, die in München-Haidhausen das "Cafe Größenwahn" und seit kurzer Zeit auch die Diskothek "Tanzlokal Größenwahn" betreiben, zwei Schlupfwinkel für die Münchner Boheme-Szene, in denen sich die Schrillen und Schrägen in bunter Mischung versammeln.
Die sieben Geschäftsleute, die der Größenwahn zusammengeführt hat, sind Sozialarbeiter, Soziologen, Pädagogen, Lehrer und Studenten, aber in ein anderes Milieu ausgestiegen, als ihre Ausbildung vermuten ließe. Bedall ist gelernter Sozialarbeiter und Pädagoge, aber ihm steht der Sinn nicht nach dem alternativen Latzhosen-Publikum, sondern nach einer Boheme-Kundschaft mit einem "lässig ungezwungenen Verhältnis zur Dekadenz".
Für den Eröffnungsabend des "Tanzlokals Größenwahn" hatten sich denn auch die Münchner Nachtvögel in verwegene Fummel geworfen, als gelte es, den Tanz auf dem Vulkan der zwanziger Jahre mit Morbidezza noch einmal zu choreographieren.
Da feierte sich eine Poseurs-Versammlung aus Edel-Punks mit kurzgetrimmtem Haarteppich, da achteten verruchte Stummfilmschönheiten auf die laszive Form des roten Mündchens, da trugen die hübschen Männer hinter der Bar den korrekten Smoking, da hielten sich männerverzehrende Salondamen an ihren Zigarettenspitzen und an eleganten Begleitern fest, die es früher als Eintänzer zu etwas gebracht hätten.
Das sind "Leute, die von der Wirtschaftskrise nicht betroffen sind", erläutert der Szenen-Beweger Bedall, "Handwerker, Künstler, Taxifahrer" - Aussteiger, die sich ihren Unterhalt im "Milieu" verdienen, ohne in ungeliebten Jobs Abstriche von ihren persönlichen Trips machen zu müssen.
Der Lebensstil dieser Auswanderer in die nihilistische Boheme ist bestimmt, so Bedall, durch "eine Form von Zynismus und Distanzierung", durch eine "unmoralischere Beziehung zur Realität". Für sie gibt es Wichtigeres, als den Absurditäten der Weltlage auf den Leim zu kriechen.
In der extremen individuellen Stilisierung dieser Neo-Bohemiens feiert der Narzißmus Triumphe, der Spaß am Vorzeigen der eigenen Person, um die alles kreist. Wie im Dadaismus der zwanziger Jahre zeigt sich eine entschiedene Absage an eine verrückt wirkende Umwelt mit abstrusen Regeln und Normen, mit nivellierenden Geschmacksvorstellungen.
So scheint unter den vielen Revivals auch der Dadaismus eine Wiederauferstehung zu feiern, mit dem Künstler die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zu verarbeiten suchten. Spielerischer Wort-Nonsens und der Spaß am Bürgerschock, Provokation und Zynismus schufen damals einer verletzlichen Minderheit ein Ventil aus dem Grauen der Geschichte.
Graffiti in Berlin und München deuten auf die Dada-Renaissance: "Dada, dat lebt" oder "Dada ist da, da, und da auch" findet man im Szene-Dunstkreis an Wände gekritzelt, und Songtexte der neuen deutschen Welle - von Bands wie "Abwärts", "Palais Schaumburg" oder "the Wirtschaftswunder" - benutzen Sprache oft als scheinbar sinnloses Spielmaterial.
Allerdings ist der neuen Boheme die jüngste deutsche Rockmusik, die einer der wesentlichen Impulse für die Entwicklung der Szene war, schon wieder ein bißchen suspekt geworden. Nachdem sie ihre Sperrigkeit einbüßte, stromlinienförmig wurde und die Hitparaden eroberte, hat ihr der massenhafte Konsum auch den amtlichen Untergrund-Stempel, die Aura der Exklusivität genommen.
Die Sucht nach der Originalität des Ichs, nach seiner Pracht und Einzigartigkeit, führt zu ständig wilderen und verrückteren Verkleidungen, denn wenn zwei oder drei mit den gleichen schrägen S.249 Fummeln auf der Szene herumlaufen, ist die Einzigartigkeit schnell flöten.
Der Berliner Johnny analysiert die Mode-Lage: "Was heute bei uns 'in' ist, sieht man in einem Jahr in Paris, und im dritten Jahr kriegst du's bei 'Otto'."
So umkreisen flinke Vermarkter die Szene auf der Suche nach neuen Mode-Verkaufsideen, und einer von ihnen ist der Berliner Armin Andersch, ein ehemaliger Fernmeldetechniker (Insider-Spott: "Der Quelle-Mann der Szene"), der zwei Boutiquen und einen florierenden Versandhandel mit "Untergrund"-Klamotten und Zubehör betreibt.
In seinem Versandkatalog für "Teen-Age-Gangsters; Cool-Cats; Rockers; Boppers; Ted's; Teddy-Gals; Skins; Punks; Beatniks; Piraten; Oi's; Rebels; Old Friends ..." finden sich Mini-Röcke aus Vinyl ("starker Schnitt, der alles rausreißt"), Hundehalsbänder ("Das Brillantencollier für den Underdog"), "Bondage-Schuhe" ("unheimlicher Blickfang, nur für starke Nerven"), "Shocksocken" ("grellgrün + grellpink") oder "Crazy Colour - Haarfarben zum Selbstfärben".
Das Angebot schreit in den Szene-Spektralfarben: "Fire (schrillrot), Capri Blue (dunkelblau), Peacock Blue (türkis), Lime Green (dunkelgrün), Emerald Green (hellgrün), Cyclamen (dunkellila), Aubergine, Yellow (gelb), Pinkissimo (grellrosa)."
Die Anhänger des Schrillen haben den Begriff der Geschmacklosigkeit außer Kraft gesetzt, mit dem die kulturell abgesegnete Ästhetik operiert.
So gelten beispielsweise Plastik und Beton im Kultur-Kosmos der neuen Szene nicht als Erfindungen des Teufels, sondern als Materialien, die nun einmal in der Welt und durch bloße Beschwörungen a la "Jute statt Plastik" nicht aus ihr zu entfernen sind.
"Entweder du stehst dazu, wo du lebst, oder du verkriechst dich", sagt Frank Schauhoff, der mit seinem Neon-Laden "Blue Shell" der Kölner Subkultur ein cooles Wohnzimmer eingerichtet hat. "Künstler, Rocker, Asoziale und Beamte", so Schauhoff, begegnen sich überaus körpernah im hellen Blaulicht der Kneipe, weil die Überfüllung keinen Millimeter Bewegungsspielraum mehr hergibt.
"Wer hier für Grünflächen kämpft", poltert Schauhoff provozierend, "ist ein Idiot." Seinen In-Laden hat er mit amerikanischen Auto- und Flugzeugteilen dekoriert. Für die Stilisierung des Kneipenraums ließ er sich von belgischen Eisdielen und Cafe-Bars inspirieren. Über Video-Monitoren werden Musik-Auftritte präsentiert, und wenn David Bowie auf dem Bildschirm erscheint, hat der Szene-Guru ein Heimspiel.
Die Barrieren zwischen hoher und niederer Kultur, zwischen Kunst und Trivialität sind auf der neuen Boheme-Szene eingerissen. In den sechziger und siebziger Jahren bedurfte es noch kulturkritischer Etiketten wie "Pop-Art" oder "Camp", um das klammheimliche Vergnügen des kunstbeflissenen Publikums an Kitsch und Schmalz, an "Schund" und Comics zu legitimieren.
Die Szene der schrillen Künstlichkeiten schockiert nun die etablierte Kunstwelt und den Kulturbetrieb, falls er überhaupt einen Blick in die Subkultur riskiert, mit dem umweglosen Genuß an Trivialitäten wie Mickymaus und Abba, Caterina Valente oder Peter Kraus. Im Szene-Konsum hat avantgardistische Minimal Music von Phil Glass oder Steve Reich ihren Platz an der Seite von Wiener Operetten-Schmankerln, ohne daß einem dieser Genres ein höherer kultureller Wert beigemessen würde.
Wie sehr der Begriff des "guten Geschmacks" bei den Schrillen und Schrägen der neuen Boheme abgedankt hat, vermag das obszöne Bekenntnis einer jungen Berlinerin zu charakterisieren.
"Ich steh' schizomäßig auf Luis Trenker", sagt sie. Ihre Haarfarbe: Pinkissimo.

DER SPIEGEL 17/1982
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 17/1982
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„In meinem Film bin ich der Star“

Video 00:42

Überraschung beim Angeln Da ist was im Busch!

  • Video "Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!" Video 00:42
    Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!
  • Video "Mysteriöser Tod: Der Fall Kim Wall kompakt erklärt" Video 02:37
    Mysteriöser Tod: Der Fall Kim Wall kompakt erklärt
  • Video "Filmstarts der Woche: Charlize Theron als Atomblonde" Video 07:29
    Filmstarts der Woche: Charlize Theron als Atomblonde
  • Video "Videoanalyse zu Trumps Phoenix-Auftritt: Er rettet sich in den Schoß der Basis" Video 03:14
    Videoanalyse zu Trumps Phoenix-Auftritt: "Er rettet sich in den Schoß der Basis"
  • Video "Hochzeit läuft aus dem Ruder: Ramm-Duell im Autokorso" Video 00:48
    Hochzeit läuft aus dem Ruder: Ramm-Duell im Autokorso
  • Video "Taifun Hato: Hong Kong ruft höchste Alarmstufe aus" Video 00:53
    Taifun "Hato": Hong Kong ruft höchste Alarmstufe aus
  • Video "Die gespaltenen Staaten von Amerika: Der Spuk vom Bürgerkrieg" Video 03:27
    Die gespaltenen Staaten von Amerika: Der Spuk vom Bürgerkrieg
  • Video "Unerwarteter Return: Becker neuer Chef im deutschen Tennis" Video 02:36
    Unerwarteter Return: Becker neuer Chef im deutschen Tennis
  • Video "Tumulte bei Stadtratssitzung in Charlottesville: Ich kriege das nicht aus meinem Kopf" Video 02:03
    Tumulte bei Stadtratssitzung in Charlottesville: "Ich kriege das nicht aus meinem Kopf"
  • Video "Deutsch-Türken über Erdogans Wahleinmischung: Ist ja Quatsch!" Video 01:44
    Deutsch-Türken über Erdogans Wahleinmischung: "Ist ja Quatsch!"
  • Video "Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!" Video 00:42
    Überraschung beim Angeln: Da ist was im Busch!
  • Video "Hai schlägt Angler in die Flucht: Wir müssen von hier verschwinden" Video 00:55
    Hai schlägt Angler in die Flucht: "Wir müssen von hier verschwinden"
  • Video "Überwachungsvideo: Die Straße, das Erdloch und der Rollerfahrer" Video 00:30
    Überwachungsvideo: Die Straße, das Erdloch und der Rollerfahrer
  • Video "Extrem-Biker: Rückwärts auf dem Vorderrad den Hügel runter" Video 01:02
    Extrem-Biker: Rückwärts auf dem Vorderrad den Hügel runter
  • Video "Sonnenfinsternis in den USA: Von blau zu schwarz" Video 01:56
    Sonnenfinsternis in den USA: Von blau zu schwarz