05.07.1982

ARCHÄOLOGIEOpfer Im Schacht

Die Nachbildung eines der größten eiszeitlichen Höhlenkunstwerke, des „Saals der Stiere“ von Lascaux, ist erstmals in Deutschland zu sehen.
Die richtige Spürnase hatte gar nicht, wie die Legende will, der Terrier Robot. Vielmehr bemerkte der 17jährige Marcel Ravidat das Loch im Boden, das dann ein vorgeschichtliches Weltwunder preisgab.
Am 12. September 1940 war der Junge aus Montignac im südfranzösischen Perigord mit drei Freunden über einen Hang oberhalb des Flusses Vezere gestreift. Am Fuße einer entwurzelten Pinie stieß er auf einen engen Schacht.
Die Burschen warfen Steine hinein, um zu sehen, wie tief es da ging. Schließlich wurden sie dermaßen neugierig, daß sie die Öffnung erweiterten und den Abstieg wagten - sie rutschten in einen zum Heiligtum ausgeschmückten natürlichen Kuppelsaal.
Im Lichtkegel einer Taschenlampe sahen erstmals nach 17 Jahrtausenden wieder Menschen jene magisch anmutenden abstrakten Zeichen und urtümlich lebensprallen Auerochsen, Pferde und Hirsche, Rentiere, Wildkatzen, Steinböcke, Bären und Nashörner, die eiszeitliche Jäger im Schein von Talglämpchen mit düster glühenden Erdfarben auf helle Kalkwände gemalt hatten: So, schildert es nun die Paläontologin Arlette Leroi-Gourhan, wurde die Höhle von Lascaux entdeckt.
Nur für anderthalb Jahrzehnte blieben die größten bisher bekannten Bildfriese prähistorischer Kunst, insgesamt 1500 Ritzzeichnungen und 600 Gemälde, frei zugänglich. Weil Feuchtigkeit aus der Atemluft der Schaulustigen, mitunter mehr als tausend pro Tag, und eingeschleppte Mikroben die archaisch-mythischen Gemälde zu zerstören begannen, mußte Lascaux 1963 geschlossen werden.
Zutritt erhielten seither nur wenige Wissenschaftler. Wichtige Ergebnisse ihrer Arbeit aber werden jetzt publik.
Über die archäologische Erforschung dieses Museums der späten Altsteinzeit berichtet Arlette Leroi-Gourhan in der jüngsten Ausgabe des "Scientific American". Und seit Freitag letzter Woche ist eine bis in jede Felsschrunde und jede Farbnuance getreue Kopie des "Saals der Stiere" von Lascaux, die vordem erst einmal in Paris zu sehen war, bis zum Oktober in Hildesheim ausgestellt.
Diese bislang einzigartige Nachbildung eines monumentalen, doch von Touristenströmen bedrohten Kulturdenkmals, meint Dr. Arne Eggebrecht, Direktor des Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museums, sollte Schule machen: "Die ägyptischen Königsgräber zum Beispiel werden dieses Jahrhundert nicht überdauern."
Die Gefahr für die empfindlichen Wandbilder von Lascaux war nicht einmal gebannt, als die Besucher ausgesperrt wurden. Von Kohlendioxid angesäuertes Kondenswasser löste die Farben. Als "weiße" und "grüne Krankheit" breiteten sich Schimmelflecken und Algenkolonien aus; sogar Moose und Farne sprossen unter der künstlichen Beleuchtung.
Zehn Jahre brauchte eine Sonderkommission, die schädliche Flora mit Antibiotika und Formalin auszurotten und das ursprüngliche Klima der 1778 Kubikmeter umfassenden Gänge und Klüfte mit Luftfiltern und Kühlaggregaten wiederherzustellen. Wenigstens von der Haupthalle dieser bestgehüteten Schatzkammer der Menschheitsgeschichte wollte jedoch die Leiterin des Forschungslabors der Musees de France, Magdeleine Hours, der Öffentlichkeit einen realistischen Eindruck vermitteln.
Bereits 1966 hatte das französische Geographische Nationalinstitut das rund 100 Meter lange verzweigte Höhlensystem mit Stereokameras aufgenommen und photogrammetrisch vermessen. Nach den Daten baute nun eine auf Bühnenbilder spezialisierte Firma eine Kulisse des "Saals der Stiere" in originaler Größe mit allen Einzelheiten des Wandreliefs. Die aus 25 Elementen zusammengesetzte Hohlplastik aus glasfaserverstärktem Kunstharz ist 15, 5 Meter lang, neun Meter breit und fünf Meter hoch.
Im Februar 1980 erhielten noch einmal Spezialisten für jeweils zwei Stunden pro Acht-Stunden-Schicht Zugang zur Höhle, um die Malereien eigens für die Rekonstruktion zu photographieren. Doch dann schien das Projekt zu scheitern - mit herkömmlichen Verfahren hätte sich auf den unebenen Kulissenflächen nur ein lückenhaftes, verzerrtes S.141 und stellenweise unscharfes Farbphoto-Mosaik zusammenstücken lassen.
Die Lösung fanden Georges Phlipot und seine Mitarbeiter von der französischen Tochter des Kodak-Konzerns: eine Art von Abziehbildern höchster Qualität. Die Experten aus Vincennes fertigten Ektacolor-Abzüge im Maßstab eins zu eins und zerlegten sie nach einem ausgeklügelten Raster in rund 200 Puzzlestücke vom Format 60 mal 80 Zentimeter. Die Photo-Oberfläche behandelte das Phlipot-Team so, daß sie sich von der Trägerschicht ablösen ließ.
Der nur wenige Mikrometer dicke Gelatinefilm haftete gut auf der mit Sand aufgerauhten Wand der Höhlenkulisse. Paßgenau schmiegte er sich in die Riefen und sogar über zehn Zentimeter hohe Buckel, ohne sich an den Kanten zu verziehen oder etwas von seiner Farbintensität zu verlieren.
Derart sorgsam hatten die Archäologen am Original lange nicht gearbeitet. Geradezu als "Hauptübel" bezeichnete es noch vor einem Jahrzehnt der Anthropologe Andre Leroi-Gourhan in seiner Monographie der eiszeitlichen Kunstwerke (SPIEGEL 14/1972), "daß prähistorische Fundorte heute wie früher von Leuten ausgegraben werden, denen sowohl die Erfahrung als auch die nötige Ausrüstung fehlt und deren prähistorische Forschungen eher den Anschein einer exklusiven Sportart erwecken als einer Wissenschaft".
Zwar hatten Gelehrte die Höhle von Lascaux gleich nach Eröffnung als "Sixtinische Kapelle der Prähistorie" gefeiert. Aber sie spekulierten lieber über Jagdzauber und die Ursprünge menschlichen Kunstschaffens, als methodisch zu untersuchen, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen diese symbolischen und figürlichen Darstellungen - die bedeutendsten neben denen von Altamira in Nordspanien - entstanden waren.
Allerdings, berichtet jetzt Leroi-Gourhans Frau Arlette, Direktorin eines Labors am Pariser Musee de l'Homme, gab es in Lascaux kaum archäologische Rätsel. Wie sich aus den Spuren menschlicher Aktivitäten und an eingewehten Blütenpollen erkennen läßt, war das Kavernensystem auch gegen Ende der Eiszeit nur kurz zugänglich, die Öffnung nach außen wohl nach wenigen Jahrhunderten wieder verschüttet.
Nach neueren Befunden hatten die eiszeitlichen Jäger die Höhle nie bewohnt, sondern offenbar nur zum Zeichnen und Malen aufgesucht - und zu religiösen Riten: Eine bemerkenswert große Ansammlung von Artefakten (darunter eine sorgfältig bearbeitete Sandstein-Lampe, eine als Anhänger durchbohrte und mit Ocker rotgefärbte Seemuschel, 14 knöcherne Speerspitzen und acht Brocken von Farbmineralen) lagen im sogenannten Schacht, als wäre dieser tiefe Höhlenbereich wie ein Opferbrunnen benutzt worden.
Die verkohlten Dochte der Lampen, meist unbehauene Steinmulden, erlaubten die Datierung nach der Radiokohlenstoff-Methode. Rund 15 000 Jahre vor der Zeitenwende müssen die prähistorischen Künstler trockene Flechten, Moose und zerfaserte Wacholderzweige in Fett getaucht und entzündet haben, um ihr unterirdisches Atelier zu erhellen.
Brigitte und Gilles Delluc vom Musee des Eyzies haben diese Beleuchtung erprobt. Ein 50 Gramm schweres Klümpchen Talg brannte rauchlos eine Stunde lang und gab soviel Licht wie eine moderne Haushaltskerze.
Zum Zeichnen verwendeten die Eiszeitjäger Feuersteinstichel, von denen viele mit gleichermaßen abgeschabten Spitzen zutage kamen. Zum Malen zerrieben sie weiße Porzellanerde, gelbe, braune und rötliche Tone, grauschwarze Manganoxide und Holzkohle; Steine mit Farbresten, die wohl als Mörser und Paletten dienten, sind in Lascaux ebenfalls entdeckt worden.
Institute in Paris, Grenoble und den USA haben herausgefunden, daß die Minerale nur mit dem stark kalkhaltigen Höhlenwasser angerührt werden mußten, um an den feuchten Wänden zu haften und Jahrtausende zu überdauern.
Beim Präparieren der Pigmente wandten die nomadisierenden Künstler jedoch raffinierte Verfahren an - so müssen sie in einem Falle tierische Knochenasche zusammen mit Kalzit bei etwa 1000 Grad gebrannt haben, den Ocker banden sie mit Ton, und ein bestimmtes Weiß gewannen sie durch Mischen von Kaolin, Kalzit- und Quarzpulver.
Im "Saal der Stiere" werden die Maler Bäume als Leitern an die Wand gelehnt haben, um die hohen Kalksteinflächen zu erreichen. Im davon abzweigenden Seitengang aber errichteten sie eigens ein Gerüst. Zwei Meter über dem Boden sind dort beidseits Löcher in den Fels geschlagen, in denen offenbar dicke Äste mit Tonpackungen verankert waren.
So unermüdlich haben die Höhlenkünstler gearbeitet, daß sie sich ihre Mahlzeiten auf die Plattform reichen ließen: Unten waren Knochen verstreut.
Dieser Fund, erklärt Arlette Leroi-Gourhan, lasse Vorsicht bei jenen Hypothesen angezeigt scheinen, die prähistorische Kunst als magisches Beutebannen deuten. Denn beim Essen hatten die Jäger der ausgehenden Altsteinzeit eine Vorliebe für junges Ren; doch ausgerechnet diese Tierart haben sie nur einmal in Lascaux dargestellt.

DER SPIEGEL 27/1982
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