23.08.1982

„Ja, wenn wir ein Saftladen wären“

SPIEGEL-Redakteur Michael Schmidt-Klingenberg über die Schließung der Neff-Werke im badischen Bretten
Heinz Kneißler, 63, Geschäftsführer der Carl Neff GmbH in Bretten, wußte nur noch, daß er der Belegschaft jetzt "etwas ganz Schlimmes" sagen mußte. "Ich hatte einfach abgeschaltet", erinnert er sich an die Betriebsversammlung im Werk II, "und dann bin ich den Gang in der Mitte durch die Reihen gegangen."
Mit Absicht hatte Kneißler den Weg außen um die Versammelten herum zum Rednerpult gemieden. Die Belegschaft sollte nicht denken, daß er jetzt etwa vor ihr in Deckung gehen würde.
Vorn am Rednerpult verkündete der Geschäftsführer, was sich ohnedies längst rumgesprochen hatte: Die Herdfabrik, eine Tochtergesellschaft der AEG mit 1950 Beschäftigten, mußte, exakt um 14.05 Uhr am Dienstag vergangener Woche, beim Amtsgericht in Bruchsal Liquidationsvergleich anmelden. Schon am Donnerstag sollten die 1154 Arbeitnehmer aus der Produktion zu Hause bleiben.
Das heißt zwar offiziell "Kurzarbeit", doch die Betroffenen wissen, daß die AEG in Wahrheit ihr Werk stillegen will. Nur der Name Neff soll noch übrigbleiben, und vielleicht 200 Arbeitsplätze für den Vertrieb. Rund 1750 Neff-Werker sind dann ohne Arbeit.
Kneißler hat nur einen schwachen Trost für seine Leute: "Vielleicht können wir auf ein Wunder hoffen." Da gibt es zum erstenmal ein paar Pfiffe, die sich der Chef - eine Autoritätsperson vom Schlag ergrauter Werkmeister - schnell verbittet. Es herrscht wieder bedrücktes Schweigen. Die meisten Mitarbeiter können sich noch gar nicht recht vorstellen, was da auf sie zukommt.
Auch der Chef selbst konnte bis vor zwei Wochen überhaupt nicht glauben, daß es so weit kommen würde. Die Neff-Werke arbeiteten angeblich ohne Verluste, die Marke galt "als Mercedes unter den Herden", auf einigen Auslandsmärkten wuchs der Umsatz noch immer beachtlich.
Natürlich gibt es zu viele Fabriken für Haushaltsgeräte, klar daß der Boom für "weiße Ware", wie Kühlschränke oder Waschmaschinen im Jargon genannt werden, schon seit Jahren vorbei ist. Aber warum sollte ausgerechnet ein gesundes Unternehmen wie Neff nun daran glauben müssen? Das leuchtet keinem in Bretten ein, von der Chefsekretärin ("Ja, wenn wir ein Saftladen wären!") bis zum Pförtner ("Wir haben doch kein altes Glump hier").
Daß es im AEG-Konzern noch kostengünstiger arbeitende Fabriken für Haushaltsmaschinen gibt, daß nur die übrigbleiben sollen - den Brettenern S.28 wird dies nicht verständlich zu machen sein.
Bis zur vergangenen Woche hatten die Neff-Werker nie so recht zur Kenntnis nehmen wollen, daß sie schon lange nur noch ein winziges Rädchen im knirschenden AEG-Konzern waren. Konzern-Chef Heinz Dürr, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende Wilhelm Niedermaier, beklagte sich bei ihm, daß er im Neff-Geschäftsbericht nirgendwo den Namen AEG gefunden habe. "Wir haben uns eben nie", meint Niedermaier, "als AEG gefühlt."
In Wirklichkeit war Neff schon seit 1969 nicht mehr das stolze, unabhängige Familienunternehmen von einst. Aus dem bescheidenen Handwerksbetrieb des Schlossermeisters Carl Neff, gegründet 1877, hatte der Enkel Alfred nach dem Zweiten Weltkrieg eine renommierte Herdfabrik mit zeitweilig 4000 Mitarbeitern gemacht. Doch mit dem Kauf eines hoffnungslos veralteten Konkurrenzbetriebs, Junker & Ruh in Karlsruhe, übernahm sich der dynamische Fabrikant. Die erste Nachkriegsrezession tat ein übriges. Neff war kurz vor dem Bankrott, die AEG kam als Retter.
Aber das wurde in Bretten schnell verdrängt, als es bald darauf wieder aufwärtsging. Die AEG-Zentrale und Frankfurt sind weit, wenn man in dem abgeschiedenen badischen Städtchen Bretten zu Hause ist, zwischen Weinbergen und idyllischen Hügeln.
Die Fachwerkhäuser am Marktplatz sind sauber herausgeputzt, die Altstadt dahinter ist mit einer Umgehungsstraße einmal kräftig durchsaniert, ein neues Rathaus für 2,8 Millionen Mark zeugt vom Wohlstand der Gemeinde. Das Schild an der Conditorei Gauss am Markt scheint gänzlich unnötig: "Gäste ohne Hemd und Schuhe nicht erwünscht".
Solche Menschen verirren sich ohnehin nicht nach Bretten. Die Einwohner nehmen es auch nicht weiter übel, daß man ihre Heimatstadt kaum kennt. Wenn sie im Urlaub Bekanntschaften schließen, sagen sie schlicht: "Wir sind aus dem Kreis Karlsruhe." Nur der lokale Einzelhandel macht Propaganda mit dem trotzigen Aufkleber: "Gewußt wo: Bretten - na klar, wo sonst?"
Nun, scheint es, wird der Bekanntheitsgrad von Bretten auf unliebsame Weise wachsen. "Wenn Neff jetzt zusperren muß", fürchtet Kurt Neubold, seit 1945 im Werk und seit zehn Jahren Betriebsrat, "dann kann der Oberbürgermeister Bretten sicherlich ins Buch der Rekorde eintragen lassen." Dann hätte das Städtchen wohl die höchste Arbeitslosenquote der Bundesrepublik. Die Dauerarbeitslosigkeit, so hat die Industrie- und Handelskammer Karlsruhe dem OB in einem Gutachten schon attestiert, könnte "von heute 4,4 Prozent bis auf 20 Prozent steigen".
Diese Schätzung ist noch ziemlich optimistisch. Von den 8300 Arbeitsplätzen am Ort stellte Neff bisher rund 2000, ein Viertel. Doch wenn Neff am Ende ist, müssen auch Zulieferfirmen in der näheren Umgebung Leute entlassen.
Das ging schon vergangene Woche los. Die Druckerei, die Gebrauchsanweisungen für die Elektrogeräte herstellt, kündigte fünf Beschäftigten. Der Glaser Bischoff, der Scheiben für die Herde liefert, rechnet mit 30 bis 35 Entlassungen. Josef Mellert, in dessen Kunststoff-Fabrik die Schalterknöpfe gemacht werden, avisierte seinem Betriebsrat Kündigungen.
Womöglich macht eine Neff-Pleite auch noch den beiden anderen Großbetrieben in Brettens Nähe schwer zu schaffen, der Firma E.G.O. mit 3700 und der Firma Blanco mit 1200 Arbeitnehmern. Die beiden Unternehmen liefern Teile wie etwa Kochplatten an Neff. Und sie haben zu allem Unglück auch noch enge Geschäftsbeziehungen zu anderen AEG-Hausgerätefirmen.
Die Auswirkungen des AEG-Vergleichs und der Zwangs-Schrumpfung sind an keinem anderen Standort des Konzerns so kraß wie in der Brettener Gegend. "Dies ist die reinste Katastrophe", beteuert OB Alfred Leicht nur immer wieder in seinem großzügig auf Zuwachs angelegten Rathaus-Neubau, "wir werden Notstandsgebiet." Um die Arbeitsplätze zu erhalten, würde er sich "mit dem Teufel verbünden".
Bisher jedoch haben beim Bürgermeister weder der Gottseibeiuns noch andere Interessenten für die bedrohte Kochgeräte-Produktion vorgesprochen. Und auch der Ministerpräsident Lothar Späth, den eine zwölfköpfige Brettener Delegation um Beistand anging, versprach die Hilfe des Landes "nur bei einem schlüssigen Konzept".
Fast jede Familie unter den 23 000 Einwohnern hätte nach dem Ende von Neff einen Arbeitslosen in der Verwandtschaft. Oft schafften sogar mehrere Familienmitglieder in der Herdfabrik. Am Stadtrand und in den Nachbardörfern stehen die schmucken, im Vertrauen auf eine sichere Zukunft gebauten Häusle, die leider oft noch lange nicht abbezahlt sind. Bitter sagt einer der Besitzer: "Mir könne schließlich net zur Bank gehe und Vergleich anmelden."
Nur langsam sickert den Brettenern ins Bewußtsein, daß hier "seit Dienstag, 14.00 Uhr, die Welt anders läuft" - wie der Direktor Kneißler so schön sagt. Als erste haben das anscheinend die 40 Jungen und Mädchen in der Lehrwerkstätte gemerkt. Wenn Neff zumacht, haben sie selbst in entfernteren Orten wie Bruchsal oder Karlsruhe kaum Chancen auf einen neuen Ausbildungsjob.
Einen Tag nach dem Vergleichsantrag der Neff-Werke schlängeln sie sich in einer Klein-Demonstration zwischen den Fließbändern der Herdproduktion durch. "Jugendlich ohne Stelle", so ihr holpriger Demo-Reim, "das macht der Dürr so auf die schnelle." Die Kollegen an den Bändern, zu zwei Dritteln Ungelernte mit dürftigen Aussichten auf andere Arbeitsplätze, staunen noch oder lachen verlegen. So etwas haben sie hier im Werk noch nicht gesehen.
Ende der Woche, als das regionale Radioprogramm die Brettener zu einer Live-Sendung auf den Marktplatz bittet, sind die sonst so ruhigen Badenser schon nicht mehr so zurückhaltend. Wenn nur das Wort AEG durch den Lautsprecher kommt, stöhnt die Menge wütend auf. In Bretten spricht man seit voriger Woche nur noch von der "AEG-Mafia".
An einem Baugerüst hängt ein Mann aus Pappe, eine weiße Schlinge um den Hals und auf dem Bauch die erklärende Aufschrift: "Dürr - AEG".

DER SPIEGEL 34/1982
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