23.08.1982

ÖLSTAATENOhne Wind

Fast alle Öl-Förderstaaten haben sich finanziell übernommen. Mexiko war vorige Woche so gut wie zahlungsunfähig.
Die Manager der mexikanischen Ölgesellschaft Petroleos Mexicanos (Pemex) wollten sich selbst ein Denkmal setzen. Mindestens 150 Millionen Dollar mußte das Wahrzeichen kosten.
Ein neuer Verwaltungspalast im Herzen von Mexiko City, das größte moderne Bauwerk ganz Lateinamerikas, sollte, zum Stolz der Nation, vom Ölreichtum des Landes künden.
Aus dem ehrgeizigen Vorhaben wird vorerst nichts. Der Rohbau, gerade eben hochgezogen, verkommt im Smog der Hauptstadt: Die Ölgesellschaft hat kein Geld mehr für den Weiterbau.
Die Pemex-Investitionsruine wurde für die Mexikaner zum tristen Symbol. Verflogen sind die Träume vom raschen Wohlstand mit immer reichlicher fließenden Petrodollar. Letzte Woche wurde offenbar: Mexiko, der Welt viertgrößter Ölproduzent, ist international so gut wie zahlungsunfähig.
Mexikos Staatspräsident Jose Lopez Portillo verzichtete auf alle sonst in solchen Fällen üblichen blumigen Umschreibungen. Den "Konkurs abwenden", verkündete Lopez Portillo, könne er nur mit einem Bündel von Notstandsmaßnahmen - von der Peso-Abwertung um 30 Prozent bis zu rabiaten Devisen- und Importkontrollen.
Allzu sehr vertrauten die Mexikaner darauf, der Durst der Industriestaaten nach dem Rohstoff Öl werde unstillbar weiter wachsen und der Strom der Öleinnahmen immer mehr anschwellen. Das Gegenteil trat ein.
An Mexiko zeigt sich besonders kraß, was für viele andere Ölstaaten auch gilt: Die Regierenden gewöhnten sich viel zu schnell ans Geldausgeben. Kräftig haben die Verbraucherstaaten ihren Ölbedarf gedrosselt, die Zeiten des ungebremsten Petrobooms sind dahin. Die Ölpotentaten müssen erkennen, daß sie sich übernommen haben.
Unbekümmert hatten vor allem die Mexikaner auf eine Zukunft des unbegrenzten Öl-Wohlstands gebaut. Nach dem ersten Ölschock von 1973/74, der die Preise in ungeahnte Höhen trieb, ging es ihnen beim Geldeinnehmen noch nicht schnell genug.
Weil sie im Eiltempo ihr Land über die Schwelle vom Entwicklungs- zum Industrieland führen wollten, borgten sich die Mexikaner immer höhere Milliarden-Beträge bei ausländischen Banken hinzu. Angesichts des Ölreichtums in dem mittelamerikanischen Staat avancierten Mexikos Regierung, Staatsfirmen und Privatunternehmer zu hochwillkommenen Kunden vor allem amerikanischer Banken. Das Risiko schien den gewieften Geldmanagern in New York und anderswo gering.
Innerhalb weniger Jahre vervierfachten die Mexikaner ihre Schulden im Ausland. Heute ist Mexiko mit über 80 Milliarden gepumpter Dollar der größte Schuldner der Welt.
Mit dem Schuldenturm wuchsen die Lasten, die Mexiko für Zinsen und Rückzahlung zu tragen hat. Das ging solange gut, wie die Einnahmen aus dem Petroleum-Export zunahmen.
Doch unerwartet kam die Wende. In seinem Haushaltsplan für 1982 hatte Finanzminister Jesus Silva Herzog noch 27 Milliarden Dollar Devisenerlöse aus dem Petroexport eingerechnet. Dann mußte er die Zahlen immer schneller nach unten revidieren. Zuletzt hatte sich Silva Herzogs Öleinnahmenrechnung auf nur noch die Hälfte reduziert. Die Ausgaben dagegen konnte der Finanzminister nicht im gleichen Tempo kappen.
Wie schon so oft in den letzten Jahren, bei Polen etwa, bei Argentinien, der Türkei oder Zaire - den Gläubigern blieb gar keine Wahl: Hektisch zimmerten die internationalen Banker, die Chefs der Zentralbanken aus den Industriestaaten und die Geldmanager vom Internationalen Währungsfonds (IWF) an einer Multi-Milliarden-Rettungsaktion für das Pleiteland. Denn nur so ließ sich ein Zusammenbruch des ohnehin krisenanfälligen internationalen Finanzsystems mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft verhindern.
Für die Mexikaner ist der Finanzkollaps verhängnisvoll genug. Ölgelder und Kredite hatten es den Entwicklungsstrategen des Landes ermöglicht, in den letzten vier Jahren trotz weltweiter Flaute ein stattliches Wirtschaftswachstum von jährlich acht Prozent und darüber zu finanzieren. Das rasche Waschstum brachte dringend benötigte neue Arbeitsplätze - zwischen drei und vier Millionen.
Weil die Regierung nun zur Sanierung der Staatsfinanzen rigoros die Ausgaben streichen muß, gehen Hunderttausende von Arbeitsplätzen verloren. In Mexico City beispielsweise wird nicht einmal mehr eine neue U-Bahn-Strecke gebaut, die einen Vorort mit zwei Millionen Einwohnern mit dem Stadtzentrum verbinden sollte. Bis zum Jahresende, fürchten Experten, müssen eine Million Arbeiter entlassen werden, jede siebte Firma könnte pleite gehen.
Das mexikanische Desaster ist für die Regierenden in vielen der neureichen Ölstaaten drastisches Exempel dafür, wie schnell der Petrowohlstand zerrinnen kann, in welche gefährliche Abhängigkeit sie geraten sind.
Nigerias Präsident Shehu Shagari, seit 1979 an der Macht, versuchte die tiefverwurzelten Rivalitäten zwischen den verfeindeten Stämmen seines Landes mit wirtschaftlichen Wohltaten zu verkleistern. Die Regierung in der Hauptstadt Lagos versprach Milliarden für Wohnungen, Straßen, Kanalisationsanlagen, Stahl- und Konservenfabriken. Viele der ehrgeizigen Entwicklungsprojekte scheitern jetzt wohl an den leeren Kassen.
Schon heute gilt die neue Nigeria-Hauptstadt Abuja, die Shagari für 15 Milliarden Dollar in der Wildnis erstehen lassen wollte, als der größte "white elephant" Afrikas - ein weißer Elefant, eine Investitionsruine. Wie eisern Nigeria S.111 sparen muß, bekamen selbst sonst hochprivilegierte Minister und Beamte zu spüren: Dienstwagen dürfen sie nur noch beschränkt benutzen, Reisen ins Ausland und sogar Telephonate über die Grenzen hinweg müssen genehmigt werden. Die Nigerianer, in den letzten Jahren zu Großkunden der Industriestaaten aufgestiegen, kaufen derzeit ein Drittel weniger als in den Boomjahren im Ausland. Nur so wendeten sie die Zahlungsunfähigkeit ab.
Außer Saudi-Arabien kann sich kein Ölland mehr sorglose Einkäufe im Ausland leisten. Indonesien etwa registrierte erstmals seit fünf fetten Jahren wieder ein Minus in der Zahlungsbilanz.
Nach Schätzungen wird die zusammengefaßte Leistungsbilanz der 13 Opec-Staaten in diesem Jahr mit einem Defizit von zwei Milliarden Dollar abschließen. 1981 verbuchten sie noch 58 Milliarden Dollar Überschuß.
Selbst Ländern wie dem bevölkerungsarmen Libyen fällt es schon schwer, pünktlich seine Einfuhrrechnungen zu begleichen. Spanische Exporteure warten seit Monaten vergebens auf die Bezahlung ihrer Libyen-Rechnungen. Die Zentralbank in Madrid stoppte daher im letzten Monat alle Überweisungen nach Tripolis. Im Ostblock bat Oberst Gaddafi um Aufschub für die Bezahlung gelieferter Rüstungsgüter. Der Handel mit den Osteuropäern läuft nur noch als Tauschgeschäft.
Sogar Kuweit, nach dem Pro-Kopf-Einkommen noch immer als reichstes Land der Welt eingestuft, muß finanziell zurückstecken. Zwar brauchen die Kuweitis an ihrem Wohlfahrtsstaat - der keine Steuern kennt, kostenlose Gesundheitsfürsorge und Bildung bietet - nicht zu rütteln. Doch die bislang hohen Subventionen für Benzin, Strom, Wasser und Post konnte sich das Scheichtum nicht mehr leisten: Die Preise wurden kräftig hochgeschraubt.
Und was einst in den Industriestaaten das Ende der Ölzeit ankündigte, wurde ausgerechnet im Petrostaat Venezuela nun zur Wirklichkeit: An Sonntagen müssen, um den aus der Staatskasse subventionierten Sprit zu sparen, die Tankstellen schließen; wechselndes Fahrverbot gibt es für Autos je nach Kennzeichen.
Daß der gerade erst erworbene Öl-Reichtum der Förderländer wieder gefährdet ist, kommt manchem politischen Strategen in den Industriestaaten durchaus nicht ungelegen. Im Fall Mexiko, das sich mit seinen Petro-Milliarden etwas unabhängiger vom nördlichen Nachbarn machen wollte, geht es gegenwärtig nicht nur um unvollendete Investitionen wie die Pemex-Ruine in Mexiko City.
"Ohne Wind in den Segeln", analysierte bereits das Washingtoner Außenministerium in einer vertraulichen Studie, "wird Mexiko weniger waghalsig in seiner Außenpolitik sein und weniger kritisch uns gegenüber."

DER SPIEGEL 34/1982
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