12.07.1982

10 000 Dollar für ein Baby aus Kolumbien

Das „kleine Schwarze“ ist große Mode: Tausende kinderlose Ehepaare in Deutschland, Holland und Schweden kaufen sich Kinder in Asien oder Lateinamerika. Holländische Agenturen machen das große Geschäft mit organisierten Baby-Touren auf der Tropeninsel Sri Lanka, Adoption im Schnellverfahren wird garantiert.
Isabel Penafort Castro aus Mexiko Stadt packt ihre vier Wochen alte Tochter Karla ein und fährt sie in die Klinik, eine reine Routineuntersuchung. Da sitzt vor dem Krankenhaus eine fremde Frau und windet sich in Schmerzen, bleich und aufgeregt stammelt sie: "Helfen Sie mir, rufen Sie meinen Mann an, er soll mich sofort abholen." Isabel läßt die Tasche mit dem Baby stehen und läuft zum Telephon. Als sie Minuten später zurückkommt, ist die Unbekannte verschwunden - mitsamt ihrem Baby.
Als der kolumbianische Landarbeiter Jorge Ramirez nachts in seine Hütte zurückkommt, sieht er, daß zwei seiner sieben Kinder fehlen. Ein gutgekleideter Mann aus der Hauptstadt hatte seiner Schwägerin 600 Dollar in die Hand gedrückt, hatte Jose Daniel, 8, und Maria Helena, 7, in sein großes Auto gesetzt und war mit ihnen davongebraust.
Sumanawathie, eine junge Ceylonesin, hat Angst. Sie steht vor der Geburt ihres ersten Kindes, und sie weiß nicht, wie sie als alleinstehende Mutter in der strengen singhalesischen Gesellschaft leben soll. Doch der Krankenpfleger flüstert ihr etwas ins Ohr. Tage später verläßt Sumanawathie die Klinik mit 1000 Rupien (120 Mark) in der Hand, ohne ihr Neugeborenes: Das hat der Pfleger an einen Babyhändler weitergegeben - zur Vermittlung an Adoptiveltern in der Bundesrepublik, Holland oder Schweden.
Kinder sind in der Dritten Welt ein Geschäft geworden. "Von Manila bis Madras", so das in Hongkong erscheinende Magazin "Asiaweek", "sind sie eine blühende Multimillionen-Dollar-Exportindustrie." Ein Baby, das für 50 Dollar in Bangkok verkauft wird, kann in New York bis zu 15 000 Dollar bringen. Umschlagplatz für Kinderware ist die nordmexikanische Grenzstadt Tijuana ebenso wie das philippinische Prostituiertenviertel Angeles, gleich neben der "Clark Air Force Base" der USA.
Der Handel kennt, anders als der Drogenmarkt, keine Nachschubsorgen, denn Kinder gibt es massenhaft in den Entwicklungsländern. 50 000 "criancas de ninguem", verlassene Kinder, nach denen keiner mehr fragt, sitzen allein in den Waisenhäusern der brasilianischen Riesenstadt Sao Paulo. Die "gamines" in Bogota schließen sich zu Kinderbanden zusammen, schlafen im Rinnstein der Straßen, ernähren sich von Abfall, betteln oder stehlen.
In Indien streunen weit über eine Million Kinder heimatlos umher, "man sieht, wie die so vor die Hunde gehen", sagt ein Entwicklungshelfer. Die Eltern sind oft selbst noch Kinder, zu jung oder zu arm, den Nachwuchs zu ernähren. "In 70 Prozent der Fälle setzen Vater oder Mutter ihr Kind aus, weil sie nichts zum Beißen haben", weiß die brasilianische Präsidentin der Kinderschutz-Bewegung in Sao Paulo, Lia Junqueira.
Kein Wunder, daß die Baby-Connection weltweit blüht und Kinderverkäufer und Kidnapper überall dort, wo Armut herrscht, in immer neuen Variationen zu Werke gehen. Die Polizei erzielt nur Zufallstreffer: S.37
* In Kolumbien hoben Polizisten im Juli 1981 den ersten großen südamerikanischen Kinderschmuggelring aus, weil der Landarbeiter Jorge Ramirez sie auf die Spur brachte: Über 500 Kleinkinder hatte der angesehene Rechtsanwalt Roberto Vasquez Morales nach Europa und in die USA verkauft. Kopfpreis: 10 000 Dollar.
* In Lima faßte die peruanische Polizei vor einigen Wochen eine ebenso gut organisierte Bande, die 630 peruanische Kinder zum Preis von je drei Millionen Sol (6000 Dollar) nach Westeuropa, auch in die Bundesrepublik verkauft hat. Der Deal wurde in Luxushotels abgewickelt.
* In Norditalien flog ein Anwalt als Babymakler auf, weil zwei der von ihm gehandelten ekuadorianischen Kinder von ihren italienischen Pflegeeltern mißhandelt wurden.
* Die taiwanesischen Behörden verhafteten Anfang Mai 25 Chinesen, die geraubte Taiwan-Babys nach Westeuropa, Australien und die USA verschoben haben sollen.
* Die Leiterin einer spanischen Entbindungsklinik auf Gran Canaria, Gloria Rosales, erklärte ihren Wöchnerinnen, etliche Kinder seien tot geboren - die Säuglinge lebten aber und wurden verkauft.
Das Geschäft der Babyhändler und -makler richtet sich nach dem Angebot, aber auch der Nachfrage. Und die ist in den reichen Industrieländern besonders groß, da nach dem Babyboom der sechziger Jahre viele Kinderzimmer der siebziger leer blieben. Aufklärung und moderne Empfängnisverhütung hatten den Nebeneffekt, daß kaum noch unerwünschter Nachwuchs die Heime füllt, in denen sich früher Adoptiveltern nach Kindern umsahen.
So bewerben sich derzeit in der Bundesrepublik jedes Jahr fast 20 000 Ehepaare um nur 10 000 zur Adoption freigegebene Kinder. "Da kommen viele einfach nicht zum Zuge", weiß Rolf Bach von der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle (GZA) in Hamburg. Und wenn es mit dem Mitteleuropäer-Baby eben nicht klappt, was ist naheliegender als ein "niedliches kleines Schwarzes"?
Die "Exotenkinder", die man früher höchstens auf dem Arm heimkehrender Entwicklungshelfer sah, sind in nördlichen Breiten Mode geworden. "Hier herrscht seit fünf Jahren eine richtige Adoptionswut", sagt auch Peter Eisenblätter, Leiter der Auslandsadoptionsstelle des Kinderhilfswerks "Terre des Hommes" in Osnabrück.
Ausländeradoption trotz zunehmender Ausländerfeindlichkeit in Deutschland? Es sind meist Eltern aus den sogenannten besseren Kreisen, die sich liberal S.39 und weltoffen geben und auch das dunkelhäutige Kind nicht scheuen. Was hat schon ein mandeläugiges Püppchen im Babykorb mit dem ungeliebten Türken vom Bau oder dem Asylanten von nebenan zu tun?
Von den vielen Wickelkindern aus der Dritten Welt, die heute in Hamburg oder Frankfurt mit ihren deutschen Adoptiveltern leben, ist freilich nur der kleinste Teil offiziell, das heißt über die staatlich anerkannten Adoptionsvermittlungen wie Terre des Hommes, den Internationalen Sozialdienst (ISD) in Frankfurt oder Pro Infante in Kempen im Rheinland gekommen.
Denn dort ist das Auswahlverfahren von Adoptiveltern nach deutscher Art gründlich, streng und "unheimlich langwierig", so eine Mutter im Wartestand. "Das kann Ehepaaren schon an die Nerven gehen, wenn sie über Intimstes Auskunft geben müssen", räumt Bach von der GZA ein.
Für Terre des Hommes ist die Süd-Nord-Adoption ohnehin nur eine Notlösung - nämlich, wenn dem Kleinkind in seiner Heimat nicht mehr geholfen werden kann und eine Adoption im Lande wegen sozialer oder religiöser Tabus kaum möglich ist. Im Vordergrund steht immer die Entwicklungshilfe im Lande. "Wir würden niemals Kinder aus der Dritten Welt holen, nur weil hier die Eltern danach schreien", sagt auch Carla Wiedeking von Pro Infante, "denn unsere Organisation heißt schließlich ''Kind in Not'' und nicht ''Eltern in Not''."
Aber trotzdem gelangen rund 1000 Drittweltkinder, so die Schätzungen der GZA, jedes Jahr auf anderen, kommerziellen Wegen in die Bundesrepublik: Viele Möchtegern-Eltern wollen nämlich nicht warten, bis der Papierkrieg einer legalen Adoption ausgestanden ist. Auf dem grauen Babymarkt beschaffen sie sich ein Kind im Schnellverfahren, unter Umgehung des anerkannten Adoptionsweges, auf Privatinitiative, die meist erst nachträglich legalisiert, was in Holland erlaubt, in der Bundesrepublik jedoch verboten ist: Adoptionsvermittlung gegen Geld.
In wenigen Wochen erfüllen kommerzielle Organisationen den Herzenswunsch nach einem Baby - ohne so viele Fragen zu stellen wie die offiziellen Adoptionsstellen. Und das funktioniert meistens so:
Bei Frau Schmidt in Köln läutet das Telephon; Dammas Hordijk, Direktor der holländischen Babyvermittlungsorganisation "Flash" (Foundation Life, Adoption Service and Happiness), gibt das verabredete Startzeichen.
Herr und Frau Schmidt packen Tropenkleidung ein, ferner Nuckelflaschen, Windeln und die Babyreisetasche und verabschieden sich für drei Wochen. Ihr Ziel liegt zwölf Flugstunden entfernt: Sri Lanka, das frühere Ceylon.
Auf der "Paradiesinsel" (Tourismuswerbung) läuft dann der Babykauf an. Herr und Frau Schmidt reisen ein "wie ganz normale Touristen", doch sie erhalten Sonderbetreuung: Ton Schiks, der holländische Kontaktmann, oder ein singhalesischer Angestellter von Flash holen meist einen Schwung gleichgesinnter deutscher und holländischer Ehepaare vom Flughafen Colombo ab.
Herr Schiks sorgt dafür, daß die Ausländer ein "gutes Hotel mit Schwimmbad" bekommen, wie es der Flash-Prospekt verspricht. Und er kümmert sich darum, daß zwischen tropischen Badefreuden und Tempeltouren das Adoptionsverfahren reibungslos läuft.
Damit die Touristen erste Eltern-Erfahrung sammeln, können sie das Ceylon-Baby beim Flash-Rechtsanwalt "wickeln und füttern". Außerdem rät Flash den zukünftigen Eltern, "einen Anzug mit Krawatte und ein etwas gutes Kleid" mitzubringen, denn beim "Jugendamt und später bei Gericht achtet man sehr auf Ihr Äußeres". Die eigentliche Adoptionsverhandlung, so beruhigt Flash die werdenden Eltern, "dauert nur wenige Minuten, und alles ist erledigt".
Für das Kind aus Asien kassiert Flash 3500 Mark (Terre des Hommes nimmt 300 Mark). Mit Flug, Reisekosten, Trinkgeldern und Gebühren kostet die Adoptionstour dann mindestens 11 000 Mark. "Für das Geld könnte man ein Drittweltkind von der Wiege bis zur Bahre ernähren", klagt Bach.
Flash sorgt sich wenig um die pädagogische Eignung der Eltern. "Auch nach der Herkunft des Babys wird wenig gefragt", kritisiert Eisenblätter von Terre des Hommes, "da gibt man armen Müttern Geld, damit sie ihre Kinder abgeben, statt daß man ihnen Geld gibt, um sie zu behalten, eine Perversität!"
Flash ist nicht der einzige Babyvermittler vor Ort in Sri Lanka. Skandinavische, australische und Schweizer Organisationen vermitteln an ihre Landsleute, etliche Eltern reisen auch auf eigene Faust an.
Taxifahrer, die zwischen Colombo und Trinkomali an der Ostküste der Insel hin und her pendeln, sind oft gute Informanten. Wenn sie in einem Dorf, etwa Kajugama, halten, fragen sie: "Sind neue Cashew-Nüsse da?" Das ist das Kodewort, wenn "Cashew"-Mädchen, die diese Nüsse an Touristen verkaufen, ein uneheliches Kind zur Welt bringen. Die Babys der "Cashew"-Mädchen gelten als hübsch und sind deshalb teuer und schwierig zu bekommen.
Gewinne, so beruhigt Flash die Zweifler, kämen Kinderheimen in Sri Lanka zugute. Tatsächlich wußte jedoch ein von Flash bedachtes buddhistisches Heim überhaupt nicht, was der Spender wirklich tat und wie er sich finanzierte. Hordijk dagegen: "Die wissen doch genau, daß wir Auslandsadoptionen machen."
"Nach deutschem Adoptionsrecht ist Flash illegal", sagt Bach; "Flash verstößt auch gegen die europäische Übereinkunft über die Adoption, aber von hier aus kann man ihr nicht ans Leder."
So wie Flash arbeitet noch ein gutes Dutzend anderer holländischer Privatvermittler, wie "Burger-Meinster" in Rotterdam oder die Stiftung "Kind und Zukunft" in Brummen. Das Ehepaar Mulier in Harlem hat sich auf kleine Indonesier spezialisiert. Und alle arbeiten gern mit kinderlosen Bundesbürgern, weil das holländische Justizministerium die Adoptionsbestimmungen neuerdings schärfer kontrolliert - und weil in der Bundesrepublik Bedarf ist.
Die Flash, 1979 gegründet, sitzt in einem holländischen Backsteinhaus an S.42 der Hauptstraße von Groesbeek, direkt an einem kleinen deutsch-holländischen Grenzübergang bei Venlo. "Groesbeek, gleich links herum", die Grenzbeamten wissen Bescheid, wenn ein deutsches Auto den Schlagbaum passiert - sie unterstellen, daß man zu Flash will.
Aber es gibt noch andere Babyquellen; ein befreundeter Flugkapitän bringt das Kind auf dem Arm mit, vielreisende Geschäftsleute haben da und dort eine Adresse. Ihnen geht es nicht ums Geld. Hier paart sich Mitleid über das zweifellos vorhandene Kinderelend mit dem sehnsüchtigen und eigensüchtigen Kinderwunsch - und manchmal auch einer Straftat.
Im holländischen Dorf Tuitjehorn flogen kürzlich 54 Elternpaare mit geschmuggelten brasilianischen Babys auf. Sie hatten die Kinder auf eigene Faust geholt und vor brasilianischen wie holländischen Behörden als ihre eigenen, nur zufällig in Brasilien geborenen Sprößlinge ausgegeben. Eine "Verzweiflungstat", sagen die Eltern - Urkundenfälschung und falsche Geburtsangaben, urteilt die Staatsanwaltschaft.
Babyhandel, Kinderschmuggel, eine Art Fluchthilfe von Süd nach Nord? Die Tuitjehorner Eltern wollen es nicht so sehen:
"Marko wurde uns vor zwei Jahren als Säugling mitgegeben, von den Schwestern einer kleinen Klinik bei Rio de Janeiro ... wir haben das Baby nicht gekauft, das wäre gegen unsere Prinzipien. Die falsche Anmeldung hier und in Brasilien als unser eigenes Kind - das ist ja nun strafbar, war aber für uns die einzige Möglichkeit, ein Baby zu bekommen. Wenn man so an die 40 kommt und weiß, daß die ganze Prozedur in den Niederlanden fünf bis sechs Jahre dauert, dann kann man nicht warten."
Marga Hogenboom, eine andere Adoptivmutter: "Nandina wurde uns drei Tage nach unserer Ankunft in die Arme gelegt, in Lumpen gewickelt, von Flöhen zerbissen, ausgehungert - das Kind hatte vier Tage kaum etwas zu essen bekommen. Als ich den Nonnen Geld geben wollte, um Essen für die anderen Kinder kaufen zu können, wiesen sie es entrüstet zurück."
In der Babyfrage stehen sich Befürworter und Gegner der wilden Adoption in fast unversöhnlichem ideologischem Streit gegenüber:
Da sind die Eltern. Haben sie erst einmal ihr Drittweltbaby bekommen, wollen sie es auch behalten. "Wenn wir die Kinder nicht geholt hätten, wären sie verhungert", lautet ein beliebtes Argument. In einer gepflegten deutschen oder holländischen Wohnung habe das Kind wohl bessere Entwicklungschancen als in einer ärmlichen Hütte oder einem schlechtgeführten, lieblosen Waisenhaus - das alles ist unbestreitbar.
Gegner der wilden Adoption wie Terre des Hommes dagegen meinen, daß die Verpflanzung von Kindern in einen neuen Kulturkreis eine viel zu ernste Sache sei, als daß sie verantwortungslosen Geschäftemachern und pädagogisch oft unvorbereiteten Pflegeeltern überlassen werden dürfe. Den Kindern aus Asien oder Südamerika werde am besten in ihrem eigenen Land geholfen, indem man ihren leiblichen Eltern ein besseres Leben bereite, damit sie ihre Kinder nicht erst verkaufen oder aussetzen müßten. Sie sind nicht gegen Adoptionen, sie wollen nur den kommerziellen Babyvermittlern das Handwerk legen.
Gegeneinwand: Adoptiveltern, die bereit sind, für ein Kind viel Geld zu bezahlen, würden diese Summe nicht für einen zwar guten Zweck, aber einen anonymen Empfänger stiften - ohne daß sie jene Leistung erhalten, die sie so sehr begehren, eben ein Kind.
Deshalb decken diese Eltern denn die kommerziellen Händler hartnäckig und S.45 verteidigen sie. So ging eine französische Interessengemeinschaft von Eltern mit kolumbianischen Adoptivkindern in Anzeigenkampagnen gegen das französische Fernsehen vor, das gewagt hatte, eine Reportage über Babyhandel in Kolumbien zu zeigen. In Hamburg erhielt GZA-Bach anonyme Drohbriefe Drohbriefe mit der Aufforderung, seine Finger von der Aufklärung nicht astreiner Auslandsadoptionen zu lassen.
Auch die holländischen Eltern mit den brasilianischen Wickelkindern haben inzwischen einen Rechtsanwalt engagiert. Und das Justizministerium hat Amnestie zugesagt: Die Brasilianer können bleiben, sofern "das Elternhaus okay ist", so ein Justizsprecher.
So handeln auch die deutschen Vormundschaftsgerichte in strittigen Fällen und segnen nach einem Jahr Aufenthalt die Adoption ab, "auch wenn die Sache krumm und schief ist" (Bach). Denn die Gerichte denken in erster Linie an das Wohl des Kindes, das nicht noch einmal dem Schock einer neuen Umgebung ausgesetzt werden soll. Aber meist erfahren die deutschen Behörden gar nichts von dem Graumarkt, denn viele der einreisenden Babys haben einen gültigen Paß, und die ausländische Adoption wird in der Bundesrepublik letztendlich anerkannt (siehe Kasten Seite 44).
Jugendämter und Adoptionsstellen werden erst eingeschaltet, wenn es zu spät ist und das Wunschkind vielleicht ein bockbeiniges Problemkind geworden ist. Da hockt dann etwa die dreijährige Ratna aus Sri Lanka weinend zwischen den Akten von Pro Infante, während sich ihr deutscher Pflegevater mit der lapidaren Antwort verdrückt, man komme nicht mehr zurecht mit dem Kind und wolle es nach Sri Lanka zurückschicken.
Auch die Umwelt reagiert nicht immer freundlich auf die dunklen Pflegekinder, vor allem nicht, wenn sie größer sind:
"Wenn die anderen Kinder ''roetmop'' (Rußmops) oder ''zwarte Piet'' (Schwarzer Peter) rufen, dann halte ich den Mund", sagt die zwölfjährige Alexandra Nijenhuis. Ein holländischer Arzt brachte sie als Baby aus Äthiopien mit nach Holland: "Ich könnte natürlich auch ''bleekscheet'' (Bleichschiß) zurückrufen, aber dann schlagen die den Ball wieder zurück", meint Alexandra realistisch. Aber nicht jedes Adoptivkind entwickelt soviel gesundes Selbstvertrauen.
Da lebt Familie M. in der Nähe von Amsterdam - mit zwei eigenen, drei kolumbianischen und zwei Kindern aus Sri Lanka. "Die ausländischen Kinder sind so verstört, daß sie sich nicht auf die Straße zum Spielen trauen", erzählt die Sozialpädagogin Elly Boeles.
Oder der Fall eines Amsterdamer Paares mit zwei indonesischen Kindern und einem eigenen. Bei jeder Ehekrise drohte der Mann den kleinen Ausländern: "Ihr müßt zurück, wenn Mutter sich nicht anständig benimmt."
Die kleinen Schwarzen und Braunen, so Frau Boeles, müssen oft mehr als S.47 eigene Kinder Dankbarkeit gegenüber ihren Eltern zeigen. Denn die haben sie ja aus dem Dreck herausgeholt - Kinderhandel aus überheblichem Mitleid und selbstgerechter Barmherzigkeit, ähnlich wie sie in früheren Zeiten koloniale Damen-Kaffee-Kränzchen an den Tag legten, die Pulswärmer "für arme Negerkinder" strickten.
Viele Politiker in den Entwicklungsländern sehen es jedenfalls so: Baby-Transfer als eine Spielart des Neo-Kolonialismus, Hilfe für ein einzelnes Kind als Feigenblatt für eine inhumane Weltwirtschaftsordnung. "Wenn Kinder wie Kokosnüsse oder Transistorradios gehandelt werden, dann leidet das Selbstbewußtsein der ganzen Nation", urteilt "Asiaweek".
Von "Zuckergußsklaverei" sprach schon 1977 der Uno-Abgeordnete A. C. S. Hamid aus Sri Lanka, wo es im vergangenen Dezember zu erbitterten Parlamentsdebatten über Kinderhandel und Auslandsadoptionen kam. Und indische Parlamentsabgeordnete klagten, daß "so viele ehrenwerte Hindukinder nun Christen werden" müßten. Auch vermuten viele Inder, daß die Adoptivkinder im Ausland, wie in Indien allgemein üblich, schon mit fünf Jahren als Hausangestellte ausgebeutet würden.
Andererseits kämpfen die Kritiker des Babyhandels in den Entwicklungsländern selbst nur allzu lasch gegen die Ursachen, nämlich Armut und ungerechte Einkommensverteilung. Verletzter Nationalstolz führt leicht zu einer Reaktion, wie sie Terre des Hommes befürchtet: Die Grenzen werden dichtgemacht für alle Kinder, wie zum Beispiel im Sommer 1981 in Peru. "Und dann kriegen S.50 wir auch legal keine mehr raus - und die ganze Entwicklungsarbeit im Land war umsonst", klagt Eisenblätter.
Terre des Hommes und andere seriöse Hilfsorganisationen müssen dann bei ihrer Arbeit ausbaden, was die kommerziellen Babyhändler an Vertrauensschwund bei ausländischen Regierungen angerichtet haben.
Gründe genug, um den aus der Kontrolle geratenen Baby-Transfer auch in der Bundesrepublik wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Vorschläge gibt es viele, doch geschehen ist bisher nichts.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter ist für verschärfte Einreisekontrollen und Anerkennungsverfahren vor deutschen Vormundschaftsgerichten. Die GZA schlägt vor, daß die Heimatländer der Adoptivkinder von den Jugendämtern einen Eignungsbericht über die deutschen Eltern verlangen. Die damalige Familienministerin Antje Huber sinnierte im vergangenen November über eine Gesetzesänderung, wollte sich darüber jedoch erst mit ihrem Kollegen, dem Justizminister Jürgen Schmude, verständigen. Und der "brütet noch" über praktikable Änderungen, so ein Sprecher.
Doch solange es Kinderheere in armen Ländern und leere Kinderzimmer in reichen Ländern gibt, werden die Kinderkäufer sich auch von Paragraphen nicht abschrecken lassen. So beschäftigt die Odyssee der kleinen Mexikanerin Cynthia seit fast sieben Jahren die Gerichte in den USA und in Mexiko.
Cynthia wurde am 21. Oktober 1975 im Hospital in Tijuana geboren, fast gleichzeitig mit einem anderen Baby, dessen Mutter es dem amerikanischen Ehepaar Mark und Eileen Johns verkaufen wollte. Doch als die Johns sahen, daß das für sie bestimmte Kind verwachsen war, wollten sie unbedingt die gesunde Cynthia adoptieren.
Als Cynthias Mutter Angela Rosales höflich ablehnte, raubten die Johns die Kleine beim Verlassen des Hospitals aus den Armen einer Freundin.
Cynthias Mutter folgte den Spuren ihrer Tochter bis nach San Francisco. Erst im Dezember 1978 erkannte ein amerikanischer Richter die Ansprüche der mexikanischen Eltern an. Zweimal versuchte die Einwanderungsbehörde von San Francisco, den Johns das geraubte Kind wieder wegzunehmen, so daß diese schließlich mit Cynthia quer durch die Staaten flohen.
Im September vergangenen Jahres entdeckte Angela ihre Tochter in einem Kinderheim von Miami - und entführte ihr Kind zurück nach Mexiko. Weil Cynthia in den USA als "ausländisches Mädchen Nummer 21 32 46 57" lebte, hat sie auch in Mexiko immer noch keinen Nachnamen.
Die Irrfahrt eines südamerikanischen Kindertrios war dagegen nahezu kurz und schmerzlos: An einem Freitagnachmittag um vier saßen sie plötzlich vor der Tür der GZA in Hamburg.
Eine deutsche Pfarrfrau in Chile hatte die Kinder norddeutschen Freunden ausgeliefert, obwohl die leibliche Mutter in Chile noch lebte. Doch schon nach drei Monaten hatten die Deutschen genug von den Pflegekindern mit ihren "Klautouren" und "Slum-Manieren".
S.37 Fahndungsphoto der kolumbianischen Polizei. * S.39 Mit legalem Adoptivsohn Jan. *

DER SPIEGEL 28/1982
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